Schleichender Verfall

Liebe Leser,

der Schnee deckt die Schmuddelecken zu und es könnte eine so schöne Winterwelt sein, aber es ist alles nur Schein. Gehäuft kommen sie nun die Anweisungen und Empfehlungen von oben, die das Gymnasium in Baden-Württemberg kaputt machen sollen. Offiziell heißt es zwar, nein, das Gymnasium darf bleiben, aber die Wegweiser zeigen in eine andere Richtung.

Meist sind es kleine, unscheinbare Dinge. Das Niveau am Gymnasium ist mit der Einführung des Wegfalls der Grundschulempfehlung noch einmal rapide gesunken, aber wir dürfen keinem Kind zum Halbjahr den Wechsel auf die Realschule empfehlen – das ist in der Fünften tabu. Das Kind kann Fünfer und Sechser haben, so viel es will, es soll sich erst einmal aklimatisieren. So ein Start ist schwierig, wir wollen keinen rauswerfen. Lieber ein ganzes Jahr in den Sand setzen, als zum Halbjahr die Notbremse ziehen. Geben wir den Kindern etwas mehr Zeit, Zeit um noch mehr Fünfer zu sammeln.

Da das Niveau gesunken ist, brauchen wir bessere Noten, sonst wirft das ein zu schlechtes Bild. Ein Vorschlag für Deutsch ist jetzt: statt einem großen Diktat lieber drei kleine schreiben und dann jeweils nur den Schwerpunkt mit einem ganzen Fehler bewerten. Dadurch halbieren sich gleich mal die Fehler und wir haben bessere Noten. So einfach ist das! Ist aber erst einmal nur eine Empfehlung…

Und da jetzt die Realschulen die zweite Fremdsprache auch ab Klasse sechs einführen müssen, gibt es eigentlich keinen Grund mehr, sein Kind auf die Realschule zu geben. Und dann haben wir die endlich kaputt und installieren die neue, schöne Gemeinschaftsschule. Und dann sagt man den Landgymnasien ganz offen, dass man erwarte, dass sie sich ebenfalls in den nächsten Jahren in Gemeinschaftsschulen umwandeln – ganz freiwillig. In den neuen Lehrplänen ist doch das Wort „Studierfähigkeit“ sowieso komplett gestrichen worden. Wozu also noch das Gymnasium?

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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26 Kommentare zu “Schleichender Verfall”

  1. Bei euch läuft der Prozess von oben nach unten – bei uns von unten nach oben: Hier werden die Hauptschulen und dann die Realschulen peu à peu geschlossen.
    Unabhängig davon, ob man Gesamtschulen nun gut oder schlecht findet – diese politischen Entscheidungen unter der Oberfläche, weil man „dem Wähler“ bestimmte Dinge nicht zumuten kann, empfinde ich als sehr ermüdend.

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    1. Und in RLP scheint der Prozess von beiden Seiten zu kommen. Das stark sinkende Niveau am Gymnasium haben wir auch, die Hauptschule ist aber schon abgeschafft und auf die Realschule+, wie sich der Mischmasch aus Real- und Hauptschule jetzt nennt, will eben kaum wer sein Kind tun. Was auch wieder dazu führt, dass das Niveau am Gymnasium eben weiter sinkt – die Grundschulempfehlung ist ja schon seit sehr vielen Jahren abgeschafft hier, aber die Entwicklung verstärkt sich eben immer weiter. Seufz.

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    2. Von unten geschieht hier auch – also der Keil wird von beiden Seiten ins Fleisch getrieben und das in einer Hauruckaktion von jetzt gerade mal zwei, drei Jahren. Viele Hauptschulen sind schon umgewandelt worden, einigen Gymnasien setzt man das Messer auf die Brust und die Realschulen werden in der Mitte zerrieben. Ziel ist die Einheitsschule. Du unterrichtest ja an einer Gesamtschule und kennst die Vor- und die Nachteile. Wir hier sind nicht ignorant einer Gesamtschule gegenüber, sondern ratlos, weil ein funktionierendes System grundlos zerstört wird. Wir haben genügend Schüler für ein aufgesplittetes System und haben eine hohe Durchlässigkeit bei Schulwechslern. So konnten wir das Niveau an der Spitze recht hoch halten. Die Schüler, die mit guten Noten unser Landgymnasium verlassen, können einfach losstudieren, die haben das drauf. Dieses Niveau ist aber politisch nicht mehr gewollt – so kommt es uns vor. Und vor allem muss alles ganz schnell gehen – denn die nächste Wahl kommt und man will alles in trockenen Tüchern haben. Auf diese Wahl bin ich gespannt (und selbst auch da ratlos!).

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    1. Zum Glück sind die Privatschulen momentan noch nicht besser als staatliche Schulen (eher im Gegenteil, wenn ich an meine leidigen Prüfungserfahrungen dahingehend denke). Aber ich fürchte, dass es sich tatsächlich an das amerikanische System angleichen könnte: alle machen eine Art High-School, das Niveau ist dort so niedrig, dass fast alle den Abschluss schaffen. Und dann kommt es drauf an, an welches College man es schafft. Und die Colleges machen erst einmal zwei Semester Training, damit ein Studium überhaupt möglich ist. Bei der Collegewahl zählen aber leider nicht nur die Noten, sondern auch die beziehungen und das Geld eine große Rolle. So und genau das wollte man in Deutschland doch abschaffen, dass Bildung an das Elternhaus gekoppelt ist. So eine Entwicklung kann das aber gerade noch verstärken.

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  2. Wow… Ich frag mich ja immer, wie die Unis diese Kluft ausgleichen soll, die sich zwischen Gymnasium und universitärer Ausbildung ergibt. Das war für mich zu G9-Zeiten schon ein ganz schön harter Brocken, da den Anschluss zu finden. Wie soll das erst in ein paar Jahren gehen?

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    1. An den Unis tun sich tatsächlich Kluften auf. Neulich las ich einen Artikel eines Professors, der ein Klagelied auf die neuen, unreifen Studenten anstimmte und aufzählte, was die alles nicht mehr können. Ihm ging es um ganz grundlegende Fähigkeiten, die er für die Studierreife für unabdingbar hält. Aber wie gesagt, das scheint sowieso nicht mehr Ziel des Abiturs zu sein.

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      1. Eine meiner Kommilitonen ist nach dem Examen auch an der Uni geblieben, um zu promovieren und Kurse zu geben. Er meinte auch, dass da mittlerweile Leute in den Vorlesungen sitzen, die Furzgeräusche machen oder Papierflieger in der Gegend rumwerfen. WÄHREND der Veranstaltung. Als seien sie irgendwo in der neunten Klasse hängen geblieben…

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      1. Die genannte Form hat zumindest existiert. Ich war auf so einem, sogar in NRW. Die haben jetzt aber Französisch als Pflichtfach, da das, so der Direktor, als schwer gelte und damit eine gewisse Klientel fernhalte.

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        1. „…damit eine gewisse Klientel fernhalte.“

          Auch wenn das OT ist: Welch Zwiespalt in diesem Land. Wir echauffieren uns über PEGIDA, aber ein „gewisses Klientel“ wollen wir natürlich nicht in der Schulklasse oder Nachbarschaft wiederfinden.

          Ekelhaft.

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          1. Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Aussage gegen Ausländer gerichtet war, zumindest ist mir vor 30 Jahren bei dem Lehrer nichts diesbezügliches aufgefallen. Bildungsferne und wenig anspruchsvolle gibt es überall.
            Ist aber interessant, dass das gleich auf Pegida und damit Ausländerfeindlichkeit bezogen wurde. Entspricht das vielleicht der alten Weisheit, dass ein Pessimist eine Optimist mit Erfahrung sei?
            Übrigens gibt es durchaus noch anspruchsvollere Schulen, siehe

            http://www.johanneum-hamburg.de/news.php?nid=296&subid=25

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          1. Bei Altgriechisch muß man eigentlich nicht sprechen, ansonsten kann ich das nicht beurteilen, da ich kein Französisch hatte. Es war aber interessant, ich war mal ein Jahr regelmäßig in Frankreich bei einem Projekt, (Projektsprache war Englisch oder Deutsch) und konnte dann zumindest verstehen, worum es bei Problemen ging. Sowas geht natürlich nur bei einer lebenden Fremdsprache.
            Aber im konkreten Fall ging es wohl darum, dass die Anmeldezahlen für Altgriechisch so gering waren, dass kaum noch Kurse zustande kamen und man irgendwie anspruchsvollere Klientel anlocken wollte. Ist ja aus Sicht der Schule verständlich, dass man die Klassen nach Möglichkeit aus Sicht der Leistungsfähigkeit homogen halten möchte. Für die Individualisierung gäbe es ja eigentlich die verschiedenen Schulformen.

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  3. Hier in Niedersachsen funktioniert das genauso… Haupt- und Realschulen wurden zu sogenannten „Oberschulen“ zusammengefasst. Hier im Dorf war darüber kaum einer glücklich. Und natürlich wollen die meisten Eltern ihre Kinder mit einer Realschulempfehlung lieber auf ein Gymnasium schicken, als zusammen mit den Hauptschülern auf die Oberschule. Sitzen bleiben geht zum Halbjahr ja schon lange nicht mehr.
    Die bei uns im Moment noch recht unangesehenen Gesamtschulen, die der Landkreis am liebsten ausschließlich nur noch hätte, kämpfen mit allen erdenklichen Mitteln um Schüler. Das artet mittlerweile in einen regelrechten Konkurrenzkampf aus. Die neue Gesamtschule lockt jetzt mit allerneuster Technik und den „Tablet-Klassen“.
    Neumodischer Unterricht, nur noch auf Tablets, mit Smartboards und ohne richtige Schulbücher. Da kann unser altes Gymnasium mit Musik, Tradition und zu wenig Geld einfach nicht mehr mithalten… Und mir ist diese „Gleichmacherei“ der Politik schwer bis überhaupt nicht begreiflich. Weshalb wurden denn überhaupt unterschiedliche Schulformen eingeführt?

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