Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm oder warum Frau Henner schlaflose Nächte bereitet

Liebe Leser,

vorab eine Warnung: Menschen, die schnell unter Schlafstörungen leiden, sollten diesen Post nicht lesen. Hört auf, trinkt ein Glas Wein, macht euch einen schönen Abend… wer aber gerne rätselt und oder mathematisch Denken kann oder zumindest Spaß daran hat, darf gerne weiterlesen. Aber kommt mir nicht hinterher und beschwert euch…

Vor zehn Jahren hätte Frau Henner sich geschmeichelt gefühlt, wenn ihr einer gestanden hätte, dass er wegen ihr nicht mehr schlafen kann, aber wenn nun Frau Henners Vater (ein Mann schon jenseits der Rentengrenze) anruft und fleht: „Verrat uns das bitte mit der Ziege, deine Mutter schläft seit drei Tagen nicht mehr, sie leidet da regelrecht drunter!“, ja dann ist es alles andere als schmeichelhaft, dann hat Frau Henner ein Problem.

Aber zum besseren Verständnis von Anfang an. In den Weihnachtsferien kommen die Eltern der Henners vorbei – sowohl die leiblichen, als auch die schwieger. Man trinkt Kaffee, macht ausgedehnte Spaziergänge, unterhält sich und irgendwann kommt Herr Henner mit ein paar Rätseln. Dazu muss man wissen, beide Opas scheuen geistige Herausforderungen nicht und insbesondere meine Wenigkeit ist in einem Haushalt groß geworden, in dem gerne mal eine knifflige Aufgabe gestellt und gelöst wurde. Mein Vater hatte schon immer viel Freude daran. Herr Henner sagt gleich, dass das wirklich schwierige Rätsel seien, aber man könne ja gemeinsam…

Ein, zwei Rätsel lösen wir recht schnell, mehr oder weniger gemeinsam. Dann kommt die Sache mit der Ziege.

Letzte Warnung, jetzt könnt ihr noch aussteigen!

Ein Bauer hat eine quadratische Wiese, die nicht umzäunt ist. Er möchte eine Hälfte für seine Bienen lassen. Die andere Hälfte jedoch soll seine Ziege exakt halbkreisförmig abfressen. Die parallel zur Außenkante halbierende Mittellinie des Quadrats bildet dabei den Durchmesser des imaginären Kreises, von dem aber nur eine Hälfte von der Ziege abgefressen werden darf. (Zeichnungen sind erlaubt!) Der Bauer geht zu einem weisen Mann und erläutert sein Problem. Der weise Mann gibt dem Bauer drei Seile und drei Pflöcke und erklärt ihm, wie er damit seine Ziege anpflocken muss, um das Problem zu lösen. Wie pflockt der Bauer die Ziege an?

Eine kurze, rege Diskussion entsteht, dann sehe ich die Lösung vor mir.

„Ich hab’s“, sage ich und ernte erstaunte Blicke.

Ich gehe mit Herrn Henner in die Küche und erkläre ihm meine Lösung, wir zeichnen das kurz auf, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, Frau Henner ist glücklich, karamba! Als ich ins Wohnzimmer zurückkehre, treffen mich erwartungsvolle Blicke.

„Ja, es funktioniert“, sage ich nur und genieße den kleinen Triumph. Die Opas und Omas zeichnen, diskutieren, gucken mich schräg von der Seite an. Irgendwann beschließen sie, ein anderes Rätsel zu lösen.

Zu dem sagt Herr Henner: „Also das hab ich auch nicht rausgekriegt, da muss man mathematisch denken können…“ Ich gehe inzwischen mal in die Küche, um das Abendessen vorzubereiten. Aus dem Wohnzimmer dringen laute Stimmen herüber.

Noch während des Essens kommt immer wieder das Gespräch auf die Ziege.

„Nein, man darf keinen Zaun bauen“, murmel ich.

Und meine Mutter sagt: „Aber heute Abend müsst ihr das auflösen, sonst kann ich nicht schlafen!“

Zwei Tage später ruft meine Mutter an und hat „mal ein paar Fragen zu der Sache mit der Ziege“.

„Nein, die Ziege wird nicht umgepflockt“, sage ich unter anderem.

Noch einen Tag  später dann der Anruf meines Vaters. „Verrat uns das bitte mit der Ziege, deine Mutter schläft seit drei Tagen nicht mehr, sie leidet da regelrecht drunter!“ Ich verrate aber keine Rätsellösungen, nein, das mache ich nicht. Aber ich kann ja Fragen stellen, solche, mit denen meine Eltern, die beide an der Lautsprechanlage des Telefons sitzen, jeder Papier und Stift in der Hand, doch selbst zur Lösung kommen können. Interessanterweise hat meine Mutter dann auch schon Lösungsansätze, die sie nur noch zusammendenken muss, aber das kann sie nicht.

„Du hast es mir doch schon gesagt, jetzt bring das beides zusammen!“

„Das kann ich aber nicht, ich hab da ein Brett vorm Kopf. Das hab ich noch nie gekonnt…“

Da greift mein Vater rettend ins Gespräch ein und präsentiert mir die Lösung. Hundert Punkte für Opa! Während mein Vater nun meiner Mutter die Lösung aufzeichnet, will ich mich aus dem Gespräch verabschieden. Schlaf gerettet, Familienfrieden wieder hergestellt… „Und wie ist das mit den Geldsäcken?“, fragt mein Vater.

„Das hab ich mir selbst noch gar nicht angeguckt, aber wenn Herr Henner sagt, dass das wirklich schwierig sei…“, wiegele ich ab und lege auf.

Und dann packt mich der Ehrgeiz. Ich hole mir Papier und Stift. Wie war das noch mal?:

Man hat zehn Säcke voll Münzen. In neun Säcken sind echte Münzen zu zehn Gramm das Stück. In einem aber sind falsche Münzen zu neun Gramm das Stück. Der Unterschied ist mit der Hand nicht zu messen. Weder bei einer einzelnen Münze noch bei einem ganzen Sack. Du hast aber eine Digitalwaage und darfst genau eine Wägung vornehmen. Dann musst du sagen, in welchem Sack das Falschgeld ist. Wie machst du das?

Frau Henner kriegt es raus in weniger als einer Viertelstunde und platzt fast vor Stolz. Und was macht sie dann? Sie greift zum Telefonhörer und ruft bei ihren Eltern an. Zum Glück ist der Vater dran.

„Ich wollte dir nur sagen, dass ich die Sache mit den Geldsäcken raushabe. Schönen Tag noch.“

Eine halbe Stunde später ruft der Schwiegervater an: „Alles klar bei euch?“, fragt er höflicherweise, „ich hab da mal noch eine Frage zu der Sache mit der Ziege…“

Am nächsten Tag ruft mein Vater wieder an und sagt nur: „Ich wollte dir nur sagen, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt. Ich hab’s raus!“

Hundert Punkte für meinen Vater, auf den ich richtig stolz bin.

Er lacht und meint: „Naja, von irgendwem musst du das ja schließlich haben!“

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner, die eines dabei gelernt hat: Stelle nie jemandem ein Rätsel, der Schlafprobleme hat!

P.S. Noch eine große Bitte: Veröffentlicht KEINE LÖSUNGEN! Freut euch, wenn ihr es raushabt. Für manche ist das ja Kinderkram, aber bitte bitte, verratet nicht, wie es geht. Ein Rätsel soll schließlich ein Rätsel bleiben!

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9 Kommentare zu „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm oder warum Frau Henner schlaflose Nächte bereitet“

  1. Ach, das erinnert mich an so einen Referendar, der in Vertretungsstunden immer solche Rätsel aufgestellt hat. Er hat mich in den Wahnsinn getrieben. :mrgreen: Außerdem hätte ich bei „mathematisch denken“ aufhören sollen zu lesen…

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    1. Ich habs auch rausgekriegt und gehöre wirklich nicht in die Matheecke – ich denke eher intuitiv und habe die Lösung auch plötzlich gewusst und nicht ausgerechnet. Auch mein Vater sagte, er habe es irgendwann einfach gewusst.

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      1. Ja, das sagt sich so leicht. Ich hab dann doch gegoogelt, weil ich eben ein „Schlafloser“ bin. Schlimm, ich weiß.
        Aber ich lag schon mal ein, zwei Stunden lang wach im Bett, weil ich ne Matheaufgabe ausm Studium nicht gelöst bekam. Wohlgemerkt, das war nach Mitternacht. Und ich konnt nicht schlafen, nicht schlafen, und irgendwann hatte ich doch Stift und Papier in der Hand…

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  2. Lieber rwandel,
    deine Antwort auf das zweite Problem habe ich rausgenommen, weil ich ja nicht wollte, dass die Lösung präsentiert wird – also verzeih bitte, aber 100 Punkte für dich, du hast es!

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