Die Welt da draußen

Liebe Leser,

das Leben auf dem Lande ist sehr ruhig. Die Radionachrichten morgens im Bett dauern zehn Minuten inklusive Wetter. Plakatwände fahre ich auf dem Arbeitsweg nicht ab, Fernsehen ist marginal. Ich lebe hinterm Mond. Nicht ganz – ich lese Zeitung, oft aber erst ein paar Tage verspätet. Bei mir kommen wichtige Nachrichten an, aber nicht mehr ganz so heiß, wie sie gekocht wurden. Das genieße ich, denn es beruhigt mein Leben.

Wenn ich jedoch mit meinen Eltern telefoniere oder Menschen, die gerade in Großstädten leben, erfahren ich einmal mehr, dass es da auch noch ein anderes Deutschland gibt. Meine Mutter macht sich richtig Sorgen, meine Geschwister diskutieren über Pegida, die Gemüter sind erhitzt. Das abendliche Fernsehen macht ihnen zu schaffen. Manche gehen auf Kundgebungen. Nun ist es nicht so, dass ich politisch desinteressiert bin, nein, im Gegenteil, ich halte mich für einen politischen Menschen und beziehe auch Stellung. Ehe ich jemanden seiner Meinung wegen verurteile, versuche ich seine Beweggründe zu erfahren. Erst dann kann ich mich überhaupt äußern.

Und ich muss mich auch selbst hinterfragen. Warum stört es mich überhaupt, dass ein paar unserer Schülerinnen Kopftücher tragen und sich bis auf eine kleine Gesichtsscheibe gänzlich verhüllen? Was ist denn so schlimm dabei? Es ist doch ihre Sache, wie sie rumlaufen? Eigentlich ist Frau Henner doch ein toleranter Mensch. In den letzten Jahren haben wir immer mehr Schüler muslimischen Glaubens an unserer Schule. Zu diesem Umstand habe ich keinerlei Gefühle, das ist einfach so. Ich empfinde es nicht per se als Bereicherung. Denn allein ein Glaube bereichert nicht – ich kann nur den Menschen im Besonderen als Bereicherung empfinden, seinen Charakter, seine Handlungen – und dafür, ja dafür gibt es viele Beispiele.

Meine Bewunderung für eine Schülerin mit türkischen Eltern ist beispielsweise sehr groß. Sie hat letztes Jahr Abitur gemacht und schlechte Startbedingungen (zuhause kein Deutsch und in der Schule viel Gegenwind) durch stetigen Fleiß wettgemacht. Wie oft wurde in der Mittelstufe gesagt, sie gehöre nicht aufs Gymnasium, und sie hat es allen gezeigt. In ihr – und natürlich in vielen anderen – habe ich Menschen kennen gelernt, die ich achte und die mir ein positives Bild zeigen. Allein über ihren Glauben haben wir nie gesprochen. Nicht absichtlich – er war einfach kein Thema.

Ein anderes Mädchen mit türkischen Eltern gibt hingegen religöse Phrasen wider, die ans Fundamentale grenzen und die ich so nicht als Bereicherung empfinden kann und genau das auch äußern können möchte. Sie ist verschleiert und sagt Sätze wie: „Gottgefällige Muslime bedecken ihr Haar, die Muslime, die das nicht machen, werden bestraft.“ Sie ist ein Kind, persönlich verzeihe ich ihr solche Aussagen, sie betet nur das her, was ihr die Eltern eintrichtern. Aber wie fühlen sich eigentlich die anderen muslimischen Mädchen aus der Klasse, die alle kein Kopftuch tragen? Sie sind irritiert. „Wieso bestraft mich Gott, was habe ich denn getan?“

Bei diesem Mädchen wird das Kopftuch zu einer Meinungsäußerung, die die Freiheit anderer einschränkt, und steht somit gegen meine demokratische Auffassung von persönlicher Freiheit. Das kann ich dem Kind nicht anlasten, deshalb behandele ich es wie alle anderen Schüler. Die Religion des Kindes spielt keine Rolle in der Schule – wir sind säkularisiert. Und das Kind wird auch keine Extrarolle spielen. In der Theorie.

In der Praxis ist das ziemlich schwierig, weil die Eltern durch das Tuch UND die Äußerungen das Kind in eine Außenseiterposition bringen. Und an der Stimmung im Kollegium merke ich, dass wir auch nicht wirklich gewillt sind, dem Kind herauszuhelfen. Warum? Weil auch wir uns angegriffen fühlen, vielleicht sogar provoziert, aber ein gleichberechtigter Dialog bleibt uns verwehrt. Und das staut Unverständnis an.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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10 Kommentare zu “Die Welt da draußen”

  1. Hm, ja, schwierig, das. Gerade, wenn es mit der Religion so extrem wird. Ein ähnliches Problem, wo meine Toleranz an Grenzen stößt, habe ich ja mal in einem Beitrag zur Teilnahme am Sexualkundeunterricht beschrieben, weiß nicht, ob du den gelesen hattest. Man will sich ja in Akzeptanz und Toleranz üben, aber manchmal fällt das eben schwer, weil gewisse Grenzen erreicht oder überschritten werden.

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    1. Es gibt eben auch die Grenzen, die wir in unserer Gesellschaft als solche gesetzt haben. Ich lebe nicht in einer Anything-goes-Gesellschaft, sondern in einer, die ganz bewusst manches akzeptiert und anderes nicht. Toleranz bedeutet nicht, alles zuzulassen, sondern genau hinschauen zu dürfen, wo etwas in eiene Gesellschaft passt und wo Grenzen überschritten werden. In den letzten Wochen habe ich aber das gefühl, dass jede Kritik an anderenb Lebensweisen den Kritiker gleich abstempelt und in eine Schäm-dich-Ecke stellt. Und das ist nicht mein Land! Wir wollen über Werte diskutieren dürfen. Eine Diskussion, die gutmenschengleich aber alles abnickt, ist keine.

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  2. Ich finde das sehr schön formuliert, dass nicht Glaube oder sonst etwas eine Bereicherung darstellt, sondern der jeweilige Mensch.

    Zum Thema an sich: Schwierig. Ich habe das in Nachrichten und Reportagen im französischen Fernseheen gemerkt, als viele Schüler eben doch meinten, Karrikaturen zu religiösen Themen gehen gar nicht, und hier solle der Staat doch bitte die Meinungsfreiheit beschneiden.

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    1. Da kriege ich echt Pickel – wenn jemand hart und bitter erkämpfte Rechte und Ansichten mit einem Schulterzucken abgibt – dabei zeigt sich, wie ernst Meinungsfreiheit genommen wird, erst, wenn’s in einen Bereich geht wie Religion. Leider ist der Ruf nach einem Staat und Sicherheit statt Freiheit nicht nur bei den Schülern sehr laut.

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      1. Ja, im Mittelalter wäre das nicht gegangen, das stimmt. Ich weiß jetzt gar nicht, wo (oder ob, manchmal lösche ich auch Kommentare vor dem Abschicken, um nicht zu polemisch zu werden), aber der Islam steckt ja so im 14. Jahrhundert seiner Geschichte fest – und das Christentum zu der Zeit, weiah, das möcht ich nicht mal geschenkt haben.
        Dass sich dadurch auch wahnsinnige Spannungen ergeben, zwischen Religion des 14., aber Westen des 21. Jahrhunderts, das ist leider „normal“.

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  3. Ja, auch ich kann ein Lied vom „Dialog“ (oder auch fehlendem Dialog) mit unseren muslimischen Schülern in Neukölln singen. Die Vorstellungen und Ansichten dieser Schüler sind teilweise so antiquiert und mit unseren Wertevorstellungen oftmals kaum vereinbar. Was soll ich sagen oder machen, wenn doch tatsächlich Schüler fordern, man solle auch in Deutschland die Scharia einführen. Diskussionen sind da oft so sinnlos (auch wenn ich dies doch immer wieder versuche). Gegen das, was der Imam in der Moschee oder die Eltern sagen, kommen wir Lehrkräfte nicht an. Nicht nur der Sexualkundeunterricht ist schwierig, sondern auch viele andere Themen, die in den verschiedensten Fächern unterricht werden. Z.B. Evolution (Abstammung des Menschen), Genetik (Lehrer: „Wer ist dafür verantwortlich, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?“ Schüler: „Gott“) oder auch schlichtweg Sachaufgaben im Matheunterricht (Wahrscheinlichkeitsberechnungen: „Wieso, Gott ist doch für alles verantwortlich).
    Den Schülern kann fehlende Integration und Akzeptation unserer Gesellschaft eigentlich nicht als Fehler vorgeworfen werden, wenn die Eltern ihnen selbst nichts anderes vorleben. Es gibt z.B. Väter, die mir als Frau zum Elternabend nicht mal die Hand geben.
    Toll sind jedoch Schüler, die ihre Religion und Herkunft zwar leben, sich aber ansonsten nicht wirklich von ihren deutschen Mitschülern, die natürlich an unserer Schule kaum vorkommen, unterscheiden, die so offen und tolerant sind, wie man es sich nur wünschen kann.
    Da sind wir wieder beim Anfang, es bleibt doch nur der Dialog, auch wenn es überwiegend nur ein Versuch ist bzw. dieser oft sehr einseitig ist.

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    1. Bei euch kommen die Probleme bei fehlemden Integrationswillen novh viel stärker an. Religion ist das eine und da darf und soll tatsächlich jeder das leben, an das er glaubt. Aber sobald sie eine gesellschaftliche Dimension erreicht, muss ich mich schon fragen, wieviel Toleranz kann man überhaupt von einer Gesellschaft verlangen? Wo hat eine Gesellschaft das Recht „nein“ zu sagen? Diese Frage müssen sich aber beide Seiten stellen.
      Es ist beachtenswert, wenn ihr an eurer Schulen den Dialog nicht aufgebt. Was ihr für unser Land leistet, erscheint mir sehr viel und doch so unbeachtet. Mir reicht es schon, wenn ein Vater auf meine Aufforderung mit seinem Panzerfahrzeug doch bitte das Halteverbot der Busbuchten zu verlassen aggressiv und ablehnend reagiert – weil ich eine Frau bin und ihm das gar nicht vorzuschreiben habe. Das sind aber bei uns in der Provinz Ausnahmen. Und nun gibt es Menschen, die Angst haben, dass es auch in ihrer Idylle eben keine Ausnahme mehr bleibt. Hier nur von Bereicherung durch fremde Kulturen zu sprechen, reicht nicht und verhärtet die Fronten.

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