Bin ich Günther Jauch?

Liebe Leser,

noch vor den Ferien hätte ich Nico und Oskar und ein paar andere Jungen aus meiner Sechsten auf den Mond schießen können. Sie waren menschlich nicht zum Aushalten. Irgendein Weihnachtsmärchen ist inzwischen geschehen. Oder sind es Neujahrsvorsätze?:

„Ich nehme mir vor bei der Frau Henner ein ganz normaler Junge zu sein, ich werde mich im Unterricht melden, wenn ich etwas weiß, lächeln, wenn mich Frau Henner anlächelt, und ich werde mich bemühen, niemanden blöd anzumachen und so zu tun, als sei ich der Größte. Ab heute bin ich der nette Junge von nebenan.“

So stelle ich mir das vor. Anders kann ich mir die seltsamen Veränderungen nicht erklären.

Ich mache gerade Rechtschreibung – obermegalangweilig. Aus pragmatischen Gründen arbeite ich mit unserem völlig überaltertem Schulbuch, welches absolut keinen Schüler vom Hocker haut. Natürlich denke ich mir nette, kleine Auflockerungen aus – aber im Grunde ist mein Unterricht gerade genau das, was momentan die Medien niederschreien: ich stehe vorne, erkläre, schreibe Sätze an, die Schüler beantworten meine Fragen, dann schreiben sie alles ins Heft ab und wir machen die Übungen aus dem Buch. Very old fashion. Aber die Stimmung ist ungefährt so wie bei „Wer wird Millionär“. Wenn Fabrice überlegt, warum man „am größten“ trotz Substantiv-Signal nicht groß schreibt, dann ist es still, wie bei der Zehntausend-Euro-Frage. Und wenn Christina fragend in die Menge schaut, weil sie nicht versteht, was ein Indefinitpronomen ist, meldet sich die Klasse von allein zum Publikumsjoker. Fabian, Maximilian, Hannah, Nico!, Justus, Bernhardt, Felix, Paul, Doreen, Oskar, Nadja, Elena und Serafina nehmen ihre Arme schon gar nicht mehr runter. Sogar die stille Lara meldet sich. Das lässt nur zwei Schlüsse zu:

1. Ich sehe aus wie Günther Jauch oder

2. Es ist doch alles nicht so blöd (die Schüler, der Lehrer, der Unterricht, Rechtschreibung).

Nach kurzem Überlegen entscheide ich mich für 2.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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19 Kommentare zu “Bin ich Günther Jauch?”

  1. Wie jetzt, Frau Henner, ich weiß doch aber, was Indefinitpronomen sind! *schmoll*
    😉

    Und achja, warum alle Welt den Frontalunterricht verteufelt, weiß ich eh nicht so genau. Als Schülerin war mir das die liebste Unterrichtsform und es ist ja auch belegt, dass die Schüler da doch noch am meisten mitnehmen (ehrlich, Gruppenarbeit klingt in der Regel doch nur in der Theorie oder mit ganz idealistischen Gruppen toll). Und gerade bei so Themen wie Rechtschreibung und Grammatik total angebracht, wie ich finde. Da bin ich gerne oldschool 😉 – interaktiver und kreativer darf es dann bei anderen Themen werden, da gibt es ja genug Dinge, die sich anbieten!

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    1. Gruppenarbeit fand ich als Schüler selbst total doof, weil meist ich die Arbeit gemacht habe, während die anderen gequatscht haben. Selten kam ich mal mit Freunden in eine Gruppe, wo eine Zusammenarbeit dann wirklich eine Bereicherung war. Ich glaube, diese Erfahrung hast du auch machen müssen. Komisch, dass ich es trotzdem selbst, wenn es sich anbietet, mache. Eines ist mir dann aber wichtig geworden – die Zusammensetzung der Gruppe. Ich mische, wenn es etwas Wichtiges ist, nicht irgendwie, sondern gerne so, dass mindestens zwei leistungsstarke Schüler drin sind, die sich gegenseitig bereichern können, oder gleich leistungshomogene Gruppen, dann weiß ich, wo es läuft und wo ich unterstützen muss. Und eine Bewretung am Ende erscheint mir auch gerechter. Aber das macht Arbeit, dann schiebt man nämlich vorher Namen hin und her… und bekommt am Seminar gesagt, dass das sehr unkreativ ist, schöner ist bunter Kärtchen und Bruder Zufall – das sei demokratischer!

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      1. So, wie du es schilderst, hab ich es auch erlebt. Die Arbeit blieb dann an ein, zwei Schülern hängen, der Rest hat sich ne schöne Zeit gemacht.

        Och, am Seminar bekommt man ja auch noch 1003 Möglichkeiten, wie man überhaupt Gruppen bildet. Hauptsache kreativ, Hauptsache spontan, Hauptsache ohne Rücksicht auf die Leistungsfähigkeiten der Schüler…

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        1. Genau das ist es, ich habe am Ende immer die Arbeit inkl. die Präsentation gemacht („Wer geht vor? Tina, oder? Wir haben ja eh keinen Plan!“) … Und dann gibt es ja eben ganz oft das Problem, dass man am Ende nur das, was man selbst erarbeitet hat, auf dem Kasten hat. Wenn andere Gruppen etwas schlecht aufbereitet haben oder man da generell weniger mitnimmt, als wenn man sich selbst damit beschäftigt hat. Hmpf. War immer doof, wenn Tests über eine Gruppenarbeitsphase geschrieben wurde, v.a. eben bei dem Fall, dass manche Gruppen nicht so stark waren. Schwierig mit der Sicherung, dass am Ende ALLE Schüler ALLES können. Und ja, bei diesen bunten Losverfahren landete ich auch immer mit den leistungsschwächeren in einer Gruppe. Besonders schön in der Fremdsprache, wenn die dann a) irgendwie nichts auf der Fremdsprache auf die Reihe kriegen und b) eh immer nur Deutsch quaken die ganze Zeit. Oh my…
          Wenn du das so einteilst wie oben beschrieben, dann könnte ich mit Gruppenarbeit auch eher leben. 🙂 Aber joar, was das Seminar sagt… *Augenverdreh* Das Referendariat ist einfach eine Kiste für sich und hat viel zu wenig mit der Realität zu tun, was ich so gehört und/oder mitbekommen habe.
          (Achja, apropos Referendariat, möchtest du vielleicht dazu noch deine Erfahrungen mal mit uns teilen oder lieber nicht? 🙂 *Neugierde*)

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      2. Ich bin auch dazu übergegangen, leistungshomogene Gruppen zu machen. Dann kann sich keiner von den „Schwachen“ mitziehen lassen, und die „Guten“ spornen sich gegenseitig an. Witzigerweise ist dann das Ergebnis bei den „Schwachen“ oft besser als erwartet, weil irgendwann tun sie dann doch etwas, und, weil niemand da ist, der es für sie tut, machen sie’s selbst und lernen was dabei oder kommen drauf, dass sie doch nicht ganz so wenig können, wie sie selbst glauben.

        Aber das darf man ja keinem von den Arme-Hascherl-nicht-stigmatisieren-Fraktion erzählen.

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        1. Kann ich bestätigen – wenn die leistungsschwächeren Schüler eine Gruppe bilden und selbst etwas tun müssen, schaffen sie vielleicht nicht intellektuell den Sprung, aber sie merken, dass durch grundlegende Arbeiten auch schon eine Menge geschafft wird.

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  2. Frau Henner ist Günther Jauch?! 😯

    Wow, Herr (Frau?) Jauch, wie komm ich denn in deine Sendung? 😛
    Grammatik, meine Nemesis im Deutschunterricht, der Part, der mir am Unterrichten keinen Spaß machte…
    Aber, ich seh es wie Tina, die richtige Mischung macht es, und manchmal ist eben auch Frontalunterricht dran.

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    1. Ich sende live jeden Tag von der ersten bis zur sechsten Stunde und manchmal auch nachmittags… leider sind meine Zuschauer zwangsverpflichtet, ich kann also nicht mal sagen, ob sie Spaß haben oder nur so tun. Aber ich versichere dir, Grammatik kann voll cool sein! Leider ist es häufig mit Angst verbunden. Das würde ich gerne ändern. Bis jetzt – so meine Erfahrung – gelingt das am besten, wenn man die Grammatik strukturiert aufdröselt. In winzigen Schritten. Dafür muss man sie aber als Lehrer auch kapiert haben, und das ist aber eben nicht immer vorauszusetzen. Wenn man sie dann durchschaut, dann ist sie nämlich wirklich nicht kompliziert. (bis auf Ausnahmen – aber die sind im Französischen viel schlimmer, weil häufiger!)

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      1. Ja, guter Grammatikunterricht ist sicher cool und auch spannend, das glaub ich dir schon. Ich hab jetzt auch nicht die Horrorerinnerung aus meiner Schulzeit, aber gerade im Praxissemester oder Ref, wenn man dann selbst seit Ewigkeiten keinen Grammatikunterricht mehr hatte und manche Begriffe nicht mehr parat hat – und sie auch im Studium nicht wieder auftauchten, weil es keine Veranstaltungen zum Grammatikunterricht gab, und man so wie ich zur Kategorie „geh weg mit Grammatik“ gehört 😳 – dann fällt es schon schwer, gerade weil einem selbst die notwendige Struktur fehlt, und man sich die erst wieder erarbeiten muss.
        Da ist der Umgang mit Literatur logischerweise einfacher, weil man das ja im Studium bis zum Abwinken macht… 🙂

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        1. Ich finde das auch doof, dass an der Uni nichts groß mit Grammatik gemacht wird (außer vielleicht mal in der Linguistik-Einführung, aber yho). Ich gehöre ja eher zur anderen Kategorie als Pi-Er, ich war in Grammatik immer gut, mir hat das Spaß gemacht und ich fand dementsprechend auch den Grammatik-Unterricht nicht doof (was ziemlich von Vorteil war, weil ich in der 5./6. einen waschechten „grammar nazi“ in Deutsch hatte, so mit Befehlston am Leib: „3. Sg. Ind. Prät. Akt. von gehen!“ anstelle von „Guten Morgen!“). Aber nujoar, dafür konnte ich es dann halt auch. :mrgreen: Nachfolgende Deutschlehrer haben uns immer als die Grammatik-Experten betitelt, weil wir ja schließlich Herrn Oberfeldwebels Zöglinge waren.
          Finde das trotzdem falsch, dass das an der Uni so wenig berücksichigt wird, denn im 1. Semester kamen eiiiinige meiner Kommilitonen ganz schön ins Schwimmen, als es um grammatikalische Strukturen und Satzgliedanalysen, die etwas komplexer waren als Subjekt/Prädikat/Objekt, ging. Ist nämlich ganz richtig: Wenn man das selbst nicht so richtig durchblickt hat, kann man das auch schlecht den Schülern vermitteln.

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          1. Das ist sicher von Uni zu Uni verschieden. Ich hab an verschiedenen Unis studiert und an der in Ostdeutschland wurde sehr viel Wert auf Grammatik gelegt (vielleicht ein DDR-Erbe?) und erst da habe ich die Strukturen richtig verstanden – auch wenn ich noch himmelweit vom Grammatik-Profi entfernt bin. An meiner West-Uni hat man sich lieber über höhere Spären unterhalten – Grammatik galt da eher als Schmuddelkind. Aber das ist eine Erfahrung und lässt sich sicher nicht verallgemeinern.
            Wir hatten keinen Feldwebel in der Schule, aber das 3. Person Singular, Indikativ, Präteritum, Aktiv von gehen kenne ich auch noch, schwitz – so schnell hinterherkommen war da der Horror!

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        2. An meiner einen Uni gab es den totalen Grammatik-Freak-Professor: hellbrauner Kordanzug mit Lederfleckerln, dicke Intellektuellenbrille, seltsamer Haarschnitt, irgednwie nicht von dieser Welt – hergebeamt aus den 70ern – und voll cool. Der wusste alles über Grammatik und konnte stundenlang über Problemfälle referieren, diskutieren. Und er war nicht der einzige. Die Uni hat die Lingusitik auch noch sehr strukturiert mit allen Bereichen abgedeckt, so dass man über sein Studium hinweg, jeden Bereich mindestend einmal belegen musste. Im Nachhinein ein Segen! Die Seminare habe ich fast lieber besucht als die in Literatur, weil sich dort die Professoren selbst viel Mühe gemacht haben, anstatt beim ersten Termin nur die Referatsthemen auszugeben und den Rest von den Studenten mehr oder weniger kompetent gestalten zu lassen. So unterschiedlich ist das also…

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  3. Also ich weiß ja, dass ich nicht immer so denke, wie die meisten Schüler es tun, aber ich finde den klassischen „Frontalunterricht“ jetzt auch nicht sooo schlimm.
    Diejenigen, die sich halbwegs motiviert sind, können meist auch folgen, und die, die es nicht sind, sind auch bei Gruppenarbeit etc. nicht unbedingt motivierter. Da bleibt dann eher noch mehr Arbeit am halbwegs motivierten Rest hängen…
    Und wenn die Klasse halbwegs ruhig ist, kann es ja auch kein so schlechter Unterricht sein;)
    Bei mir ist heute alles so halbwegs:D

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    1. Die Mischung macht es tatsächlich – aber die Mischung hängt auch stark von einer Klase ab und nicht nur vom Lehrer. In dieser sechsten Klasse unterrichte ich so frontal wie noch nie, weil ich so eine ruhige, konzentrierte Klasse habe. Bei fast allem anderen bricht trotz genauer Vorbereitung schnell das Chaos aus und der Lärm und dann bezweifle ich das Lernen. Aber ich würde gerne „bunter“ unterrichten – so viel frontal ist nämlich auch für den Lehrer nicht das Angenehmste. Einige könnte ich vielleicht besser durch mehr Spiele erreichen. Aber hier muss ich sehen, dass ich die Bande im Zaum halte, also spiele ich den Despoten… Jauch hält ja auch alle Fäden in der Hand. Ein bisschen beruhigt dann aber auch, dass es wohl Schüler gibt, die erkennen, dass da auch Methode dahinter steckt und nicht nur pädagogische Faulheit. Danke.

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