Emils Flasche

Liebe Leser,

wir sitzen alle lässig auf dem Boden rum, weil es keine anderen Sitzgelegenheiten gibt, wir bei unserem Projekt aber wirklich mal eine Pause brauchen. Wir, das sind Schüler und Lehrer, eigentlich ganz nett. Sollte man öfter machen. Da fällt Emil seine Flasche herunter. Die ist aus Glas und zerbricht in ein paar wenige Teile, der Apfelsaft läuft aufs Linoleum. Blöd, aber keine Katastrophe. Passiert sicher hundertmal täglich an deutschen Schulen. Trotzdem bietet diese kleine Szene einen Anlass, um über eine sich wandelnde Gesellschaft zu schreiben. Denn was geschieht nun?

Emil blickt erst verdutzt auf die Flasche und die Apfelsaftlache, dann grinst er entschuldigend. Kollegin 1 springt auf, um die Glasscherben einzusammeln. Das kann ich ja noch verstehen – Verletzungsgefahr. Auch wenn es nur wenige große Scherben sind und Emil längst kein Grundschulkind mehr ist. Kollege 2 springt auf, um aus dem Jungsklo Papiertücher zu holen. Kollegin 3 springt auf, um aus ihrer Tasche ein Päckchen Papiertaschentücher zu holen. Ich bleibe sitzen und beobachte fasziniert ihren Hintern, der nun, da sie auf den Knien im Schulflur kniet und wischt und wischt und wischt, nach oben gestreckt hin und her wackelt. Mittlerweile sind 1 und 2 mit weiteren Papiertüchern eingetroffen und putzen ebenfalls. Einen kurzen Augenblick bekommen ich einen Helferimpuls. Sollte ich da mitmachen?

Aber dann fällt mein Blick auf Emil. Der beobachtet die Lehrer genau wie ich und macht keinen Finger krumm. Emil trifft keine Schuld, man muss ihn nicht schimpfen, dumm gelaufen mit der Glasflasche, doch Emil ist Verursacher und kann in der Schule ruhig lernen, dass man seinen Dreck auch wieder wegräumt. Hilfestellung meinetwegen. Hinweise nach dem Motto: „Papiertücher sind im Jungsklo, aber lauf doch schnell ins Sekretariat, dort haben sie immer einen Eimer und Lappen…“, und, „ich pass inzwischen auf, dass keiner reintritt und alles breitläuft.“ Das wäre mein Part dabei. Und dann würde ich Emil den Apfelsaft selbst wegwischen lassen. Ein Mensch übernimmt Verantwortung für sein Handeln, ob Absicht, Schuld oder Was-auch-immer, das spielt keine Rolle.

Nun sitze ich stumm im Flur, um mich herum putzen drei Lehrer und die Schüler gucken ihnen dabei zu. Eine absolute Lappalie, aber gerade an so kleinen Momenten kann ein junger Mensch etwas lernen. Wie Gemeinschaft funktioniert zum Beispiel. Was lernt im Gegensatz dazu heute Emil?

Warum soll ich mich anstrengen? Es gibt andere, die die Drecksarbeit machen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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Preis-Verdächtig II

Liebe Leser,

vor ein paar Jahren las ich in einer überregionalen Zeitung, dass ein Lehrer an einer Schule unserer Region einen Lehrerpreis gewonnen hatte und war bass erstaunt, dass ich das auf diesem Wege erfuhr. Warum redete man an meiner Schule nicht darüber? So weit weg war das doch nicht? Daraufhin sprach ich einen Kollegen in meiner Schule an und erntete nur eine wegwerfende Handbewegung. Was soll das schon Tolles sein? Wieder wunderte ich mich. Kann man darauf nicht stolz sein? Sind die Kollegen nicht neugierig, was der andere Kollege gemacht hat, um eine solche Ehrung zu erhalten? Hmmmm…

Seit dem habe ich diverse Lehrerpreise aufmerksamer verfolgt und konnte einen Interviewpartner für meinen Blog gewinnen. Im Interview werdet ihr erfahren, warum er anonym bleiben will.

 

Frau Henner: Wie war das, als du von deinem Lehrerpreis erfahren hast?

Preisträger: Es war am Nachmittag und ich war allein im Lehrerzimmer, als der Anruf kam. Ich konnte das erst gar nicht glauben und habe zweimal nachgefragt. Es musste sich um einen Irrtum handeln. Dann sickerte die Erkenntnis langsam durch und ich fing an, tatsächlich ein paar Zentimeter zu schweben. Ein sagenhaftes Gefühl, dass ich am liebsten gleich mit der ganzen Welt geteilt hätte. Aber man sagte mir, dass ich das bis auf der Schulleitung niemandem sagen dürfe. Dann bin ich gleich zur Schulleitung. Der Direktor hat mir natürlich erfreut gratuliert und ich schwebte den ganzen Nachmittag durch die Flure, ich glaube, ich habe ununterbrochen gegrinst.

Frau Henner: Das klingt wunderbar. Wie ging es dann weiter?

Preisträger: Das Kollegium wurde kurz vor der Preisverleihung informiert, weil klar war, dass nun etwas Medienrummel auf uns zukommen würde. Und das war dann sehr seltsam. Mir haben fünf Kollegen nach der Verkündung während einer Konferenz spontan gratuliert und drei weitere im Laufe der nächsten Woche. Wir sind aber eine große Schule und die Mehrheit des Kollegiums hat das einfach ignoriert. Da kam ich mir vor wie ein Hochstapler.

Frau Henner: Wie meinst du das?

Preisträger: Einige Kollegen tuschelten hinter meinem Rücken. Es ging darum, dass ich mich ja wohl wichtig machen wolle. Der Buschfunk trug das natürlich zu mir, wahrscheinlich auch beabsichtigt. Es gab Kollegen, die sich in meinem Beisein beschwerten, dass man heutzutage lauter Scheiß machen müsse und dass das Kerngeschäft Unterrichten gar nicht mehr Anerkennung brächte. Das hat mich schon verletzt, denn gerade fürs Unterrichten habe ich ja den Preis bekommen. Als dann tatsächlich ein Fernsehteam da war, haben sie sich lustig gemacht. Eigentlich war das nur eine kleine Gruppe, aber die hat es mir vermiest. Und natürlich das Schweigen der Menge. Das ging dann soweit, dass ich über die eigentliche Preisverleihung kaum etwas an meiner Schule erzählt habe und sogar den Direktor gebeten habe, das nicht noch einmal in der Abschlusskonferenz zu erwähnen, weil ich die Missgunst der Kollegen nicht länger ertragen wollte.

Frau Henner: Dann war der Preis für dich also eher eine negative Sache?

Preisträger: Nein, ganz und gar nicht! Die Preisverleihung war einmalig und ich habe in dieser Zeit damals unglaublich viel Motivation bekommen, trotzdem weiterzumachen. Aber ich rede nicht darüber. Durch den Preis habe ich interessante Menschen kennengelernt und meinen Horizont wieder ein Stück erweitern können. Ich möchte ihn nicht missen. Manchmal, wenn ich im Schulalltag mit mir hadere, dann denke ich an den Moment, als mich die Sekretärin ans Telefon rief und eine Stimme sagte: „Ich gratuliere Ihnen, denn Sie haben unseren Lehrerpreis gewonnen!“

Frau Henner: Der Lehrerpreis war für dich also eher eine private Angelegenheit?

Preisträger: Ganz genau.

Frau Henner: Vielen Dank, dass du mir das so offen erzählt hast.

Preisträger (lacht): Vielen Dank, dass du mir zugehört hast, das ist nicht selbstverständlich.

 

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Ab an die Grundschule!

Liebe Leser,

heute Morgen höre ich im Radio, dass wegen des großen Grundschullehrermangels zukünftig Gymnasiallehrer, die keine Anstellung bekommen, kurzerhand an die Grundschulen gehen dürfen – mit ihrem Gymnasialgehalt. Auf der Internet-Seite von „Kultus und Unterricht“ lese ich zudem, dass damit das Versprechen verbunden ist, nach drei Jahren auf Wunsch doch ans Gymnasium zurückkehren zu können. Man müsse nur ein in der Grundschule unterrichtetes Fach aufweisen können und nebenbei eine einjährige Zusatzqualifikation ableisten. Schon sei man Grundschullehrer…

Welches Signal wird hier gesetzt?

Ihr Grundschullehrer seid ja ganz schön dumm, euren Job können auch die Gymnasiallehrer machen – vor allem die, die sonst nichts kriegen – und die werden dann auch noch besser bezahlt als ihr, die ihr die eigentliche Qualifikation für das Unterrichten von Kindern mit verschiedensten Voraussetzungen über Jahre erworben habt.

Gerade sind die Ergebnisse der letzten Grundschulstudie für Baden-Württemberg weniger erfreulich ausgegangen, da schießt das Kultus-Ministerium diesen Bock ab. Wie soll sich die Qualität erhöhen, wenn wir praktisch Quereinsteiger in die Grundschulen holen und diese dann besser bezahlen als das Stammpersonal? Wie soll innerhalb von Grundschulen da ein kollegialer Friede gewahrt werden? Wie sollen unsere Kinder angemessen unterrichtet werden, wenn die Qualifikation nebenbei erfolgen soll? Wie werden angehende Lehrer da verheizt, denn der Grundschulschock wird vielerorts nicht ausbleiben? Wann werden die Grundschullehrer mit ihrer sich stark wandelnden Arbeit wieder mehr geschätzt? Mit einem großen Fragezeichen gehe ich in die närrische Zeit.

Wie gerne würde ich glauben, es handele sich hierbei um einen Fasnachtsscherz.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Wandel

Liebe Leser,

die letzten beiden Wochen schlauchen mich körperlich und mental. Wenn ich nicht unterrichte, sitze ich in einer Notenkonferenz, erste Eltern sind wegen der Halbjahresinformation beunruhigt, weniger wegen der Lernfortschritte, sondern allein der Noten wegen, aber nun ja, das ist unser Schicksal, und diese Eltern müssen verständig aufgeklärt werden, über die Leistung des Kindes, die Balance zwischen Leben und Schule und über Anforderungen und auch pädagogische Grundsätze. Die Ponyschule ist vorbei, ab jetzt wird tatsächlich ins Freie geritten. Da gibt es zwangsweise ein Murren und Knurren, und doch auf der anderen Seite auch verstohlene Sympathiebezeugungen von anderen Schülern, hier mal ein Lächeln im Flur, da die Anfrage, ob ich nicht nächstes Jahr die Klasse übernehmen könne, nein?, dann bitte wenigstens ein AG!, heute sogar ein spontaner, kleiner Applaus am Ende der Schulstunde, einfach, weil es so nett und interessant war, bis nächste Woche dann, euch eine gute Zeit. Das soll, wird, muss über die anderen Erlebnisse helfen, in denen Schüler in Opposition gehen, weil man in diesem Nebenfach ja noch nie schlechter als Drei gewesen ist, weil es überhaupt ein Nebenfach ist, weil sogar die Eltern sagen, dass man das eh nicht braucht. Selbst wenn die Schüler zugeben, dass sie in den letzten Jahren nichts gelernt haben und nun auch nicht bereit sind, daran etwas zu ändern, so erwarten sie mindestens eine Zwei. Und wenn ich nicht liefere, maulen die einen und andere plauzen mich an. Kaugummi im Mund und das Handy unterm Tisch, aber ohne jedes Unrechtsbewusstsein. Es ist die Gespaltenheit dieser neuen Schulwelt hier, die mich täglich irritiert und der ich mich nicht immer gewachsen fühle.

Ich muss zugeben, dass es mir nicht gelingt, alle Kinder mitzunehmen. Es ist mir wenig Trost, dass Felix überall schlechte Noten hat und dass Helena zuhause niemanden hat, der ihr ein neues Heft kaufen kann, dass Reginald unter einer psychischen Krankheit leidet, die es im unmöglich macht, meinem Unterricht konzentriert zu folgen, er aber laut Elternaussage intelligent genug fürs Gymnasium ist. Diese Kinder gehen unter.

Felix hat sowieso zu nichts Bock, er fängt eine Aufgabe gar nicht erst an, eine Gruppenarbeit lässt er prinzipiell die anderen erledigen und selbst heute, da die Kinder zum Halbjahr aus Pappteilen Burgen und Schlösser zusammenstecken durften und fast alle voll dabei waren, schaut Felix nur einmal in die Baubox und sagt: „Zu kompliziert“, den Rest der Stunde wird er die anderen von ihren Konstruktionen ablenken.

Helenas Mutter ist an Krebs gestorben und der Papa arbeitet bis spät in die Nacht, klar interessiert ihn das popelige Heft nicht, aber Helena braucht nunmal ein Heft zum Schreiben. Tintenpatronen bekommt sie von Klassenkameraden, einen Umschlag werde ich ihr jetzt besorgen. Und es tut mir wirklich leid, dass ich letzte Woche zu ihr gesagt habe: „Na Helena, bald ist Halbjahr und du hast immer noch keinen Heftumschlag, langsam wirds peinlich.“ Da wusste ich noch nichts von ihrer Situation. Natürlich hätte ich anderes reagieren müssen. Wie soll man pädagogisch angemessen handeln, wenn man viele Schüler nur schlaglichtartig einmal die Woche sieht und im Grunde nichts weiß? Es gibt noch mehr Schüler ohne Heft, ohne Hausaufgaben, ohne Unterstützung. Die Gründe sind vielschichtig, aber allen Kindern ist gemein, dass sie Schwierigkeiten bekommen in unserem Schulsystem.

Und dann heute Reginald. Er hat Asperger und ist im Grunde immer in seiner Welt. Ohne Schulbegleiter kann das nichts werden, aber die wird es nur für die Hauptfächer geben, wenn überhaupt. Denn erst einmal müssten die Eltern zugeben, dass mit Reginald nicht alles so ist, wie es sein könnte. Aber was erwartet man von Eltern, die ihr Kind mit starkem Asperger-Syndrom auf ein Gymnasium geben, ohne der Schule Bescheid zu geben, was da auf sie zukommen könnte… Wie soll ich mich verhalten? Von der Schule gibt es die klare Anweisung, Reginald alle Nebenbeschäftigungen, in die er sich versteigt, zu versagen. Also nehme ich Reginald sein Malbuch weg, was er während der Stunde ausmalt. „Reginald komm, schau mal hier, wir gucken uns doch gerade die Ritterwappen an. Dein Malbuch ist schön, aber etwas für die Pause, jetzt sind wir bei den echten Wappen.“ Reginald findet das aber gar nicht gut. Wütend entreißt er mir sein Malbuch und schmeißt es auf den Boden. Sein Kopf ist hochrot, erste Tränen rollen. Seine Klassenkameraden schauen kaum auf, sie sind das gewöhnt. Das allein könnte einen schon traurig machen. Mich macht traurig, was ich auf Reginalds Blatt sehe. Es ist nur Krikelkrakel. Wie soll ich das denn bewerten? Was tue ich dem Kind an? Was tun die Eltern uns Lehrern an? Es gibt hier kein Basis-Niveau, auf dem ich Reginald anders als den Rest bewerten könnte. Reginald wird die ganze Stunde, immer wenn ich mich um andere Kinder kümmere, irgend etwas aus seiner Tasche zaubern, was nichts mit dem Unterrichtsthema zu tun hat. Und es gibt neunundzwanzig andere Kinder, die Hilfe, Lob, Ermahnungen und ein Lächeln brauchen.

Am Ende dieses Schultages wird meine Energie verbraucht sein und ich habe mich viel zu wenig um die Mehrheit der Kinder gekümmert.

In der Mittagspause ein schneller Happen und dann ab in die nächste Konferenz.

Es wird um Felix und Helena und Reginald gehen, aber auch um Saskia und Marco. Bis auf Marco tragen alle einen deutschen Familiennamen, Marcos klingt verdächtig italienisch und seine Deutschnote legt nahe, dass zuhause eher italienisch gesprochen wird. Saskias Deutschnote klärt sich auf, nachdem ihr deutsch klingender Familienname sich doch russischen Ursprungs erweist. Auch hier sprechen die Eltern nur gebrochen. Ich fange an, hinter den Familiennamen der Eltern mit fremden Wurzeln ein Pünktchen zu setzen, und muss am Ende der Konferenz feststellen, dass wir inzwischen fast in der Patt-Situation sind. Da muss ich unweigerlich an die Reportage denken, in der neulich ein muslimischer Jugendlicher sagte: „Das Problem mit den Deutschen, das löst sich von ganz allein. Weißt du, eine deutsche Frau kriegt ein, zwei Kinder und eine islamische sieben bis acht. Wir müssen also nur ein bisschen warten.“

Saskia und Marco sind weder muslimisch noch haben sie sechs Geschwister, aber sie haben mit Felix, Helena und Reginald gemein, dass sie Schulprobleme haben. Bei allen fällt uns nichts anderes ein, als in der Halbjahresinformation zu vermerken, dass wir ein Elterngespräch wünschen. Mehr haben wir nicht. Wir sprechen mit den Eltern, aber es ändert sich in der Regel dadurch kaum etwas. Felix‘ Eltern haben ihren Sohn bewusst aufs Gymnasium gegeben, auch wenn er den Anforderungen kaum gewachsen ist, Helenas Mama ist unersetzlich, Reginald wird eine Odysee durchlaufen, bis ein richtiger Platz für ihn gefunden ist, Saskia wird vielleicht sitzen bleiben und bekommt dann zuhause Schläge und Marco wird sich irgendwie bis zur Oberstufe durchlavieren, Charme hat er ja. Wenn er nicht vorher von der Schule fliegt, er steht kurz davor.

Wenn das alles mal wieder so geballt kommt, wie es momentan der Fall ist, dann macht mir Unterrichten keinen Spaß mehr. Die Bedingungen stimmen einfach nicht. Wir üben lernen, bieten Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe von älteren Schülern an, wir haben Klassenlehrerstunden und Aktionstage, und doch ist das alles zuwenig. Die Gedanken, was mit Deutschland in zwanzig Jahren ist, wenn ich mir diese Generation anschaue, nehmen zu und hinterlassen ein riesiges Fragezeichen.

Wir sollten eben nicht nur ein bisschen warten!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

Preis-Verdächtig

Liebe Leser,

sicher habt ihr schon mitbekommen, dass Jan-Martin Klinge DEN Deutschen Lehrerpreis mit seinem Kollegenteam gewonnen hat, in der Kategorie Innovativer Unterricht. Frei von Vorbehalten und weil ich Martin nun schon als Bloggerkollegen eine ganze Weile kenne, will ich hier natürlich auch ein Herzlicher Glückwunsch rufen. Dieses herrliche Gefühl, ein Stück weit über dem Boden zu schweben, dass mit einer solchen Ehrung verbunden ist, gönne ich ihm und seinen Mitlehrern. Genießt es! Meine ehrliche Anerkennung!

Prinzipiell stehe ich solchen Auszeichnungen jedoch zwiespältig gegenüber, aber das hat jetzt nichts mehr mit Jan-Martin und Co zu tun, ihr seid hier nur der Anlass, ausgerechnet heute diesen Beitrag zu schreiben. Ich will euch euren Preis nicht miesmachen. Deshalb folgt gleich noch einmal ein Absatz, der nicht nur das Lesen erleichtern soll, sondern die inhaltliche Grenze deutlich markieren.

 

 

Seit ein paar Jahren verfolge ich die „Preisszene“, habe Reportagen gesehen, Texte gelesen, mich im Internet und analog über Siegerschulen und ausgezeichnete Projekte informiert, war sogar auf einer Fortbildung dazu – Holla! – und noch anderweitig ganz persönlich involviert. Auf der einen Seite faszinieren mich der Ernst, mit dem dadurch über Schule und Pädagogik nachgedacht wird, und die gesellschaftliche Anerkennung, die so unserem Berufsstand allgemein entgegengebracht wird. Das ist, unabhängig von der Ehrung engagierter Pädagogen, eine positive Seite und allein die lohnt schon.

Eine Medaille hat jedoch bekanntlich zwei Seiten und über die negative Seite darf und soll genauso gesprochen werden. Preise mit nationaler Reichweite sind auch politische Entscheidungen, bestimmte Methoden, Themen und Menschenbilder werden hier als die anzustrebenden dargestellt. Solche Lenkungsmechanismen wird es immer geben, wir sollten sie uns nur bewusst machen.

Bei manchen Projekten staune ich über den Ideenreichtum, den Elan und das Durchhaltevermögen der Beteiligten und sehe ganz klar den Wert für unsere Schullandschaft. Da kann ich nur sagen: „Hut ab!“ Bei anderen Projekten weiß ich leider auch zum Teil, dass die bei der Preisverleihung dargestellte schöne Schulwelt in Wirklichkeit gar nicht existiert, es aber den Beteiligten gelang, eine Hochglanzseite ihres eigenen Tuns darzustellen, die absolut überzeugend war, und dann auch noch einen politischen Nerv zu treffen. Schüler und Eltern waren hingegen froh, als der Spuk endlich ein Ende hatte und ihre Kinder wieder etwas lernten. Bei anderen Lehrern.

Solche Fälle sind insofern heikel, weil sie auch die tatsächlich Preisverdächtigen diskreditieren. Sonst wäre ich selbst vielleicht gar nicht skeptisch, sondern einfach nur begeistert. Aber so ist meine Erfahrung eine Bremse. Ich schaue seitdem lieber dreimal hin, ehe ich etwas gut finde, egal wie toll der Prospekt dazu aussieht, und hinterfrage die Ehrung. Keine Bange, es gibt genügend Konzepte, die dieser strengen Prüfung stand halten, aber eben nicht alle. Und bei vielen Projekten kann ich mir gar kein Urteil erlauben. Dann sage ich, das klingt gut, es scheint wunderbar zu sein, doch wenn ich das nicht selbst erlebt habe, weiß ich nicht, wie es in Wirklichkeit ist. Der ewige Zweifler…

Nichtsdestotrotz freut es mich, wenn es durch Preisverleihungen zu einer Diskussion kommt, was Unterricht und Schule heute eigentlich können und sollen. Wann hat Schule denn sonst eine solche Plattform?!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

Von Blindheit geschlagen

Liebe Leser,

nachdem der kleine Leo bis Weihnachten das Lesen erlernt hatte, dachte er, nun sei es genug und hatte keine Lust mehr. Dass Lesen nicht Wörterentziffern ist und dass da mühevolles Üben dazugehört, das hatte er sich wohl anders vorgestellt. Und dabei kann man in den Weihnachtsferien doch so viele Filme gucken!

Mir ist ein bisschen unwohl dabei, wenn ich sehe, wie der Kleine das grad Erlernte, aber noch nicht Gefestigte für ein paar Folgen Rosaroter Panter über Bord werfen mag. Zudem erinnere ich mich, wie mühsam diese Phase bei Lucy gewesen ist. Wenn man alle Buchstaben kann, das Wort aber noch nicht als Ganzes mit den Augen erfasst, sondern durchbuchstabiert, dann dauert das ewig und macht nicht wirklich Spaß. Für niemanden.

Der kleine Leo jedoch lässt sich schnell auf einen Deal ein: Zuerst drei, vier Seiten im Erstlesebuch lesen, dann darf er auch Rosaroter Panter gucken. Nach ein paar Tagen kommt er von alleine und gar nicht mehr im direkten Zusammenhang mit dem täglichen Fernsehkonsum, denn Lesen macht immer mehr Spaß. Nach vierzehn Tagen Ferien liest Leo nun schon recht flüssig und sogar heimlich allein.

Leo ist ein intelligentes Kind, aber wahrscheinlich kein Überflieger. Er hat aber das Glück, dass seine Eltern seinen Lernprozess begleiten und fördern. Und wie ich da so auf dem Sofa mit ihm sitze und wir in seiner Rittergeschichte blättern, muss ich immer wieder an Vera denken.

Mit diesem Mädchen bin ich in die Grundschule gegangen, aber wir hatten nicht viel miteinander zu tun. Vera war eine Außenseiterin, etwas schäbig angezogen, manchmal ungewaschene Haare, schlechte Schülerin. Wir hatten gehört, dass beide Eltern blind seien und einmal, als ich ihr etwas vorbeibrachte, stand ich unsicher in der Wohnungstür und schaute in eine gähnende Schwärze hinein. Wir wohnten im selben Block, sogar in der baugleichen Wohnung, aber wo bei uns grüne Auslegeware für eine warme Atmosphäre sorgte und viele Lampen den Flur erhellten, war bei Vera nichts. Einfach nichts. Die Türen waren verschlossen oder zugehängt, alles war dunkel und schwarz und das mitten am Tag. Vera bat mich nicht herein und ich war sicher froh drum. Das war das einzige Mal, dass ich bei ihr war, obwohl sie nur vier Hauseingänge weiter wohnte.

Heute wundert mich nicht, dass Vera schlecht in der Schule war. Wer hat sie denn unterstützt? Haben ihre Eltern sie als Baby adäquat behandeln können, hatten sie Unterstützung von außen? Wer hat jemals mit dem Kleinkind ein Bilderbuch angeschaut, wer die Hefte kontrolliert, etwas Schönes gelobt, etwas Schlechtes getadelt? Natürlich vermag ich nicht zu sagen, ob Vera Liebe und Zuneigung erfahren hat, aber altersangemessene Fürsorge, Förderung? Das bezweifle ich, wenn ich an das finstre Loch denke, aus dem sie kam. Hätten die Eltern genügend Unterstützung gehabt, hätte es Licht gegeben. In Form von Lampen, aber auch im übertragenen Sinne.

Jahre später habe ich Vera bei einem Klassentreffen wiedergesehen. Sie sah älter aus, als sie war, verbraucht, man sah ihr das Hartz IV regelrecht an und vor allem das Unwohlsein zwischen uns anderen. Wenn ich mit dem kleinen Leo auf dem Sofa sitze, frage ich mich, was aus Vera geworden wäre, wenn nicht beide Eltern blind gewesen wären, wenn von außen mehr Unterstützung dagewesen wäre, wenn das in meiner Kindheit jemanden interessiert hätte? Und umgekehrt, hätte der kleine Leo denn von sich aus Lesen lernen wollen, wenn er so aufgewachsen wäre?

Nun ist es schon ein hartes Schicksal, wenn beide Eltern blind sind, aber Eltern können auch im übertragenen Sinne blind sein, nicht merken, wenn ihr Kind etwas kann und nur den Anstoß oder eine Hilfestellung braucht. Es ist bekanntlich viel bequemer ist, wenn das Kind den ganzen Nachmittag Rosaroter Panter guckt oder Was-weiß-ich-nicht-alles.

Wir urteilen häufig recht schnell über Fünf- und Sechsjährige und vergessen dabei immer wieder, dass sie Produkte eines Schicksals sind. Das lässt sich so leicht verdrängen, weil unsere eigenen Sprösslinge davon profitieren. Der Abstand ist uns, wenn wir ehrlich sind, doch nur recht. So können wir so tun, als sei es allein naturgegeben, dass unsere Kinder schneller, schlauer und sowieso hübscher sind.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Grenzenloser Individualismus

Lieber Leser,

Weihnachten ist bekanntlich das Fest, an dem die Familie, so sie denn existiert, im trauten Heim zusammenkommt. Und wie viele wissen, ist das auch ein Tanz auf dünnem Eis, Menschen haben sich auseinandergelebt, die Erwartungen sind hoch und Menschen eben nur Menschen. So könnte man die nun folgende Episode auch darunter verbuchen oder auch nicht, aber dazu später, hier erst die Weihnachtsgeschichte, dann die Moralkeule.

Es war einmal ein friedliches Weihnachten, Kinder und Enkelkinder kamen zu den Großeltern zu Besuch, ein Teil ging in die Kirche, um sich einzustimmen, aber bei der Predigt hatte man schon abgeschaltet, da gehe man lieber in sich selbst, ein anderer Teil blieb zuhause, um das Essen vorzubereiten und auch, weil die Predigt seit Jahren schon nicht mehr lohne. Die Kinder spielten mit den Geschenken, aber auch viel mit dem Smartphone, der Vater ebenso, was den Großvater störte, weil man so zwar beisammen, aber nicht beieinander war. Gesagt wurde nichts dazu, um des lieben Friedens willen. Wein wurde getrunken und lang zusammen gesessen. Spät kroch man in die Federn, ein jeder mit seinen Gedanken.

Am nächsten Morgen schliefen alle tief und fest im Hause, die halbwüchsigen Kinder, wie es ihrer Natur entspricht, die Großmutter wegen der Schlaftablette und der Vater, weil es einer der wenigen freien Tage war, bis zuletzt geackert, nun endlich ausschlafen. Den Großvater hingegen trieb, wie er selbst gern sagte, die senile Bettflucht beizeiten in die Küche. Und da am Feiertag weder die Radionachrichten noch eine Tageszeitung viel Abwechslung bieten, machte er sich daran, das Frühstück vorzubereiten: Teller und Besteck, Tassen, Gläser, eine frische Butter und ein Brettchen mit Käse und Wurst, die Marmeladen und den Honig auf den Tisch gestellt, aus dem Keller eine Packung Orangensaft heraufgeholt, Kaffee aufgesetzt, vielleicht noch ein paar Servietten und dazu ein Concerto grosso von Corelli. Zum Schluss noch die Kerzen angezündet, schön sieht es aus.

Verschlafen trudelt die Verwandtschaft ein, man setzt sich hin und speist. Erst beim Aufbruch ein paar Stunden später wird der Vater den Großvater beiseite nehmen, um ihm zu sagen, dass ihm das nicht gefallen habe. So würde man heutzutage nicht mehr leben. Er mache sich seinen Kaffee selbst, seine Frau mache den ihren für sich, heute habe er ihn sogar eingeschenkt bekommen, das sei ein Leben in Abhängigkeiten, völlig unmodern, es sei viel schöner, wenn sich keiner zu etwas verpflichtet fühle, jeder mache sich sein Essen, wenn ihm danach sei. Der Großvater ist konsterniert, schluckt den Ärger aber hinunter, um des lieben Friedens willen.

Würde es sich bei dem Vater um ein Pubertier handeln oder um einen rebellischen Mittzwanziger, dann könnte man das Grundsätzliche vielleicht umdeuten, doch hier handelt es sich um einen Mittvierziger mit Familie. Da gibt es nichts zu deuteln. Unverständnis und Enttäuschung bleiben nun als schaler Beigeschmack an diesem Weihnachtsfest hängen. Eigentlich muss da gar nicht mehr erwähnt werden, dass der Großvater dann einen Scherz gegenüber den Enkelkindern macht, dass sie sich doch auch mal mit dem Gegenüber und nicht nur mit dem Handy beschäftigen könnten. Da fährt ihn der Vater an, das sei Quatsch, es sei total wichtig, dass die Kinder sich in der digitalen Welt auskennen und das so oft wie möglich üben. Er hätte einfach keine Ahnung mehr von der Welt.

Habe ich auch nicht, in meiner Familie werden digitale Endgeräte ausgestellt, wenn Besuch da ist oder man einen gemeinsamen Abend verbringt. Undenkbar, dass Lucy mit ihrem Smartphone auf dem Sofa sitzt. Ich liebe gemeinsame Mahlzeiten, wir sitzen morgens, wenn Ferien sind oder Wochenende, eine Stunde am Frühstückstisch und essen und reden. Herr Henner fängt in der Regel an mit dem Tischdecken, ich trotte später herein, ja, ich brauche morgens etwas länger. Der kleine Leo, der sich gerne völlig vor dieser Arbeit drückt, muss eben den Tisch abräumen, während die Eltern noch die letzte Tasse Kaffee genießen. Wenn ich mir tagsüber einen Kaffee zubereite, bringe ich Herrn Henner eine in sein Arbeitszimmer.

„Möchtest du einen Kaffee?“, frage ich nun grinsend, „oder soll ich den wieder mitnehmen, damit du deine innere Freiheit behälst?“

Herr Henner grinst zurück. Zum Glück sind wir eine ganz altmodische Familie.

 

Viele Grüße aus der Provinz und einen guten Rutsch ins neue Jahr wünscht euch Frau Henner