Osterferien 3: Stadtgeflüster

Liebe Leser,

Herr und Frau Henner unternehmen eine kurze Reise in eine deutsche Großstadt. Es sind nur ein paar Stunden mit dem Zug, aber doch ist es eine unendliche Reise in eine völlig andere Welt. Und genau aus ebendiesem Grund muss ich hier davon berichten. Wir sehen doch jeder nur einen so kleinen Ausschnitt von der Welt und gehen oft irre in dem Glauben, das wäre sie – die Welt. Nein, sie ist es nicht. Es gibt tausende Welten und die fangen schon hinter unserer Haustür an.

Oder eben beim Aussteigen aus einem ICE. Wir kommen abends an, es ist bereits dunkel. Als wir die Bahnhofshalle verlassen, hören wir um uns herum die laute Stadt, aber kein einziges deutsches Wort mehr. Dafür empfängt uns ein Mensch mit so dunkler Hautfarbe, dass er mit der Nacht verschmilzt, mit den Worten: Welcome in the jungle! Immer wieder ruft er: Well-kamm in de dschung-gell! Seine weißen Zähne blitzen im Nichts wie die der Grinsekatze bei Lewis Carroll. Schon jetzt komme ich mir vor wie in einem Film.

Wir tauchen ein in das Menschenbad hinterm Bahnhof. Türkische Bars mit türkischen Männern davor. Gruppen afrikanischer Männer, Flüchtlinge aus Syrien – junge Männer in Gruppen. Es ist bunt, laut und so es fühlt sich fremd an. Ganz wertfrei. Einfach ungewohnt. Überall ist Gewusel, Musik, Gerede, Menschen drängen sich zusammen. Es ist trotz der vielen Lichter einer Stadt wirr und unübersichtlich. Als Frau wird mir dann doch mulmig. Das hat möglicherweise gar nicht mit der fremdländischen Herkunft der Herren zu tun, sondern vielmehr mit der Menge sich zusammenrottender Männer. Ich bin doch nur eine kleine, zaghafte Frau vom Lande! Und damit eine der überhaupt wenigen Frauen hier und eine der ganz wenigen ohne Kopftuch.

Ohjeh, was bin ich nur für ein Landei! Ich habe nicht geahnt, wie extrem sich das Stadtbild in manchen Großstädten in Deutschland in den letzten Monaten gewandelt hat. Als ich Studentin war und nach dem Studentenclub allein durch die große Stadt geradelt bin, hat man in Deutschland abends brav die Bürgersteige hochgeklappt und sich hinter Vorhängen beim Tatort verschanzt. Die Studenten hatten ihre Kneipen und die nächtliche Stadt gehörte den Katzen und eben spät heimradelnden Studenten. Nun gehört sie jungen Männern mit ausländischer Herkunft. Würde ich als Studentin noch sorglos mit meinem Rad allein hier langfahren? Nö, ganz sicher nicht. Langsam verstehe ich Frau K., die ihre Tochter nicht mehr abends allein zum Geigenunterricht gehen lässt. Die Welt verändert sich und mit ihr verändern sich auch unsere Handlungsweisen.

Ist es übertriebene Furcht? Ist es Separatismus? Ich fühle mich nicht so. Ich habe keine Angst. Ich bin hier in Deutschland, was soll mir schon passieren, denke ich und klammere mich doch ein wenig an meinen Herrn Henner. Aus dieser Position heraus kann ich das Treiben um mich herum sogar mit einer gewissen Faszination und Neugier betrachten. Zusammen mit meinem Mann. Allein würde ich hier nicht herkommen.

Erschöpft von der Reise fallen wir in unsere Hotelbetten. Nachts schlafen wir nicht besonders gut, was mit der ungewohnten Umgebung zusammenhängt. Wir mussten die Fenster und die Vorhänge schließen, um uns vor dem Lärm der Straße und den Lichtern des gegenüberliegenden Hochhauses zu schützen. Jetzt liegen wir in einem hermetisch abgeriegelten Raum und bekommen kaum Luft. Für Landmenschen ist das kein Zustand. Wenn ich in unserem Dorf ins Bett gehe, kann ich das Fenster auflassen, die einzigen Geräusche sind das Grillengezirpse am Abend und der Vogelgesang am Morgen. Vielleicht noch das Blätterrauschen vom Wind. Dazwischen ist unendliche Ruhe. Licht gibt es auch nicht, da ich in einer Gegend lebe, in der tatsächlich um Mitternacht die Straßenlaternen ausgeschaltet werden. Nachst sind wir einer der dunkelsten Flecken Deutschlands, dafür leuchten hier die Sterne besonders hell.

Dafür begegnet man tagsüber auch kaum einem Menschen. Das ist in so einer Großstadt natürlich ganz anders. Hier pulsiert das Leben. Menschen joggen, radeln, frühstücken im Gehen, hören Musik, smartphonen oder machen alles gleichzeitig und sehen dabei auch alle gut aus. Jeder weiß, dass er gesehen wird. Die Welt gehört ab Morgen wieder der etablierten Bevölkerung. Die Stadt zeigt sich offen und bunt und hell, auch wenn hier nicht jeder freundlich zum anderen ist. Der Mensch bleibt halt der Mensch. Wir erleben einen wunderschönen Tag und gehen zum Abschluss am Abend fein essen. Ganz in Ruhe.

Und hier der größte Kontrast. In diesem Restaurant ist alles bis ins kleinste Detail gestaltet, die Gäste sind distinguiert oder tun zumindest so. Der Ober ist zurückhaltend und ungeheuer aufmerksam zugleich. Die Kerzen lassen das gesamte Ambiente golden leuchten. Das ist wieder eine andere Seite Deutschlands. Dieser Abend hier hat nichts mit meinem bäuerlichen Sternenhimmel zu tun und erst recht nichts mit dem wenige Kilometer entfernten Bahnhofsviertel. Deutschland mit den vielen Gesichtern…

Wieder angekommen am Kleinstadtbahnhof – an dem niemand herumlungert, weil da einfach nichts ist zum Herumlungern – und durch die vertraute Natur fahrend, die so schön ist, dass es an ein Wunder grenzt, dass hier kaum einer leben will, freue ich mich, dass mir all die Annehmlichkeiten der Großstadt (Cafés, Kultur und fröhliches Menschentreiben) nicht so wichtig sind wie die Vorteile eines Landlebens (gute Luft, Ruhe und Gelassenheit). So ist es mir möglich, auch all die negativen Seiten eines Lebens weit ab vom Puls der Zeit zu ertragen. Ein kurzer Ausflug reicht mir völlig.

In den letzten Tagen habe ich viel über die Urbanisierung nachgedacht. Mir ist völlig klar, dass nicht alle Menschen freiwillig in die Städte ziehen. Natürlich ist das Landleben nicht nur Landlust. Wir sind hier nicht naiv! Aber es gibt auch noch die Menschen auf dem Lande. Und deren Lebensbedingungen sollten wir in unserer Gesellschaft nicht vernachlässigen, sonst gehen immer mehr junge Menschen in die Städte und dann wird es da verdammt eng für euch.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

Osterferien 2: Ranzenparade – ich glaub, die spinnen!

Liebe Leser,

als Lucy vor nunmehr sieben Jahren in die Schule kam, sind wir mit ihr in ein Taschenfachgeschäft gegangen, haben uns beraten lassen von einer freundlichen, kompetenten Verkäuferin und uns dann für den am wenigsten kitschigen Schulranzen für Mädchen entschieden. Der passte, der gefiel und der hielt vier Jahre so gut, dass wir ihn nun vom Dachboden geholt haben, mit Schreibkram gefüllt und einem Kind in Osteuropa vermachen. Der passt, gefällt und hält sicher noch einmal vier Jahre.
Erster Versuch: So blauäugig gehen wir mit dem kleinen Leo in das selbe Fachgeschäft. Eine andere Verkäuferin ist da und hat wenig Einfühlungsvermögen. Ihrer Ansicht nach kann der kleine Leo jedes Ranzenmodell tragen – die passen alle. Der Laden führt inzwischen aber auch nur noch zwei Marken – davon sind dann aber auch alle zwei, drei, vier Modelle da und natürlich hundert verschiedene Designs.

Alle Ranzen – wirklich alle führen irgendwo im Namen das Zauberwort „ergo“. Klar will ich, dass der kleine Leo sich nicht den Rücken ruiniert. Wollte ich bei Lucy auch nicht, also haben wir auf den richtigen Sitz geachtet. Wie schwer der Ranzen wird, liegt ja eher an der Grundschule UND am Kind selbst. Uns wird nun suggeriert, dass wir, wenn wir nicht den Ergobag kaufen, uns sträflich an der Gesundheit unseres Kindes vergreifen. Dann gucken wir uns also mal diesen Ergobag an. Hm…

Ein Vorteil: er ist nicht schreiend bunt… aber es ist ein Rucksack, steht der gut an der Bushaltestelle? Knicken da nicht die Pappordner um? Ach so, da soll ich dann noch die Plastik-Heftbox zukaufen. Hm? Kann ich dann nicht gleich einen mit „Einlage“ nehmen? In dem Moment hat die Verkäuferin das Interesse an uns verloren. Es soll tatsächlich schon Schulen geben, wo der Ergobag das neue Statussymbol unter Grundschulkindern geworden ist. Ohne Ergobag bist du nichts. Und tauschen und sammeln kannst du die netten Kletties, die man an diesen Schulranzen ranklettet, auch – für 14,95 Euro das Pack! Und wenn du noch mehr Reflektorfläche willst, kannst du die ebenfalls gerne dazukaufen… wer wird denn bei der Einschulung seines Prinzenkindes knausrig sein!

Apropos Preis… ja, ich möchte über Geld reden! Das ist überhaupt mein Anlass für diesen Beitrag. Rund 220 Euro soll der Ergobag kosten. Spinnen die – es handelt sich um einen Schulranzen für Erstklässler. Für Lucys Ranzen haben wir um die 100 Euro bezahlt und das war ebenfalls ein Markenprodukt – vor sieben Jahren.

Ich gucke mir noch die zweite Marke an: Scout. Preis sehr schwankend (von 250! bis 150 Euro), klassische Ranzenform möglich – schreckliche Designs. Martialische Fahrzeuge oder Dinosaurier, die ihren Rachen aufreißen. Oh, das ist nicht der kleine Leo. Gibts nichts Nettes? Inzwischen will uns die Verkäuferin eher loswerden. Ob wir nicht hier das nette Playmobil-Gewinnspiel ausfüllen wollen?

Nein, wollen wir nicht. Wir gehen.

Zwischenspiel. Mein Vater wohnhaft nahe einer Großstadt in Deutschland fährt in die Stadt und besucht extra das Kaufhaus und schickt die Prospekte aller möglichen Hersteller. Sein Fazit: Unwissendes Personal, wenig interessiert, aber sehr reiches Angebot. Er hat sogar eine Liste gemacht: Marke und Preis. Das ist mein Vater! Danke Paps! Sieben Schulranzenfirmen hält das große Kaufhaus vorrätig. Ein Ranzen hässlicher als der andere. Und natürlich den Ergobag. Mein Vater weist mich auf den Scooli hin, der von der Stabilität einen guten Eindruck gemacht hat, aber über die Motive ließe sich streiten. Lässt sich nicht – das kommt für den kleinen Leo absolut nicht in Frage. Davon bekomme ich Augenschmerzen. Ranzenkauf hat immerhin auch was mit Geschmacksbildung zu tun.

Nächster Laden, großes Schreibwarengeschäft: Ergobag und Stepp-by-Stepp. Da gibt es einen schwarzen Jaguar-Ranzen. Schwarz-grün, aber immerhin nettes Tier drauf. Das wäre eventuell was – zur Not.

Zweites Zwischenspiel. Ich surfe im Internet, vergleiche Preise bei Idealo. Die Ranzen, die im Laden 250 Euro kosten, bekomme ich dort mit Glück für 150. Ausgenommen den Ergobag. Natürlich. Aber sympathischer wäre mir ein Kauf im realen Laden zur Unterstützung der örtlichen Wirtschaft.

Dritter Laden, kleiner Kofferladen im Ort: Ergobag, Scout und ein paar andere Einzelexemplare anderer Marken. Die Verkäuferin ist nett, hat aber im Grunde nicht viel Ahnung. Wir gucken also mal. Der kleine Leo bleibt vor einem Schulranzen stehen, der aus der Reihe fällt. Der gefällt ihm, der passt und der macht einen guten Eindruck – ob er wirklich hält, wird sich erst im Praxistest nächsten Schuljahr beweisen können. Aber hey, der sieht so… so nett aus?

Ja, das sei ein Modell vom Vorjahr.

Preis?

224.95 Euro.

Für ein Modell vom Vorjahr?

Nun, man könne mir 20 Euro Rabatt geben…

20 Euro klingt großzügig. Ich weiß allerdings, dass jeder Erstklässerlerranzen in diesem Laden mit 20 Euro rabattiert wird – ausgenommen der… natürlich der Ergobag!

Und da macht Frau Henner etwas ganz Unschönes. Sie fährt nach Hause, schmeißt das Internet an und kauft diesen Ranzen für 100 Euro weniger. Ganz ehrlich, die Beratung im Fachgeschäft, die aus „Na, wenn der dir gefällt, probier ihn mal an! Ja, der passt!“ bestand, ist mir nicht 100 Euro wert.

Hier stimmt doch etwas ganz und gar nicht.

Heute kommt ein Päckchen. Leos Schulranzen. Stolz dreht er ein paar Runden im Garten und schaut sich dann ausführlich das mitgelieferte Zubehör zusammen mit Lucy an. Herr Henner meint nur: „War ja ein ganz schöner Zirkus um diesen Ranzen.“ Recht hat er. Irgendwie ist unsere Welt nicht gerade einfacher geworden…

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Osterferien 1: Üben Sie das!

Liebe Leser,

es fehlte nur noch, dass sie die Hände ringend gegen die Decke des Klassenraums streckte. Immer wieder wiederholte sie mantraartig diesen einen Satz: „Üben Sie das!“

Letzte Woche saß ich mal wieder auf viel zu kleinen Stühlen in einem Klassenzimmer einer Grundschule – Leos zukünftiger Grundschule – und hörte gebannt der Lehrerin zu. Was sie zu sagen hatte, war jetzt nicht ganz so spannend für mich. Schließlich bin ich durch Lucy schon grundschulerfahren und unterrichte selbst eine Unterstufe an einer weiterführenden Schule. Auch ich könnte manchmal diesen einen Satz rufen: „Üben Sie das!“

Was mich an diesem Abend fasziniert und tatsächlich bei der Stange hält, ist die Art und Weise, wie die Grundschullehrerin diesen Satz in den Raum stellt: Ihre Augen werden jedesmal besonders groß und sie scannen den Raum intensiv ab. Ihre Stimme ist dabei nicht weinerlich, aber doch fast flehend, laut und deutlich – hier soll es keine Missverständnisse geben. Jetzt ist Schluss mit lustig.

Es ist eine junge Lehrerin und mich wundert daher die Verzweiflung, die aus diesem Satz spricht. Was sollen wir Eltern denn mit unseren zukünftigen Schulanfängern üben?

Stift halten.

Schere halten.

Linien nachfahren.

Auf einer Linie schneiden.

Eine gerade Kanten falzen.

Einen Klebestift benutzen.

Ein Spiel verlieren zu können, ohne strampelnd auf dem Boden zu liegen.

Zuhören.

Eine Schleife binden.

Eine einfache Aufgabe zügig ausführen.

Sich zwei einfache Aufgaben merken und diese erledigen.

Eine Fläche ausmalen, ohne über den Rand zu schmadern.

Und so weiter.

Die Lehrerin weist noch auf eine Menge solcher basalen Fähigkeiten hin, sie hat sogar ein paar farbige Merkblätter für uns Eltern vorbereitet und gibt zu jedem noch ein paar Tipps, wie man genau diese Fähigkeit ganz spielerisch trainieren kann. Die Frau macht das definitiv nicht zum ersten Mal.

Aber ihr eindringlicher Ton verrät mir, dass sie schon zu oft gegen taube Ohren geredet hat. „Sie glauben nicht, wie schwer das manchen Kindern noch fällt. Damit tut sich Ihr Kind von Anfang an schwer und der Abstand wird immer größer. Jetzt ist noch Zeit, wichtige Dinge zu lernen! Sie glauben gar nicht, wie demotiviert sonst Ihr Kind ist. Es soll doch aber Freude an der Schule haben. Üben Sie das!“

Die Defizite mancher Kinder müssen enorm sein. Wohlgemerkt geht es hier gar nicht um Inklusionskinder. Und gerade deshalb hat die Lehrerin auch keine zusätzliche Kraft, die sich mit eben diesen Kindern beschäftigen könnte. „Also üben Sie das bitte JETZT!“

Schade, dass nicht einmal die Hälfte der Eltern zu diesem Elternabend gekommen ist.

 

 

Nun sind Osterferien und ich sitze mit dem kleinen Leo am Esstisch. Er macht ein paar dieser Aufgaben, die die Lehrerin uns mitgegeben hat. Bis heute hat Leo den Stift auch falsch gehalten, aber da er sauber zeichnet, habe ich mir keine Gedanken gemacht. Nun ein letzter Versuch.

„Guck mal Leo, der Stift liegt locker auf dem Mittelfinger, so… schau mal, das bekommst du hin!“

Und wie durch ein Wunder, plötzlich nimmt Leo den Stift richtig in die Hand und fährt die gepunkteten Linien nach. Hundert Mal habe ich das versucht, immer bin ich auf Widerstand gestoßen, immer wieder ist der Mittelfinger auf den Stift gerutscht, hat sich durchgebogen, bis die Spitze blutleer wurde. Auf einmal geht es, ohne Gezeter, ohne Druck, aber mit großen Erfolg. Leo bearbeitet die ganze Seite, legt den Stift auch mal aus der Hand und nimmt ihn immer wieder richtig auf.

Jetzt heißt es wohl dranbleiben, jeden Tag eine kleine Aufgabe, dann sitzt die Stifthaltung nach den Osterferien.

Ich habe sogar Schuhe mit Schnürsenkeln gekauft, was gar nicht so einfach ist, denn Kinderschuhe haben in der Regel Klettverschlüsse. Die Schuhe habe ich aber nicht wegen der Lehrerin gekauft, sondern weil sie einfach schick waren. Leo kann Schleife binden, aber wenn er es nicht täglich übt, verlernt er das wieder. Zwei Fliegen mit einer Klappe.

Es ist Ostern, Zeit, Osterkarten zu basteln, Eier zu bemalen, im Garten erste Hüpfspiele zu machen. Heute Vormittag spiele ich mit Leo sein liebstes Piratenspiel. Leider gewinnt er durch unverschämtes Würfelglück. Aber ich lache und wälze mich nicht strampelnd auf dem Boden. Will ja ein Vorbild sein. Eigentlich ist es ganz einfach, was die Grundschullehrerin will.

Deshalb frage ich mich ernsthaft: Was läuft da in einigen Familien so grundlegend schief, dass ein Kind zur Einschulung noch nicht einmal eine Schere richtig bedienen kann?

Hier nehme ich ausdrücklich die Kindergärten in Schutz. In Leos Kindergarten wird im Vorschuljahr intensiv gesprochen, gesungen, gezeichnet, geschnitten, gewebt, gezählt und zugehört. Und natürlich gespielt. Aber auch das scheint diese Defizite nicht immer ausgleichen zu können.

Leo will noch immer nicht in die Schule gehen, weil er dann nicht mehr so viel Lego spielen kann, aber er hat so viel Freude an der Welt, rechnet kleine Alltagsdinge aus, fragt mich nach Buchstaben, ist stolz, wenn er irgendwo die Buchstaben seines Namens entdeckt, zeichnet Fantasiemaschinen mit allerlei Zahnrädern und Kurbeln, dass definitiv klar ist – dieses Kind ist schulreif.

Und uns macht es so viel Freude, dieses kleine Wesen bei diesem großen Schritt zu beobachten. Eigentlich schade, dass nicht alle Eltern das so erleben…

 

Viele Grüße aus der Provinz und euch allen ein paar frühlingshafte Ostertage von eurer Frau Henner

 

SW 26: Sie will doch nur unterrichten!

Liebe Leser,

mein liebes Kollegium veranlasst mich zu diesem Beitrag. Momentan verhält sich dieses recht ruhig. Das große Gejammere ist zwar nicht leiser geworden, aber es hat sich zum Glück in unsere Mensa verlagert und in die Fachkabinette. Sicher, das ist keine gute Entwicklung: da hocken dann ein paar Lehrer zusammen und wehklagen und verfluchen den Chef oder Frau Hanswurst oder gleich das System, die Eltern, die Gesellschaft. Am liebsten die ganze neue Zeit. Mit dem Absondern schaffen sich Probleme nicht ab und Weltbilder können im kollegialen Gespräch nicht gerade gerückt werden, aber wir anderen haben im Lehrerzimmer wenigstens endlich ein wenig Frieden.

Also regt es mich nicht auf, wenn Frau Schulte morgens das Lehrerzimmer betritt, um ihr Postfach zu leeren, dann aber regelmäßig das Schimpfen anfängt, sich ihre Tasche schnappt und immer noch zeternd den Raum Richtung Oberstufengebäude verlässt. In der Regel bleibt sie dort, bis sie am Mittag wieder das Schulgelände verlässt. Traurig ist es trotzdem. Sie war mal richtig nett.

Was ist passiert?

Das Leben ist passiert. Anders kann ich es nicht sagen. Frau Schulte kommt mit der neuen Zeit nicht mehr mit. Alles nimmt sie persönlich: Die Schüler sind nicht mehr anstrengungsbereit, werden schlechter, die Eltern haben viel zu viele Ansprüche und überhaupt die Erwartungen, die an Schule gestellt werden, immer sollen wir die Welt retten und dabei wollen wir doch einfach nur Unterricht machen…

Wo ist da eigentlich der Gegensatz? Natürlich will ich die Welt retten, sonst hätte ich Jura studiert. Am liebsten zusammen mit meinen Schülern, denn sie sind nun mal die Zukunft – nicht wir. Die Kinder sind die Erwachsenen von morgen und ich habe großes Interesse daran, ihnen meinen Stempel aufzudrücken, damit wir auch morgen noch kraftvoll zubeißen können in den gesunden Apfel von heimischen Streuobstwiesen. Es gibt nicht viele Berufe, bei denen man so vielen jungen Menschen die Welt erklären, sie zum Nachdenken anregen kann, ihnen Lebensfreude und -sinn vermitteln UND das vor allem im Unterricht.

Mich stört die Trennung in den Köpfen. Da ist auf der einen Seite der Fachunterricht, Mathe, Deutsch, Bio. Und auf der anderen Seite sind die Menschenbildung, die Schule als Lebensraum, das soziale Gefüge der Gemeinschaft. Während ich älter werde, begreife ich das immer mehr als untrennbares Gefüge. Ich unterrichte Grammatik und gleichzeitig erziehe ich Kinder und bereite sie auf eine Welt von morgen vor, indem ich ständig hinterfrage, was ich tue, was die Kinder tun, mit welcher Bereitschaft sie an welche Themen gehen. Ich kann Rechtschreibung nicht von Lebensfreude trennen und Literatur nicht von Gewissensbildung. Und ich denke, dass das nicht nur in Deutsch oder Geschichte geht. Jedes Fach bildet im humanistischen Sinne und der Lehrer als Person, der mit den jungen Menschen fiebert, leidet und lacht – der ist der größte Bildner dabei.

Frau Schulte will doch nur unterrichten. Seltsam – genau das will ich auch. Und trotzdem trennen uns Welten. Frau Schulte schüttelt den Kopf. „Wart mal ab, da kommst du auch noch hin“, soll das wahrscheinlich heißen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 25: Hurra, ich mag sie!

Liebe Leser,

der Endspurt vorm Abitur hat meine Nachmittage in Beschlag genommen. Da müssen in kurzer Zeit noch überall Klausuren korrigiert werden, damit die Abiturienten vor den Osterferien mit einer letzten Rückmeldung und viel toi toi toi auf die Zielgerade geschickt werden können. Ich sehe, wie sich die Neigungskursschüler bewähren und gehe guter Dinge aus dieser intensiven Phase heraus. Selbst im Grundkurs kann ich ablesen, dass sich die Mühe der letzten Jahre auszahlt. Einfach schön!

Aber auch eine andere Entwicklung zaubert mir ein Lächeln auf mein Gesicht. Während die Sechser im Allgemeinen anfangen in die Vorpubertät abzurutschen und zickige Mädchen und obercoole Jungs nicht immer angenehm sind, hat sich meine eigene Klasse Schritt für Schritt in einen liebenswerten Haufen verwandelt. Endlich, nach mühevollen Monaten, in denen ich häufig an mir gezweifelt habe und auch manch gesellschaftliche Entwicklung sehr kritisch betrachtet habe, endlich kann ich sagen: Ich mag sie!

Wir sind zusammengewachsen – sie sind zusammengewachsen. Natürlich gibt es mal Streit mit Jan und Franca kämpft noch immer um jede Note und diesen Druck gibt sie noch immer körperlich statt verbal weiter. Aber wenn mir eines in der pädagogischen Arbeit mit meiner Klasse gelungen ist, dann das Stärken eines Gemeinschaftsempfindens, das Zurückstecken der eigenen Interessen zugunsten eines Wirs.

In den letzten Wochen ist mir bewusst geworden, welche gesellschaftliche Mammutaufgabe gerade das ist. Wenn wir als Eltern die Kinder weiterhin zu kleinen Egoisten erziehen, alles aus Liebe und biologisch und psychologisch sicher gut begründbar über den Wunsch des Fortkommens der eigenen Familie, wird unsere Welt nicht bestehen können. Die Probleme, die sich unserer Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten und sicher auch Jahrhunderten stellen werden, lassen sich – meines Erachtens – nur über gemeinsame Anstrengungen bewältigen. Natürlich muss sich ein Individuum als solches wertgeschätzt fühlen, aber es muss sich ebenso in der Verantwortung für eine Gemeinschaft empfinden, um friedvoll und nachhaltig mit der Welt umzugehen. Das alles klingt sehr abstrakt, aber wenn selbst meine 6er das verstehen, sollten es auch die Erwachsenen endlich kapieren. Wenn wir unsere Welt aufrecht erhalten wollen, dann geht das nur gemeinsam. Das bloße Überleben geht auch im Einzelkampf – aber das ist nicht meine Vorstellung von Zukunft!

Wenn ich jetzt in den Unterricht gehe, freue ich mich auf die Kinder. Sie strahlen aus sich heraus. Sie sind angekommen in der Welt des Gymnasiums, in ihrer kleinen Welt der Klasse 6, ihr Blick hat sich über das eigene Ich geöffnet. Die Referendarin ist begeistert von der Klasse. Und dieses Lob „So eine tolle Klasse!“ tut mir gut. Es ist die Anerkennung für die vielen Mühen, die man als Außenstehender bei Lehrern häufig gar nicht wahrnimmt.

Und ich freue mich, hier in dienen Blog auch mal einen rundheraus positiv gestimmten Beitrag einstellen zu können, der Mut machen soll, dass sich pädagogische Arbeit lohnt. Gleichzeitig lese ich immer wieder Artikel, in denen es darum geht, dass ein Lehrer auch gut von einem Computer ersetzt werden kann, weil der Computer den individuellen Lernfortschritt des Lernenden viel effektiver auswerten und begleiten kann.  Der Lehrer habe ausgedient. Man brauche nur noch den Lernbegleiter, der das Lernen – so es denn überhaupt noch an gemeinsamen Orten stattfindet – koordiniert, eventuell zum Lernen motiviert und ganz nebenbei auch noch ein bisschen Soziales im Blick hat. Der müsste ja dann noch nicht einmal ein Fach studiert haben…

Unterschätzt das mal nicht! So ganz nebenbei macht sich Soziales nicht, selbst wenn es in der Performance dann tatsächlich wie eine Nebensache erscheint. Und unterschätzt bitte nicht, wie wertvoll ein Gemeinwesen in der Zukunft sein wird, Menschen, die nicht nur sich sehen, weil sie aufwachsen mit unterschiedlichen Perspektiven und diese tatsächlich erleben. Meine 6er freuen sich morgens in der Regel auf die Schule – weil es ein lebenswerter Ort geworden ist – voll kleiner Bürger. Davon mag man nicht jeden, aber sie haben gelernt, miteinander zu leben. Und es ist allemal besser als ihre Kindheit hinterm Gartenzaun, die sie am Nachmittag in Einsamkeit erleben.

Viele liebe Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 24: Alle Jungs sind hochbegabt!

Liebe Leser,

Hendriks Mama schreibt mir gerne E-Mails. Da bittet sie für ihren Sohn um dies und das, fragt sell und jenes nach, macht mir gerne Verbesserungsvorschläge und schlägt so manches Mal auch einen fordernden, vorwurfsvollen Ton an. Ihr kennt sie alle. Bei euch heißt sie Justus-Mama oder Cornelius-Mama oder Thore-Maximilian-Hanibal-Mama. Mit Helikopterflügeln umschlingt sie ihren Prinzen und macht ihn damit bewegungsunfähig, ohne das zu merken. Hendrik ist nicht organisiert, was natürlich daran liegt, dass wir in der Schule keinen ordentlichen Packplan herausgeben, mit dem Mama abends für Sohnemann die Schultasche packen kann. Hendrik meldet sich selten und traut sich nicht, frei von der Leber weg zu antworten, was natürlich auf keinen Fall damit zu tun hat, dass bis jetzt die Mama als Souffleuse dem kleinen Genie auf die Sprünge hilft und seine Äußerungen und Ansichten vorformuliert. Nein, wie komme ich denn dadrauf.

Schließlich ist Hendrik hochbegabt und einfach unterfordert.

An meiner Schule kümmere ich mich um einige Fördermöglichkeiten für hochbegabte Kinder. Es gibt da Stiftungen, Wettbewerbe, Begabtenprogramme. Bei einigen dieser Förderungen melde ich regelmäßig ausgewählte Schüler an. Selten bekommt man das Stipendium einfach so, da muss man schon was leisten und die Ansprüche sind hoch. Steckt ja schon drin in dem Wort HOCHBEGABUNG. Selten schafft es eines der von uns ausgewählten Kinder in diese Programme. Leider, es gibt zwar viele Möglichkeiten, aber dort dann wieder wenig Plätze.

Es ist gar nicht so leicht, hochbegabte Kinder zu finden. Nicht, weil nicht jedes hochbegabte Kind auffällt, nicht, weil der Begriff der Hochbegabung umstritten ist und unterschiedlich definiert werden kann, auch nicht, weil es ja noch den sogenannten Hochleister gibt, der auch bedacht werden will, sondern schlichtweg weil es gar nicht so viele hochbegabte Kinder gibt.

Zumindest an meiner Schule.

Es gibt in jeder Klasse die Hochleister, bei denen ich auch schaue, wie ich sie fördern kann, wenn ich die Klasse betreue. Es gibt viele sehr gute Schüler und talentierte junge Menschen, die an einem Gymnasium eigentlich goldrichtig sind und durch anspruchsvollen Unterricht und Eigeninitiative außerhalb der Schule sehr gut durch ihre Jugend kommen, aber hochbegabte Schüler gibt es eben nicht wie Sand am Meer.

Da ist das Mädchen, dass regelmäßig schlechte Noten schreibt, aber laut Testung einen IQ von 130 hat. Wow, denkt sich jeder. Hochbegabt. Wahnsinnig intelligent, würde ich erst einmal sagen und die dann Kollegen fragen, warum sie dann eigentlich solche durchschnittlichen Noten hat. Langweilt sie sich, ist sie unterfordert, wie können wir sie aus dem Loch holen? Und da heißt es: „Die ist selbst zu faul zum Vokabellernen.“ Wie soll ich ein solches Kind bei einem Föderprogramm unterbringen, was zuerst auf intrinsische Motivation setzt? Ein hoher IQ reicht nämlich noch nicht aus.

Aber immerhin haben wir hier wenigstens den überdurchschnittlichen IQ. Hendrik ist nicht getestet. Wir Lehrer sehen da keinen Grund. Hendrik ist intelligent, er passt aufs Gymnasium. Wenn seine Mama ihn endlich loslassen würde, könnte er vielleicht auch gute und sehr gute Noten erzielen, so dümpelt er halt eher im Durchschnitt herum. Aber diese Expertise braucht seine Mama gar nicht. Klar ist IHR Hendrik hochbegabt. Wie der mit LEGO baut!

Jetzt muss ich wirklich schmunzeln. Genau das erzählen mir mindestens 80% aller Jungen-Eltern. „Aber er baut so toll mit LEGO!“

Liebe Jungs-Eltern:

LEGO ist ein tolles Spielzeug. Es fördert räumliches Vorstellungsvermögen, bei ausreichender Anzahl an Bauteilen sicher auch Fantasie, es motiviert zum stundenlangen, konzentrierten Arbeiten. Ja, liebe Eltern, wir brauchen in Deutschland eine Menge guter Ingenieure und Facharbeiter jeglicher Couleur. Lasst eure Jungs also ruhig mit LEGO spielen.

Aber: fast jeder Junge in meiner Klasse baut stundenlang mit LEGO und bringt es infolgedessen auch zu beachtlichen Leistungen.  Es gibt einfach keinen unbedingten Zusammenhang zwischen LEGO-Bauen und Hochbegabung. So leid es mir tut, liebe Hendrik-Mama, liebe Justus-Mama. Lassen Sie Ihren Thore-Maximilian-Hanibal ruhig damit spielen und freuen sie sich über die Ruhe im Kinderzimmer. Freuen Sie sich, dass Cornelius Freude hat, eine schöne, behütete Kindheit.

Messen Sie ihr Kind aber nicht an einer solchen Fähigkeit – vor allem, wenn Sie keine Ahnung haben, was andere Kinder eigentlich imstande sind zu leisten. Vielleicht baut Tim viel schneller, Jonas kreativer, Mehmmet versucht sich schon an elektomechanischen Konstruktionen, Aladin programmiert kleine Apps und Alex hat schon zweimal Jugend-musiziert gewonnen und arbeitet gerade an seiner ersten Eigenkomposition.

Alles nette Kinder, alle begabt auf ihre Weise und geliebt von ihren Eltern. Warum muss dann Ihr Hendrik ausgerechnet hochbegabt sein, weil er so toll LEGO baut, aber weder im naturwissenschaftlichen Unterricht noch in Kunst besonders positiv auffällt? Haben Sie Ihr Kind auch ohne dieses Gütesiegel lieb?

Ich kann Ihnen also kein Förderstipendium anbieten, tut mir leid, auch wenn Sie so tun, als wären solche Programme allein für Hendrik geschaffen. Aber wie wär’s, kaufen Sie ihm doch einfach noch mehr LEGO. Er wird Freude daran haben.

 

Viele Grüße aus der Provinz von Ihrer Frau Henner

SW 23: Beamten-Wolf

Liebe Leser,

pro forma wird ein Lehrer zum Klassenlehrer und der andere zum Stellvertreter, da es in unseren Tagebüchern eben genau diese Kategorien gibt. Im letzten Zwei-Jahres-Zyklus war Wolf als Klassenlehrer eingetragen und ich seine Co, also ist es jetzt andersherum. Wie gesagt: pro forma. Denn eigentlich sollen wir uns als Team begreifen.

Team heißt definitiv nicht: einer macht die Arbeit und der andere verpisst sich. Als Wolf pro forma der Klassenchef war, habe ich wöchentlich kleine Sitzungen abgehalten – auf meine Initiative, mit ihm gemeinsam schwierige Elterngespräche geführt, war immer als Ansprechparner da, habe Aufgaben gesehen und erledigt. Grad die Mädchen sind mit ihrem Zickenkrieg eher zu mir gekommen, was für mich völlig in Ordnung war. Ihr ahnt sicher, was jetzt kommt. Recht habt ihr. Dieser Blogbeitrag hat keine originelle Wendung.

Wenn ich als Klassenchefin eingetragen bin, sehe ich von Wolf so gut wie nichts. Gibt es mal ein Problem, muss ich mich wortwörtlich auf die Suche nach ihm machen. Gilt es, ein paar Zettel auszuteilen, macht er das, keine Frage: wenn ich ihn drum bitte und die Zettel kopiert hinlege. Aber ansonsten wird er nur auf Anweisung aktiv, er sieht die Arbeit nicht von allein, geschweige denn dass er sie mal sucht oder sich zu einem Plausch über unsere Schäfchen zu mir setzt.

Nun könnte man sagen: faule Socke. Stimmt aber gar nicht. Er ist nicht faul, sondern einfach vollkommen durchtränkt von dieser Beamtenmentalität, über den sich der Rest der Nation so gerne lustig macht. Ich mache meinen Unterricht und im Grunde ist mir alles andere zuviel. Nein, es ist eine Zumutung!

Ob Elternsprechtag, Vorbereitung Schullandheim, Klassenrat, Klassenfest, eine zusätzliche Aufsicht, womöglich noch eine Vergleichsarbeit, die Abiturkorrekturen, die feststehenden Klausurtermine, das alles sind unverhältnismäßige Zumutungen, die man stöhnend entgegennimmt, um sich dann mit gleichgesinnten Kollegen jammernd zum Wundenlecken zu verkriechen. Oder zu verpissen, aus welcher Perspektive man das eben sieht.

Mit dieser Mentalität ist Wolf nicht allein, aber zum Glück ist er nicht intrigant wie manch anderer Kollege. Wolf wird nur pampig, wenn er sich überfordert fühlt. Leider ist diese Schwelle enorm niedrig. Schon eine unverhoffte Raumänderung kann Stress bei ihm auslösen. Leute, eine Raumänderung! Dann trollt er sich grimmig in sein Schneckenhaus zurück und pflaumt unterwegs noch Frau Hanswurst an, die sowieso immer Schuld an allem hat. Theatralisch rollt er mit den Augen, wenn sie das Lehrerzimmer betritt. Er bekommt dann rote Flecken am Hals und beginnt zu schwitzen. Was falsche Chemie so alles auslösen kann…

Kollegen wie Wolf gibt es vermutlich an jeder Schule, deshalb schreibe ich über ihn. Er ist bei uns nur einer von vielen. Ein paar davon kann eine Schule ertragen, aber ein Staat ist mit denen nicht zu machen. Und ausgerechnet er und ich sind ein Team – ‚tschuldigung, er ist ja nur der Stellvertreter, steht schließlich so im Tagebuch.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner