Draußen ist die Welt der anderen

Liebe Leser,

mein ganzes Leben begleitet mich schon das unbestimmte Gefühl, nicht dazuzugehören. Nur in meiner Familie bin ich ganz ich. Im kleinen Freundeskreis vielleicht noch ab und zu, ansonsten sehe ich die Gesellschaft um mich herum meist wie ein Beobachter, manchmal wie ein Feldforscher und ab und zu auch völlig verblüfft wie ein längst aus der Zeit Gefallener. Ein Museumsstück in einer Zeitkapsel. Dabei bin ich offiziell gesehen gerade im besten Alter!

Und nein, es hat absolut nichts mit Nostalgie zu tun.

Wenn ich mich an die Weihnachtsmarktbesuche meiner Kindheit erinnere, dann ist da auch Geschiebe und Gedränge, besonders empfunden, weil man klein war. Zum Glück ist da die breite, immer warme Hand meines Vaters, die mich gehalten hat. Sein Schnurrbart im Senf der Bratwurst und die fröhlichen Kinderweihnachtslieder gehören ebenfalls dazu wie kalte Füße und die Freude über den Lichterglanz in der Winternacht. Die Mutter, die etwas enttäuscht über das Angebot ist, wird genauso erinnert, wie ihre roten Wangen, wenn sie sich dann doch dazu hinreißen ließ, am Schmalzgebäckstand ein paar Kräpfelchen zu erstehen. Und dann der Duft aus der Tüte…

Nun gut, ein bisschen Nostalgie ist dabei und das ist gar nicht schlimm, denn solche Erinnerungen treiben uns als Eltern dazu, an einem kalten Adventssonntag zum kleinstädtischen Weihnachtsmarkt aufzubrechen – en famille natürlich. Die Kälte haben wir also schon, die Menschen kommen von allein und Leo wird die paar Leutchen eventuell auch als Gedränge empfinden, denn er ist ja noch klein. Sein Papa hat auch so eine magische, immerwarme Hand. Wir kaufen gebrannte Mandeln, kalte Füße und Lichterglanz bekommen wir gratis.

Aber eines fehlt und damit ist das ganze Erlebnis nicht das gleiche. Statt fröhlicher Kinderstimmen, die „Oh Tannenbaum“ oder zur Not wenigstens „In der Weihnachtsbäckerei“ trällern, wird der gesamte Weihnachtsmarkt mit einer so primitiven Popsülze übergossen, dass ich nur noch fliehen will. Ich kann das nicht ertragen. Aber die Menschen um mich herum scheint die Kakophonie nicht zu stören. Man steht traut beim Glühwein zusammen, kauft Hosenträger und Handschuhe. Und über allem krächzt ein heißeres Popsternchen mit viel Synthesizer eine gar nicht weihnachtlich anmutende Melodie. Wenn überhaupt eine Melodie noch zu hören ist!

Das sind die Momente, wo mir bewusst wird, dass der Schwarm eben nicht besonders intelligent oder besonders geschmackvoll, sondern einfach nur besonders mittelmäßig ist, und ich in meiner Arroganz mich nicht dazugehörig fühlen kann. Und gleichzeitig weiß ich, dass jeder Mensch gleich viel wert ist und ich mich nicht über andere stellen darf. Das sagt der Verstand, der das sagt, aber das Gefühl sagt etwas ganz anderes.

Unser Weihnachtsmarktbesuch ist schnell beendet, zuhause legen wir klassische Weihnachtsmusik auf und essen selbstgebackene Lebkuchen. Wir haben uns zurückgezogen in unsere Welt, in diese Höhle der Familie, in der wir uns ganz bewusst abgrenzen von vielen Strömungen unserer Zeit.

So häufig wird in der letzten Zeit die Gemeinschaft beschworen und wie gut die Welt wäre, wenn wir alle den anderen anerkennen und in seinen Eigenheiten liebhaben. An solch banalen Kleinigkeiten zeigt sich aber einmal mehr, dass selbst gebildete, vernunftorientierte Menschen nicht dazu in der Lage sind, in der Masse aufzugehen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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Gemeinschaftsspiel

Liebe Leser,

pünktlich zum Song „Let it snow“, der gerade durch die Klassenräume hallt, beginnen draußen zarte, weiße Flocken durch die kalte Winterluft zu schweben. Fabrizio ist so begeistert, dass er aufspringt und vorm Fenster stehend einen Freudentanz vollführt, im Grunde wackelt er nur mit dem Hintern, aber sein Ententanz kommt so von Herzen, das mir selbiges aufgeht.

In der grad beginnenden Pause stürmen entsprechend motiviert die Unterstufenschüler auf den Hof. Ich habe Aufsicht, ziehe meinen dicken Schal an und gehe etwas gemesseneren Schritts hinterher. Herrlich! Der Schnee lässt einen fast die Hässlichkeit des Hofs vergessen, der sonst dem einer Kaserne gleicht.

Rafael ruft mir etwas zu. Missmutig steht er vorm Fußballtor herum. Da er sich dabei immer wieder von mir abwendet, verstehe ich ihn nicht und es folgt ein absurder Dialog, bis ich endlich begreife, dass er sich bei mir beschwert, weil die Achtklässler mit dem Fußball der Siebtklässler spielen, also mit seinem Ball. Konstantin aus der b startet gerade einen Angriff  u n d IHM GELINGT EIN TOR! Ist auch keine Kunst, denn die Siebener machen nichts, außer sich bei mir zu beschweren.

„Konstantin, ist das dein Ball?“, frage ich.

„Nö“, antwortet er.

„Ist das der Ball der Siebener?“

„Kann sein…“, murmelt er und dreht das runde Ding schon wieder geschickt in die Richtung der Großen.

Rafaels Gesicht hat sich trotz Schnee und klarer Winterluft inzwischen ebenfalls in einen zerknautschten Ball verwandelt. „Sag ich doch!“, ruft er erbost.

Konstantin ist schon wieder am Tor. Ein neuer Angriff…. TOR! Die Siebener machen immer noch nichts, stehen nur wütend herum.

„Also Konstantin, du gibst entweder den Siebenern ihren Ball zurück oder, und das würde ich ja bevorzugen, ihr spielt gemeinsam. Siebener gegen Achter, das ist doch dann mal spannend!“

Jetzt gucken mich alle überrascht an. Dieser Gedanke ist ihnen noch gar nicht gekommen. Aber plötzlich kommt Leben in die Bude. Endlich bewegen sich auch mal die Siebener und versuchen wie Fußballer in den Besitz des Balles zu kommen – auf sportliche Weise. Zwar haben sie kaum eine Chance, aber doch einen ganz guten Torwart, der ab diesem Moment wenigstens jeden zweiten Ball hält, anstatt nur dumm rumzustehen. Die Mittelstufenjungs kriegen rote Wangen. Allesamt. Rafael rennt. Konatantin muss sogar den Ball ab und zu abgeben.

Fußball kann doch richtig Spaß machen, wenn man es gemeinsam spielt.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Schule planen und bauen 2.0

Liebe Leser,

wenn man gefrustet ist, kann man meckern oder was tun. Frau Henner sieht den abschreckenden Flur und findet, da muss man was tun. Vielleicht zusammen mit Kunst? Die Kunstlehrerin lacht, im Prinzip gerne, aber die Stadt habe untersagt, etwas auf die Wände zu bringen, da das dann eine sogenannte „Brandlast“ darstelle.

Brandlast ist das Unwort des Schuljahres. Damit kann man alles vom Tisch fegen, was nach Arbeit und Geld aussieht. In keinem Amt sieht es so trist aus wie an vielen Schulen, und dann dürfen wir noch nicht mal Bilder an die Wände machen. Natürlich verstehe ich, dass im Brandfall jedes Papier eine zusätzliche Feuernahrung darstellt, aber aus Angst auf jede Kultur zu verzichten, nimmt uns jede Menschlichkeit.

Da stolpere ich über ein Buch: Schule planen und bauen 2.0 aus dem Jovis-Verlag, Berlin. Darin finden sich Schulkonzepte, Baupläne, ganz Grundsätzliches zum Schulbau. Nicht alles gefällt mir auf Anhieb, manches ist mir zu offen, zu modern, zu gewollt pädagogisch, aber viele Ideen sagen mir zu. So braucht eine Schule ein „Herz“, einen Kommunikationsraum, Rückzugsmöglichkeiten, Helligkeit, variable Lernräume: alles Aspekte die meine Schule NICHT besitzt.

Frau Henner geht spazieren und baut im Wolkenkuckucksheim die ideale Schule, die Schule, in die sie jeden Tag gerne gehen würde, eine Schule mit Herz, mit kommunikativen Zonen und Refugien, hell und freundlich, warm und vielfältig. Ich bin ganz verzückt. Zuhause zeichne ich mit bescheidenen Fähigkeiten diese Schule, von der ich träume.

Und dann kommt die Erkenntnis, dass das zwar sehr schön ist, aber nichts nützt. Ich muss mir die Gegebenheiten vor Ort vornehmen, denn neugebaut wird da nichts. Wenn ich aber das mache, werde ich wieder gefrustet, denn die Schule ist voll ausgelastet, es gibt schlichtweg keine Räume für Ideen, die Stadt bremst an allen Ecken und Enden, die bauliche Substanz gibt für ein modernes Schulkonzept leider so gut wie keinen Spielraum her. Selbst ein Schüler sagte neulich: „Da hilft nur abreißen und neubauen!“ Und ein anderer ergänzte: „Wenn es ein Feuer gäbe…“ „Um Gottes Willen!“, mische ich mich ein, „Leute, was habt ihr für Gedanken!“ „Nee, Frau Henner, das würden wir doch nie machen“, sagt der eine und der andere meint: „Und deshalb wollen wir hier nur schnell wieder raus. Abi und weg!“

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Selbstoptimierung als schöner Schein

Liebe Leser,

neue Schule, neue Schüler, alles beim Alten?

Die Kinderlein sehen zumindest fast genauso aus wie an meiner alten Schule. Es sind zwar Stadtkinder, aber ländlich geprägte Stadtkinder, viele kommen aus den umliegenden Dörfern, also im Grunde doch Landeier. Und ich mag Landeier… Trotzdem beobachte ich hier etwas für mich Neues.

Ein Beispiel: Früher habe ich eine Aufgabe gestellt und die Schüler haben diese halt erledigt. Da gab es die Ehrgeizigen, die es besonders gut machen wollten, und die Null-Bock-Schüler, die irgendwas hingeschludert haben, Hauptsache, da steht was auf dem Blatt, und die große Masse, die die Aufgabe mit ihren Fähigkeiten solide gelöst hat. Das hatte ich für normal gehalten. Mal war die Klasse an sich motivierter, mal war die Aufgabe ansprechender, mal war die Motivation durch einen Wettbewerb größer. Aber die Gaußsche Normalverteilungskurve schlug immer wieder zu, wenn auch auf unterschiedlichem Niveau.

Das ist hier anders. Gebe ich an der neuen Schule eine Aufgabe, will das die große Masse besonders gut machen, denn eine schlechte Leistung ist eigentlich nicht akzeptabel. Die besonders Ehrgeizigen müssen sich also noch mehr anstrengen, um glänzen zu können. Da kommen dann Kinder freiwillig in ihrer eh schon knappen Freizeit, um noch „was nachzuarbeiten“. Erlaube ich das nicht, weil ich möchte, dass die Schüler auch noch Kinder sind und Freizeit haben, sind sie unglücklich, also dürfen sie auch noch am Nachmittag zwischen vier und fünf zusätzlich kommen. Und dann haben sie zuhause „schon mal was vorbereitet“. Alles komplett ausgearbeitet!

Wann machen die das? Von Juliane weiß ich, dass sie in der Mittagspause schnell in die Musikschule zum Geigenunterricht fährt. Pünktlich zum Mittagsunterricht sitzt sie wieder auf ihrer Bank, noch den letzten Bissen vom Asia-Imbiss kauend. Natürlich muss ich sie loben, was sie leistet ist überkindlich, und gleichzeitig bleibt mir der letzte Bissen von meinem Mittagessen im Halse stecken, das ich ganz in Ruhe, faulenzend im Lehrerzimmer eingenommen habe, schließlich war Pause. Und danach habe ich noch ein bisschen beim Käffchen mit Frau Ohrwick geplaudert, schließlich war Pause. Das kann sich Juliane nicht leisten. Schade.

Erschreckend wird es dann, wenn ich merke, dass sie nicht die einzige ist.

Weil es in der Stunde etwas knapp geworden ist, die Präsentation aber schon nächste Woche sein wird, betteln mich die Achter, dass sie die Plakate mit nach Hause nehmen dürfen. Ich gebe nach. Und bekomme sie zwei Tage später perfekt wieder, dabei weiß ich genau, dass sie Mittagsschule hatten und am Tag der Abgabe auch noch eine Physikarbeit schreiben mussten. Sicher haben sie auch dafür gelernt. Hat ihr Tag mehr Stunden als meiner?

Jetzt könnte man sagen: „Mach dich locker, Frau Henner! Freu dich doch einfach, was das mal für eine Wahnsinnsgeneration wird. Die wuppen mal unsere Zukunft. Und fast alles Mädels, hey, Frauenpower vor!“ Jetzt möchte ich euch aber noch von einer zweiten Beobachtung berichten.

An meiner alten Schule waren Handys prinzipiell verboten, es sei denn der Lehrer erlaubte den Einsatz im Unterricht. Weil es aber prinzipiell verboten war, hat das Smartphone keine große Rolle gespielt und damit auch das Internet nicht. Die Schüler haben also die Aufgaben so gut erledigt, wie sie es konnten. Dadurch haben sich die Leistungen recht schnell differenziert. Sara und Johannes hatten spontan Ideen, die weit über das Erwartete hinausgingen. Julius hat viel Hilfestellung gebraucht, ehe er einen soliden Gedanken fassen konnte, und der große Rest hat sich mit Hilfe des Materials oder des Lehrers Schritt für Schritt einem möglichen Lösungshorizont angenähert. Mal mehr, mal weniger. Das hatte ich für normal gehalten und gehofft, dass so jeder auf seinem Niveau etwas dazulernt.

Hier sind Handys erlaubt und sie werden rege genutzt. Im Unterricht müssen die Schüler fragen, aber es scheint schon selbstverständlich zu sein, dass sie darauf zurückgreifen. Ich – neu und naiv – denke, als ich mal wieder gefragt werde, ob sie schnell etwas nachschauen könnten: „Warum eigentlich nicht, ist doch schön, wenn sie das Nachschlagen lernen…“ Erleichterung wird sichtbar. Ich werde misstrauisch. Nun bin ich sensibilisiert und gucke genauer hin, was schlagen sie nach und wie gehen sie damit um?

Sie schreiben ab, was sie irgendwo lesen, sie zeichnen ab, was sie irgendwo finden, sie suchen nicht nach Hilfestellung für ihr Problem, sie haben gar kein Problem, weil sie gar nicht erst anfangen nachzudenken. Sie suchen gleich die Lösung für die Aufgabe. Sie vertrauen nicht ihren eigenen Gedanken, sie sind nicht kreativ, sie sind perfekt im Nachmachen. Für den äußeren Schein verwenden sie dann irre viel Zeit. Sieht toll aus am Ende!

Aber im Grunde ist es nicht die gleiche Leistung wie die, die Schüler meiner alten Schule gebracht haben, obwohl deren Ergebnisse nicht einmal annähernd so gut aussahen und zum Teil auch nicht so weit gingen. Sara, Johannes, Julius, Murat und Cheyenne haben eine eigenständige Leistung gebracht, die ihrem Alter entspricht und ihre Ansprüche waren individuell zwar verschieden, aber doch auf einem nachvollziehbaren Niveau. Hier erlebe ich nun Schüler die völlig überzogene Ansprüche an sich selbst haben, es muss perfekt sein und das heißt in erster Linie, es muss perfekt erscheinen. Ob das nun von ihnen stammt oder geistiger Diebstahl ist, ist ihnen völlig schnuppe.

Ich rede mit einer Kollegin über die Handhabung von Smartphones, weil ich nicht so recht weiter weiß. Sie unterrichtet Kunst und bestätigt meine Beobachtung. Ja, das sei in den letzten Jahren extrem geworden. Die Schüler würden nur noch abzeichnen. Fertige Arbeiten von Pinterest kopieren. „Sie bringen sogar Tablets mit, um die Bilder möglichst detailiert sehen zu können, die sie abzeichnen wollen.“ Und wenn man das nicht erlaube, würden sie zuhause Fotovorlagen erstellen und diese ausgedruckt mitbringen. Der Frust über ein nicht perfektes Werk sei groß. „Du, neulich habe ich Linoldrucke mit den Schülern angefertigt. Da wird die Oberfläche nicht immer spiegelglatt satt mit Farbe und das ist nicht schlimm, jeder Druck ist schließlich handgemacht, das darf man sehen. Aber die Schüler akzeptieren das nicht, wollen noch einen Druck machen und noch einen – bis es aussieht, als käme es aus dem Drucker. Aber das schaffen sie nicht, weil es nunmal nicht die Technik dazu ist. Wenn ich sage: Jeder macht fünf Drucke und dann ist Schluss, mache ich mich unbeliebt. Ich weiß, dass auch der sechste Druck nicht ihren Ansprüchen genügen wird. Dabei kommt es bei der Bewertung doch auf ganz andere Kriterien an…“ „Zum Beispiel?“ Die Kollegin lacht. „Bei den Drucken kam es zwar auch auf den Bildaufbau und die Arbeit mit Hell-Dunkel an, aber vor allem auf die eigene Idee!“

Nun bin ich gespannt auf eure Beobachtungen zu diesem Thema.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

Die Welt hinter den Mauern

Liebe Leser,

der Gestank ist kaum auszuhalten. Am Anfang war es nur ein irritierender Geruch, inzwischen ist es ganz klar Verwesung. In den Mauern, hinter den Verkleidungen oder in der Zwischendecke des Lehrerzimmers ist ein Tier verendet und verwandelt sich zum buchstäblichen Staub, was allerdings nicht ohne eine bestialische Geruchsbelästigung abläuft. Verwesung ist übel, uns Lehrern ist auch übel. Lüften hilft für einen kurzen Moment, dann schlägt die Biologie zurück. Und da es draußen schon kalt und nass ist, können wir auch nicht dauerlüften. Wir ertragen und schimpfen auf die Stadt, die in solchen Fällen  nichts macht, weil man ja nicht weiß, wo die Maus gestorben ist und man kann ja nicht auf gut Glück… Also Nase zu und durch. Aber eines ist klar, es fällt jede Konzentration schwer und man gewöhnt sich auch nicht an diesen Geruch.

Neulich habe ich mir ein paar Dokumentationen aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen angetan. Es ging um junge Mädchen, die ihren Schulabschluss nicht schaffen, weil sie zu früh Mutter werden und das wenigstens ein akzeptiertes Rollenbild darstellt, um Menschen, die in Stuttgart ihre Miete nicht mehr zahlen können, um eine ganz normale Familie in einem ostdeutschen Plattenbau, deren Söhne in die rechte Szene abdriften. Nicht reißerisch präsentiert, sondern durchaus von mehreren Seiten beleuchtet. Das ist auch Deutschland.

Und es ist eine Welt, die mit meiner so gut wie gar nichts zu tun hat.

Wir haben uns eingerichtet in einem Haus auf dem Lande mit zwei Kindern, die beide gerne zur Schule gehen und große Pläne haben für ihre Zukunft und dabei hauptsächlich an eine gute Welt denken. Wir können uns einen Urlaub in einem schönen Ferienhaus leisten und sorgen für die Rente vor. Das einzige Ungewisse ist die eigene Gesundheit und der Weltfrieden. Was an sich ja schon nicht wenig ist. Und unsere Kinder wachsen in dieser Welt auf. Zwar hat Lucy auch Freundinnen, deren Eltern oder Geschwister schwer krank sind und wo auch mal gespart werden muss, aber doch leben sie alle den kleinen Traum vom kleinen Glück im eigenen Häuschen im Grünen. Und so seltsam manche Eltern sind, sie lieben ihre Kinder und ermöglichen ihnen so viel. Zwar habe ich dieses Jahr definitiv viel weniger Zeit für den kleinen Leo, aber wenn er dann mit leuchtenden Augen ankommt und noch lesen üben will, setze ich mich natürlich mit ihm aufs Sofa und wir lesen gemeinsam und geduldig in einem der zahlreichen Erstlesebücher, die noch von Lucy vorhanden sind. Und Leo will noch eine Seite und noch eine Seite. Ich lese die schwierigen Wörter mit den Buchstaben, die er noch nicht kennt, und er liest die kurzen Wörter, die er schon entziffern kann. Das macht ihm richtig Spaß, denn er ist beseelt von dem Gedanken, endlich selbst lesen zu können und dann nicht mehr der kleine Leo zu sein. Leo weiß, Lesen macht schlau. Und Leo hat mehr Ehrgeiz, als ich ihm zugetraut hätte. Das ist meine Welt.

Die Welt, die ich in den Reportagen sehe, ist ebenfalls geprägt von Erfolgswünschen und Hoffnungen für die eigenen Kinder, aber die Menschen sind hilflos, weil sie nicht wissen, wie sie ihre Kinder unterstützen können, oder sie haben bereits resigniert und ergeben sich den Umständen.

Was wäre mit Lucy, wenn sie nicht soviel Anregung bekäme? Was würde aus dem kleinen Leo werden, wenn sich niemand mit ihm abgäbe, dafür aber der Fernseher liefe? Könnte sich Lucy konzentrieren, wenn es in der Wohnung stinkt? Würde der kleine Leo genauso gewissenhaft seine Hausaufgaben machen, wenn er dafür gar keinen Platz hätte? Was wäre, wenn wir ständig in der Angst leben müssten, auf die Straße geworfen zu werden, wenn abend aus der Nachbarwohnung Geschrei herüberdränge und die Kinder nicht schlafen könnten? Wie sehr prägen die Umstände einen Menschen? Und wieviel können wir uns als Staat eigentlich leisten?

Ich habe keine Antworten, halte es allerdings für ungemein wichtig, ab und zu den Blick zu weiten, denn die Welt hinter den eigenen Mauern ist sehr real, aber niemals in eine Schublade zu stecken. Und irgendwie habe ich selbst großes Glück gehabt, in meinem Elternhaus aufzuwachsen und meinen Kindern wieder einen solchen guten Start mitgeben zu können. Natürlich kommt noch mehr dazu, aber diese Basis ist nicht zu unterschätzen.

Es tut mir leid, zu mehr bin ich heute nicht in der Lage. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren, der Gestank ist zu ekelerregend. Eigentlich will ich nur noch raus hier. Gleich fängt die Stunde an und dann bin ich weg. Dann sitzen wieder dreißig Kinder vor mir und alle haben eine Geschichte und ich kenne nicht eine von ihnen. Schade, vielleicht könnte ich dann manches Mal pädagogischer handeln.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

 

Von der Wirksamkeit

Liebe Leser,

diese Herbstferien nutze ich nur für mich, dabei war ich gar nicht fertig und ferienreif, wie es manchmal der Fall ist – es sind ja auch die ersten Ferien dieses Jahres und da sollte man doch noch voller Energie stecken, oder? Dann lese ich den Beitrag von Herrn Mess vom Brennen beziehungsweise über das Verbrennen und ich finde mich wieder, obwohl ich mich in einer definitiv anderen Lage befinde. Natürlich habe ich längst bemerkt, dass Herr Mess nicht mehr so häufig bloggt, und es schade gefunden, aber mir gedacht: „Wird er wohl viel um die Ohren haben…“ Und genau das scheint der Fall zu sein. Da ist ein engagierter Lehrer, der sich mit so vielen Dingen beschäftigt und damit momentan auch nicht glücklich wird. Vielen Dank, Herr Mess, dass du so ehrlich darüber schreibst.

Meine Ausgangssituation ist eine völlig andere, weil ich die Schule gewechselt und dabei keine Funktionsstelle übernommen habe. Ich bin jetzt nur noch Lehrer. Ha, was für ein Satz! Was bin ich denn sonst?

Jeder, der an einer Schule unterrichtet, weiß, dass nicht nur der Unterricht zu den Aufgaben gehört. Gut, Klassenlehrer bin ich und da ist einiges zu tun, davon aber ein anderes Mal. Durch meinen Wechsel bin ich aber aller meiner Funktiönchen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben, enthoben worden. Keine Mitarbeit im Schulentwicklungsteam mehr, keine Grundschulkooperation, kein Krisenteam usw. Also sollte es mir doch gut gehen. Ich bekomme mein Gehalt und muss viel weniger dafür tun, ist das nicht ein Traumzustand?

Ist es nicht.

Der Stillstand um mich herum lähmt mich selbst. Ich verbrenne nicht, um im Bild von Herrn Mess zu bleiben, ich erkalte eher. Gibt es hier überhaupt ein Schulentwicklungsteam? Ist mir bis jetzt nicht untergekommen, woran sollten die denn arbeiten, ist doch alles so toll hier? Die Grundschulkooperation ist nicht wirklich eine Kooperation, aber der Abteilungsleiter, der sich darum kümmert, fand neulich auch, dass hier doch alles ziemlich gut laufe. nicht wahr?, wie soll man sich da als Neuling einbringen?

In meinem Elternhaus habe ich gelernt, dass man sich erst einmal zurückhält und beobachtet, wenn man irgendwo neu ist. Man schreit nicht gleich: Ich, ich, ich weiß, wie es besser geht! Schließlich hat das Bestehende auch seine innere Logik und die will erst einmal erkundet sein. Also halte ich mich zurück und strecke zaghaft meine Fühler aus. Dabei beobachte ich eine Kollegin, die ganz ähnliche Ziele verfolgt wie ich. Sie ist mir gleich sympathisch, leider haben wir so gut wie nie Zeit uns zu unterhalten, da sie einen gegenläufigen Stundenplan zu meinem hat. Nennen wir sie Frau Schwätzinger, Heidrun, denn sie hat mir schon das Du angeboten. Heidrun versucht also in den fünf Minuten, die wir uns am Kopierer treffen, mich davon zu überzeugen, mich hier und da einzubringen, weil endlich mal jemand gekommen sei, der auch Interesse an Veränderungen habe. Heidrun freut sich. Heidrun versucht nämlich seit fünf Jahren, die sie schon an der Schule ist, etwas zu bewirken. Leider erfolglos. Genau deshalb freue ich mich nicht. Seit fünf Jahren versucht diese Frau mit Engagement schon kleine Veränderungen zu bewirken, aber alles bleibt, wie es ist. Da soll ich motiviert werden? Es versetzt mir regelrecht einen Stich, wenn ich höre, wie Frau Schwätzinger in der Fachkonferenz über den Mund gefahren wird, als sie ein heikles Thema anspricht. Ja, man wisse, dass Sie das wichtig finde, aber das hätte jetzt keinen Platz in der Tagesordnung, ein anderes Mal. Fünf Jahre ein anderes Mal?

Und das ist der Grund für mein Erkalten. Diese Schule gibt mir nicht das Gefühl, gebraucht zu werden. Als Lehrer ja, damit der Schulbetrieb funktioniert. Gut, das ist ein wichtiger Teil meines Berufs. Aber das ist nicht alles. Ich will nicht wie Frau Schwätzinger werden, die voller Ideen ist und doch ständig gegen Mauern rennt. Also beginne ich, mich von meinem eigenen Tun zu distanzieren. Das ist das Gegenteil von Brennen, aber es hat die gleiche Ursache. Ich spüre die Wirksamkeit in meinem Tun nicht. Es geht gar nicht darum, wieviel man tut. Belastung kann sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Es geht darum, ob das, was man tut, eine Wirksamkeit erzielt.

Nun können manche auflachen und sagen: Was hat Frau Henner da für Luxusprobleme, frag doch mal den Fließbandarbeiter, ob er seine Arbeit als wirksam empfindet. Und da widerspreche ich. Das ist kein Luxusproblem und es geht nicht um die gesellschaftliche Anerkennung, die eine Tätigkeit erfährt, es geht um das subjektive Empfinden und das ist kein Luxus, sondern essentiell. Ein Fließbandarbeiter kann zufrieden nach seinem Tagwerk nach Hause gehen, wenn er sich in dem Unternehmen wohlfühlt, oder er kann geschafft nach Hause kommen und krank werden, wenn er seine Arbeit als stupide und sinnentleert wahrnimmt. Und so kann es auch einem Akademiker gehen. Und das wird am Ende zu einem gesellschaftlichen Problem, denn Unzufriedenheit macht auf die Dauer nicht nur die Seele krank.

Nun ist Frau Henner, ihr solltet sie ja nun schon kennengelernt haben, niemand, der sich seinem Schicksal ergibt. Frau Henner schmiedet Pläne. Und seit sie das tut, geht es ihr besser. Frau Henner hat wieder ein klares Ziel vor Augen. Sie strebt einfach nach mehr Wirksamkeit und hat kühl kalkulierend mehrere Optionen aufgestellt, was das in ihrem konkreten Fall bedeuten kann. Alles ist auf den Tisch gekommen. Und dann hat Frau Henner ausgesiebt. Dazu hat sie sich sogar Hilfe geholt. Wem kann man vertrauen, wer kennt sich aus in diesem Schulwirrwarr, wer kann Auskünfte geben über die Gepflogenheiten eines Regierungspräsidiums, wer hat genügend Erfahrung? Und dieser Jemand zeichnet mir kein gutes Bild von meinen Möglichkeiten, aber macht mir dennoch Mut, ich bin ein Sklave meines Regierungspräsidiums, eine bloße Nummer, die eine Planstelle besetzt. Aber da genau sehe ich eine Chance. Seit ich diese Chance sehe, geht es mir besser. Weniger Kopfschmerzen, weniger Erschöpfung, wieder mehr Energie. Ein kleines Leuchten kommt zurück.

Mir ist klar geworden, dass ich nicht den einen Plan B brauche, sondern mindestens drei, ich habe vier Pläne, nach dem Motto: Wenn der erste nicht klappt, versuche ich den zweiten, dann den dritten… denn mir ist ebenso bewusst geworden in den letzten Wochen, dass ich Ziele brauche. Ich werde nicht verbrennen, aber auch nicht erkalten. Dazu muss ich selbst etwas tun, denn niemand wird auf mich zukommen. Aber man kann erst dann etwas tun, wenn man sein Problem klar erkannt hat.

Frau Schwätzinger hat mir dabei geholfen, indem sie mir, ohne es zu wollen, einen Spiegel vorgehalten hat, der einen Prozess beschleunigt. Ich werde weiterhin zuhören und beobachten und gleichzeitig meine Pläne weitertreiben, ohne dies nach außen zu tragen, denn das Problem ist meines, nicht das der anderen, sie fühlen sich wohl. Wer bin ich denn, dass ich mich da einmische?

Und dann denke ich an die Schüler. Da gibt es eine Klasse, die ich sehr ins Herz geschlossen habe – und sie mich, das ist ja häufig ein wechselseitiger Prozess. Sie haben mir schon erzählt, was sie alles sch*e an der Schule finden, Jugendliche drücken sich eben einfach direkter aus. Und gleichzeitig haben sie mich regelrecht gebettelt, doch nicht wieder von der Schule zu gehen. Als ob man das einfach so könnte…

Es gibt also auch Gründe, hier weiterzukämpfen. Aber das geht nur, wenn Frau Henner wieder leuchtet, erkaltet geht da gar nix. Dann macht sie nur Dienst nach Vorschrift. Und damit kommt unserer Gesellschaft über kurz oder lang nicht weiter. Und das ist kein marginales Problem von Frau Henner. Dieses Problem haben viele Menschen. Auch die Fließbandarbeiterin, der Verkäufer und sogar der Mitarbeiter im Regierungspräsidium.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

 

Genau hinschauen

Liebe Leser,

in Leos erste Schulferien überhaupt fällt die Debatte um die versiebten Grundschultestergebnisse und sie berühren mich persönlich überhaupt nicht. Nein, ich beteilige mich nicht am Grundschulbashing! Im Gegenteil, wir sind als Familie mit der von uns ausgewählten Grundschule sehr zufrieden und das liegt vor allem an Frau Wilde, Leos Klassenlehrerin.

In Leos Grundschule müssen alle Kinder das gleiche lernen, ganz altmodisch. Leo könnte sicher etwas schneller Buchstaben schreiben und Mengen abzählen lernen, aber muss er das überhaupt? Reicht es nicht, wenn Leo am Ende der ersten Klasse sicher lesen kann, ordentlich schreiben und bis zwanzig rechnen? Und bei Frau Wilde wird er genau das lernen, aber auch wie sich Laub im Herbst anfühlt, wenn man in einen Haufen davon hineinspringt, wie man singt und lacht und wie man einen Streit, der verfahren erscheint, auflöst. Dabei ist Frau Wilde einfach kompetent. Sie redet freundlich, aber bestimmt, sie lässt sich siezen und ist doch mütterlich herzlich, sie gibt den Kindern mannigfache Erlebnisse mit auf den Weg und ist doch sehr konsequent. Ole hat bereits die vierte Strafarbeit mit nach Hause bekommen. Frau Wilde kann auch streng, wenn es sein muss. Und das imponiert mir. Sie nimmt uns Eltern in die Verantwortung. Regelmäßig kommen Elternbriefe, in denen sie uns nett, aber eindringlich an unsere Erziehungsaufgaben erinnert. Viele Kinder können noch keine Schleife binden, liebe Eltern, das ist Ihre Sache. Nach den Herbstferien erwartet Frau Wilde eine deutliche Verbesserung und sie erklärt auch, warum Schleifebinden prinzipiell und im Besonderes so wichtig ist. Mir beeindruckt das. Leo kann Schleife binden, aber wenn nicht, würde ich jetzt wirklich üben. So delegiert sie eine Menge wieder zurück ans Elternhaus, was dort auch hingehört. Und ich bin mir sicher, dass sie bei denen, die es allein nicht packen, dann auch Unterstützung anbietet. Aber ich bin der Meinung – und Frau Wilde sicher auch – das die Grundschule nicht für alles da ist. Aber da Frau Wilde aus langjähriger Erfahrung weiß, dass sie manche Eltern nicht erziehen kann, schafft sie den Kindern eine Wohlfühlschule – einen Ort, wie ihn manche zuhause vielleicht nie erleben. Leo geht wahnsinnig gerne in diese Schule. Hausaufgaben macht er immer gleich nach der Schule. Dabei ist er ratzfatz fertig und stolz auf sich. Leos Schulstart ist gelungen, auch wenn er sich den Platz unter den anderen Jungen erst noch erarbeiten muss. Denn Leo ist schon etwas anders. Und selbst das fällt Frau Wilde auf. Während sie Marco und Ole nach dem Ende der letzten Stunde Strafarbeiten gibt, fragt sie mich, ob wir Leo zusätzlich noch fördern lassen wollen in einem Begabtenprojekt, weil das sonst in der Schule zu kurz käme. Frau Wilde hat Erfahrung, kennt ihre Grenzen, sieht das einzelne Kind. Frau Wilde könnte durch ihre Art alle möglichen Methoden unterrichten – es würde immer etwas herauskommen. Was für ein Glück.

So sehen wir das zumindest nach sechs Wochen Schule. Aber die Zahlen sagen etwas anderes. Die Grundschüler schneiden immer schlechter ab, besonders in Baden-Württemberg. Bayern und Sachsen liegen wieder einmal vorn. Schön für diese Bundesländer, schlecht für uns, denn nun schreien alle nach Bildungsreformen. Als ob sich in den letzten Jahren nicht ständig etwas geändert hätte! Und was da alles geschrien wird… An unseren Kindern entscheidet sich schließlich die Zukunft.

Frau Henner ist da eher etwas demütiger. Ich schaue zuerst genauer in die Studie. Die ist frei im Netz verfügbar und für jedermann einsehbar. Liest sich sehr trocken, aber manche Tabelle ist dann schon interessant. Zumindest für mich, die sich auf die Suche gemacht hat nach den Unterschieden. Was ist in Sachsen oder in Bayern so anders?

Meine Grundthese: Überall gibt es Frau Wildes und überall gibt es schlechte Lehrer. Die Elternschaft wird sich in jedem Bundesland in die überambitionierten und die desinteressierten und die große Mitte dazwischen aufspalten. Die Methoden werden sich zwar im Detail von Schule zu Schule unterscheiden, aber ich bezweifle, ob das dann statistisch relevant ist. Schreiben nach Gehör wird schließlich nicht an jeder Schule unterrichtet. Das kann nicht DER Grund sein. Ich suche weiter.

Leider gibt es zu einem mir wichtig erscheinenden Punkt keine Daten, weil man sie schlichtweg nicht erheben darf. Die Studie darf den sozialen Hintergrund der Schüler nicht beleuchten. Ein großer blinder Fleck entsteht damit, der verhindert, dass wir umfangreiche Schlüsse ziehen können. Schade. Was man allerdings statistisch erheben darf, ist der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund – auch wenn das allein noch keine ausreichende Information ist. Was bedeutet das schon – Migrationshintergrund?

Sachsen liegt so weit oben, hat aber einen geringen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund von circa 10 Prozent. Das wird dann besonders drastisch, wenn man die Zahl von Baden-Württemberg dagegenstellt. Dort haben mittlerweile um die 45 Prozent einen Migrationshintergrund. Das sind einfach ganz andere Voraussetzungen. Nun zu Bayern. Ich dachte ja, in Bayern müssten ähnliche Zahlen vorliegen, dort lese ich in der Tabelle jedoch von „nur“ circa 30 Prozent. Bayern und Sachsen haben zusammen nicht mal soviele Kinder mit sprachlich schwierigeren Startbedingungen wie Baden-Württemberg. Das wundert mich. Hätte man nun noch eine bessere Datenlage zur sozialen Situation von Familien, wären vielleicht Rückschlüsse möglich.

Hat man aber nicht. Und deshalb kann jetzt jeder wieder seine Reformidee durchsetzen. Für mich als Laie stellt sich doch eine andere Frage: Welche Schule erzielt vor welchem Hintergrund welche Ergebnisse? Aus einem statistischen Ergebnis eines ganzen Bundeslandes kann ich nichts entnehmen. Wenn eine Schule in einem gutbürgerlichen Viertel nur knapp über dem Durchschnitt liegt, es aber eine Schule mit hohem Migrationsanteil auf eine ebensolche Stufe schafft, dann muss ich doch da genauer hinschauen. Wie machen die das? Dazu bräuchte ich aber gnadenlose Transparenz und auch Ehrlichkeit gegenüber den nackten Zahlen.

An Lucys Grundschule hatte so ziemlich genau die Hälfte der Schüler einen Migrationshintergrund. Entsprechend schwierig gestaltete sich das Lesenlernen. In ihrer Grundschule gab es mehrere zerrüttete Familienkonstellationen, die bis zur Vernachlässigung reichten, entsprechend schwierig gestaltete sich das soziale Miteinander. Immer wieder beklagten die Lehrer, dass sie in dieser Klasse gar nicht zum Unterrichten kämen. Es gab Lehrer, die schlechter, und andere, die besser damit umgehen konnten. Eine war ständig krank. Für Lucy war die Grundschule nicht der ideale Start, aber wir als Familie konnten viel auffangen.

Nun nützt es nicht, über die Gesellschaft zu schimpfen, das Heil nur in DER Methode zu suchen oder über die Lehrer zu wettern. Ich wünsche mir eine ehrlichere Debatte, eine viel genauere Analyse, die uns endlich aufzeigt, wie entscheidend die bestimmte Methode ist – oder eben nicht ist. Die uns auch darlegt, welche Fördermöglichkeiten für welche Kinder fruchtbar sind. Sonst fördern wir ins Blaue – wenn überhaupt.

Und dann wünsche ich mir mehr Frau Wildes, die als Mensch versuchen aufzufangen, was manche Familien eben nicht können. Und ich wünsche mir Unterstützung für diese Frau Wildes. Erst dann kann eine gerechtere Schule entstehen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner