SW 2: Ein Refugium

Liebe Leser,

ein Aushang am Lehrerbrett sorgt im Lehrerzimmer für helle Aufregung: Fräulein Häuptchen beginnt hektisch zu googeln, Frau von Ostrach rennt gleich zum Schulleiter und Frau Mädelmann ruft laut „Wo ist der ÖPR*?!“ In der Empörung sind die sonst so verschiedenen Kolleginnen sich einig.

Frau Henner denkt: „Ich muss hier raus!“, greift sich ihre Thermoskanne mit Kaffee und begibt sich auf die Suche nach einem Ort der Stille. Irgendwo in einem die vielen Gebäude wird doch ein Plätzchen für eine Lehrerzimmerwaise sein… Es ist Mittagspause und hinter einer selten benutzen Tür wird Frau Henner fündig. Ein altes, aber bequemes Sofa, ein Bücherregal und viel durcheinanderliegendes Werkzeug. Rumpelig, aber still. Frau Henner versinkt auf dem Sofa. Ganz leise dringt aus der Ferne Musik durch das Tal. Die Vögel zwitschern. Frau Henner macht die Augen zu.

Nach einer Stunde schenke ich mir Kaffee ein und werde wieder munter. Einmal halte ich kurz die Luft an, als ich draußen Schritte höre. Aber die gehen vorbei, hier kommt keiner rein, viel zu abseits. Das ist mein Refugium. Noch.

Menschen wie ich brauchen das: Orte, an denen positive Energie fließt, Stille, Natur, wo jede Hysterie draußen bleibt, wo die vielen Krankheiten, Kriege und Tode auch einmal verdrängt werden können, weltabgewandte Momente. Geerdete. Lehrer sind oft so schrecklich interessiert, besorgt und wichtig. Sie meinen es in der Regel immer gut, aber manchmal ist das einfach zuviel des Guten. Also fliehe ich.

Auch im Privaten zeigt sich das. Ob ihr das glaubt oder nicht, ich habe mich tatsächlich bei einem VHS-Kurs angemeldet. Frau Henner lernt jetzt Töpfern für Anfänger! Dass ich nicht lache… Ton kneten und formen – ganz geerdet. Und hoffentlich ohne schlaue Lehrer, die immer alles besser wissen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

 *Für alle Unwissenden, diese magische Formel heißt ausgeschrieben Örtlicher Personalrat und wird in unserem Kollegium als Allheilmittel bei allen großen und kleinen Wehwehchen beschworen.

SW1: Die selbsterfüllende Prophezeiung

Liebe Leser,

während manch Lehrer in Deutschland schon langsam wieder zu den Herbstferien schielt, ist in Baden-Württemberg gerade einmal die erste Schulwoche herum, aber Hauptsache wir zentralisieren das Abitur… nun ja, da war die Aufregung bei den Deutschlehrern groß, als ihnen diese Woche bewusst wurde, was das terminlich bedeutet. Dazu vielleicht ein andermal, heute geht es nicht um das Deutschabitur, sondern nur um mein Erleben dieser ersten Schulwoche, SW1.

Doch erst noch ein Schritt zurück.

Im Studium mussten wir ein sogenanntes Pädagogisches Praktikum absolvieren, das heißt, es ging nicht um die Fächer, sondern die Studenten sollten vermehrt auf pädagogische Belange achten. So kam es, dass ich in diesem Praktikum in zwei achten Klassen mitlief, egal welches Fach sie gerade hatten. Das Thema meiner dazugehörigen pädagogischen Arbeit war schnell gefunden: die self-fulfilling prophecy, die selbsterfüllende Prophezeiung.

Eine achte Klasse galt als nett, lieb und leistungstechnisch ganz okay, die andere, nun ja, die andere war das schwarze Schaf. „Das sind solche Rabauken“ wurde im Lehrerzimmer schnell verknüpft mit „Die können nichts“. Und nun ging es mir darum, ob dem tatsächlich so ist, und, wenn ja, ob das Urteil der Lehrer sich auf die Atmosphäre in der Klasse und dann auch auf die Leistungen ausgewirkt hat oder umgekehrt.

Ich weiß nicht mehr exakt, zu welchem Schluss ich kam, aber ich war zumindest für dieses Thema sensibilisiert. Mir ist klar, dass die selbsterfüllende Prophezeiung tatsächlich ein Problem ist. Natürlich höre ich Urteile, natürlich werde ich beeinflusst, aber ich bemühe mich, mir diesen Prozess bewusst zu machen und mich selbst immer wieder zu ermahnen, dass ich wachsam bleibe, selbst urteile und jeder eine neue Chance verdient hat. Damit meine Meinung nicht am Ende dazu führt, dass Schüler dann unbewusst dieser Meinung entsprechen.

Also gehe ich am Montag ganz locker fröhlich in meine Klasse. Den schwarzen Spätsommerhund habe ich längst verscheucht.

Es funktioniert nicht. Einzelne Kinder enttäuschen mich mit ihrem kaum versteckten Egoismus so, dass meine Stimmung merklich abkühlt. Ich merke das, hoffentlich die Kinder nicht! Als ich dann enthusiastisch unser diesjähriges Klassenprojekt vorstelle (Lucy ist schon ganz neidisch auf meine Klasse, weil sie so was Cooles machen darf…), kommt kein Jubel, kein Glanz in den Augen, dafür ganz offen die Frage, was man denn davon habe… „Kann man da auch was gewinnen?“

Und da platzt mir innerlich der Kragen, aber mir wird auch schlagartig klar, welches Problem viele Kinder haben. Sie arbeiten, machen meist, was man ihnen sagt, aber es fehlt die Begeisterung, weil sie keine intrinsische Motivation haben. In der Grundschule haben sie für die nette Lehrerin und die Eltern geschafft, für die sehr gute Note und die Belohnung, die viele sicher erhalten haben. Das sind normale Prozesse, aber wenn man es übertreibt, zum Beispiel nur die Note gelobt wird und nicht ein wirkliches Interesse am Können des Kindes gezeigt wird, an den Themen, mit denen es sich beschäftigt, kann das leider dazu führen, dass gar keine innere Motivation mehr aufgebaut wird. Dann geht es nur noch um die Note oder das Geschenk.

Und nun? Was biete ich? Frau Henner hat keine kleinen Belohnungsgeschenke, die erwartet echt, dass man einfach nur Freude an der Sache haben könnte. „Wir machen das gemeinsam! Ein tolles Projekt, kein normaler Unterricht, wir können uns das alles selbst ausdenken und dann vor einer richtigen Jury präsentieren…“, Frau Henner zieht schelmisch die Augenbrauen hoch, sie würde am liebsten sofort loslegen – so ein tolles Projekt! Und was springt für uns dabei heraus?

Und so erlebe ich diese Woche als eine Achterbahn der Gefühle. Wenn ich in meiner Klasse bin, mache ich halt meinen Unterricht, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Und wenn ich in der Oberstufe bin oder wieder in meiner „alten“ Klasse in der Mittelstufe, dann freue ich mich, werde auch freudig begrüßt, wir grinsen und lachen und lernen wie nebenbei auch noch Neues. So geht es täglich auf und ab.

Aber ich gebe nicht auf – ich möchte die Kinder mitreißen, das Projekt ist viel zu cool, als dass sie sich nicht dafür erwärmen können. Das geht gar nicht. Und immerhin bin ich von der Sache begeistert und nach und nach werde ich sie schon noch auf meine Seite bringen, denn es kann doch so viel Spaß machen, etwas gemeinsam zu machen – einfach nur, damit man etwas gemeinsam macht!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Der schwarze Spätsommerhund

Liebe Leser,

was für ein schöner Sommer! Blicke ich nicht über den Tellerrand, sondern mich nur in meiner kleinen Welt um, kann ich es nicht anders sagen. Es waren wunderbare Sommerferien, gefühlt ständig Sonnenschein, ein zwar polizeireiches, aber ansonsten entspanntes Frankreich, die Vorbereitungen für das neue Schuljahr liefen wie nebenbei, gute und spannende Bücher bereicherten die langen Sommertage, ich fühle mich erholt und sprudele vor Ideen. Grad heute sitze ich auf der Bank im Garten, um mich herum wuchern zuckersüße Tomaten und ich blättere Lucys Jugendzeitschrift durch. Da schießt mir die geniale Idee für meinen Start mit meiner Klasse in den Kopf. Auf meine Blitzideen ist doch immer wieder Verlass!

Warum freue ich mich dann nicht auf das neue Schuljahr?

Liegt es an meiner seltsam egoistischen Klasse? Mist, ich wollte doch wirklich unvoreingenommen ins neue Schuljahr gehen! Aber es ist tatsächlich so, ich freue mich nicht besonders, sie wiederzusehen. Ich werde meinen Job machen, ich habe so viel vor, die Distanz zwischen dieser Klasse und mir ist jedoch noch nicht gewichen. Aber ich werde meine alte Klasse auch wieder unterrichten – jeah! Also sollte ich mich doch wenigstens auf sie freuen… hmmm…

Liegt es an den Schulalpträumen, die ich seit einer Woche habe? Ich komme am ersten Schultag zu spät, die Schule ist eine riesige Baustelle, ich verlaufe mich in der Schule, ich sitze neben dem kleinen Leo und er schreibt eine Mathearbeit, neben den anderen Kindern sitzen deren Eltern und versuchen heimlich ihren Kindern Tipps zu geben, wenn die Grundschullehrerin nicht hinsieht. Ich träume sonst kaum von der Schule. Was macht mein Hirn da bloß?

Ist es der übliche Schulanfangsberg, der schier unüberwindlich scheint? Entschieden nein! Wenn ich eines in den letzten Jahren gelernt habe, dann das: Es bringt nichts, stöhnend die Höhe des Berges abschätzen zu wollen. Weil man jeden Tag nur ein kleines Stück geht, lässt sich jeder Berg bezwingen, wenn man sich einfach nur auf das direkt vor einem liegende Stück konzentriert.

Hm… liegt es am Abschiedsgefühl, alles noch ein letztes Mal? Nö, Abschiedsgefühle habe ich nicht, in die könnte ich mich sogar hineinfallen lassen, wehmütig darin baden, das Problem ist eher, dass ich gar keine Gefühle habe…

… für die Schule! Dafür bin ich voller Ideen für Projekte, schaue mir im Netz Tutorials an, bestelle mir hübsche Dinge, plane, träume, aber die Schule? Die ist mir grad so was von egal. Ich hätte noch weitere zwei Wochen in Frankreich bleiben können und kein einziges Mal an die Schule denken… was ist nur los mit mir?

Ist es tatsächlich die schwarze Spätsommerhund? Kennt ihr den? Der schleicht sich ganz unbemerkt an, meist, wenn es draußen herrlich ist und die Sonne schon tief steht. Dann knurrt er und zieht einem die Freude von der Haut. Nein, er ist nicht mit der Melancholie zu verwechseln, der schwarze Spätsommerhund. Und auch nicht wie eine ausgewachsene Depression, die allem die Farben aussaugt. Der schwarze Spätsommerhund ist nur ein Hauch davon, ein flatterhaftes Wesen, meist verschwindet er unversehens wieder. Ich habe den schwarzen Spätsommerhund erst in den letzten Jahren kennengelernt.

Ich fasse einen Entschluss. Die letzten drei Jahre habe ich viel Zeit in diesen Blog investiert und werde ihn auch weiterhin betreiben, aber ich werde nicht mehr so viele Beiträge einstellen, einmal die Woche wird reichen, wenn mir dann die restliche Woche bleibt, um mich mehr dem Privaten zu widmen, dem, was mir noch so alles im Kopf herumspukt. Vielleicht funktioniert es, vielleicht funktioniert es nicht, aber ich will unbedingt den schwarzen Spätsommerhund wieder verscheuchen. Dazu sollte ich mehr unter Leute gehen. Leute, die keine Lehrer sind. Leute, die ganz andere Probleme haben. Leute, die die Welt anders sehen. Wann war ich denn das letzte Mal tanzen oder mit Freunden auswärts essen? Wo lag noch mal der Prospekt von der VHS?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Zurück in die Vergangenheit – Briefkultur

Liebe Leser,

nach meiner Schulzeit habe ich kaum mehr Tagebuch geschrieben. Das Studium war so aufregend und arbeitsintensiv, weil ich mich kopfüber in das Abenteuer Leben hineinstürzte und diese neue Art des Lernen für mich entdeckte. Wenn ich will, kann ich heute nach so vielen Jahren trotzdem noch immer in meinen Kopf von damals schauen. Diesmal brauche ich aber mehr als einen Tag, der für die Tagebücher noch gereicht hatte.

Neben mir liegt ein Stapel DinA4-Blätter, ich mag die Seiten nicht zählen, denn er ist dreieinhalb Zentimeter hoch – zusammengedrückt. Jedes Blatt ist engzeilig mit einer zierlichen Schrift beschrieben. Es sind Kopien von Briefen, die ich während meines Studiums an meine Freundinnen geschrieben habe. Dabei habe ich nicht jeden Brief kopiert, aber doch recht viele, weil ich damals spürte, das sie mir eines Tages von Bedeutung sein könnten. Diese Tage sind genau jetzt.

Und ich stehe diesem Stapel ziemlich fassungslos gegenüber. Jahrelang hat er in einer Kiste gelegen, aber ich habe vergessen, was ich damals schrieb, wie intensiv wir uns austauschten, wie ehrlich wir zueinander waren, wie ernst wir unsere Freundschaft nahmen. Natürlich wird auch Alltag erzählt, aber der tatsächlich nur am Rande. Wir werden erst hier richtig erwachsen und definieren uns und unsere Freundschaften immer wieder neu, schreiben Abhandlungen über das Erinnern, über die Wirklichkeit von Empfindungen, über die unterschiedlichen Erwartungen an Beziehungen, über den Tod – aber vor allem über Freundschaft und das Leben. Die Sätze sind reflektiert, geschliffen und gehen die Thematiken differenziert an und die Briefe sind deshalb vor allem ellenlang. Drei Seiten im Schnitt und das mindestens jede Woche. Die Antwortbriefe meiner Freundinnen liegen in verschiedenen Kartons – ich brauche dafür eine ganze Kommodenschublade. Ich war also nicht die einzige Verrückte. Nur wenige von diesen jungen Frauen habe ich seitdem aus den Augen verloren, auch wenn wir uns nun in der sogenannten Familienphase selten oder gar keine Briefe mehr schreiben.

Aber wir tauschen uns nicht mehr so intensiv aus. Man trifft sich einmal im Jahr, weil uns hunderte Kilometer entfernen. Zwischendurch führt man mal ein Telefonat, das zwar auch intensiv sein kann, bei dem man aber nicht sein Innerstes herauskehrt, meist schickt man sich E-mails, in denen wir mehr als nur den Alltag beschreiben, aber uns eben doch auf drei kleinere Absätze beschränken. Das ist in Ordnung so. Jede Lebensphase hat ihre Eigenheiten. Und dann ist die Zeit solcher Brieffreundschaften vielleicht auch einfach vorbei. Das sage ich ohne Wehmut und Nostalgie.

Und trotzdem wird mir bewusst, dass diese Briefe vielleicht ein noch größerer Schatz sind als meine Tagebücher, weil sie wie ein Relikt wirken. Nicht nur für mich persönlich. Natürlich ist es phantastisch, die Zeit des eigenen Studiums anhand dieser äußerst ehrlichen Zeilen nachvollziehen zu können, aber da es vorrangig um allgemein menschliche Themen geht, die sich jedoch gerade einem Wandel unterziehen, da Menschen heute anders kommunizieren als noch vor fünfzehn Jahren, sind sie Zeugnisse einer vergangenen Zeit. Persönliches Erleben und gesellschaftlicher Wandel fällt hier zusammen.

Einer Freundin muss ich dabei besonders danken, mit vielen habe ich schriftlich Gedanken ausgetauscht, aber nur eine hat über all die Jahre genauso ausführlich und offen zurückgeschrieben. Liebe C., ohne dich hätte ich diesen Schatz nicht, danke dafür! Lucy konnte ich ein Tagebuch schenken, aber eine solche Brieffreundin wie dich müsste sie sich selbst suchen, aber mal ehrlich, schon damals waren wir mit unseren Briefen ein bisschen aus der Zeit gefallen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Mathelehrer bis 3,0 sind voll okay

Liebe Leser,

Frau Henner macht Statistik. Interessant sind Zahlen immer. Und Mathematiker sagen wahrscheinlich auch, dass sie immer eindeutig sind. Eine 2 ist eine 2 und eine 3 ist eine 3. Das will ich nur vorab klargestellt haben, ehe ich in den Verdacht gerate, etwas gegen Mathelehrer zu haben. Ich kann nichts für die Zahlen! Aber ich muss leider feststellen, dass eine 2 eben auch eine 3 sein kann und umgekehrt.

Heute geht es um die Lehrereinstellungen in Baden-Württemberg im neuen Schuljahr. Die Zahlen liegen offen. Wieviel Bewerber gibt es für welches Fach, wer wurde bis zu welchem Schnitt eingestellt? Die Statistik wird nur dadurch unklar, dass ein „normaler“ Anwärter meist zwei Fächer anbietet und er in der Regel nur wegen eines dieser Fächer eingestellt wird. Das andere Fach gibt es quasi gratis dazu.

Eine wichtige Vorbemerkung ist noch zu machen: Die Geschlechterverteilung verrutscht immer mehr – weg von einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Männlein und Weiblein hin zu einem frauenlastigen Beruf. 71 % der Bewerber sind am Gymnasium Bewerberinnen.

Nun studieren Frauen aber häufiger Sprachen als Naturwissenschaften. Merkt ihr was? Klar, dazu muss man kein Mathematiker sein. Es gibt viel zu viele Bewerber mit Fächern wie Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch und es konnten viele Bewerber nicht eingestellt werden (über das Nachrückverfahren bin ich noch nicht informiert). Beispiel gefällig? In Deutsch gab es 936 Bewerber auf 80 Stellen, in Spanisch 321 auf 20 und in Englisch 826 auf 90. Das heißt wiederum, dass in diesen Fächern besonders die sehr guten Bewerber genommen werden konnten und man schon ab einer Note von 1,7 kaum mehr eine Chance hatte. 1,7!

Man kann auch sagen, selbst schuld, wenn ihr halt besser in Sprachen seid, die Mathematiker und Physiker sind nicht so arm dran. Dort hätte es genügend Stellen gegeben, um alle Bewerber einzustellen – alle! Doch dort macht das Land dann von sich aus einen Schnitt. Wer schlechter ist als 3,0 wird nicht eingestellt. Aber bis 3,0 ist alles okay.

Also, in Spanisch ist eine 2,0 eine Katastrophe und in Mathe eine 3,0 ganz ordentlich. Das nennt man dann die Relativität der Realität.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Zurück in die Vergangenheit – die Tagebücher der kleinen L.

Liebe Leser,

völlig losgelöst von dem, was draußen in der Welt geschieht, begebe ich mich für einen Tag auf eine Zeitreise. Wollte nur mal meine alten Tagebücher herauskramen und lese mich fest und erlebe tatsächlich soetwas wie eine Zeitreise. Die neunziger Jahre werden einen ganzen Tag lang lebendig – meine neunziger Jahre, meine Jugend wohlgemerkt. Ich hätte nie gedacht, wie deutlich die Menschen wieder vor mir stehen, Stimmungen aufkommen, ja selbst Gerüche riechbar werden, weil ich alles so genau beschreibe.

Mein erstes Tagebuch bekam ich zu meinem zehnten Geburtstag und die Einträge der fünften und sechsten Klasse sind – naja – nur kurze Berichte mit wenig Wert für Außenstehende. Aber dann in der siebenten Klasse beginne ich mit einem Mal kleine Begebenheiten aus meinem Alltag zu beschreiben und gleich auch zu reflektieren – als wäre ich aufgewacht aus der Kindheit. In der achten Klasse bin ich dann soweit, dass ich dieses für mich schwierige Schuljahr fast komplett so darlege, dass auch ein Außenstehender dies lesen könnte – in den Kopf eines pubertierenden Mädchens geguckt. Ich staune über die zusammenhängenden Erzählungen, die Beschreibungen meiner Klassenkameraden und die Versuche, ihre Handlungen zu analysieren, ich erlebe viele Szenen ganz plastisch von Neuem. 40 Seiten Jugendherberge zum Beispiel, die ungerechten Handlungen einer damals völlig überforderten Klassenlehrerin, die unschönen Szenen mit hormonell entgleisenden Klassenkameradinnen, die eigene Unsicherheit, die Reflexionen von Selbst- und Fremdwahrnehmung, die Lichtblicke und rührenden Momente. Erst auf dem Weg in die Oberstufe fangen die Tagebuchtexte an sich zu verrätseln, der Ausdruck wird geschwollener. Hatte ich Angst, jemand könne heimlich in den Tagebüchern lesen? Wollte ich mich besonders gewählt ausdrücken? Erwachsen wirken? Egal, auch das gehört zum Erwachsenwerden. Diese Tagebücher sind nur für mich, deshalb werde ich hier nichts zitieren. Einen ganzen Tag bis spät in den Abend habe ich gebraucht, um alles noch einmal durchzulesen. Meine ganze Schulzeit ab der fünften Klasse bis zum Abitur zieht an  mir vorüber. Erst jetzt wird mir so richtig bewusst, welchen Schatz ich da habe.

Früher dachte ich immer, dass ich diese vielen farbigen Kladden unbedingt mal vernichten müsste. Jetzt, nach der neuerlichen Lektüre weiß ich, dass ich das nicht tun werde. Lucy kann das irgendwann einmal lesen – wenn sie erwachsen ist und ich vielleicht nicht mehr bin. Da gibt es nichts, für das man sich schämen muss. Im Gegenteil, die Tagebücher werden auch für sie in Schatz sein, weil sie so von einer Zeit erzählen, wie man es sonst nicht erfahren kann.

Lucy wird in diesem Herbst ebenfalls in die siebente Klasse kommen. Lucy kann für ihr Alter ungewöhnlich gut schreiben. Was liegt da näher, als ihr zum neuen Schuljahr ein Tagebuch zu schenken, damit auch sie sich einen solchen Schatz aufbauen kann?!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Lucy bummelt

Liebe Leser,

Lucy vertrödelt den Sommer. Gut so, denke ich.

Da steht sie zum Beispiel vor mir und fragt, ob sie denn mal bummeln gehen dürfe. Bummeln? Ja, Mädchen werden zu Damen und wollen bummeln, ganz normal, aber wo – um Himmels Willen – will Lucy denn hier bummeln? Oder denkt sie etwa, ein elfjähriges Kind könnte mit dem Regionalverkehr in die Landeshauptstadt fahren, um zu bummeln?

 

Ich lasse meiner Verwirrung freien Lauf. Aber Lucy klärt mich auf. Sie wolle ihre Klassenkameradin Leonie besuchen und deren Vater würde sie dann ins Städtle fahren und dort könnten sie in den dm und dann in den Schreib- und Buchwarenladen gehen. Ach so.

Natürlich darf Lucy mit Leonie eine solche Shoppingtour veranstalten. Ich erinnere mich genau, wie das damals bei uns war. Ich wohnte in einer sogenannten Schlafstadt ohne nennenswerte Geschäfte und nachmittags trafen sich ab der sechsten Klasse die Mädchen, um in das Stadtzentrum der Großstadt zu fahren, um die sich die Schlafstädte gelagert hatten. Da fuhr man mit der S-Bahn, aber die Eltern wussten davon nicht immer etwas. Denn für die vielen Mädchenträume (Haarschmuck, Schminke – ganz wichtig: blaue Wimperntusche!, Ohrringe) reichte das bescheidene Taschengeld selten und die Augen und auch die Finger wurden länger und länger. Selbst als die Polizei dann zur Abschreckung in unsere Klasse kam und demonstrativ ein Kind „mitnahm“, wurde das nicht besser, denn dann ging die Pubertät ja erst so richtig los. Dass ich selbst nie in die Verlegenheit gekommen bin zu stehlen, lag daran, dass mir meine Mutter einen solchen Bummel nicht erlaubte und das eine Mal, als ich doch mitdurfte, hatten mich meine Freundinnen schlichtweg vergessen abzuholen. Ich war ja sonst auch nicht dabei… Der Schmerz des Vergessenwordenseins war schlimm, aber die Genugtuung, dafür „sauber“ geblieben zu sein, dann doch größer. Blaue Wimperntusche hätte mir meine Mutter sowieso nie im Leben erlaubt. Es waren andere Zeiten und es war eine andere Wohngegend. Lucy fährt nicht nach Stuttgart und Lucy klaut auch nicht.

Aber neugierig bin ich schon, was meine Tochter so erbummelt. Auch ihr Nachmittag lief nicht so, wie er geplant war. Da der Papa die Mädels nicht fahren konnte, wollten sie den Bus nehmen und sind vom Bus an der Haltestelle sitzen gelassen worden. Einfach vorbeigefahren! Das passiert schon mal und ist auf dem Lande besonders ärgerlich, da der nächste Bus erst eine Stunde später kommt. Also mussten Leonie und Lucy Prioritäten setzen. Beide Läden ging nicht mehr. Also nur zu dm. War bestimmt trotzdem herrlich. Ganz ohne Mama Schminke angucken, dort und da mal dran riechen und dann etwas aussuchen… Lucy kauft sich vom Taschengeld eine Haarbürste, Haargummis und einen Eos. Zusammen mit Leonie hat sie Freundschaftsarmbänder erstanden. Wie harmlos schön. Die Wünsche haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht geändert. Gut, dass sie sich diese kleinen Freuden jetzt erfüllen kann.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner