SW 12: Wer ist denn die Frau Bogedan?

Liebe Leser,

um gar kein großes Rätselraten zu veranstalten: Frau Bogedan ist die Präsidentin der Kultusministerkonferenz der Länder, so steht es zumindest unter ihrem Foto. Aber wer ist das und was will sie? Das sind doch die interessanten Fragen, wenn man bedenkt, dass dies ein Mensch ist, der in einer Führungsposition sitzt. Also werde ich hellhörig, wenn Frau Bogedan sich im Deutschlandfunk äußert. Da kann man ja nicht einfach so vor sich herplappern, das hört Deutschland und da muss man sich schon überlegen, was man sagt.

Thema des Interviews ist der Digitalpakt an Schulen. Fünf Milliarden Euro hat das Bundesbildungsministerium in Aussicht gestellt. Auf die erste Frage, wie die Länder darauf reagieren, antwortet Frau Bogedan wörtlich:

„Wir haben zwölf Monate intensiv in einem offenen und transparenten Prozess unter Beteiligung der Kommunen und anderer Stakeholder, der Wissenschaft und der Wirtschaft, eine Strategie entwickelt, die genau ein solches Konzept vorlegt, wo wir zeigen, was brauchen Kinder zukünftig an Kompetenzen, um in der digitalen Welt bestehen zu können.“ Abgesehen davon, dass laut dieser Aussage die Schulen, die am nächsten an der Jugend dran sind, nicht gefragt wurden in diesem offenen und transparenten Prozess, so liegt erst einmal die Vermutung nahe, dass Frau Bogedan keine Deutschlehrerin ist. Der Satzbau wäre ein Beleg dafür, das Wort Stakeholder ein anderer. Was um Himmels Willen ist ein Stakeholder, jemand der ein Fleischstück hält?

Nein, Frau Henner macht sich schlau: „Mit Stakeholder (auch Anspruchsgruppen) werden alle Personen, Gruppen oder Institutionen bezeichnet, die von den Aktivitäten eines Unternehmens direkt oder indirekt betroffen sind oder die irgendein Interesse an diesen Aktivitäten haben. Stakeholder versuchen auf das Unternehmen Einfluss zu nehmen“, belehrt mich eine Business-Seite schnell. Oho, ist Frau Bogedan aus der Wirtschaft? Geht es also mal wieder darum, unsere Schüler der Wirtschaft zuzuführen? Aha, es geht doch um die Fleischstückchen, nur im übertragenen Sinne.

Lesen wir weiter. Zwei Fragen weiter will man wissen, ob die Zeit vor der Bundestagswahl noch reiche für die Umsetzung. Wieder stolpere ich. Was sagt sie da? Noch mal… Frau Henner versteht das nicht. „Entscheiden können wir ja schnell. Also, wie gesagt, unsere Konzepte liegen auf dem Tisch… Und das heißt ganz klar, wir haben den Primat des Pädagogischen gesetzt, und da sind wir uns mit der Bundesbildungsministerin auch einig.“ Kompetenzrahmen sind der Primat des Pädagogischen? Tut mir leid, das ergibt nicht viel Sinn. Kompetenzrahmen befinden sich inhaltlich auf einer anderen Ebene als der Begriff Pädagogik. Das wird auch nicht besser, wenn man schlaudeutsch den schwammigen Begriff Primat dazwischenschiebt, der gerade nicht dafür sorgt, dass man diesen Satz für gutes Deutsch hält. Der Leser stolpert nur. Der Satz bleibt hohl. Kommt Frau Bogedan aus der Politik? Das könnte zumindest das erklären.

Politiker werden ja darauf trainiert, ihre Sprache möglichst unantastbar schwammig zu halten – könnte man meinen. Wenn Frau Bogedan gefragt wird, ob es auf der Länderseite Bedenken wegen der Folgekosten von Technikanschaffungen gäbe, wirft sie ein: „Ich kann nicht von Bedenken sprechen, sondern das ist genau einer der Knackpunkte, die wir sicherlich im Januar mit Frau Wanka werden erörtern müssen.“ Achso, da können wir ja beruhigt sein, es gibt keine Bedenken, nur Knackpunkte, die sich leicht mit Erörterungen aus der Welt schaffen lassen…

Aber ich will euch nicht mit solchen Feinheiten langweilen, nein ich möchte euch unterhalten. Im Fortgang des Interviews habe ich richtig lachen müssen. Was ist die Frau Bodega doch für ein Spaßvogel, könnte glatt Kabarettistin sein. Hört mal, was für Sätze sie von sich gibt: „Und dieser Kompetenzrahmen wird zukünftig dann für alle Fächer bestimmen, wie digitale Inhalte, wie Kinder und Jugendliche auf die Digitalisierung vorbereitet werden.“ Lasst euch das mal auf der Zunge zergehen: Nicht nur digitale Inhalte werden zukünftig in der Schule digitalisiert, nein, auch unsere Kinder und Jugendlichen! Herrlich! „Und das Versprechen oder die Selbstverpflichtung lautet, dass alle Schülerinnen und Schüler, die zum Sommer 2018 eingeschult werden, die Schule verlassen und diese Kompetenzen mitnehmen sollen.“ Fein nicht?! Sonst hätten wir die digitalisierten Schüler tatsächlich in der Schule behalten sollen. Aber nun verspricht man uns, dass sie die Schule verlassen sollen. Und am besten, sie nehmen dann die Kompetent zur Digitalisierung von digitalen Inhalten gleich mit. Ich lach‘ mich scheckig.

Wie mir scheint, meint Frau Bogedan das aber tatsächlich ernst. In der nächsten Frage erklärt sie nämlich am Beispiel, wie eine solche Kompetenz konkret aussehen kann. Achtung!: „Also eine Kompetenz, von der wir uns wünschen, dass Schülerinnen und Schüler sie zukünftig haben, ist, dass sie verstehen, was ein Algorithmus ist, wie dieser wird.“ Man beachte das Verb… hier kommt Gott ins Spiel… es WERDE ein Algorithmus… und ein Algorithmus ward. „Und aber auch in der Lage sind, einen Algorithmus zu erstellen.“ Selbst erstellen? Ward ihr schon mal mit dreißig Schülern in einem Computerraum und habt versucht, Schüler Zugangspasswörter eingeben zu lassen? Dachte ich’s mir… „Das heißt ganz konkret, dass wir verstehen, dass wenn Google, wenn Sie eine Frage aufrufen bei Google, die Ergebnisse, die ich bekomme und die, die meine Freundin eben sich anschaut, eben nicht die gleichen sind, weil die Ergebnisse aufgrund eines Algorithmus unterschiedlich vorgefiltert werden.“ 1. Arbeitet die Frau vielleicht gar für Google? 2. Wieviele sitzen denn nun am Computer? Ich bin leicht verwirrt. „Das nicht nur zu wissen, ist ein entscheidender Punkt, sondern das auch wirklich erkennen zu können und selber gestalten zu können.“ Inzwischen liege ich lachend auf dem Boden. Die Schüler gestalten die Algorithmen bei Google, ein treffenderes Beispiel hätte sich Frau Bogedan nicht aussuchen können – und so luzide erklärt, Wahnsinn! Jetzt kommt’s: „Das ist eine weitere Kompetenz, von der wir uns wünschen, dass sie nämlich auch in der Lage sind, eigene innovative Geschäftsideen im Bereich der Digitalisierung zu entwickeln.“ Die Frau ist Headhunter. Jetzt hab ich’s. Für Google. Die Schüler sollen selbst die Algorithmen für die Nutzer erstellen. Schafft den gesellschaftskritischen Schüler ab, wir können dann auch stattdessen Computer unterrichten. Und wenn wir eh alle digitalisiert werden…

Laut Bogedan wird in Baden-Württemberg deswegen ab der ersten Klasse das Fach Informatik eingeführt. Vielleicht sollte sich die Frau informieren, ehe sie das in Interviews behauptet. Oder sie zeigt ihre Medienkompetenz und erfährt aktuell im Netz, dass es sich hierbei erst um die weiterführenden Schulen handelt und selbst dafür kein Geld da ist.

Bodegans abschließendes Statement lautet: „Denn gleichzeitig sehen wir, dass es vermittelnde Kompetenzen braucht, im Umgang auch, in der eigenen Nutzung der digitalen Technologien, um andere Bildungsziele auch zu erreichen. Das heißt, wir wollen auch die digitalen Technologien als ein Handwerkszeug nutzen, um gute und bessere Bildung in Deutschland zu machen.“ Ich empfehle Frau Bogedan dahingehend als erstes einen Sprachkurs.

Das ist umso dringender, wenn man erfährt, dass die 1975 geborene Claudia Bogedan Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Lesen ist. Wenn man dieses Interview liest, mag man auch kaum glauben, dass sie Mitglied der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ist und ehrenamtliche Redakteurin der spw, einer Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft. Als Berufsbezeichnung nennt das Internet jedoch Sozialwissenschaftlerin und Politikerin. Nicht Lehrerin oder so.

Aber diese Menschen machen Bildungspolitik.

Nichts für ungut, Frau Bogedan, ich greife nicht Sie als Mensch an, ich kenne Sie nicht. Aber eine Politikerin muss sich nun mal an ihren Worten messen lassen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

SW 11: Brief an eine Grundschullehrerin

Liebe Frau Hiller,

vielleicht lesen Sie ja tatsächlich diesen Brief. Wenn nicht, ist das auch nicht so schlimm. Schließlich habe ich Sie schon einmal angerufen, nachdem Lucy schon längst am Gymnasium war, und Ihnen persönlich gesagt, wie dankbar wir für Ihren Unterricht waren. Natürlich nicht für jede einzelne Stunde, manches haben wir als Eltern nicht verstanden, fanden es absurd, aber im Großen und Ganzen waren wir zufrieden mit den letzten beiden Schuljahren in der Grundschule – und das ist so viel wert! Also kann dieser Brief auch stellvertretend für all die Grundschullehrerinnen stehen, die so sind wie Sie. Im Nachhinein hat sich unser Blick auch relativiert – besonders bei mir, da ich in den letzten Jahren mit so vielen Grundschulen Kontakt hatte und dort Dinge erlebt habe, dass ich voll Sehnsucht an Sie und Ihren Unterricht gedacht habe.

Dabei war ich noch nicht einmal dabei. Aber Lucy ist ein Kind, das viel zuhause erzählt, ich habe die Hefte und Bücher gesehen, konnte zuhause den Unterricht nachvollziehen, Ihre Bemühungen, den Kindern, so unterschiedlich sie doch sind, gerecht zu werden. Uns allen war klar, dass das ein hehres Ziel ist und nicht immer erreicht werden kann. Wenn Sie auf dem Elternabend nicht immer gegrinst haben wie ein Honigkuchenpferd, dann war ich Ihnen ob dieser Ehrlichkeit dankbar dafür.

Im Nachheinein empfinde ich es als Glück, dass meine Tochter bei einer Frau in die Grundschule ging, die nichts gegen Leistung hatte und selbst intellektuellen Herausforderungen nicht abgeneigt war, der man angemerkt hat, dass sie studiert hat, ihr eigenes Tun reflektiert und nicht nur gerne bastelt, die mich als Mutter ernst genommen hat und nicht geduzt hat – auch nicht beim Elternabend die Eltern mit dem dörflichen „euch“ und „ihr“ angesprochen hat.

Lucy fand Sie zudem immer sehr hübsch und das hat es Ihnen noch ein bisschen leichter gemacht, die Herzen der Kinder zu gewinnen.

Leider bin ich seitdem wenig Lehrerinnen begegnet, die so wie sie waren. Erst neulich bin ich wieder geduzt worden und man hat mit mir gesprochen, als wäre ich ein Kind. Mit Dauergrinsen im Gesicht. Alles lieb gemeint, aber nicht mein Fall. Mir waren Sie als taffe, selbstdenkende Frau ein besseres Rollenmodell für meine Tochter, so dass ich nicht einmal eifersüchtig sein musste, wenn Lucy wiedermal sagte: „Aber die Frau Hiller…“ (Eifersüchtig war ich trotzdem manchmal, das ist bei Müttern so!)

Und nun habe ich erfahren, dass man gerade das an unserer Grundschule nicht mehr schätzt und Sie gehen. Eine andere Kollegin ist bereits in den Ruhestand gegangen. Geblieben sind die Ja-Sager, die es damals schon gab. Die Reihen wurden aufgefüllt mit weiteren jungen, unerfahrenen Lehrerinnen, die machen, was der Chef will, die nicht selbständig denken oder es sich zumindest verbieten. Nachfragen ist nicht erwünscht. Schade, liebe Frau Hiller, dass das alles so gekommen ist. Mein Bild des Bildungslandes Baden-Württemberg bröckelt derzeit mächtig. Ihres sicher auch. Deshalb wünsche ich Ihnen alles Gute an der Schule, an der Sie jetzt unterrichten werden. Die Eltern dort können sich glücklich schätzen.

Viele herzliche Grüße aus Ihrer alten Provinz von Lucys Mama

SW 10: Sprachverwirrung

Liebe Leser,

Freitage sind wunderbar. Da beglückt mich meine alte Klasse mit so wunderbarer Laune und versüßt mir den Einstieg ins Wochenende. Lucy kommt mit tausend Schulepisoden zum Auto und wir quatschen uns schon mal warm, sie freut sich auf das Wochenende, den Sportverein und die Bibliothek. Letztere ist der schönste Ort in unserer Gemeinde und wird von der Familie Henner dementsprechend oft aufgesucht.

Auch andere Familien stöbern in der interessanten Buchauswahl, schauen sich die liebevoll arrangierten Büchertische an, halten mit den immer freundlichen Bibliothekarinnen ein Schwätzchen, leihen sich den neusten Film aus Cannes aus oder sitzen einfach nur in den gemütlichen Räumen dieses Altstadtjuwels.

Unsere Bibliothek ist einer der wenigen Orte, wo sich alle möglichen Menschen treffen – ähnlich wie unser Freibad. Hier kann man seine Menschenstudien betreiben. Schön, dass sich unsere Gemeinde so etwas noch leistet, denn auch hier müssten mehr Leser Medien ausleihen. Dieser Ort kann seine Magie nicht auf genügend Menschen ausbreiten. Die Zahlen sind zwar besser als in manch anderer Bibliothek, aber es ist noch Luft nach oben.

Dabei tun die Bibliothekarinnen so viel, um Leser zu gewinnen: Bücherabende, Bücherfrühstück, Leserunden für Senioren und kleine Kinder, Schulkooperationen und vor allem nicht nur deutsche Bücher, nein, in unserer Bibliothek gibt es türkische Kinderbücher, viele Filme, viele Hörbücher, Musik-CDs und Unmengen an Spielen. Das zieht auch Menschen an, die sonst nicht in die Bibliothek gehen.

Immer wieder beobachte ich „türkische“ Mädchen. Sie sitzen gemeinsam auf dem Sofa und quatschen nur. Ist das ihr Zufluchtsraum, wo sie einfach nur unter sich sein können? Heute sitzen drei Mädchen türkischer Herkunft an den Arbeitstischen in der Jugendabteilung. Ihre langen, dunklen, gelockten Haare springen lebendig auf und ab. Es wird gekichert und gegickert. Sie arbeiten offensichtlich an einem Schulreferat. Fasziniert höre ich ihnen zu. Ein Mädchen spricht türkisch, eines antwortet konsequent auf deutsch, nur ihr Akzent verrät sie. Und ein Mädchen wechselt innerhalb eines Satzes von Türkisch in Deutsch und umgekehrt. Wow! Munter gackern die Mädchen in diesem Sprachenwirrwarr durcheinander. Und sie verstehen sich, während ich nichts verstehe. Wie sie zwischen den beiden so verschiedenen Sprachen hin- und herzwitschen, ist einfach unglaublich. Für sie ist es Alltag.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 9: Max und Erkan

Liebe Leser,

draußen geht sturzbachartig die Welt unter und unser halbes Kollegium liegt mit föhnbedingtem Kopfschmerz in einer zwischenmenschlichen Grauzone – Scherze sollte man gerade tunlichst vermeiden, sprachliche Ungenauigkeiten auch, sonst geht einem Fräulein Häuptchen gleich an die Gurgel oder Frau von Ostrach schreit lautstark durchs halbe Lehrerzimmer: Das ist ja unerhört! Zu allem Überfluss stinkert ein Kollege das Lehrerzimmer dermaßen aus, dass es nur noch einen Weg gibt: Flucht.

Ich geh dann mal unterrichten. Meine Sechser machen sich gerade. Frau Henner würde zwar mit ihrem deduktiven Grammatikunterricht durch jede Lehrprobe fallen, aber die Fremdsprachenkollegen freuen sich über das Grammatikverständnis meiner Kinderleins. Bei uns wird es gerade ganz vertrackt: meine Sechser unterscheiden Präpositionalobjekte von Präpositionalen Attributen. Das ist so kompliziert, dass es sogar die Jungs interessiert, die sonst für Sprache wenig übrig haben. Immerhin muss man da richtig denken, das kann total Spaß machen.

Macht es mir auch, bis ich im Deutschbuch über Max und Erkan stolpere. Die zwei Jungen können gar nicht dafür, die sind nur ausgedacht. Deutschlehrer sind das inzwischen gewöhnt: in jeder Geschichte, die für das Deutschbuch geschrieben wird, ist mindestens ein türkischstämmiges Kind. Das ist politisch korrekt und soll die bunte Lebenswelt unserer Kinder widerspiegeln. Deshalb sind die Kinder mit den Namen, über die beim Vorlesen meine Kinder, sogar die türkischstämmigen regelmäßig stolpern, immer mit Kinder mit deutschen Namen befreundet. Ayshe ist die Freundin von Lisa und Erkan der beste Kumpel von Max. Natürlich ist DAS kein Grund zum Ärgern!

So wie man hier politisch korrekt sein will, führt es in dem heutigen Beispiel aber ins Absurde. Max und Erkan werden in der Übung beide zitiert und die Kinder sollen den Unterschied zwischen den beiden Aussagen herausfinden – wir sind im Grammatikunterricht, es geht also um Satzglieder.

Ich stelle mir das so vor:

 

 

Lehrbuchautor 1: Wir brauchen zwei Kinder, die inhaltlich das gleiche sagen, aber eins macht das ganz toll und eins sehr mäßig, also den Kontrast, den muss man schon merken.

Lehrbuchautor 2: Ja klar, lass uns Max und Moritz nehmen, das ist lustig.

Lehrbuchautor 1: Max ist gut… aber hey, vergiss nicht den inneren Zensor, wir brauchen einen ausländisch klingenden Namen…

Lehrbuchautor 2: Mehmet?

Lehrbuchautor 1: Nee, den hatten wir doch erst die Seite davor.

Lehrbuchautor 2: Hasan… Murat… Cem? Nee, die hatten wir doch alle schon…

Lehrbuchautor 1: Warte mal, da gab’s doch einen Film….

Lehrbuchautor 2: ERKAN!

Lehrbuchautor 1: Ja, genau, lass uns Max und Erkan nehmen, das sind beste Kumpels, ja?

Die zwei Autoren schreiben die Beispieltexte.

 

Lehrbuchautor 1: Du, sag mal, das können wir nicht bringen.

Lehrbuchautor 2: Was?

Lehrbuchautor 1: Na, dass der Erkan so rumstottert. Da heißt es doch gleich, wir wären ausländerfeindlich.

Lehrbuchautor 2: Ja, Mensch du, da hast du völlig Recht. Was machen wir denn jetzt?

Lehrbuchautor 1: Ist doch logisch. Der Max, der bekommt den schlechten Text, den die dann korrigieren müssen, und der Erkan, der spricht viel besser, das ist dann unser Mustertext!

Lehrbuchautor 2: Jau, das ist eine gute Idee. Kannst du übrigens noch mal die Seite mit den beliebten türkischen Mädchenvornamen aufmachen, ich brauche nämlich noch welche für die Kommasetzung.

 

Nein, ich behaupte hier nicht, Menschen mit Migrationshintergrund würden ein schlechteres Deutsch sprechen als deutsche.

Nein, ich fordere nicht die Abschaffung der türkischen Namen. Auch wenn ich der Gerechtigkeit wegen dann bitte auch die amerikanischen mit im Lehrbuch hätte, das spiegelt dann noch besser unsere Lebenswelt. Man könnte einfach drei Texte draus machen: Max, Erkan und Dwayne.

Und ja, ihr habt völlig Recht, ich kenne genügend Maxens, die Sprachschwierigkeiten haben.

Und trotzdem führt vorauseilender politischer Gehorsam oder political correctness eben auch manchmal nach Absurdistan. Ich habe mich dann übrigens doch nicht geärgert, sondern herzlich gelacht. Natürlich nur innerlich, alles andere wäre politisch nicht korrekt gewesen.

Worüber ich lachen musste?

Mein türkischstämmiger Junge ist immer wieder beim lauten Vorlesen über den Namen Erkan gestolpert. Er konnte einfach nichts mit dem seltsam geschriebenen „er kann“ anfangen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 8: Frech wie Oskar

Liebe Leser,

die Siebener fangen ja schon ganz schön an zu müffeln. Pubertät nennt der eine das, erwachsen werden der andere. Neben Totalverblödung (neulich stellte Lucy mal ein Glas in den Kühlschrank und stand dann lässig mit der Milchpackung in der Küche herum. „Was wollte ich noch mal?“) führt sie allerdings auch zu neuen Fähigkeiten. Die Siebener können sich jetzt tatsächlich in die Erwachsenen hineindenken – naja zum Teil zumindest.

Gestern in der Schule: „Wie kann man sein Kind nur Moon nennen? Oder Talita! Das müssen ja dann Zicken werden. Da sitzten jetzt Fünfer mit im Chor, die heißen tatsächlich so und Sky und Maxima. Und die sagt auch noch Maxima, wie die Prinzessin!“ „Ja, die sind so was von eingebildet, das gibt es gar nicht.“ „Das hätten wir uns nicht getraut, was die zur Frau Christmann sagen.“ „So total snobbish.“ Eine Siebenerin äfft die Prinzessinnen nach: „Aber an unserer Grundschule, da haben WIR das ganz anders gemacht!

Auch die Oberstufe beklagt sich bitter über die neuen Fünfer. „Kein Respekt, frech wie Oskar und dann heißen die auch noch so!“

Frau Henner grinst. „Sie sind doch die Großen. Stellen Sie sich doch mal neben so einen Fünfer und gucken von oben drauf und dann sagen Sie dem ganz bestimmt, was hier Sache ist. Verschaffen Sie sich den Respekt, den Sie haben wollen. Aber niemanden verhauen, ja?!“ Die Oberstufenschüler nicken. Müsste man mal machen.

Dann schlappen sie weiter durchs Schulhaus. Vorbei an zwei Jungs aus der Fünften, die sich johlend ihre Ranzen um die Ohren hauen. Die Oberstufenschüler gucken lieber weg. Schade, jetzt muss wieder Frau Henner das klären. Wäre doch zu schön gewesen, wenn der große Marcel sich die zwei geschnappt hätte und von seinen zwei Metern mal auf die beiden heruntergedroht hätte. Aber Theorie und Praxis…

Ach der eine, das ist tatsächlich Oskar. Den habe ich schon letzte Woche bei der Busaufsicht als Drängler aus der Masse gefischt. Und da ist mich dieser kleine Kerl angegangen: „Ich habe ein Recht darauf, in den Bus zu steigen!“

Ihr kennt Frau Henner. Sie kann nun mal nicht aus zwei Metern Höhe mit tiefer Stimme auf den Jungen herunterdrohen. Oskar durfte also in den Bus einsteigen.

Als letzter.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 8: Trump und andere Absurditäten

Liebe Leser,

nein, ich werde jetzt nicht auch noch diese Wahl in den USA kommentieren, das machen schon so viele Menschen. Jeder hat etwas Schlaues zu sagen oder stellt zumindest fest, dass er die Amerikaner nicht mehr versteht. Als ob wir sie vor Donald Trump verstanden hätten…

So westlich Amerika von uns aus gesehen liegt, so wenig Ahnung haben wir doch von diesem großen Land. Als ich ein Teenager war, waren die USA das Traumziel und Beverly Hills die Serie, die man gesehen habe musste, wollte man auf dem Schulhof nur ein wenig mitreden. Das andere Amerika, das schmutzige, das arme, das verzweifelte, ist seit dem viel mehr in den Fokus gerückt und wir haben unsere Ressentiments genährt. Damit haben wir uns auch moralisch aufgewertet gegenüber diesem übermächtigen Land.

Und jetzt stehen wir fassungslos da und verstehen nichts.

Aber wir reden darüber. Das ist einer der positiven Aspekte dieser Wahl. Heute Morgen hat JEDER in meinem Umfeld, der über zehn Jahre alt ist, von dieser Präsidentschaftswahl gesprochen. Die Siebener machen sich in der Umkleidekabine zu Sport heiß, dass nun der dritte Weltkrieg ausbricht. Eine Zehnerin bricht gespielt im Flur zusammen, als sie von den fortgeschrittenen Wahlergebnissen erfährt. Und im Lehrerzimmer ist man sich im Entsetzen einig – heute sind wir uns alle einig. Ist das nicht schön!

Aber wir wollen mal keine Panik machen. „So schnell geht das nun nicht mehr dem dritten Weltkrieg“, sage ich zu Lucy und rücke auch den Mauerbau in ein realpolitisches Licht. Immerhin wissen die Kinder, welche Ziele Trump in seiner Wahl propagiert hat. Lucy sowieso, sie verfolgt seit Wochen den amerikanischen Wahlkampf. Sie hat sogar einen Song für Hillary geschrieben. Gebracht hat er leider nichts.

Nebenbei muss ich aber ganz realschulisch meinen Unterricht machen und scheitere an weiteren Absurditäten. Mit dem neuen Bildungsplan muss ich nun auch Medienbildung unterrichten und finde das nicht so lästig wie manch anderer Kollege, aber ich gehöre auch zu denen, die da Ideen haben und sich nicht ganz vergraben. Der Bildungsplan lässt uns dahingehend einen großen Spielraum und ich suche mir die Bereiche, die ich für wirklich sinnvoll halte. Nun möchte ich ein Medienprodukt herstellen und auf unserer Schulwebsite präsentieren. Die Schüler lernen dabei garantiert etwas und sind motiviert und am Ende sicher stolz auf das Produkt.

Genau da beißt sich aber der Hund in den Schwanz. Da es zeitgleich auch neue Datenschutzbestimmungen gibt, darf ich mit vielen Kindern zwar ein Medienprodukt erarbeiten, es aber nicht auf unserer Homepage veröffentlichen, denn viele Eltern haben dies untersagt. Das dürfen sie, das ist ihr gutes Recht. Erschwert mir jedoch den Arbeitsalltag. Absurd wird es dann, wenn ich zwar kein Foto des Kindes während einer Schulaktion auf die Schulhomepage stellen darf, aber die Eltern sich in ihrer ehrenwerten Whatsappgruppe ständig Fotos der Kinder hin- und herschicken.

Sich dann aber über die Donald-Trump-Wähler aufregen, dass die nicht nachdenken würden.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Herbstferien II: Grenzenlose Gesellschaft?

Liebe Leser,

trotz Gartenarbeit, Ausstellungsbesuch und Aufsatzkorrekturen bleibt Zeit zum Nachdenken. Das ist erholsam, selbst wenn es nicht immer leicht verdaulich ist. Ausgehend von Forderungen, die an uns Lehrer gestellt werden, denke ich über unsere Gesellschaft nach. Diesmal soll es um den Pluralismus gehen.

Ja, er ist eine Grundkonstante einer modernen Gesellschaft. Zum Glück gibt es nicht mehr nur den einen Weg, auf dem man sein Leben bestreiten kann. Unsere Gesellschaft ist offen geworden. Das mündet sogar in dem Begriff „offene Gesellschaft“.

Nun führt diese angenommene offene Gesellschaft zu der Forderung, man müsse alles Fremde anerkennen. Das Fremde soll in dieser Betrachtung tatsächlich als allgemeiner Begriff verstanden werden und nicht auf räumliche Fremde verengt werden. Diese Einstellung gipfelt in der Aussage, in einer offenen Gesellschaft dürfe es keine gesellschaftlichen Grenzen mehr geben.

Das ist absurd.

Eine Gesellschaft ohne Grenzen ist keine Gesellschaft mehr. Aber lasst mich das genauer erklären. Eine Gesellschaft ist eine Gemeinschaft, die durchaus Menschen verschiedener Einstellungen beherbergen kann. In engen Gesellschaften ist die Varianz dieser Einstellungen kleiner, in offenen Gesellschaften größer. Als meine Großeltern jung waren, war eine Schwangerschaft ein unbedingter Heiratsgrund, das Ausbleiben der Vermählung ein Makel. Das empfanden weite Teile der Gesellschaft so. Über die Frauen, die sich darüber hinwegsetzten, zerriss man sich die Mäuler. Auch heute gibt es noch Menschen, die nicht verstehen können, wie junge Frauen alleine ihre Kinder großziehen, aber zum Stadtgespräch wird man deswegen schon lange nicht mehr. Wo früher sich die Mehrheit der Gesellschaft einig war, gibt es heute verschiedene Ansichten, die nebeneinander bestehen können. Für den Einzelfall mag es immer noch nicht einfach sein, aber wir treffen immer wieder auf Menschen, die uns in unserer Meinung bekräftigen. Was man im Kleinen an diesem Beispiel sehen kann, nennt man im Großen bekanntlich Pluralismus.

Dieses Wort muss für so vieles herhalten, dass wir fast der Illusion erliegen könnten, die Welt sei tatsächlich pluralistisch. Im Wörterbuch findet sich unter Pluralismus die Angabe: Pluralismus, die Koexistenz von verschiedenen Interessen und Lebensstilen in einer Gesellschaft. Koexistenz klingt gut. Nebeneinander existieren verschiedene Ansichten. Dahin wollen wir – auch ich. Ich habe ein Weltbild, du hast ein Weltbild, wir akzeptieren uns und… halt, da ist doch noch ein Haken.

Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn wir alle mal so einfach unsere Meinung haben könnten und trotzdem Friede auf der Welt herrschte. Klar ist, es gibt sich so stark widersprechende Lebensansichten, dass ein Zusammenleben nicht möglich ist. Um bei dem obigen Beispiel zu bleiben, gibt es Menschen, die eine Schwangerschaft vor der Ehe als Sünde betrachten und unter Strafe setzen wollen. Ihre Lebenseinstellung greift somit in die Lebensvorstellung von anderen Menschen ein. Offensichtlicher wird dieses Problem vielleicht bei anderen Themen wie beispielsweise dem aus diesem Konflikt möglicherweise folgenden Schwangerschaftsabbruch.

Eine offene Gesellschaft wird immer wieder vor Konflikte gestellt, die es innerhalb ihrer Mitglieder diskutieren muss. Und genau dabei stoßen Gemeinschaften an Grenzen. Auch eine offene Gesellschaft muss diese Grenzen definieren. Dieses Verhalten akzeptieren wir, dieses nicht. Denn nur über diese Grenzen definiert sich die Gesellschaft als Gemeinschaft und grenzt sich von anderen Gemeinschaften ab.

Die Frage, ob unserer Kinder nun eine Schreibschrift lernen oder nicht, wird unserer Gesellschaft nicht spalten, wir definieren uns nicht über die Frage „Schreibschrift oder nicht“. Aber es gibt andere Grundfeste, die wir von Mitgliedern unserer Gemeinschaft erwarten und viele davon sind in unserer Verfassung festgelegt, andere haben sich stillschweigend aus unserem Zusammenleben ergeben. Manche sind flexibel und verändern sich mit den Generationen, andere sind es nicht. Aber fest steht, auch unsere Gesellschaft hat Grenzen und das ist kein Manko, sondern das ist eine Grundbedingung von Gesellschaften.

Wenn man sich den Begriff „offene Gesellschaft“ genauer anschaut, wird dies schon aus der Wortbedeutung offensichtlich. Bei einem geschlossenen Raum ist die Türe zu. Öffne ich sie, öffne ich den Raum. Die Wände aber bleiben stehen, sonst ist der Raum kein Raum mehr. Ich kann die Wände zum Teil abtragen und neu bauen, aber Wände brauche ich, um den Raum als solchen zu definieren. Ein Raum ohne Wände ist kein offener Raum, sondern ein Ort in Auflösung. Denn Orte definieren sich durch Relation zu anderen Orten.

Es ist gewinnbringend, wenn wir immer wieder über unsere Grenzen diskutieren, das macht meiner Meinung nach eine offene Gesellschaft aus. Es ist auch hoffentlich völlig klar, dass sich unsere Gesellschaft verändern wird. Das Miteinanderringen um Positionen führt unweigerlich zu Neuem. Stagnation ist etwas, was geschlossene Gesellschaften auszeichnet. Nur sollten wir uns nicht selbst belügen und gesellschaftliche Grenzen negieren. Wenn wir uns als Gesellschaft verstehen wollen, müssen wir wissen, was uns als Gesellschaft wichtig ist. So wichtig, dass das die Wände unseres Raumes sind, dessen Türe wir dann weit aufmachen können.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner