Ungerechtigkeiten

Liebe Leser,

das Halbjahr nähert sich und damit häufen sich zuhause die Zensuren. Endlich trudeln sie ein, die vielen Klassenarbeiten. Und ich begutachte als Mutter die Leistung meines Kindes und begutachte als Lehrerin auch ab und zu die Aufgabenstellungen. Das machen doch andere Eltern auch, oder?

Dabei fällt mir auf, dass es viele Kollegen gibt, die wohlwollend korrigieren. Damit ist nicht gemeint, dass sie Punkte oder gar Noten verschenken, sondern dass sie sich in den Schüler hineinversetzen und versuchen, die Antworten aus der Sicht eines Zehnjährigen zu verstehen. In Mathe, Englisch und Deutsch erlebe ich sogar selbstkritische Korrekturen. Konnte der Schüler die Aufgabe überhaupt so lösen, wie ich es mir gedacht habe, oder war meine Aufgabenstellung vielleicht etwas missverständlich? Manchmal kann ich erkennen, wie Punkte noch einmal abgeändert wurden, als dem Kollegen klar wurde, dass die Gewichtung vielleicht doch so nicht ganz stimmig ist.  Egal ob es dann einen Punkt gibt oder nicht, an den Kommentaren zur Arbeit, erkennt man auch eine Menge. Steht da nur eine Note oder wenigstens ein Wort  – ein klitzekleines?

In der fünften Klasse wird Lucy in den Nebenfächern vorrangig mit naturwissenschaftlichen Inhalten neu konfrontiert. Es geht erst einmal um genaues Beobachten und dann Erklären von Zusammenhängen. In den Arbeiten werden häufig Situationen dargestellt, die die Kinder dann erläutern müssen. Und dort erlebe ich nun auch andere Korrekturen.

Da werden Situationen nicht genau genug in der Aufgabenstellung skizziert und Lucy antwortet aus ihrer Informationslage heraus korrekt, aber der Lehrer wollte auf etwas anderes hinaus – hätte er aber in der Aufgabenstellung dann auch schreiben müssen. Beim Korrigieren müsste einem so etwas auffallen. Als Lehrer müsste ich zähneknirschend die Punkte geben und für mich und meine Aufgabenstellung etwas lernen. Und wenn ich das schon nicht kann, weil ich mir als Lehrer Fehler nicht eingestehen mag, dann könnte ich doch wenigstens etwas Aufmunterndes unter die Arbeiten schreiben. Keinen Roman, ein „Gut gemacht!“ oder „Schöne Ideen, nun genauer arbeiten!“ , „Gute Ansätze, die nun nun ausführen musst.“ würde reichen – irgend etwas Persönliches.

Wahrscheinlich ist es Zufall, dass sich ausgerechnet in den Naturwissenschaften solche Arbeiten häufen. Aber wie gehe ich als Mutter damit um?

1. Ich tröste Lucy bei den Punkten, wo sie aufgrund einer ungenauen Aufgabenstellung Punkte verloren hat.

2. Ich unternehme nichts.

Lucy lernt, dass die Welt nicht immer gerecht ist, dass das aber gar nicht zählt. Wen interessieren schon die Noten aus Klasse 5?! Lucy lernt nebenbei auch noch, dass es immer sinnvoll ist, etwas mehr hinzuschreiben nach dem Motto: „Es könnte aber auch sein, dass…“ Lucy lernt, dass Menschen fehlbar sind. Lucy lernt auch, dass Aufgabenstellungen sehr wichtig sind und man unter Umständen noch einmal nachfragen sollte.

Lucy wird älter werden und mit der Zeit lernen, wie die verschiedenen Arbeiten bei verschiedenen Lehrern funktionieren. Sie wird sich besser oder schlechter auf den Stil des Einzelnen einstellen können. Das ist der Lauf der Dinge.

Nur merke ich durch sie einmal mehr, dass es Kollegen gibt, die sich bei diesem Prozess auf die Schüler zubewegen, und dass es Kollegen gibt, die keinen Schritt von sich selbst abweichen. Nun wird mir klarer, warum selbst die Oberstufenschüler diesen einen Lehrer nicht mögen. Sie sagen immer, er sei streng. Aber das ist es nicht. Streng ist an sich keine negative Eigenschaft, wenn sie sich mit Gerechtigkeit paart. Erst wenn diese fehlt, fühlen sich die Schüler hilflos.

Und gerecht sein, heißt manchmal auch, sich selbst zu hinterfragen.

Eigentlich kann ich nur dankbar sein. Diese Erfahrung zeigt mir einmal mehr den Weg. Frau Henner, hinterfrage deine Aufgabenstellung, hinterfrage deine Anforderungen, gleiche sie ab mit dem, was du ihnen bietest, dann kannst du auch streng sein. Lerne aus den Fehlern, die du wie jeder Mensch eben ab und zu machst. Da fällt einem keine Zacke aus der Krone. Und ein netter Satz untendrunten kann auch Eltern wieder versöhnen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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8 Kommentare zu „Ungerechtigkeiten“

  1. Wie war, wie wahr. Sowohl die Mutter – als auch die Lehrersicht.
    Manchmal glaube ich, unsere Kinder besuchen die gleiche Schule!!
    Ist es nicht schön und motivierend unter einem Vokabeltest ein „très bien“ zu lesen statt „nur ein“ sehr gut?
    Neulich konnte ich aber meinen Mund nicht halten: Es war ein Fehler angestrichen, der keiner war. Also ermutigte ich Junior zum Lehrer zu gehen und ihn ganz höflich zu fragen, wie er das denn berichtigen soll.
    Der Kollege nahm es mit Humor “ Da korrigiert der Duden wohl anders als ich“ Also sind manche Kollegen auch lernfähig.

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    1. 😀
      Ich schicke auch mein Kind vor!
      „Frag doch einfach… Andere Kinder machen das auch…“
      Und dein Junior traut sich das dann tatsächlich?
      Genau das ist nämlich noch Lucys Problem.
      Jeder Lehrer verkorrigiert sich mal (ich verzähle mich gerne mal bei Punkten) und das macht ihn doch nur menschlich. Passiert halt, wird behoben, danke. Aber es gibt auch die Eltern, die gleich wie Furien auf den Lehrer losgehen. Einige Kollegen unterstellen aber fälschlicherweise allen Eltern gleich solch aggressive Absichten. Schön, dass Junior da auf einen anderen Kollegen gestoßen ist.

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  2. Schön beobachtet und niedergeschrieben. Dieses Gefühl, möglichst ausführlich zu schreiben, das kenne ich auch aus eigener Schulzeit noch. So genau wie möglich schrieb ich, vorsorglich, weshalb so manche Bioarbeit eben auch ihre zwölf Seiten hatte, weil es dem Thema angemessen war.
    Bis dahin aber war es ein Lernprozess, und ich bin mir sicher, dass Lucy einen für sie zufriedenstellenden Weg finden wird. Das braucht aber Zeit, und die soll sie sich ruhig nehmen. Ich finde, dass du da ganz gut und entspannt reagierst.

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  3. Dem kann ich nur zustimmen und auch nichts mehr hinzufügen.
    Wird genau so unterschrieben.
    Von mir einen Daumen nach oben für diese Einstellung und dieses Verständnis.

    Wie sehr hat mich doch der kurze Satz: „Kopf hoch, das kann mal passieren!“ unter der 4 geröstet, aufgemuntert und neu motiviert. Vielen Dank an meine Mathelehrerin aus der 6. Klasse, die darauffolgende Arbeit war eine 1 😀

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  4. großer Beifall von den billigen Plätzen!!!! 🙂

    Ich kann mich noch an eine Mathearbeit 5. Klasse Gym. erinnern. Mutter, Vater (beide berufsbeding definitiv „mathophil“) und Kind gucken uns eine in den Augen des Mathe-Lehrers völlig falsch verstandene und daher mit keinem Punkt bewertete Aufgabe an und fragen uns gegenseitig: Wenn er das nicht haben wollte, was dann, um Himmels Willen????
    Auf die angestrebte Lösung wäre keiner von uns gekommen.
    Kind passt daher jetzt bei Musterlösungen des Lehrers sehr genau auf, wie er denkt, damit sie besser für die Arbeiten vorbereitet ist. Ein halbes Jahr noch, dann wechseln die Lehrkräfte 😀

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    1. Genau das letzte ist dann ja ein Problem – kaum hat sich das Kind eingestellt auf den betreffenden Lehrer, dann kommt ein neuer Stil. Aber sie werden größer und flexibler und lernen schneller…
      Unsere Naturwissenschaftler sind aber fast alle vom gleichen Schlag, sehr streng und zum Teil etwas sehr auf sich fixiert. Da fällt die Umstellung dann nicht so schwer, wenn auch bei uns bald ein Lehrerwechsel ansteht. (Pssst! Nicht weitersagen: ich saß neulich auch vor einer Klassenarbeit der 5ten und habe gegrübelt, wie ich wohl die Aufgabe beantworten würde… Grübel grübel *grzgr*)

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      1. hihihi… kommt mir bekannt vor 🙂
        Ja, die Umstellung ist ein Problem, aber eines, was uns alle ein Leben lang begleiten wird. Es ist für die Kinder teilweise hart, sich auf eine andere Sichtweise einlassen zu müssen, aber noch sind wir Eltern da, um abzufedern und Umgehensweisen damit aufzuzeigen (naja, wir versuchen es halt…)

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