Also sprach Zarathustra

Liebe Leser,

eigentlich wollte ich nur meine Hohlstunde entspannt mit einem Käffchen verbringen, als ich am Kaffeeautomaten auf Pistorius treffe, den Kollegen, der sich mit der viel lieberen Parallelklasse herumschlägt. Pistorius ist ein frommer Mensch, der einen guten Humor besitzt und eigentlich immer freundlich ist. Auch zu mir, obwohl ich in vielem anders denke und handele, wie übrigens fast alle weiblichen Kollegen an unserer Schule. Ihr werdet gleich verstehen, wo der Konflikt unter anderem liegt.

Eigentlich wollte ich nur nett sein und wir wechseln ein paar Worte. Eigentlich wollte ich mich ÜBERHAUPT nicht auf eine Diskussion einlassen, weil ich in früheren Jahren gelernt habe, dass eine solche mit Fundamentalisten zu nichts führt – außer zur eigenen Verzweiflung. Aber Pistorius ist doch immer so entgegenkommend und ich habe das Gefühl, dass er auch gerne ein bisschen plaudern möchte.

Warum wir gleich zum Eingemachten kommen, weiß ich nicht mehr, aber es geht nach wenigen Minuten um nicht Kleineres als Gott und unsere Rolle auf Erden. Ich kann akzeptieren, dass er Gott über alles stellt und sein Handeln nach ihm ausrichtet, ich halte es tatsächlich für seine Privatangelegenheit, wenn er seine Frau und Kinder von allen schädlichen Einflüssen abhält wie Arbeit, Kindergarten, Fernsehen oder gar Internet. Es ist sein Leben und seine Frau sieht es ja auch so. Da haben sich also zwei gefunden, die gemeinsam ein gutes Leben bestreiten. Das aber mein Leben kein gutes ist, weil ich trotz Kind arbeite und mein Kind auch zeitweilig in eine öffentliche Betreuung gebe, das muss ich nicht akzeptieren. Aber Pistorius spricht sein Denken gar nicht aus. Ich kann ihm gar nicht widersprechen, denn nur zwischen den Zeilen ist zu lesen, dass er alles, was nicht seiner göttlichen Ordnung entspricht, nicht nur ablehnt, sondern in Grunde auch als bekämpfenswert erachtet.

Er hält meinen Gedanken, dass Religion eine Privatangelegenheit ist und unser Zusammenleben vom Staat geregelt sein sollte – einem Staat der Freiheit im Denken bei gleichzeitigem Schutz der Persönlichkeitsrechte und nicht zuletzt Frieden als oberste Maximen haben sollte – diesen Gedanken hält er für einen Irrglauben, denn es kann sich kein Staat über Gott stellen. Unser Zusammenleben sollte auf Gottes Regeln aufbauen.

Unsere Diskussion verfängt sich ein wenig in einer Standortbestimmung: wieviel freiheitliche Gedanken gestehen wir dem einzelnen und damit auch dem Andersgläubigen oder Nichtgläubigen zu, wo tun sich Grenzen auf, wo müsste ein Staat eingreifen… Seine Argumente sind teils sehr nachvollziehbar, teils widersprüchlich und manchmal steigt auch eine leise Furcht in mir auf. Pistorius ist ein so friedlicher Mensch, aber ich merke zunehmend, hier hat er seine Grenze. Für Gottes Wort wäre er zu vielem bereit.

„Aber dann bist du ja beim Heiligen Krieg!“, meine ich unser Gespräch zusammenfassend.

Und was antwortet Pistorius?

Er lächelt mich an und schweigt. Sein Lächeln spricht Bände, sein Schweigen auch.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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18 Kommentare zu “Also sprach Zarathustra”

  1. Gruuuuuuuselig! Nein, mit so Menschen kann ich gar nicht umgehen. Wir hatten auch einen Fundamentalisten damals im Abijahrgang, der hat eine Riesendiskussion vom Zaun gebrochen, dass man Biologie abschaffen sollte und stattdessen Kreationismus lehren sollte. Und überhaupt. *grusel*

    Übrigens tue ich mir da mit der „Privatangelegenheit“ schwer, sobald es die Kinder betrifft. Auch hier sehe ich wieder die Parallele zu der muslimischen Familie, die ihr Kind vom Sexualkundeunterricht ausgeschlossen hat. Heutzutage Kinder fernab von Internet und Co. aufwachsen zu lassen sehe ich schon sehr kritisch. Natürlich muss das dosiert vonstatten gehen, keine Frage, aber ganz ohne geht es eben nicht. Man kann zum Beispiel heutzutage überhaupt nicht mehr studieren ohne Internet, also wirklich nicht, weil sämtliche Informationen darüber ausgetauscht werden und auch die Kommunikation zwischen Dozent-Studenten größtenteils darüber funktioniert. Dazu kommen die nur online zugänglichen Forschungsbeiträge, die elektronische Form der Hausarbeitsabgabe etc. … Und das ist ja nur die Uni. Selbst in der Schule wird es ja zunehmend schwieriger ohne Internet und moderne Technik, gleiches gilt für Arbeitnehmer. Seinen Kindern das komplett vorzuenthalten sehe ich als eine unnötige Behinderung/Verkomplizierung an, die den Kindern langfristig eher schadet. Ähnliches gilt für Institutionen wie den Kiga, Kinder müssen eben soziale Kontakte knüpfen und auch mal aus dem Schoß der Familie rauskommen. Aber gut, das sind ja nicht nur die Fundamentalisten, da haben wir ja auch extra die Herdprämie und so… *Augenroll*

    Wie er und seine Frau leben möchten, das ist tatsächlich deren Privatangelegenheit, denn das sind erwachsene Menschen. Aber bei den Kindern, da finde ich das eine Ecke komplizierter. Nicht zuletzt auch deshalb, weil ich so einen Fall in meiner Stufe hatte, das Mädchen hat sich schwergetan, alles nachzuholen. Sie durfte z.B. auch nicht mit auf Klassenfahrten und ähnliche Veranstaltungen („zu schädlich“, der Einfluss von Gleichaltrigen 24/7), das war dann auch für das soziale Leben schwierig. Es endete darin, dass sie mit 17 in einer Nacht- und Nebelaktion und mithilfe ein paar Lehrer ausziehen musste, weil die Familie sie verstoßen hat. Sie durfte nicht einmal mehr die Unterlagen zu ihrer Facharbeit „zuhause“ abholen… und der Kontakt ist bis heute hinüber. Das ist schon ein Härtefall, aber sowas kann dann eben passieren.

    Ach, ähnlich wie bei dem Sexualkundefall (wobei es auch da ja nicht nur um den Unterricht ging, sondern dass das Mädchen mit 14 nirgendwo das Wort ‚Sex‘ hören durfte, weder in Filmen, Musik noch sonst wo) sind das so Fälle, bei denen ich mich frage, wie weit die Privatangelegenheiten reichen dürfen bzw. in welchen Ausmaßen man das als Gesellschaft tolerieren muss.

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      1. Antwort für Hauptschulblues:
        Ja, Fundamentalismus gibt es überall. Auch so ein Widerspruch: er versteht die Muslime, die sich an unsere Regeln nicht halten wollen, wenn es ihrem Glauben entgegensteht (Sexualkundeunterricht, Sportunterricht…), weil er sagt, wer glaubt, muss auch ganz glauben, dann kann man keinen Schritt von seinem Glauben weggehen, sonst verrät man seinen Gott.
        Aber gleichzeitig meint er ja, dass sie einem Irrglauben anhängen, und ist dagegen, Zugeständnisse zu machen.

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        1. Das ist das Problem mit montheistischen Offenbarungsreligionen, es kann nur einen Gott geben, daher sind alle anderen Irrgläubige, denen man nicht nachgeben muß/darf. Solange man lediglich der Überzeugung ist, dass der andere dann in der Hölle schmort ist das noch nicht problematisch. Wenn aber der jeweilige Gott vorschreibt, dass man diesen Ungläubigen das Leben zur Hölle machen soll oder ihn doch besser gleich dorthin befördert, wird es unangenehm. Da sind diverse Suren dem Zusammenleben nicht dienlich, wobei es für Außenstehende etwas schwer nachzuvollziehen ist, warum ein allmächtiger, ewiger Gott nicht noch die vergleichsweise kurze Restlebenszeit abwarten kann.

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    1. Antwort für Tina:
      Das sind sicher extreme Fälle, aber auch ich habe es erlebt, dass ein Vater sich beim Elternabend gegenüber der Geschichtslehrerin aufgeregt hat, was sie für Unfug erzähle, er bitte darum, den wissenschaftlich bereits etablierten Kreationiusmus zu berücksichtigen.

      Aber wie gesagt, das sind Extreme. Und Pistorius mag extrem denken, aber er hält sich zurück. Er schweigt dann lieber…

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      1. Blöde Frage, was regt der sich bei der Geschichtslehrerin auf, das gehört doch in den Bereich Biologie? Oder durfte noch nichtmal was über die Steinzeit erzählt werden?

        Andererseits ist das wahrscheinlich eine ähnliche Problematik wie mit dem Unterschied Astronomie und Astrologie. Da ist der Unterscheidungskriterium auch ca. 30 Punkte beim IQ.

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      2. Ja, das sind Extreme, klar. Wenn er die Klappe hält ( 😉 ), ist das auch okay, aber wie gesagt, die Kinder da mit reinzuziehen (mit rein zu ziehen… mitreinzuziehen? Boah Frau Henner, erklär mal den Zusammenschreibkram, das ist meine größte orthographische Schwäche! :mrgreen: ), das finde ich nicht in Ordnung, wenn es deren Entwicklung/Bildung letztlich im Wege steht.

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    1. Zusammengefasst 😉 ?
      Tina hat in vielem Recht, aber ich hoffe, dass das bei Pistorius und seinen Kindern nicht so wird, denn er hält sich sehr zurück und vielleicht wächst er an seinen Kindern. Unser Gespräch war auch sehr friedlich, nur die Grundhaltung kontrovers. Ich nehme an, er hält sich in seinem Unterricht auch sehr zurück, sonst hätte ich schon was mitbekommen – habe da so meine Quellen.
      Genau das empfand ich auch als widersprüchlich: auf der einen Seite zu sagen, wir lassen uns viel zu viel gefallen, ein Staat müsste ganz anders aussehen, und auf der anderen Seite aber dann eben doch zu schweigen. Was nun?

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      1. Naja, für Tina ist das zusammengefasst! 😉
        (Nicht hauen, Tina! 😳 )

        Gut, sicher, niemand hier weiß, wie er mit seinen Kindern umgeht und ob er nicht doch irgendwann zu Zugeständnissen bereit sein wird (was ich dann doch mal hoffe).
        Predigen im Unterricht hat ja auch noch einmal eine ganz eigene „Qualität“, da kann man dann auch als Lehrer schnell Probleme bekommen, wenn ich mich recht entsinne.

        Du schriebst ja davon, dass er sonst ein ganz netter ist – und genau da bin ich eben auch bei dir: Widersprüchlich. Auf der einen Seite ganz nett und sicher auch recht unproblematisch um Umgang mit muslimischen Schülern (geh ich mal davon aus), auf der anderen Seite strenggläubig genug, um eben doch beim „Heiligen Krieg“ zu landen. Im Grunde, finde ich, illustriert er auf eigene Weise die Problematik des Islam in unserer Gesellschaft: Zwischen aufgeklärter Gesellschaft und Toleranz einerseits, und strengem Glauben und Befolgen einer „heiligen“ Schrift.

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        1. Ich hoffe, dass er mit den Kindern nicht wirklich so streng verfährt und sie nicht fernab der, öhm, modernen Welt? Zivilisation? („schädlichen Einflüsse“) aufzieht.

          Naja, eine Zusammenfassung war das jetzt nicht gerade 😉 (aber Zusammenfassungen und Berichte und sowas mag ich auch gar nicht – sich kurzfassen müssen: FIIIIIES) 🙂

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    1. In der Schule ist Pistorius ganz lieb und zurückhaltend und sicher auch zuhause. Was in ihm steckt, merkt man erst auf den vierten oder gar zwanzigsten Blick. Für unsere Schüler sehe ich absolut keine Gefahr. Was mit seinen eigenen Kindern wird (siehe Tina oben), liegt daran, wie diese sich entwickeln, wenn sie in die Pubertät kommen. Wenn die Kinder die gleiche Einstellung haben, kann es gut ausgehen. Also hoffe ich, denn ich finde ihn ansonsten wirklich nett.
      (Vielleicht bin ich auch deshalb so irritiert.)

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      1. Das ist gut: Solange er in der Schule zurückhaltend ist und keinen Missionierungsgedanken verfolgt, ist das ja in Ordnung. Er selbst kann ja leben, wie er möchte (das mit den Kindern habe ich ja zur Genüge erläutert, das stellt für mich die Ausnahme dar 😉 ).

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