Parallelverschiebung

Liebe Leser,

Lucy hat ihre Hausaufgaben in der Freistunde erledigt. Freistunde und Hausaufgaben? Als Mutter ist man da doch eher skeptisch und lässt sich besagte Aufgaben noch einmal zeigen. Koordinatensysteme, Parallelogramme, orthogonale und parallele Strecken – aha. Stopp.

Was auf den ersten Blick recht gut aussah, kommt dann doch nicht durch meine Gütekontrolle.

„Was ist das?“

„Keine Ahnung!“

„Was soll das denn sein?“

„Weiß ich doch nicht, das ergibt sich halt, wenn man die Punkte einträgt.“

Kinder haben es schon schwer. Als Erwachsener sieht man sofort, dass es sich höchstwahrscheinlich um ein Parallelogramm handeln soll – laut Lehrbuch. Aber ein Parallelogramm hat dann eben auch parallele Seiten – zumindest die gegenüberliegenden. Ein Erwachsener liest sich schnell die Aufgabenstellung durch und erkennt den Fehler. Ja, Kindern fehlt dieser Durchblick oft – sie merken gar nicht, dass etwas falsch sein könnte.

Lucy hat eine Seite nicht parallel, sondern irgendwie verschoben. Das ist doch easy, denke ich, dann mach halt eine Parallelverschiebung. Das kenne ich noch aus der Grundschule. Einmal gelernt, nie vergessen. Ich mache nun den typischen Fehlschluss, dass ich glaube, auch andere Menschen – in dem Falle Lucy – müssen genauso begeistert und überzeugt von dieser Methode sein.

Lucy greift ihr Geodreieck und verschiebt mit Augenmaß. Was eine Zehnjährige so halt Augenmaß nennt. Ich nenne das krumm und schief. Ja ja, Frau Henner ist da pingelig. Parallelogramm heißt nun mal Parallelogramm und nicht Irgendwiegramm. Lucy ist schon sichtlich genervt. Besonders weil bei ihr längst die Erkenntnis durchsickert, dass sie eventuell die Hausaufgabe noch einmal machen muss. Eine ganze Seite!

Ich erkläre Lucy, wie man mithilfe eines Lineals und des Geodreiecks jede beliebige Linie parallel verschieben kann. Das klappt so gut, das muss sie doch erkennen, dass das eine bessere Methode ist als Ich-schätze-halt-so-ab. Lucys Argument ist stärker:

„Wir haben das im Unterricht aber noch nie so gemacht und wir werden das auch in der nächsten Mathearbeit nicht so machen!“

Lucy hasst es, wenn ich ihr etwas beibringen will. Ich hasse es, wenn sie sich von mir nichts beibringen lassen will. In der Schule hängen die Schülerchen meist ganz brav an meinen Lippen, Lucy guckt nicht mal auf meine Zauberhände, die ihr Schmierblatt mit lauter parallelen Linien überziehen. Es handelt sich hier um einen typischen Eltern-Kind-Konflikt. Dass es ausgerechnet Mathe ist, ist völlig egal. Mathematik hat Lucy nämlich inzwischen ganz gerne.

Also verlasse ich Lucy und flöte noch, dass sie ja nun wisse, wo es hapert und dass sie halt die Aufgabe noch mal machen müsse. Sei ja nicht schlimm. Aus Fehlern lerne man schließlich.

Hätte sie mal lieber in der Freistunde Stadt-Land-Fluss gespielt, das wäre effektiver gewesen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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10 Kommentare zu „Parallelverschiebung“

  1. Ach, Frau Henner (Lilo?), das spricht mir so aus der Seele. Ich hatte im Dezember (naja, letzte Woche noch immer) das Problem, einer Schülerin zu erklären, wie sie eine Lotgerade mit dem Geodreieck einzeichnet. Es ging und ging einfach nicht, und, ich muss zugeben, ich hatte mir bis dahin auch nie Gedanken darüber gemacht, wie man das verständlich vermitteln kann. „Das ist einfach so“. Ich mein, dazu sind ja die ganzen Hilfslinien auf dem Geodreieck.

    Hoffentlich ärgert sich Lucy nicht zu sehr, wenn die Hausaufgabe nur ungefähr stimmt. Aber ich finde es gut, dass du darauf hingewiesen hast, dass es in Mathe exakt sein muss. Das kann man nie zu früh sagen.

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    1. Nun ja – „exakt“ ist heute ein sehr dehnbarer Begriff 😉
      Aber ich bin froh, dass ich Lucy nichts Falsches erklärt habe, wenn mein Kind absolut überzeugend behauptet: „Das machen wir aber bei Lehrer XY immer so!“, dann komme ich schon ins Zweifeln, ob meine Uralt-Methode heute überhaupt noch praktiziert wird oder ob ich da nicht ein bisschen zu ambitioniert bin.

      Lucy hat übrigens alles noch einmal gemacht – es ärgert sie dann nämlich doch, wenn Falsches oder hier Ungenaues im Heft steht – hihi – das habe ich schon mal erreicht!

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      1. Ja, exakt so dehnbar, wie es die Schüler gerade gebrauchen könne, hab ich manchmal den Eindruck. 😀

        Ich kann natürlich für Lucy nicht sprechen, aber es scheint Mathelehrer zu geben, die den richtigen Gebrauch eines Geodreiecks nicht (mehr/genügend) erklären, sondern das als gegeben voraussetzen.
        Uralt gibt es in dem Sinne nicht, Mathe ist es oft egal, wie etwas gemacht wird, Hauptsache, es stimmt. Was eigentlich auch so schön an Mathe ist, dass es oft nicht nur einen Weg ans Ziel gibt.

        Ach, das liest sich grad aber ganz schön fies, mit diesem „hihi“! 😛
        Aber ich stimme dir da zu, der Anspruch, den sie an sich hat, nämlich die Hausaufgabe richtig zu erledigen, das ist etwas sehr Wichtiges, nicht nur in Mathe.

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        1. Eltern lieben ihre Kinder (meist), aber da diese auch mal nervig sind – wie fast jeder Mensch – ist es auch befreiend (ab und zu), mal fies zu sein oder streng oder konsequent oder auch ungerecht – halt menschlich.

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          1. Das war auch nur halbernst gemeint, deshalb auch der 😛 hier. 🙂

            Ich find das, so wie du, menschlich, aber auch noch mehr, weil du damit schon mal nicht in die Falle gerätst, in Lucy ausschließlich einen kleinen Engel, dafür die Schuld aber ausschließlich bei anderen zu sehen. 🙂

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  2. “Wir haben das im Unterricht aber noch nie so gemacht und wir werden das auch in der nächsten Mathearbeit nicht so machen!”
    Dieses Argument! *Zähneknirsch* Wenn man erst mal ein paar Jahre Hausaufgabenhilfe und/oder -Stunden in der Schule hinter sich hat, kann man diesen Satz echt nicht mehr hören. Noch unbeliebter ist bei mir nur: „Das kommt nicht (mehr) dran.“ Und da sind sich alle Schüler einig, egal, welche Schulform sie besuchen. Ich liebe das ja besonders bei Vokabeln:

    Ich: „Guck mal, wenn du nichts mehr zu tun hast, könntest du Vokabeln lernen. Du hast noch 25 Minuten Zeit.“
    Schüler XY: „Ich will lieber malen.“
    Ich: „Du bist aber nicht zum Malen hier. Und wenn du mir keinen besseren Vorschlag machst, dann schaust du dir jetzt eben noch mal deine Vokabeln an.“ (Ich bin kein Drill-Sergeant, ich lasse die Kinder auch schon mal malen, aber nicht, wenn noch 25 Minuten über sind und sie vorher kaum was gemacht haben.)
    XY: „Die kann ich aber schon.“
    Ich, skeptisch: „Alle?“
    XY: „Jup.“
    Ich *das Vokabelheft schnappend*: „Gut, dann kann ich dich ja abfragen.“
    XY: „Dann aber erst ab ‚foreigner‘.“
    Ich: „Nee.“
    XY: „Doch.“
    Ich: „Tod?“
    XY: „Weiß ich nicht.“
    Ich: „Dann kannst du ja doch nicht alle Vokabeln.“
    XY: „Ähhh, dooooch, aber ‚Tod‘ ist eine alte Vokabel, die brauchen wir nicht mehr! Die Arbeit haben wir schon geschrieben, das kommt jetzt nicht mehr dran. Ab ‚foreigner‘ hab ich doch gesagt!“
    […]
    (Isklaa, so funktioniert das ja, eine Sprache zu lernen. Ist ja allgemein bekannt, dass man Vokabeln, die in ALTEN Klassenarbeiten abgefragt wurden, prinizpiell nie wieder brauchen wird. *Augenverdreh*)

    Sorry, das hat mich jetzt irgendwie so doll an heute Mittag erinnert, dass ich da voll abgedriftet bin. :mrgreen: Ansonsten: Ihh, Geometrie! :mrgreen:

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    1. Ich lach mich grade krumm und schief!
      Zum Glück lernt Lucy Vokabeln richtig – sie hat nämlich ein Ziel… sie will mal nach England und träumt davon, dort einer ihr bekannten Schauspielerin zu begegnen und da darf man ja nicht rumstottern, wenn man ein Autogramm will – da muss man alle Vokabeln können, auch die alten, vielleicht ergibt sich dann noch ein Gespräch…

      An diesen beiden Beispielen kann man schön sehen, wie wichtig ab einem bestimmten Zeitpunkt Motivation ist. Wenn Kinder aufhören, nur für den Lehrer zu lernen, dann braucht es eine neue Motivation. Nur die nächste Klassenarbeit als Ziel ist mehr als nichts, aber langfristig ein bisschen mager.

      In Geometrie oder Mathe überhaupt fehlt Lucy die intrinsische Motivation, deshalb schludert sie sich so durch. Solange das halbwegs funktioniert… aber es ist ihr schwerlich bewusst zu machen, dass man all diese Grundlagen nicht nur für die nächste Arbeit lernt, sondern als GRUNDLAGE für später braucht. Wäre Lucy in ein Mathegenie verschossen, wäre das vielleicht anders…

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      1. Ja, in Mathe hat mir auch oft die intrinsische Motivation gefehlt. Und bei Geometrie, naja, da ist bei mir Hopfen und Malz verloren. Habe aber auch so einen „Knick in der Optik“, klingt jetzt komisch, ist aber echt so, ich habe Schwierigkeiten mit dreidimensionalem Sehen (bis ich mal so einen Würfel als Würfel und nicht als ein paar Rechtecke gesehen habe, weia) und kann jetzt ohne so Hilfen wie die Karos auf Blättern nicht immer sagen, ob eine Linie gerade oder schief ist. Hm. Das erklärt das vielleicht, warum ich da immer so unmotiviert war – es schien einfach irgendwie mega hoffnungslos zu sein. Aber zum Glück ist das was, was man im Leben auch nicht unbedingt braucht, während ich mit meinen Grundschülern immer rumdiskutiere, dass man die Grundrechenarten (und Prozentrechnung bei den 6.Klässlern!) definitiv immer braucht, auch wenn es in der Arbeit grade nicht als Kernthema drankommt oder man in den höheren Klassen Taschenrechner verwenden darf.
        Manche Dinge muss man einfach draufhaben, ob’s einem gefällt oder nicht. 🙂

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