SW 24: Alle Jungs sind hochbegabt!

Liebe Leser,

Hendriks Mama schreibt mir gerne E-Mails. Da bittet sie für ihren Sohn um dies und das, fragt sell und jenes nach, macht mir gerne Verbesserungsvorschläge und schlägt so manches Mal auch einen fordernden, vorwurfsvollen Ton an. Ihr kennt sie alle. Bei euch heißt sie Justus-Mama oder Cornelius-Mama oder Thore-Maximilian-Hanibal-Mama. Mit Helikopterflügeln umschlingt sie ihren Prinzen und macht ihn damit bewegungsunfähig, ohne das zu merken. Hendrik ist nicht organisiert, was natürlich daran liegt, dass wir in der Schule keinen ordentlichen Packplan herausgeben, mit dem Mama abends für Sohnemann die Schultasche packen kann. Hendrik meldet sich selten und traut sich nicht, frei von der Leber weg zu antworten, was natürlich auf keinen Fall damit zu tun hat, dass bis jetzt die Mama als Souffleuse dem kleinen Genie auf die Sprünge hilft und seine Äußerungen und Ansichten vorformuliert. Nein, wie komme ich denn dadrauf.

Schließlich ist Hendrik hochbegabt und einfach unterfordert.

An meiner Schule kümmere ich mich um einige Fördermöglichkeiten für hochbegabte Kinder. Es gibt da Stiftungen, Wettbewerbe, Begabtenprogramme. Bei einigen dieser Förderungen melde ich regelmäßig ausgewählte Schüler an. Selten bekommt man das Stipendium einfach so, da muss man schon was leisten und die Ansprüche sind hoch. Steckt ja schon drin in dem Wort HOCHBEGABUNG. Selten schafft es eines der von uns ausgewählten Kinder in diese Programme. Leider, es gibt zwar viele Möglichkeiten, aber dort dann wieder wenig Plätze.

Es ist gar nicht so leicht, hochbegabte Kinder zu finden. Nicht, weil nicht jedes hochbegabte Kind auffällt, nicht, weil der Begriff der Hochbegabung umstritten ist und unterschiedlich definiert werden kann, auch nicht, weil es ja noch den sogenannten Hochleister gibt, der auch bedacht werden will, sondern schlichtweg weil es gar nicht so viele hochbegabte Kinder gibt.

Zumindest an meiner Schule.

Es gibt in jeder Klasse die Hochleister, bei denen ich auch schaue, wie ich sie fördern kann, wenn ich die Klasse betreue. Es gibt viele sehr gute Schüler und talentierte junge Menschen, die an einem Gymnasium eigentlich goldrichtig sind und durch anspruchsvollen Unterricht und Eigeninitiative außerhalb der Schule sehr gut durch ihre Jugend kommen, aber hochbegabte Schüler gibt es eben nicht wie Sand am Meer.

Da ist das Mädchen, dass regelmäßig schlechte Noten schreibt, aber laut Testung einen IQ von 130 hat. Wow, denkt sich jeder. Hochbegabt. Wahnsinnig intelligent, würde ich erst einmal sagen und die dann Kollegen fragen, warum sie dann eigentlich solche durchschnittlichen Noten hat. Langweilt sie sich, ist sie unterfordert, wie können wir sie aus dem Loch holen? Und da heißt es: „Die ist selbst zu faul zum Vokabellernen.“ Wie soll ich ein solches Kind bei einem Föderprogramm unterbringen, was zuerst auf intrinsische Motivation setzt? Ein hoher IQ reicht nämlich noch nicht aus.

Aber immerhin haben wir hier wenigstens den überdurchschnittlichen IQ. Hendrik ist nicht getestet. Wir Lehrer sehen da keinen Grund. Hendrik ist intelligent, er passt aufs Gymnasium. Wenn seine Mama ihn endlich loslassen würde, könnte er vielleicht auch gute und sehr gute Noten erzielen, so dümpelt er halt eher im Durchschnitt herum. Aber diese Expertise braucht seine Mama gar nicht. Klar ist IHR Hendrik hochbegabt. Wie der mit LEGO baut!

Jetzt muss ich wirklich schmunzeln. Genau das erzählen mir mindestens 80% aller Jungen-Eltern. „Aber er baut so toll mit LEGO!“

Liebe Jungs-Eltern:

LEGO ist ein tolles Spielzeug. Es fördert räumliches Vorstellungsvermögen, bei ausreichender Anzahl an Bauteilen sicher auch Fantasie, es motiviert zum stundenlangen, konzentrierten Arbeiten. Ja, liebe Eltern, wir brauchen in Deutschland eine Menge guter Ingenieure und Facharbeiter jeglicher Couleur. Lasst eure Jungs also ruhig mit LEGO spielen.

Aber: fast jeder Junge in meiner Klasse baut stundenlang mit LEGO und bringt es infolgedessen auch zu beachtlichen Leistungen.  Es gibt einfach keinen unbedingten Zusammenhang zwischen LEGO-Bauen und Hochbegabung. So leid es mir tut, liebe Hendrik-Mama, liebe Justus-Mama. Lassen Sie Ihren Thore-Maximilian-Hanibal ruhig damit spielen und freuen sie sich über die Ruhe im Kinderzimmer. Freuen Sie sich, dass Cornelius Freude hat, eine schöne, behütete Kindheit.

Messen Sie ihr Kind aber nicht an einer solchen Fähigkeit – vor allem, wenn Sie keine Ahnung haben, was andere Kinder eigentlich imstande sind zu leisten. Vielleicht baut Tim viel schneller, Jonas kreativer, Mehmmet versucht sich schon an elektomechanischen Konstruktionen, Aladin programmiert kleine Apps und Alex hat schon zweimal Jugend-musiziert gewonnen und arbeitet gerade an seiner ersten Eigenkomposition.

Alles nette Kinder, alle begabt auf ihre Weise und geliebt von ihren Eltern. Warum muss dann Ihr Hendrik ausgerechnet hochbegabt sein, weil er so toll LEGO baut, aber weder im naturwissenschaftlichen Unterricht noch in Kunst besonders positiv auffällt? Haben Sie Ihr Kind auch ohne dieses Gütesiegel lieb?

Ich kann Ihnen also kein Förderstipendium anbieten, tut mir leid, auch wenn Sie so tun, als wären solche Programme allein für Hendrik geschaffen. Aber wie wär’s, kaufen Sie ihm doch einfach noch mehr LEGO. Er wird Freude daran haben.

 

Viele Grüße aus der Provinz von Ihrer Frau Henner

SW 23: Beamten-Wolf

Liebe Leser,

pro forma wird ein Lehrer zum Klassenlehrer und der andere zum Stellvertreter, da es in unseren Tagebüchern eben genau diese Kategorien gibt. Im letzten Zwei-Jahres-Zyklus war Wolf als Klassenlehrer eingetragen und ich seine Co, also ist es jetzt andersherum. Wie gesagt: pro forma. Denn eigentlich sollen wir uns als Team begreifen.

Team heißt definitiv nicht: einer macht die Arbeit und der andere verpisst sich. Als Wolf pro forma der Klassenchef war, habe ich wöchentlich kleine Sitzungen abgehalten – auf meine Initiative, mit ihm gemeinsam schwierige Elterngespräche geführt, war immer als Ansprechparner da, habe Aufgaben gesehen und erledigt. Grad die Mädchen sind mit ihrem Zickenkrieg eher zu mir gekommen, was für mich völlig in Ordnung war. Ihr ahnt sicher, was jetzt kommt. Recht habt ihr. Dieser Blogbeitrag hat keine originelle Wendung.

Wenn ich als Klassenchefin eingetragen bin, sehe ich von Wolf so gut wie nichts. Gibt es mal ein Problem, muss ich mich wortwörtlich auf die Suche nach ihm machen. Gilt es, ein paar Zettel auszuteilen, macht er das, keine Frage: wenn ich ihn drum bitte und die Zettel kopiert hinlege. Aber ansonsten wird er nur auf Anweisung aktiv, er sieht die Arbeit nicht von allein, geschweige denn dass er sie mal sucht oder sich zu einem Plausch über unsere Schäfchen zu mir setzt.

Nun könnte man sagen: faule Socke. Stimmt aber gar nicht. Er ist nicht faul, sondern einfach vollkommen durchtränkt von dieser Beamtenmentalität, über den sich der Rest der Nation so gerne lustig macht. Ich mache meinen Unterricht und im Grunde ist mir alles andere zuviel. Nein, es ist eine Zumutung!

Ob Elternsprechtag, Vorbereitung Schullandheim, Klassenrat, Klassenfest, eine zusätzliche Aufsicht, womöglich noch eine Vergleichsarbeit, die Abiturkorrekturen, die feststehenden Klausurtermine, das alles sind unverhältnismäßige Zumutungen, die man stöhnend entgegennimmt, um sich dann mit gleichgesinnten Kollegen jammernd zum Wundenlecken zu verkriechen. Oder zu verpissen, aus welcher Perspektive man das eben sieht.

Mit dieser Mentalität ist Wolf nicht allein, aber zum Glück ist er nicht intrigant wie manch anderer Kollege. Wolf wird nur pampig, wenn er sich überfordert fühlt. Leider ist diese Schwelle enorm niedrig. Schon eine unverhoffte Raumänderung kann Stress bei ihm auslösen. Leute, eine Raumänderung! Dann trollt er sich grimmig in sein Schneckenhaus zurück und pflaumt unterwegs noch Frau Hanswurst an, die sowieso immer Schuld an allem hat. Theatralisch rollt er mit den Augen, wenn sie das Lehrerzimmer betritt. Er bekommt dann rote Flecken am Hals und beginnt zu schwitzen. Was falsche Chemie so alles auslösen kann…

Kollegen wie Wolf gibt es vermutlich an jeder Schule, deshalb schreibe ich über ihn. Er ist bei uns nur einer von vielen. Ein paar davon kann eine Schule ertragen, aber ein Staat ist mit denen nicht zu machen. Und ausgerechnet er und ich sind ein Team – ‚tschuldigung, er ist ja nur der Stellvertreter, steht schließlich so im Tagebuch.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 22: Blickkontakt

Liebe Leser,

heute wage ich mich an ein heikles Thema. Denn da ist dieser Schüler. Ich mag ihn. Er ist in der Oberstufe, sieht ganz gut aus, ist schlau, höflich, nicht mainstream, sondern eher ein bisschen Außenseiter, ohne ein Nerd zu sein. ABER ich mag ihn nicht mehr als andere nette Schüler – und da gibt es in meiner Oberstufe ein Menge liebenswerter Menschen.

Mit diesem Schüler ist allerdings etwas anderes. Er sitzt in der ersten Reihe und er schaut mich zu lange an. Manchmal, ganz unvermittelt fängt er im Unterricht meinen Blick und guckt mich einfach an. Er lächelt nicht, er schaut auf eine seltsam intensive Art.

Und ich gucke zurück. Schließlich kann ich nicht schamvoll den Blick senken. Da ist keine Scham. Ich muss mich nicht verstecken. Natürlich zwinkere ich ihm nicht zu oder mache irgend etwas Zweideutiges. Ich versuche, genau so zu gucken, wie ich auch andere Schüler anschaue: mit offenem, meist freundlichem Blick. Und er guckt weiter zurück. Noch eine Sekunde und noch eine und noch eine…

Mit keinem anderen Schüler habe ich einen solchen Blickkontakt. Schließlich gibt es in jeder Gesellschaft dafür Regeln. Wer blickt wen wie lange an, bis der andere wegguckt. Schüler gucken in der Regel schnell weg oder lächeln einen freudig an. Lange Blicke bedeuten etwas, tiefe meist etwas Erotisches.

Läuft da was?

Nö, kann ich nicht behaupten. Da knistert nichts. Und ich denke schon, dass ich eine Antenne dafür hätte. Warum guckt er dann so? Merkwürdigerweise beachtet er mich im Schulhaus gar nicht weiter, grüßt normal wie jeder andere Schüler, den ich unterrichte. Warum dann im Unterricht? Da schon wieder! Alle Schüler schreiben etwas, er schaut mich an. Die Sekunden verstreichen. Er lässt sich Zeit.

In meinem Alter – hüstel, hüstel – kann ich ganz gelassen bleiben und sogar lächeln. Hach, jetzt hat er sogar zurückgelächelt und schreibt wie alle anderen. Es sind doch die kleinen Momente, die einen Tag bedeutsam machen können.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Fastnacht – Zeit, über den Tellerrand hinauszuschauen – Die Gedanken sind frei!

Liebe Leser,

nach dem letzten Schneesturm genießen wir alle die kräftigen Sonnenstrahlen im Garten. Ich blättere in alten GEOs. Eigentlich wollte ich mich absolut nicht mit Schule beschäftigen, nein, da gibt es momentan zu viele Baustellen in meinem Kopf, der denkt nämlich in letzter Zeit auch manchmal einfach nachts weiter, obwohl ich das gar nicht will! Aber dieser eine kleine Artikel mit dem großen Aufmacher „Digital macht schlau!“ kann doch nicht schaden. Also überfliege ich ihn. Mich regt tatsächlich nichts mehr auf, auch nicht, wenn soviel Dummheit zusammenkommt wie in diesen Zeilen.

Dabei habe ich gar nichts gegen neue Medien. Ihr wisst ja, ich nehme Hörspiele auf, drehe Filmchen mit den Schülern, habe ihnen neulich im Computerraum gezeigt, dass jeder ein anderes Suchergebnis bei google bekommt, selbst wenn wir alle unisono den gleichen Suchbegriff eingeben, neulich habe ich sie kostenlose Lernsoftware ausprobieren lassen… ich muss mich, glaube ich, nicht zum alten Eisen zählen und auch nicht rechtfertigen.

Aber eines überlege ich immer: ist mein Medieneinsatz sinnvoll, was sollen die Kinder eigentlich lernen dabei, was nehmen sie aus dem Umgang mit dem Medium mit? Klar, Kinder müssen ein digitales Gerät anschalten können, sie sollten erkennen, welche Möglichkeiten darin stecken, und genauso merken, wenn sie auf Grenzen stoßen, was unumstritten das Schwierigste ist. Und das  alles ist nicht wenig – das ist ein lebenslanger Lernprozess, der von uns und den Eltern lediglich initiiert werden kann. Denn er ist ein Lernprozess neben vielen anderen.

Na, dann mal los, immerhin heißt der Untertitel des Artikels „So nutzen Eltern und Lehrer die neuen Chancen“. Frau Henner will was lernen.

Die Eingangsbeispiele geben schon die Richtung des ganzen Artikels vor. Beispiel eins ist die niederländische Digitalis-Schule, in der Kinder an iPads ganz individuell Aufgaben bearbeiten. Die Eltern können in den Urlaub fahren, wann sie wollen, denn es gibt keinen Unterricht mehr, da jedes Kind in seinem Tempo seinen Lernstoff bearbeitet. Der Autor ist sichtlich beeindruckt. Beispiel zwei kontrastiert die von ihm selbst erlebte Wirklichkeit seiner Tochter, die für teures Geld Englisch-Wörterbücher kaufen soll. Überhaupt sei die Schultasche viel zu schwer, voll unnötiger Bücher, wo das Kind doch übers Smartphone mit dem größten Lexikon der Menschheitsgeschichte – wikipedia – verbunden sei. Spätestens jetzt hätte ich den Artikel weglegen sollen. Hier werden Ebenen verwechselt, Schlussfolgerungen ohne innere Logik gezogen und im Großen und Ganzen sehr plakativ, wenn nicht schon demagogisch gearbeitet. Aber ich lese weiter, ist ja schließlich ein GEO-Artikel.

Der Autor sieht im Bildungsziel der Schule vorrangig, und er beruft sich dabei nebulös auf „Bildungsforscher“, Fähigkeiten für das 21. Jahrhundert. „Dazu bedarf es Informationskompetenz, also der Fähigkeit, in einem bunten Bilderstrom Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.“ Wer kann da schon etwas dagegen sagen?!

Ich.

Ohne Ausrufezeichen.

Eingangs berichtet der Autor begeistert von einer Schule, in der alles bis auf das iPad abgeschafft wurde, regt sich dann über klassische Medien wie Bücher auf (Über deren Gewicht sich in der Tat streiten lässt. Hätte die Lehrerin der Tochter die digitale Version empfohlen, wäre aber der Aufreger nicht vorhanden…), um dann zu konstatieren, das Wichtigste, das Schüler lernen müssten, wäre die Fähigkeit, Informationen aus dem Netz ordnen und bewerten zu können. Sieht der Autor den Fehler in seiner Argumentation nicht?

Wie soll ich eine Information einordnen, wenn ich kein abgesichertes System habe, in die ich die Information stecken kann? Wie soll ich eine Information bewerten, wenn ich gar nicht über genügend Grundwissen verfüge, das mir dies überhaupt erst ermöglicht, über einen normativen Rahmen, den ich mir nicht aus Fakten zusammenbasteln kann? Wieso geht es nur um Informationen? Bin ich als Mensch des 21. Jahrhunderts nur noch eine Wissensabrufmaschine? Was nutzt mir ein bloßer Fakt aus Wikipedia, wenn ich ihn nicht selbst in Zusammenhänge setzen kann? Und kann meine Basis dafür allein und wiederum ein digitales Medium sein? Was machen denn die Leute bloß mit dem vielen verfügbaren Wikipedia-Wissen?

Ganz ehrlich, ich bin froh, dass meine Tochter Lucy inzwischen viele andere Kompetenzen in der Schule erworben hat, mit denen sie hoffentlich gut durch das 21. Jahrhundert kommen wird. Ihr Denken ist so flüssig geworden, ihr Gedächtnis immer im Training, ihre Sicht inzwischen multiperspektifisch und sie hat eine gesunde, kritische, pazifistische Lebenseinstellung erworben. Solche Menschen braucht das 21. Jahrhundert. Und nebenbei, Lucy ist schlau genug, sich das Bedienen eines digitalen Mediums rasch anzueignen, da habe ich keine Sorgen. Ich habe überhaupt keine Angst um Lucy – obwohl sie immer noch kein Smartphone besitzt. Lucy ist ungemein interessiert an vielen Dingen, manchmal surft sie übers Tablet, aber da dies ein Freizeitgerät bei Jugendlichen ist, schaut sie dort vorrangig die neusten Informationen über ihre Stars an. Soll sie, das ist in Ordnung.

Lucy liest ansonsten nämlich eine Menge. Sie verschlingt Bücher, dicke Fantasy-Romane, düstere Zukunfstszenarien, Sachbücher über Tiere, Geschichte, den Menschen, Zeitschriften wie National Geographic oder eben die GEO, von denen man fundiert recherchierte Artikel erwartet. Eigentlich. Wenn Lucy etwas irritiert, spricht sie mit uns darüber. Um ein solches Mädchen geht es auch in einem der nächsten Abschnitte des Artikels, den muss ich euch zitieren:

„Burn, 60, war 24 Jahre lang Lehrer und lehrt heute als Professor am London Knowledge Lab, einem Institut zur Erforschung digitaler Medien in der Bildung. In einer englischen Schule befragte er Sechstklässler zu Harry Potter und filmte die Interviews. „Hier, dass ist die typische Leserin“, sagt er und zeigt ein Mädchen, das mit leuchtenden Augen referiert, „sie zitiert das Buch wörtlich. Aber er hier, dieser Junge kennt das Buch überhaupt nicht. Ich glaube, das ist so einer, der in seine Schulbücher aus Langeweile Monster zeichnet.“ Der Junge erzählt stattdessen vom Harry-Potter-Computerspiel. „Das Mädchen bekäme wahrscheinlich eine Eins, der Junge höchstens eine Vier“, sagt Burns, „Doch das ist ungerecht: Der Junge besitzt eine herausragende Spiele-Bildung. Er kann genau erklären, warum er Harry Potter nicht leiden kann – Schoßhündchen des Lehrers nennt er ihn – und welche dramaturgischen Lücken das Spiel hat.“ Computerspiele verbinden Geschichte, Architektur, Musik, Fotografie und Videos; sie können die Komplexität eines Gesellschaftsromans haben und verlangen ein tiefes Verständnin multimedialer Verknüpfungen, sagt Burn „Diese Fähigkeiten werden in der Schule aber nicht abgefragt, im Gegenteil, sie werden negativ bewertet.“ Dabei könnten diese Kenntnisse im Jahr 2020 Gold wert sein – etwa, wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter in Computersimulationen schulen, wie bei Piloten und beim Militär längst üblich.“

Soviel Schwachfug habe ich lange nicht gehört. Ich zähle einmal recht wahllos und sicher nicht vollständig auf, welche Fehlschlüsse oder falschen Behauptungen in diesem Absatz vorliegen:

  • Das lesende Mädchen wird abfällig bewertet und ihr wird ohne jegliche Grundlage die Fähigkeit abgesprochen, sich ebenso wie der Junge durch die Komplexität eines Computerspiels arbeiten zu können.
  • Burns glaubt, der Junge male aus Langeweile Monster in sein Schulbuch. Glauben hat in der Wissenschaft keinen Platz und führt hier zu keinem sinnvollen Ergebnis, außer dass der Leser den armen, missverstandenen Jungen bedauern soll. Ursachenforschung sieht anders aus.
  • Für welche Leistung soll das Mädchen eine Eins bekommen und der Junge eine Vier? Diese Aussage hat keinerlei Grundlage.
  • Das Wort „ungerecht“ hat dort ebenfalls nichts zu suchen, denn eine Leistung zu bewerten hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun – zuallererst braucht es Kriterien, nach denen die Bewertung vorgenommen wird. Die Bewertung ist dann lediglich das Einordnen nach der Erfüllung ebendieser Kriterien. Das sollte ein Wissenschaftler eigentlich wissen. Aber solange er uns seine Kriterien nicht nennt, bleiben alle seine Aussagen im luftleeren Raum.
  • Als Beispiel führt Burn dann das nebulöse Wort Spiele-Bildung ein und besteht auf der Komplexität von Computerspielen. Sei es drum, nehmen wir dies mal als gegeben an – dies zu diskutieren, wäre ein ganz neues Thema – wenn der Junge an seinem Spiel sich tatsächlich eine große Kompetenz im Umgang mit Komplexität erwirbt, wo ist dann eigentlich das Problem? Er müsste das doch genauso auf andere Inhalte übertragen können wie das Mädchen sein Komplexitätswissen aus Harry Potter. Es stimmt einfach nicht, dass die Schule den Umgang mit Komplexität nicht honoriert. Sie macht es nur nicht am Beispiel eines Harry-Potter-Spiels, genausowenig wie am Jugendroman selbst. Auch das lesende Mädchen muss seine erworbenen Fähigkeiten an anderen Inhalten, Zusammenhängen unter Beweis stellen.

Der Burn-Absatz gipfelt in folgender Schwarz-Weiß-Malerei, die vom Autor nicht hinterfragt wird. „Romane galten früher als trivial, und Lesen ist eine sehr antisoziale Angelegenheit“, sagt Andrew Burn, „Spiele können dagegen sehr kommunikativ sein.“ Kein Kommentar von meiner Seite.

Der Autor scheint keine guten Erfahrungen mit der Schule gemacht zu haben, denn wenn er von der „klassischen“ Schule spricht, meint er „muffige Lernanstalten“. Also kommt ihm zum Abschluss seiner Ausführungen die Aussage Christoph Meinels vom HPI sehr entgegen:

„Heute geht es nicht mehr darum, dass die Oma an ihrem 70. Geburtstag ein Gedicht aufsagen kann, dass sie als Kind in der Schule gelernt hat. Lernen ändert sich. Heute müssen Massen von Informationen konsumiert werden, aber Wissen muss nicht solange vorhalten wie früher.“

In diesem Sinne, vergessen wir diesen Artikel lieber gleich wieder! Was haben die Menschen bloß für ein Bild von Schule? Als ob ich jedem meiner Schüler einen Trichter in den Kopf stecke und dann Fakten hineinschütte! Und weil es heute zu viele Fakten gibt, lassen wir das lieber ganz… hä? Wann waren diese Menschen das letzte Mal in einem normalen, aber modernen Schule? In einem Unterricht wie meinem, in dem Frau Henner vorne manchmal erklärt, tanzt, singt und lacht, die Kinder schreiben, lesen, nachdenken, streiten, diskutieren, ihr Gedächtnis auch mal durch Auswendiglernen trainieren, Frau Henner nacheifern wollen, sie sicher manchmal auch total doof finden und das Leben ungerecht, wo sie in einen Wettstreit gegeneinander treten, wo sie miteinander Projekte bearbeiten, wo sie lachen und weinen – wo sie leben. Und manchmal auch einen Dialog mit dem Tablet aufnehmen, Standbilder fotografieren oder eine bestimmte Sache kontrolliert im Internet recherchieren.

Auch wenn bei uns nicht alles so gut strukturiert, sauber und leise wie in der Digitalis-Schule abläuft, bin ich mir sicher, dass Lucy lieber in unsere Schule geht. Da kann sie auch mal fünf Minuten abhängen und keiner kriegt das mit, kein Computer überwacht jeden ihrer Schritte, sie wird nicht für andere gläsern. Wenn Lucy mal fünf Minuten abhängt, streifen ihre Gedanken zu den vielen Figuren aus den Büchern, die sie liest. Soll sie, Lucy ist ein junger Mensch mit viel Fantasie und Träumen. (Nebenbei- Lucy spielt sogar Computerspiele und redet mit mir über ihre Bücher.) Sie wird erwachsen werden in einer digitalisierten Welt. Lassen wir ihr ihren Freiraum. Es gibt da dieses schöne, alte, deutsche Lied: Die Gedanken sind frei! Na, wer weiß den Text noch und muss ihn nicht erst googeln?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

 

 

 

SW 21: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Liebe Leser,

morgen haben wir frei, da wird mit viel Alkohol und noch mehr Alkohol die Fastnacht gefeiert. Dementsprechend fröhlich geht es heute an den Bussen zu. Alle Schüler scheinen gleichzeitig aus zu haben. Und Frau Henner steht zwischen dem munter schnatternden Volk und passt auf.

Blöd für die Eltern, die gerne mit den SUVs gleich in den Busbuchten auf ihre Schützlinge warten wollten. Brav stellen sie sich trotzdem möglichst nah und deshalb idiotisch gegenüber auf – damit die blind herzulaufenden Kinder schön vor den einfahrenden Bus laufen und die Busfahrer, die Slalom fahren müssen, natürlich freundlich und aufmerksam bleiben, auf keinen Fall genervt! Das sind die wahren Momente des Lehrerlebens.

Plötzlich steht ein Mann vor mir und fragt allen Ernstes: „Haben Sie meine Tochter gesehen?“

Äh? Wieviel hundert Mädchen stehen um mich herum? Frau Henner lächelt milde: „Ich weiß gar nicht, wer Ihre Tochter ist.“

„Die Amelie Schäfer aus der 5b!“

Ach so, dass ich da nicht gleich darauf gekommen bin.

„Tut mir leid, ich unterrichte keine Fünfer…“, will ich sagen, da durchfährt mich der Blitz der Genialität. Dieser Mann, der so verpeilt ist, keine Perspektive wechseln kann und sich höchstwahrscheinlich für den Nabel der Welt hält, kann eigentlich nur ein Kind gleichen Kalibers zeugen. Biolehrer bitte weghören! Und wer fällt mir bei der Busaufsicht jede Woche von Neuem als verpeilt und egozentriert auf?  Ja, dieses kleine Mädchen, strohblond mit Zöpfchen und einer dicken schwarzen Brille.

Also frage ich den Vater: „Warten Sie, Ihre Tochter, ist das so eine Kleine mit Brille und blonden Zöpfen?“

„Ja, das ist meine Amelie“, erwidert der stolze Vater, der die Genialität meiner Schlussfolgerung nicht würdigt.

„Nun, die habe ich heute noch nicht gesehen“, antworte ich und verkneife mir: „Vielleicht steht sie mal wieder an der falschen Haltestelle oder ist noch mal reingerannt, weil sie ihr Mäppchen liegen lassen hat oder sich noch schnell ein Taschentuch auf der Mädchentoilette holen will, und heult dann, weil der Bus nicht gekommen sei, sonst habe sie ihn ja sehen müssen und überhaupt, warum kümmert sich die Welt nicht um Amelie Schäfer?!“

Die Busse fahren ein und nehmen das Schnattervolk mit. Der Vater steht immer noch da und fragt weiter: „Wo könnte meine Tochter denn sein?“

Hm, lassen Sie mich mal überlegen, ich muss als Lehrer nur meinen Röntgenblick aktivieren… „Vielleicht noch in der Schule?“, vermute ich. Ich würde es ja immer erst mit dem Naheliegenden probieren. Die Schule, das ist das große Gebäude da… Ich begleite den Papa lieber zum Schulhaus. Und wer kommt uns entgegengelaufen?

Amelie Schäfer aus der 5b, deren Namen ich jetzt kenne. Gut, dass der Papa sie abholt, denn die Busse sind längst weg. Überflüssig zu erwähnen, dass hier niemand danke sagt, weder Amelie zum Papa, noch der Papa zu mir. Auch nicht „Schönes Wochenende“ oder so, warum auch…

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner und schöne Fastnacht, schönen Fasching, Karneval oder wie das bei euch so heißt…

SW 20: Politikum oder der Untergang des Abendlandes

Liebe Leser,

seltsam ruhig bleibe ich, als ich den neusten Dorfklatsch erfahre. Auch als ich mich pflichtbewusst ans Internet setze und verifiziere, bleibe ich ruhig, selbst wenn ich dort Dinge erfahre, die mich schockieren müssten. Ich bin nicht glücklich über das, was ich lese, aber meine Emotion erreicht es nicht. Ich überschlage, wie sich meine private Situation im nächsten Jahr verändern wird. Das schaffe ich schon irgendwie, muss ja geh’n. Als ich am Abend Herrn Henner davon berichte, guckt er mich an und sagt: „Erzähl bloß nicht weiter, da wird mir schlecht, ich will das gar nicht wissen. Das ist der Untergang des Abendlandes!“

Sonjas Mama, die mich überhaupt auf den Trichter gebracht hat, hat es so formuliert: „Das geht gar nicht!“ Meine Mutter, mit der ich am Nachmittag lange über dieses Thema gesprochen habe, sagte immer wieder: „Das kann ich gar nicht glauben, dass es das in Deutschland gibt. Das kann doch nicht erlaubt sein!“

Dunkel erinnere ich mich an eine Fernsehsendung, in der über eine Grundschule berichtet wurde, in der die Schüler sich alles selbst beibringen und die dafür einen der vielen Schulpreise erhalten hat. Unser Dorf hat also ab nächstes Jahr enorme Chancen, auch endlich mal in den Medien präsent zu sein – denn wir werden Bildungstrendsetter!

Unsere Grundschule soll über die Sommerferien komplett umgebaut werden – nicht das Gebäude (Schön wär’s!), nein das System. Es wird keinen klassischen, schlechten Deutsch- und Matheunterricht mehr geben (Ihr wisst schon – Frontalunterricht buhen die Medien, obwohl seit vielen Jahren moderner, differenzierter Unterricht in Grundschulen stattfindet), nein, selbst das Lesen und Schreiben werden sich die neuen, schlauen, motivierten Erstklässler größtenteils selbst beibringen. Die ersten zwei Schulstunden arbeitet jedes Kind allein individuell an Arbeitsblättern, die die Kinder sich , weil sie das so gut schon können, ganz nach ihrem eigenen reflektierten Bildungsniveau aus einem Regal zusammenstellen die von der Lehrerin nach dem Leistungsniveau des Kindes zusammengestellt werden. Zuerst reflektiert das Kind: Wo stehe ich? Was kann ich? Was möchte ich gerne können? Dann geht es zum Regal und sucht sich das entsprechende Material heraus setzt sich an seinen Platz und füllt das entsprechende Arbeitsblatt aus. Hat das Kind dabei Probleme, erklärt die Lehrerin nichts, sondern gibt Impulse, damit das Kind von selbst auf die Lösung des Problems kommt. Das wäre ja ansonsten der böse, böse Trichter, den man den Kindern in den Kopf steckt und das will ja keiner. Wir wissen ja alle, dass man so niemals im Leben etwas lernt. Trichter sind absolut verboten. Sehr ungesund. Die Lehrerin gibt also jedem der fünfundzwanzig Kinder zum rechten Zeitpunkt den richtigen Impuls und dann flutscht die Erkenntnis wie von allein hinein. Sie hat ja auch voll den Überblick. In der Schulpreisschule waren pro kleiner Lerngruppe zwei Lehrer anwesend – aber darauf kommt es wohl doch nicht an. Lehrer sind ja keine Lehrer mehr, darf man auch nicht mehr so nennen. Sie heißen also auch in unserer neuen Grundschule Lerncoaches oder Lernbegleiter. Und Coaches sind ja per se besser und können fünfundzwanzig Kinder allein bewältigen, auch wenn jeder tatsächlich etwas anderes macht. Wow!

Keinem Kind soll vorgeschrieben werden, was es lernt, wie lange es etwas übt oder wie es sich in der Gemeinschaft zu verhalten hat. Das muss kann das Kind allein entscheiden. Denn nur, was es selbst lernen will, lernt es auch. Sonjas Mama erzählt, dass das Material übrigens aus Kopien der üblichen Lehrbücher besteht. In der Schulpreisschule waren es ganze Räume voll anregendem Materiel, etwas hochtrabend Forscherboxen und Labore genannt. Für unser popeliges Dorf reichen olle Kopien im Sammelordner. Sehr motivierend. Ab sofort wieder Lernen in schwarz-weiß.

Die Nebenfächer werden dann am späten Vormittag im Klassenverband unterrichtet und dabei kommen auch endlich andere Sozialformen zum Einsatz. Dann will man die Kinder zu Gemeinwesen erziehen. Kinder können das gut trennen. Jedes Kind ist schließlich begabt, jedes Kind will lernen. Sonjas Mama schluckt: „Und wenn mein Kind keine Lust auf Mathe hat?“ „Dann reden wir mit dem Kind und versuchen die Ursachen herauszufinden“, versucht die Grundschullehrerin zu beschwichtigen, die für die Kooperation mit den Eltern zuständig ist. Sonjas Mama ist nicht überzeugt. „Ich könnte dann in der Folgewoche ihrer Tochter nur Mathearbeitsblätter bereit stellen…“, schlägt die Lehrerin vor. Jetzt ist Sonjas Mama vollends verwirrt: „Aber dann ist es ja wie früher, warum sagen Sie dann nicht gleich, jetzt machen wir Mathe!?“ „Wenn wir Kinder zum Lernen zwingen, lernen sie nichts.“ Der Lehrer ist immer der Böse.  Lernbegleiter sind die Guten. Andere Mütter überlegen krampfhaft, wie Arbeitsblätter gestaltet sind für Kinder, die noch nicht lesen können, die ihnen aber das Lesen beibringen sollen.

Was geht mich das alles an? Mal abgesehen davon, dass wir dann in viereinhalb Jahren Kinder am Gymnasium haben, die noch nie eine Klassenarbeit zu einem festgelegten Zeitpunkt geschrieben haben – denn jedes Kind kann selbst entscheiden, wann es die Arbeit schreibt und wie oft und wieviel Zeit es dafür haben möchte, betrifft es mich auch persönlich. Denn da ist der kleine Leo.

Leo gehört inzwischen zu unserer Familie, wir verbringen Zeit miteinander, ich kümmere mich um sein Fortkommen, seine Bildung – mehr erfahrt ihr nicht, das muss reichen. Leo wird nächstes Jahr eingeschult und nun ahnt ihr, was das für mich bedeutet. Meine Nachmittage werden ich jetzt nicht mit einfacher Hausaufgabenbetreuung zubringen , wie ich mir das vorgestellt habe (Erwachsene schnippelt Gemüse fürs Mittagessen, Kind sitzt am Küchentisch und rechnet mal eben die zwei Reihen aus dem Mathebuch runter und wird ab und zu vom Träumen abgehalten), weil ich es von Lucy so kannte, nein, ich werde Leo höchstwahrscheinlich Lesen und Schreiben beibringen, Mathe erklären, Rechnen üben, die Grundregeln der deutschen Rechtschreibung erläutern, denn auf letzteres legt man in der neuen Grundschule keinen Schwerpunkt. Geht das vielleicht nicht so gut über Arbeitsblätter? Sonjas Mama erklärt: „Also die Kinder sollen sich das immer selbst kontrollieren.“ Habt ihr schon mal von Kindern kontrollierte Diktate gegenkorrigiert? Das klappt selbst in meiner sechsten Klasse noch nicht. Für eigene Fehler ist man sowieso blind und die der Freundin übersieht man auch und wie soll man die Fehler vom Jan finden, wenn man als Franca selbst keine Ahnung hat? Die Grundschullehrerin sagt auf alle Zweifel lächelnd zu Sonjas Mama: „Glauben Sie mir, dass kann Ihr Kind!Trauen Sie Ihrem Kind einfach ein bisschen mehr zu!“

Und damit hat sie gar nicht so Unrecht. Frau Henner wird Nachmittags zum Hilfslehrer mutieren. Und auch Sonjas Mama und andere Mütter werden es so machen, denn wir sind nicht davon überzeugt, dass Sechsjährige schon zu solch anhaltendem Lerneifer, Reflexion über den eigenen Kenntnisstand und Entscheidungsfestigkeit fähig sind, wie sie an der neuen Grundschule abverlang werden.

Und wer fällt hinten runter? Na klar, die Kinder aus bildungsfernen Haushalten, Kinder mit nichtdeutschsprachigen Eltern, Kinder mit vollberufstätigen Eltern. Die, die sich auf das Schulsystem verlassen müssen, werden nach vier Jahren preisverdächtiger Schule feststellen, dass ihr Kind es doch nur auf die Gemeinschaftsschule schafft, es sei denn, das ortsansässige Gymnasium zieht nach.

Dann braucht man mich gar nicht mehr. Den Vormittag lang Kindern zugucken, wie sie Arbeitsblätter ausfüllen oder ebensolche nachkopieren, darauf habe ich wirklich keine Lust, dann schaue ich mich lieber nach Plan B um. Ganz ruhig und geerdet, das Leben geht weiter. Wenn ihr das Goldene vom Ei gefunden habt, schön, vielleicht muss man mich als Herzblut-Lehrer tatsächlich ausrangieren. Und es muss mindestens das Goldene sein, denn die Grundschullehrerin sagte zu Sonjas Mama: „Wissen Sie, unser neues System ist einfach alternativlos, wenn wir den heutigen Kindern gerecht werden wollen.“

Die Gesellschaft wird sich noch schneller wandeln, als wir es geglaubt haben, denn ich vermute, dass es Menschen prägt, wenn sie in ihrer Kindheit die Vormittage allein in Stillarbeit vor Regalen verbracht haben. Mal ein, zwei Stunden die Woche am Vormittag oder in der weiterführenden Schule bei einem Lehrer – meinetwegen – aber nicht als radikales System. Ich wäre unglücklich, würde man mich regelmäßig ans Regal verbannen. In der Grundschule habe ich häufig für die Lehrerin gelernt, wollte auch mal aufgerufen werden, mal meinen Text der Klasse vorlesen dürfen und auch mal Applaus von meinen Klassenkameraden bekommen. Die eindrücklichsten Stunden waren die, in denen zwischenmenschlich etwas passierte. Aber vielleicht verkläre ich.

Lucy ist so ein toller Mensch geworden, trotz der auf einmal verschrieenen Grundschule „alter“ Art, verantwortungsbewusst und sehr sozial. Leo soll diese Chance auch bekommen. Und er soll möglichst umfassend gebildet werden. Lucy hat man zu Mathe zwingen müssen und übrigens auch zum Lesen – das ist ihr anfangs schwer gefallen, aber wir Eltern haben nicht locker gelassen, bis sie die Bücher lieben gelernt hat. Jetzt verschlingt sie sie.

Am Ende wird es heißen, seht ihr, dieses neue System produziert genügend Gymnasialschüler, es funktioniert also. Dass dahinter die Eltern stehen, die nachmittags ihre Kinder unterrichten oder zum Lernen anhalten, wird verschwiegen werden. Denn es passt nicht in die Ideologie, dass jedes Kind hochbegabt ist und folglich von allein lernt.

Viele Grüße aus der aufgewühlten Provinz von eurer Frau Henner

SW 20: Was war am 11. Februar?

Liebe Leser,

so ein Blog ist eine feine Sache, weil man als Betreiber gleich mit eine Statistik geliefert bekommt. Wie viele Besuche hat die Seite an welchem Tag, wieviel Seiten wurden im Schnitt frequentiert, welche Beiträge wie oft aufgerufen? Für Zahlenfreaks sicher eine nette Sache, an mir geht das relativ vorüber. Relativ, nun ja, diesmal stutze ich.

Was war bloß am 11. Februar los?

Dieser Lehrerblog hat sich über die Jahre eine Stammleserschaft erschrieben und sicher gucken auch ab und zu ein paar Neulinge herein. Schön, wenn jemand hängenbleibt, doppelt schön, wenn jemand mitdiskutiert. Immer wieder freue ich mich über die Qualität der Beiträge. Fast noch nie musste ich einen Kommentar entfernen. Also habe ich das Gefühl, dass der Blog neben der reinen Seelenhygiene für mich und als Archiv für eine später erwachsene Lucy auch anderen Menschen etwas bringen kann. Eben dieser kleinen Stammleserschaft. Die Welt werden wir nicht verändern, aber wir verändern uns und dadurch ein klein wenig die Welt um uns herum. Das ist ganz pragmatisch gemeint, nicht philosophisch. Ich habe mich definitiv in den letzten Jahren verändert und dieser Blog ist eine Ursache dafür.

Aber am 11. Februar schnellen die Besucherzahlen plötzlich in Höhen, die dieser Blog nicht kennt. Was ist da also los? Hat mich jemand verlinkt? Hat eine Zeitung einen Artikel über Lehrerblogs gebracht? Wurde ich gehackt?

Frau Henner ist ja, was Medienkompetenz anbelangt, eher ein Dösbaddel und leben tut sie sowieso hinterm Mond… Wenn hinter dieser Zahlen richtige Menschen aus Fleisch und Blut steckten, dann freue ich mich, aber ich weiß es eben nicht. Klar, je mehr Leser man erreichen kann, desto sinnhaftiger fühlt es sich an. Das Internet gibt uns das Gefühl, als könnten wir etwas erreichen. Aber ist das nicht eine Art Ventil?

Wir planen, diskutieren, lassen Dampf ab und hinterher sind wir wieder brave Bürger. Wie mühen uns in unserem Rädchen ab, damit das große Räderwerk weiter so funktioniert wie immer. Gut, dass wir drüber geredet haben…

Immer wieder denkt Frau Henner nach, einen Schritt weiter zu gehen. Wie wäre es, dort zu sein, wo tatsächlich Entscheidungen getroffen werden?

Es scheitert an dem vagen Gefühl, dort nicht hinzugehören. Ja ja, Frauen und ihr Gefühl… Frau Henner muss erst noch ein bisschen an sich selbst wachsen. Vielleicht hilft ihr ja dieser Blog dabei.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner