Übertriebene Maßstäbe

Liebe Leser,

als Lucy in den Kindergarten ging, also vor gefühlt hundert fünf Jahren, und die Grundschulkooperationslehrerin zum Elternabend erschien, hieß es: ein Kind sollte Grundformen erkennen können (Viereck, Kreis, Dreieck), die Würfelpunkte unterscheiden können (also Mengen bis sechs überblicken) und einfache Reime bilden können, ach ja und natürlich einen Stift richtig halten können und eventuell eine Schere bedienen. Schön wäre es auch, wenn die Kinder eine Schleife binden könnten – wegen der Schuhe, also vielleicht auch selbständig anziehen wäre toll. Das galt als Voraussetzung, um eingeschult zu werden. Ich erinnere mich an diese Grundschullehrerin, ihr gutmütiges Altfrauengesicht und ihr aufmunterndes Nicken: „Mehr brauchen Sie wirklich nicht zu machen, wir kümmern uns schon. Es ist viel wichtiger, dass Ihr Kind Freude und Neugierde mitbringt. Um den Rest kümmern wir uns.“

Ach waren das noch Zeiten!

Nach diesem Elternabend bin ich nach Hause gegangen und dachte, Lucy kann das alles, wird schon in Ordnung gehen mit der Grundschule, prima. In der Vorschule, die Lucys Kindergarten sehr genau nahm, haben die Kinder dann trotzdem schon mal vorweg alle Buchstaben drangenommen, gereimt, Bücher gestaltet, Buchstaben getanzt (wirklich!), Webrahmen angefertigt, Origamis gefaltet und wasweißichnochalles. Und die Grundschullehrerin sagte noch einmal: „Es ist zwar schön, wenn Ihr Kind seinen Namen schreiben kann, und wenn die Buchstaben spiegelverkehrt sind, macht das gar nichts, das ist völlig normal – aber es ist keine Voraussetzung, um eingeschult zu werden: Schreiben lernen die Kinder bei uns. Üben Sie keinen Druck aus – malen Sie lieber mit Ihrem Kind, dann lernt es die richtige Stifthaltung, das ist viel wichtiger.“

Fünf Jahre später bin ich in diesen Weihnachtsferien bei einer Bekannten zu Gast, deren vierjähriger Sohn gerade sein jährliches Entwicklungsgespräch im Kindergarten hinter sich gebracht hat. In zwei Jahren wird der kleine Philipp eingeschult. In zwei Jahren! Warum ich das betone? Hört selbst, was die Bekannte berichtet: „Die Kindergärtnerin meinte, er würde sich noch gar nicht für Buchstaben interessieren und könne seinen Namen noch nicht schreiben. Das müsse man ändern, denn nächstes Jahr gehe es doch mit der Vorschule los, das sei schon wichtig.“ Auch wurden Buchstabenverdreher bemängelt, die dem Kleinen noch unterlaufen. Manchmal verwechselt er b und w. Manchmal.

Wieder sehe ich das gutmütige Gesicht der Grundschullehrerin und stelle mir vor, wie sie dem Kleinen auf die Schultern tätschelt und sagt: „Macht nichts, ich hab das schöne Bild gesehen, das du vorhin gemalt hast, du kannst da schon richtig gut – und in zwei Jahren, da kommst du zu uns in die Schule und dann lernst du alles…“

Aber ich fürchte, bis dahin haben schon ambitionierte Kindergärtnerinnen ihr Werk getan. Lucy hat sich übrigens im ersten Schuljahr in Deutsch ziemlich gelangweilt – das hatte sie doch schon im Kindergarten. Natürlich ist Sprachförderung wichtig – aber Sprachförderung ist ja nicht Buchstaben lernen und schreiben können. Viele Kinder können ihren Namen schon vor der Schule schreiben – weil es riesigen Spaß macht und das Ich stärkt. Aber bei VIERJÄHRIGEN die Eltern aufzuscheuchen, wenn das Kind noch nicht schreiben kann, halte ich für absolut übertrieben.

Philipps Mutter sieht das Ganze übrigens gelassen: „Ich hab Ihnen gesagt, dass Sie ihn einfach spielen lassen sollen, das kommt von allein. Er hat doch noch zwei Jahre Zeit.“

Bitte gebt Philipp und all den anderen Kindern diese zwei Jahre, die Schule beginnt hier in Süddeutschland schon früh genug!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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16 Kommentare zu “Übertriebene Maßstäbe”

  1. Großer Gott… da fehlt wirklich nur die Frage, ab wann der Chinesisch-Kurs belegt wird. 😦

    Im Übrigen gibt es eine Parallele zum „gutmütigen Altfrauengesicht“. Mein seliger Biologielehrer, allenthalben nur als „der Papa“ bekannt, trat Ende der 80er auf einem Elternabend in der 5. Klasse in Aktion, als irgendwelche – nunja – leicht überambitionierten Elternteile sich darüber mokierten, dass im Englischunterricht zu wenige Vokabeln gelernt oder in Musik(!) bestimmte Themen (Tonarten oder Intervalle o. ä.) noch nicht durchgenommen worden seien, weil das ja im Hinblick auf das Abitur Nachteile mit sich brächte usw.

    Darauf meldete sich irgendwann „der Papa“ zur Wort dem das wohl zusehends auf den Geist zu gehen schien, und ließ wissen: „Es gibt auch noch Wichtigeres im Leben als Englisch und Musik. Lassen Sie doch auch einmal die Kinder Kinder sein.“ Wie mein Vater bemerkte, beendete das sämtliche Klagen auf Anhieb…. 😀

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    1. Ich erinnere mich an einen Elternabend, wo einem Vater die Hutschnur platzte, weil an unserer Schule Spanisch nicht als Zweitsprache angeboten wird und das einen klaren Wettbewerbsnachteil in der globalisierten Welt mit sich brächte. Das war auch in Klasse 5. Und machte mich sprachlos – manchmal kann ich so eine Einstellung einfach nicht fassen. Die Elternvertreterin war aber ganz gelassen und meinte, man lebe ja immer noch in Europa und nicht auf dem Weltmarkt… da war der Papa still.

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  2. Hm… Klingt für mich nach einem sehr ambitionierten Kollegen, der die eher von Optimalwerten als von reellen ausgeht. Das ist wie die Referendare in Lehrproben, die in 45 Minuten die dreifache Menge an Stoff pumpen wollen und dann perplex sind, wenn das nicht klappt. Ich spreche da aus Erfahrung 🙂

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  3. Schrecklich, aber ich habe sowas auch schon oft gehört, gerade auch durch die Neffen (4 und 7). Uah! Der „Optimierungsbedarf“ ist eben in allen Lebensbereichen vertreten, leider, leider auch schon bei den Kindern. Richtige Wettbewerbe sind das zum Teil, die Eltern da veranstalten – ganz am Anfang ist es, wer zuerst krabbeln oder sitzen kann, wer zuerst wie viel sprechen kann etc. Dann geht es um solche Fertigkeiten wie Lesen und Schreiben – und das alles oftmals viel zu früh. Himmel, warum lässt man die Kinder nicht einfach mal Kind sein?! Und jedem Kind dabei seine eigene Zeit, die es zur Entwicklung braucht.
    Meine Schwester ist da zum Glück auch eine „normale“ Mutter vom Schlag Philipps Mutter, Gott sei Dank. Aber auch sie hatte bei Neffe 1 überlegt, ihn bereits mit 5 einzuschulen (ein Winterkind wie ich, und ich wurde damals mit 6 eingeschult und bin im Winter 7 geworden, das halte ich bis heute für „normal“ 😉 ) und ich bin froh, dass sie davon wieder abgekommen ist. Mit G8 wäre das zusammengenommen ja schon sehr früh (wobei du glaube ich mal meintest, dass Lucy auch mit 17 schon Abitur machen würde, rein theoretisch?), aber ich denke mir immer, wenn die Kinder am Ende mit mittlerer Reife abgehen, sind sie dann einfach auch gerade mal 15 oder so. Wahnsinn. Ich möchte mal behaupten, dass ich in Sachen geistiger Reife kein Spätzünder gewesen bin – aber mit 15 wäre ich mit der heutigen Riesenauswahl an Berufsmöglichkeiten absolut überfordert gewesen.
    Naja. So viel dazu, auf alle Fälle habe ich das Gefühl, dass das richtig zum Trend wird, die Kinder immer früher dazu zu drängen, Fähigkeiten zu erwerben (hallo Kompetenz-Lehrpläne 😉 ) und Leistungen zu erbringen. Traurig, wirklich. Da möchte ich fast sagen, dass ich froh bin, heute kein Kind mehr zu sein. Und das wiederum klingt irgendwie einerseits traurig und andererseits… äh, weiß nicht, seltsam, weil ich ja auch noch nicht so alt bin – aber es ist schon eine ganz andere Generation, das merkt man deutlich.
    Liebe Grüße und gute Nacht!

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  4. *seufz* Das scheint aller Orten jetzt so zu gehen. Im Bekanntenkreis wurde jetzt ein Kind von seinen Eltern ein Jahr zurückgestellt, damit es nicht mit den Nachbarskindern konkurrieren muss. Dabei kann das Kind schon Wörter lesen und rechnen. Ich war bar entsetzt und fragte, was das Kind nach der Meinung der Eltern noch in der Grundschule lernen sollte, weil der gesamte Stoff von Klasse 1 schon vorweggenommen wurde.

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    1. In Lucys Klasse waren viele Jungen in der Grundschule, die ein Jahr zurückgestellt wurden – auf Bitten der Eltern, weil man davon ausgeht, dass Jungen eben ein bisschen länger brauchen. „Denen tut ein Jahr mehr Zeit halt gut!“ Das hatte aber zur Folge, dass diese Jungen dann besonders in Mathematik wirklich sehr gut waren und der Druck auf die zum Teil bis zu anderthalb Jahre jüngeren Kinder von dieser Seite stieg.

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    1. War in meiner Kindheit auch so und das betrifft sehr viele – warum sind wir als Generation dann so verbissen, was nun unsere Kinder anbelangt? Hier sind es ja nicht einmal die Eltern, sondern die Kindergärtnerinnen, die einen Druck aufbauen, der nicht sein müsste. Philipp kommt aus einem sogenannten bidlungsnahen Elternhaus und macht einen pfiffigen Eindruck – also kein Grund auch nur irgendwie anzunehmen, dass hier Frühförderung nötig wäre.

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      1. Tja, das ist die Preisfrage, nicht? Woher kommen all die Chantalles und Justins? Deren Elterngeneration hatte doch oft auch eine gescheite Kindheit und eine gute Erziehung…

        Vermutlich meinen das in Phillips Fall die Kindergärtnerinnen nur gut, im Sinne von: In unserer Turbogesellschaft gibt es kaum noch Zeit, um mal innezuhalten. Zumindes tdann nicht, wenn man es zu etwas bringen soll. Möglich?

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          1. Ich fürchte, die Frage ist nicht, was die Kinder noch schaffen können, sondern ob sie den Wohlstand/Lebensstandard der Eltern halten können – die Schere geht auseinander, Teile der Mittelschicht driften nach unten weg, und wer unten ist, kommt nicht mehr rauf. Das ist ganz gut belegt, und wird auch immer wieder mal durchs mediale Dorf getrieben. Folge = Panik. Klein Emma und klein Amadeus müssen rechtzeitig auf Konkurrenzkampf und ausgefahrene Ellbogengetrimmt werden. Funktioniert auch ganz gut. Ich merke die Haltung an der Schule, wenn es um Solidarität geht oder die Diskussion auf Haupt- oder Realschüler kommt. Das sind dann die Doofen, die einfach nicht genug gelernt undgeleistet haben, selber schuld. Und ich habe noch nie jemanden so laut gegen eine Erbschaftssteuer protestieren hören, wie meinen diesjährigen Sozialkundekurs…vorher ging es lange und intensiv um zunehmende gesellschaftliche Ungleichheit, verminderte Aufstiegschancen, Bildungsungerechtigkeiten. Den meisten war das völlig egal, weil sie sich auf der Siegerstraße wähnen. Aber Erbschaftssteuer – das geht GAR NICHT, immerhin haben ihre Eltern ja hart für ihren Besitz gearbeitet…

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            1. Die fehlende Solidarität merke ich selbst in der Unterstufe schon. Die Kinder sind da oft knallhart. Nur der beste Freund, die beste Freundin wird umsorgt – das geht dann auf einmal.
              Und spiegeln Kinder nicht Elternhäuser wider – plappern Kinder nicht noch sehr lange die gehörten Meinungen nach? Mit der Erbschaftssteuer machen viele Jugendliche über die Eltern, die zur Erbengeneration gehören, Erfahrungen. Hier sprechen also die Eltern.

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