Brudermord im Altwasser – wenn Wörter funkeln und die Lernlust erwacht

Liebe Leser,

in einer losen Reihe möchte ich mich immer wieder mit Erinnerungen an die alte Schulzeit beschäftigen, weil es viel später interessant sein könnte, was Schule gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts bedeutet hat, aber vor allem, weil ich meiner Tochter Lucy etwas hinterlassen möchte, was ihr, wenn sie erwachsen ist, einen Blick auf die Facetten ihrer Mutter erlaubt, die sie nicht selbst erlebt hat.

Da kommt es gerade recht, dass Bob Blume eine Blogparade zum Thema Lernlust veranstaltet, bei der jeder, der sich beteiligt, ganz subjektiv aus eigener Erfahrung berichten darf. Wunderbar. Und dann lese ich auch gleich von anderen initiierenden Momenten…

Die kleine Frau Henner war ein braves Mädchen, aber damals waren alle Mädchen brav. Ich habe mich nicht auf die Schule gefreut, weil mein großer Bruder schon in der Schule war und mir seine Laune nicht besonders gesteigert vorkam. Das habe ich auch allen verkündet auf die allgegenwärtige Frage: „Und, freust du dich schon auf die Schule?“ „Nein!“

Aber ich bin dann doch sehr gerne hingegangen. Zum einen habe ich sofort gemerkt, dass ich das kann, wen motiviert das nicht? Zum anderen fand ich das Lernen wirklich spannend. Wenn ich aber heute über meine Lehrer aus der Grundschulzeit zurückdenke, kann ich das kaum fassen. Ich hatte langweilige, politisch verborte, stupide den Plan abarbeitende Lehrerinnen, die weder hübsch noch in irgendeiner Weise interessant waren. Und ich saß in den späten Achtzigern in zur Tafel ausgerichteten Bankreihen, haben Aufgaben aus dem Lehrbuch bekommen und bearbeitet. Nix Gruppenarbeit, nix Projekt, nix moderne Lehrmethoden. Wer nichts konnte, wurde vom Lehrer bloßgestellt, wer aufmuckte, kam vor die Tür. Ein besonderes Lob erhielt ich selten, sehr gute Leistungen wurden von mir erwartet, gute Noten schon mit gespielt enttäuschter Mine kommentiert. Das Individuum interessierte in meiner Grundschulzeit niemanden.

Aber ich bin gerne zur Schule gegangen. Ich erinnere mich an so viele Schulstunden! Aber eine ist mir wie ins Hirn gebrannt. Dank Georg Britting! Unsere Lehrerin – ein wenig begabte Frau – las uns die Kurzgeschichte „Brudermord im Altwasser“ von ihm vor. Ich will euch nichts verraten, wenn ihr sie noch nicht kennt, nur soviel: heute würde die kein Lehrer in der Grundschule mehr drannehmen. Tod, Versagen, Schuld… das sind keine Themen für Kinder. Denkt ihr!

Die Sprache der Geschichte nahm mich so gefangen, ihre stille, atmosphärische Erzählweise berührte mich, das Tragische faszinierte mich. Die Wörter begannen zu funkeln. Wir sollten uns nach dem Lesevortrag in einen der beiden Brüder hineinversetzen und seine Gedanken auf dem Nachhauseweg aufschreiben. Es war mucksmäuschenstill, als unsere Federn über das Papier kratzten. Gebannt hörte ich zu, was die anderen geschrieben hatten. Ich weiß es noch wie heute, wir hatten uns alle in den jüngeren Bruder versetzt, wir wollten unsere Schuld kleinschreiben. Das beschämte mich einen Moment. Als wäre ich selbst dabeigewesen.

Immer wieder habe ich an die Kurzgeschichte gedacht, aber nie gewusst, wie sie heißt und von wem sie ist. Das hatte uns unsere Lehrerin nicht gesagt und es war sowieso dritte oder vierte Klasse, welches Kind will da den Autor wissen? Aber im Studium stolperte ich über den Titel „Brudermord im Altwasser“ und sofort wusste ich, dass das die über Jahre gesuchte Geschichte sein muss.

Noch etwas hat die Kurzgeschichte bewirkt. Seither habe ich mich nicht mit meinen Gedanken versteckt. Seitdem wählte ich lieber die ungewöhnliche Perspektive. Als wir in Geschichte ein Gnadengesuch an einen Pharao schreiben sollte, wurde mein Untertan trotzdem hingerichtet, als wir in Deutsch Mondgedichte schreiben sollten, habe ich aus der Sicht eines Mörders geschrieben, der in einer klaren Mondnacht nach vollbrachter Tat mit seiner Schuld ringt, als wir in Geschichte eine Gedenkmarke für die Französische Revolution entwerfen sollten, wählte ich Robespierre und die Guillotine, ich habe aufgehört, an Happy Ends zu glauben, weil mir durch diese Kurzgeschichte die fast körperliche Erfahrung kam, dass gerade die andere Seite die für unseren Geist anregendere Seite ist.

Es war also nicht die Lehrerin, es war auch nicht die Methode, es war ganz allein der Inhalt.

Später hatte ich auch ein paar gute Lehrer neben schlechten und sehr schlechten, aber wenn der Inhalt interessant war, hatte ich immer Lust zu lernen, egal wie!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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8 Kommentare zu “Brudermord im Altwasser – wenn Wörter funkeln und die Lernlust erwacht”

  1. Oh, Frau Henner, den „Brudermord“ kenne ich noch sehr gut aus Klasse 7 (glaube ich zumindest 😳 ) und auch mich hat das ziemlich mitgenommen. Diese Atmosphäre, der Inhalt, die dazugehörigen Schrecken, die Frage nach Schuld und Verantwortung. Deswegen danke für das Wecken dieser Erinnerungen.
    Ich kenne sie auch, die Faszination bzw. den Reiz ungewhnlicher Perspektiven, auch wenn ich anders als du nicht den Finger darauf legen könnte, was der Verursacher davon war.
    Aber ich kann dir sagen, dass mich der „Brudermord“ bis in Klasse 11 begleitet hat, als wir uns nämlich beim „Vorleser“ als Staatsanwalt ein Plädoyer überlegen sollten, wie Hannah (so hieß die gute Frau doch?) denn zu verurteilen sei. Das hatten wir damals in kleinerem Umfang beim „Brudermord“ auch schon, und sofort hab ich mich heimisch gefühlt.

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    1. Du bringst es auf den Punkt: ungewöhnliche Perspektiven (hier gepaart mit ungewohnter Sprache)! Als junger Mensch waren das für mich die Aha-Erlebnisse, wenn ich durch irgendeine Sache in die Lage versetzt wurde, aus mir und meinem kleinen Horizont herauszutreten. Die große Welt der großen zu schnuppern, anders zu denken – das ist einfach reizvoll. Kann man auch beim Vorleser erreichen – Gerichtsverhandlungen fand ich dabei spannend – funktioniert aber nur, wenn das zumindest ein Großteil so ernst nimmt, dass es keine Witzveranstaltung wird.

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      1. Ja, genau, und ich hab den Vorleser damals sehr ernst genommen und dann auch in der KA (eine Alternative war ein Plädoyer der Verteidigung) ziemlich gerockt. 😀

        Und ja, das ist eben so faszinierend an Literatur: Der Kontakt zu und die Konfrontation mit vollkommen fremden Ansichten und Perspektiven.

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  2. Ach, Frau Henner, du beeindruckst mich immer wieder!

    @Brudermord: Puh, also, für die Grundschule finde ich das schon sehr happig – aber nicht nur inhaltlich, ich finde das auch sprachlich gar nicht so einfach. Weiß jetzt nicht, ob ich von der Geschichte viel mehr als den Kern mitgenommen hätte.

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    1. Aber genau das war es! – ich habe gespürt, das hier ist etwas, was uns mehr erzählen kann als nur die platte Geschichte. Etwas, was eigentlich nichts für Kinder ist, man hält sie fern davon. Wahnsinnig interessant!
      Bis heute verstehe ich nicht, wie unsere sonst dröge Lehrerin so etwas mit uns machen konnte, aber es hat von allein ein Samenkorn gelegt in nahrhaften Boden. Bei vielen ist es vielleicht in leichter Verwirrung eingegangen, aber bei mir und anderen (pimalrquadrat z.B.) ist dieses Samenkorn aufgegangen, weil es an den richtigen Platz gefallen ist – eine persönliche Disposition muss man schon mitbringen. Nicht alles ist für jeden was.

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      1. Ja, das mag sein, aber ehrlich gesagt glaube ich, dass du da sicherlich eher die Ausnahme dargestellt hast. Also ich weiß nicht, eine Geschichte mit einer Klasse von sagen wir 25 Kindern zu lesen, die am Ende vielleicht 2-3 erreicht und den Rest verstört/verwirrt zurücklässt, ob das so sinnvoll ist… 😉
        Für dich war es natürlich gut, wenn das so ein Schlüsselerlebnis war. Keine Frage. Ein bisschen fragwürdig finde ich die didaktische Entscheidung trotzdem. 😛

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  3. Es gibt übrigens noch so eine Initialgeschichte. Sie handelt von einem jungen Mann, der (in meiner düsteren Erinnerung) vor Liebe Schmerzen in der Brust hat, verwirrt durch die Straßen läuft und schließlich zuhause, um dem Schmerz auf den Grund zu gehen, sich die Brust aufschneidet. Vorm Spiegel, damit er sehen kann, was ihn schmerzt. Diese Geschichte hatte ich aus einem Sammelband aus der Bibliothek und es war ein Buch für junge Leser! Nicht reißerisch, nicht gruselig, aber dafür erschreckend intensiv.
    In dem Band waren auch Geschichten von Borchert, daran erinnere ich mich.
    Ich habe sie nie wieder gefunden. Hat jemand eine Ahnung, von wem diese Kurzgeschichte sein könnte, kennt jemand gar den Titel? Für mich wäre es wirklich interessant, sie jetzt erneut zu lesen.

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