Erstaunliches

Liebe Leser,

vor einigen Wochen habe ich euch berichtet, wie schockiert wir als Kollegium waren, als wir mitbekamen, wie groß der Anteil der Kinder inzwischen ist, die keine Gymnasialempfehlung haben und trotzdem aufs Gymnasium gehen. Völlig klar, es gibt eine Grauzone, völlig klar, ein guter Realschüler kommt auch bei uns mit, völlig klar, es gibt die Spätzünder, alles völlig klar.

Probleme bereitete uns eher, dass das durch G8 durchaus angezogene Tempo mit einem so hohen Prozentsatz an Kindern, die etwas länger brauchen, um die Inhalte zu verstehen und Fähigkeiten auszubilden, einfach nicht zu halten ist. Besonders ärgerlich ist das, wenn es sich nicht um Kinder handelt, die in der Grauzone liegen und damit unseren Ehrgeiz motorisieren, sondern wenn es sich in den Augen der Grundschullehrerinnen um eindeutige Hauptschüler handelt. Nun kann man verschiedene Strategien fahren. Die einen Lehrer senken das Niveau oder senken die Notenanforderungen, die anderen haben es aufgegeben, einer Handvoll Kindern überhaupt noch etwas zu erklären.

„Am Anfang hab ich mich noch hingesetzt und es den zwei mit der längeren Leitung halt noch einmal erklärt, vielleicht auch noch ein zweites Mal. Heute gehe ich an dem Platz vorbei, sehe, dass im Heft nur Murks entsteht, und gehe weiter, weil ich weiß, dass es das Kind einfach nicht verstehen wird.“ So der O-Ton aus dem Lehrerzimmer. „Und es sind ja auch nicht mehr zwei, sondern inzwischen sind es fünf Kinder oder mehr – pro Klasse.“ Ein anderer Kollege meint: „Ich mach jetzt nur noch das Experiment und lasse ein Protokoll anfertigen. Das dauert in der Regel viel zu lange und wir haben weder die Zeit noch überhaupt das Verständnis, um über eine Erklärung des Beobachteten nachzudenken. Das lasse ich dann eben weg.“

Und was jetzt? Reihenweise Fünfer? Nö, in den einzelnen Arbeiten schon, aber nun nach einem halben Jahr zeigt sich, dass die liebe heile Notenwelt die Leistungen nivelliert hat. Noch sind wenig der Unterstufenschüler versetzungsgefährdet, trotz grottiger Leistungen in den Klassenarbeiten hieven sich die meisten der schwierigen Fälle doch auf eine Vier und manchmal sogar auf eine Drei.

So schlimm sieht es also gar nicht aus!

Das ist doch erstaunlich. Ich weiß noch nicht, ob ich das jetzt positiv oder negativ werten soll. Ganz ehrlich – ich denke, es ist zu früh, um wirkliche Aussagen treffen zu können. Das Fazit steht zwar: Auch Hauptschüler kommen am Gymnasium mit. Aber es ist erst ein halbes Jahr vergangen. Nun wird es interessant, was das Endjahr bringt und vor allem, was geschieht, wenn die Komfortzone der Unterstufe verlassen wird.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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17 Kommentare zu “Erstaunliches”

  1. Wie war das mit den Noten in der Unterstufe den vor der Abschaffung der verpflichtenden Grundschulempfehlung? Ich selber meine zu wissen, dass bei uns im Jahrgang nur Einzelne mehr als zwei oder drei 3er in der 5. oder 6. Klasse hatten, was jedoch auch ein Trugschluss sein kann. Angefangen mit den 4ern und 5ern hat es bei uns erst so in der 8. Klasse und trotzdem sind wir jetzt in der 12. Klasse nicht mal mehr die Hälfte derer, die in der 5. Klasse zusammen angefangen haben und haben in unserem Jahrgang von knapp 100 Personen mehr als 10 Schüler drin, die das Abi in 13 oder 14 Jahren machen. Wie sieht das erst in 7 oder 8 Jahren aus?

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    1. Das ist genau der springende Punkt: vor der Abschaffung der verbindlichen Enpfehlung hatten wir keine Sitzenbleiber und sehr wenig Abgänger in der Unterstufe. Die richtig grottigen Noten gingen erst mit dem jähen Einbruch der Pubertät los.
      Jetzt ist nicht mehr die Drei die Zwei des kleinen Mannes, sondern die Vier. Was eine Vier in Klasse Fünf oder Sechs bedeutet, wisst ihr: hier wird es in der Mittelstufe verdammt eng!
      Aber die Eltern sehen das oft nicht. Da sind Zeugnisse mit ein paar Zweien, vielen Dreien und einer Vier oder zwein. Wir sagen: bedenklich, besonders wenn es die Hauptfächer betrifft. Die Eltern sehen: naja, noch alles im grünen Bereich. Denn auch mit drei Vierern ist ein Kind nicht versetzungsgefährdet. Und im Endeffekt geht es genau darum.

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  2. Im Moment kommen sie vielleicht mit. Aber was ist in zwei, drei Jahren, wenn sie in der Pubertät sind und die stofflichen Anforderungen steigen, die zweite Fremdsprache dazukommt?
    Es gibt keine Untersuchungen, wo die Schüler bleiben, die vom Gymnasium abgehen. Viele haben keinen Abschluss, auch nicht den Haupt(Mittel)schulabschluss.
    Niveau runter? Bloss nicht. Das hat enorme gesamtgesellschaftliche Konsequenzen.
    Wenigstens in einer Schule sollte sich darauf einigen können, wie sie mit sehr schwachen Schülern verfahren will. Noch gibt es andere Schulformen, die ihnen angemessen sind.
    Das mit der Notenrelativierung verstehe ich nicht. Entweder produzieren die Kids nur Bockmist, dann können sie nicht auf drei oder vier kommen. Oder sie kapieren den Stoff und/oder sind fleißig – dann ja.

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    1. In der sogenannten Orientierungsstufe (5/6) sind wir (viele Kollegen zumindest) halt wirklich gutmütig. Da reicht dann schon eine nette Mitarbeit mit mäßigen Antworten und ein halbwegs gut geführtes Heft und schon ist es eben doch keine Vier mehr. Und irgendeine Fleißaufgabe mit einer 2 und schon ist alles wieder gut. Und die Kinder, die eine Vier haben… na, das ist ja kein Nichtversetzungsgrund. Aber du hast völlig Recht – lassen wir ein bisschen Zeit vergehen…

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    2. …zumindest in bayern ist es oft so, dass in regionen mit sehr hohen übertrittsquoten (speckgürtel münchen: teils 70-90% eines jahrgangs in klasse 5 des örtlichen gymnasiums, trotz 2.33!), die anforderungen in der unterstufe (und manchmal bis ins abitur hinein) einfach systematisch durch schulinterne vorgaben und druck der eltern gesenkt werden. da macht man halt „transfer“-aufgaben, die im unterricht geübt und vorbereitet wurden (und damit kein transfer mehr sind, sondern pure reproduktion), da wertet man das mündliche auf, da hat man am ende leute, die im zentralabitur fast zwei noten schlechter sind als in der vornote. kann man machen. ist aber nicht sinnvoll, wenn man sich anschaut, was dann an kompetenzen da ist, wenn die kinder an der uni aufschlagen, mit ihren gerade mal 17 jahren.

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      1. Ach, die 17 Jahre, in Österreich dauert das Gymnasium schon immer nur 8 Jahre (dafür die Schulstunde 50 Minuten), da habe ich auch noch nie Klagen über das Alter gehört und die Kinder werden da genauso zwischen 5 und 6 eingeschult. Allerdings gibt es da auch kein Kurssystem, die Schüler haben alle Fächer bis zum Schluß, es kann lediglich zwischen Kunst und Musik gewählt werden. Die fachspezifischen HTL und HAK dauern dafür 9 Jahre.

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      2. Jupp, volle Zustimmung. Der Druck durch die Eltern muss oft gar nicht so stark sein, da eilt schon die Schulleitung (gedeckt durch höhere instanzen) voraus, erklärt, die Oberstufler wären so arg gefordert, dass man ihnen notenmäßig entgegenkommen müsse, mündl. Noten werden stärker bewertet usw.
        Uns wird signalisiert, dass das, was wirklich wichtig ist, die Notenschnitte der Schule beim Abitur sind – ob die Kiddies an der Uni dann wissen, wie man mitschreibt und alleine lernt, ist nicht unser Bier. Aber ein klitzekleines Bisschen sind da auch manche Eltern schuld, die bis in die 10. Klasse gern verkünden „wir“ hätten „uns“ so gut auf die Klausur vorbereitet dass „wir“ immerhin 6 Punkte erreicht haben – „wir“ ist natürlich immer Mutter&Kind, so wie in der Grundschule und der Unterstufe. Die Kinder werden gnadenlos durchgeschleift – von den Eltern und auch von uns, auf dass wir und die höheren Instanzen uns keinen Ärger einhandeln mögen.

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  3. Schlimm. Da steht ein ganz böses Erwachen bevor, denn entweder werden irgendwann in Mittel- und Oberstufe zig Schüler wegbrechen (und das Scheitern des Experiments „Elternwille“ müsste eingestanden werden – was aber nie im Leben geschehen werden wird), oder die Schüler werden politisch bis an die Uni gewollt, wo dann die bereits jetzt hohen Durchfallquoten in manchen Studiengängen noch einmal steigen werden. Und dann? Weiter durchgewollt werden, bis man einen Abschluss hat und eine verantwortungsvolle Position bekleidet, für die man aber nicht qualifiziert ist, oder eben mit Mitte 20 feststellen, dass man zwar Abitur hat, dieses aber nichts wert ist.
    Unterm Strich wird hier mit so vielen Leben ein mieses Spiel gespielt, dass man eigentlich nur noch k*tz*en möchte.

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    1. Ich schließe mich beiden Vorrednern an – ja, fünfte Klasse, schön und gut. Aber mit ganz vielen 4en in der fünften Klasse läuft es spätestens in der Mittelstufe in der Regel wirklich nicht mehr rund (außer das Kind gewinnt plötzlich unwahrscheinlich an intrinsischer Motivation o.Ä., ist ja aber eher die Ausnahme). Ich weiß auch nicht *seufz*, bei uns sieht es ja ähnlich aus, ich habe dir ja schon mal erzählt, wie dann spätestens nach Klasse 6 die Klassen zweizügig wurden, weil zu viele Schäflein verloren gegangen sind unterwegs. Hm. *nochmal seufz*
      Achja, da fällt mir ein: Wie ist das in BaWü, muss man von Klasse 5 auf 6 versetzt werden? In RLP nämlich nicht, da rutscht man einfach weiter, auch mit zig 5en im Zeugnis. Man kann einfach nicht sitzen bleiben in der 5. Verstehe ich überhaupt nicht, das Konzept, denn wer den Stoff der fünften sowas von nicht drauf hat, wird auch in der sechsten nicht durch ein Wunder auf gute bis durchschnittliche Noten kommen.

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    2. Interessant ist, wie unterschiedlich Eltern reagieren. Es gibt die Eltern, die schon bei einer Vier sagen: „Das hat keinen Wert, dann doch lieber ein gutes Realschulzeugnis.“ Und dann gibt es die Eltern, die selbst bei mehreren Vierern sagen: „Mein Kind kann das aber! Ich hätte das schon gerne auf dem Gymnasium!“
      Beides O-Ton aus meiner Klasse.
      Zu Tina: Noch muss man in BaWü versetzt werden, man kann in Klasse Fünf hängen bleiben. Und ich bin so ketzerisch zu sagen, das ist auch gut so. Wer in Klasse Fünf mindestens zwei Fünfer hat, hat so große Definzite, dass es unverantwortlich ist, ihn einfach ins nächste Schuljahr zu schicken. (Aber ich sage „noch“, denn ich lese gerade von weiteren Plänen unserer Landesregierung und bin ehrlich besorgt, aber dazu ein anderes Mal. Ich muss das erst einmal verdauen und meinen Kopf neu ordnen.)
      Früher kam das Nichtversetzen aber so gut wie nie vor, seit der Einführung der Unverbindlichkeit kommt es vor – die Zahlen sind steigend.

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      1. Ich bin da ganz bei dir: Dass es das Sitzenbleiben in Klasse 5 gibt, ist gut so. Aus allen oben genannten Gründen. Dass das in RLP nicht möglich ist, verfluchen hier einige, weil die Kinder in der sechsten eh überfordert sind. Getragen wird diese Entscheidung (von der ich gar nicht weiß, seit wie vielen Jahren sie besteht) hier also auch nicht vom Kollegium, aber zähneknirschend muss man sich dem Willen des Ministeriums beugen.

        Joa, manche Eltern sehen da eben einen vernünftigen Rahmen, andere sehen es gar nicht ein, dass das Kind auf eine andere Schule geht als das Gymnasium, auch wenn es bei weitem nicht das Beste für das Kind ist. Erinnert mich immer an einen Vater aus Klasse 6, der zum Orientierungsstufenleiter sagte: „Wissen Sie, mein Kind soll ja aber mal Medizin studieren.“ … Traurig, das.

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        1. Das ist ja auch so eine miese Sache, wenn die Eltern meinen, durch ihre Kinder leben zu müssen. Was, wenn aus dem Kind aber ein hervorragender Schreiner werden könnte,wäre das so schlimm für den elterlichen Stolz? 😦

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  4. Kommt mir sehr bekannt vor. Vor allem zum Zwischenzeugnis sind die Sprechstunden auf einmal voll, und alle Eltern bemühen sich um Erklärungsansätze für die schlechten Noten. Ich höre immer wieder „Mein Kind braucht noch Zeit“, „Der Stoff ist viel zu schwer“, „Das Tempo ist zu hoch“. Ganz selten höre ich „Mein Kind ist hier einfach auf der falschen Schule“. Was das Elternpaar eines einzelnen Kindes nämlich nicht sieht, sind die 26 anderen Schüler in der Klasse, die mit dem angeblich viel zu schweren Stoff und dem viel zu hohen Tempo wunderbar zurecht kommen…

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    1. Das ist übrigens auch der Grund der Landesregierung, warum wir im Halbjahr in Klasse Fünf nicht die Realschule empfehlen dürfen: die Kinder sollen Zeit zum Entwickeln haben. Klingt gut. Wir kennen die Realität.

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  5. Realität, pah, das kann doch die Politik nicht erschüttern, da wird doch geglaubt, dass alles regelbar sei. Die Zahl der Politiker, die näheren Kontakt mit der Realität hatten nimmt auch immer mehr ab. Die Rangfolge der „Gesetze“ wird zunehmend missachtet.

    Unterste Ebene „menschliche Gesetze“ Du sollst nicht Stehlen, kein Drogenhandel usw.
    Die wird durch die nächste Ebene, die Gesetze der Ökonomie aufgehoben, bei ausreichend hoher Gewinnspanne wird eben gestohlen, mit Drogen gehandelt, Steuern hinterzogen usw.
    Über den Gesetzen der Ökonomie steht die Biologie, (fast) kein Mensch braucht 300€ Laufschuhe, die Masse der Bekleidungsindustrie lebt vom biologischen Trieb das andere Geschlecht beeindrucken zu wollen. Status ist bei Primaten auch sehr wichtig, deshalb hat Porsche oder Apple auch eine so hohe Gewinnspanne.
    Über all dem stehen die Gesetze der Physik, die schlägt sie alle.

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