Kopflos

Liebe Leser,

als Kind gruselte mich das Märchen von Zwerg Nase schon bei der Beschreibung des Zwergs, wenn sein großer Kopf bedenklich auf dem dünnen Hals hin- und herwackelte. Inzwischen bin ich groß und mein Kopf sind fest und recht aufrecht auf dem Halse. Dass das auch anders geht, beweisen mir heute zwei kleine Jungs aus Lucys Parallelklasse.

Nach Schulschluss warte ich auf dem Lehrerparkplatz auf meine Tochter. Mit mir die anderen Lehrerkinder. Da fällt mir ein, dass Lucy Sport hat und es noch ein bisschen dauern kann, außerdem habe ich ja die Autoschlüssel – im Gegensatz zu den anderen Wartenden. Ha, ich setze mich schon mal in den Wagen. Als ich in den Rückspiegel gucke, erblicke ich eine kuriose Szene.

Zehnjährige Jungs sind seltsame Zwitterwesen. Auf der einen Seite sind sie noch so knuddelig und süß, wie viele Mädchen schon längst nicht mehr in diesem Alter, so mit verträumt naivem Blick und dem richtigen Händchen für die blödesten Nebensächlichkeiten. Auf der anderen Seite wollen sie schon Männer sein, die Größten, cool und das macht sie gerne auch extrem nervig.

Hinter meinem Auto gut einsehbar stehen jetzt drei Jungen, die schon von der Turnhalle gekommen sind. Einer hat seine Sporttasche noch über seinen sowieso schon weit herauskragenden Rucksack auf den Rücken geklemmt, so dass er von der Seite aussieht wie ein kenterndes Schiff. Der Riemen der Sporttasche ist straff über die Stirn des Jungen gespannt, seine Pudelmütze wird nach oben gestaucht. Um nicht nach hinten zu kippen, muss er sich quasi in die Riemen legen. Er sieht selten dämlich aus. Und irgendwie lustig. Wenn er sonst cool ist, lachen die anderen mit ihm, wenn er nicht cool ist, macht er sich gerade noch mehr zum Außenseiter. Aber noch eine Eigenschaft von zehnjährigen Jungs: Äußerlichkeiten sind ihnen oft noch egal. Der Clown scheint Glück zu haben. Die anderen Zwei sind… ähem… kopflos.

Genau das sehe ich: jeweils zwei Turnschuhe, zwei Jeansbeine, ein Stück Anorak, den Rucksack und… nichts.

Zwei Minuten vergehen. Regungslos. Nur das Sporttaschenschiff springt hin und her.

Dann löst sich das Rätsel auf, die anderen beiden gehen drei Schritte vorwärts und nun sehe ich sie im Viertelprofil. Die Köpfe stehen ungelogen im 90GradWinkel nach vorn, so dass die Köpfe von hinten nicht, aber auch gar nicht zu sehen waren. Das sieht ziemlich ungesund aus. Vor allem, wenn man neulich gelesen hat, dass das Gewicht unseres Kopfes enorme Zugkraft auf unsere Nackenmuskulatur ausübt, sobald der Kopf aus der aufrechten Halten genommen wird. Ein häufigen Neigen des Kopfes führt daher irgendwann zum krummen Rücken. Je tiefer ich den Kopf beuge, desto mehr Gewicht zieht, desto schneller schädige ich bei fehlendem Ausgleich meine Muskulatur und das hat Auswirkungen auf das Skelettsystem. Um mal einen großen, unwissenschaftlichen Rundumschlag zu machen.

Früh krümmt sich, was ein Haken werden will. Aber wer will schon ein Haken werden?

Da erscheint mir der Spinner, der seine Sachen mit der Stirn trägt, doch auf einmal ganz sympathisch, immerhin wird der mal kein Invalide. Bei den anderen beiden Jungs sieht es mir wirklich danach aus – schwere Haltungsschäden, wenn die so weiter machen. Und die machen weiter! Oder glaubt ihr, die 5er geben ihre tollen Smartphones her, auf die sie synchron starren?

Wieviel Millionen Jahre haben wir bis zum aufrechten Gang gebraucht?

Wir geben ihn ganz schön schnell wieder auf!

Im Übrigen habe ich dann noch beobachten können, wie die Jungs über die Straße zur Schule rüberliefen: stockend, weil immer wieder in etwas Neues vertieft, und nicht ein Blick nach rechts und links. Zum Glück war weit und breit noch kein Schulbus im Anmarsch. Die hätten sie glatt nicht bemerkt. Die kopflosen Autisten.

Ob den Eltern diese Gefahren eigentlich bewusst sind?

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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2 Kommentare zu “Kopflos”

  1. Als ich diesen Beitrag das erste Mal gelesen habe, dachte ich noch: „Ach, soo schlimm ist das doch nun auch wieder nicht“ und „Noch so eine typische Anti-Smartphone-Erwachsene“. Aber während der Busfahrt von der Schule nach Hause musste ich dem Beitrag dann doch zustimmen…

    Ich sitze also auf einem Platz, meine Schultasche auf dem Schoß, damit sich neben mir noch jemand setzten kann. Als dann eine Sechstklässlerin, die ich ganz gut kenne fragt, ob sie sich setzten könne freue ich mich, da ich mich lange nicht mehr mit ihr unterhalten habe und doch ganz interessiert daran bin, was so vier Jahrgänge unter mir im Moment los ist. Ich bin eben ein bisschen neugierig 😀

    Ich stecke eben noch meine Busfahrkarte in mein Portemonnaie (Bis ich mich mit dem Portmonee anfreunde, dauert es wohl noch etwas…) und eben jenes in meine Tasche. Als ich gerade zum Gespräch ansetzten will bemerke ich, dass sie bereits ihre Stöpsel im Ohr hat, Musik hört und nebenbei Nachrichten über WhatsApp verschickt. Auf ihrem Smartphone, welches gefühlt doppelt so groß und wahrscheinlich auch doppelt so teuer ist wie meins. Also warte ich. Auf was weiß ich nicht genau. Dabei bemerke ich, dass um mich herum nur jüngere Schüler/Innen sitzen. Und das fast ausnahmslos mit einem Smartphone in der Hand. Na gut, wenigstens nerven sie nicht die Mitfahrer, wie wir früher mit unseren manchmal etwas lauten Spielen zum Zeitvertreib, aber ob das wirklich so viel besser ist…?

    Nachdem meine Sitznachbarin 5 Minuten Hill Climb Racing und noch einmal 10 Minuten Subwaysurfer gespielt hat nimmt sie dann doch noch tatsächlich die Höhrer aus den Ohren und steckt ihr Handy in die Tasche. Meine Chance! Die restlichen 15 Minuten Busfahrt bekomme ich dann doch noch den aktuellen Klatsch aus Jahrgang 6.;) Zwar etwas verkürzt und für ein richtiges „Gespräch“ ist auch zu wenig Zeit, aber immerhin…

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