Rechtschreibung braucht man heute sowieso nicht mehr!

Liebe Leser,

beim Einkaufen treffe ich eine Mutter. Sie kommt freudestrahlend auf mich zu und bedankt sich für die Halbjahresnote ihres Sohnes. Ich wiegele erst einmal ab, dass sie sich nicht bei mir bedanken müsse, es sei schließlich die Leistung des Kindes. Im Hintergrund läuft mein Daten-Abgleichprogramm: mit wem spreche ich eigentlich, wessen Mutter ist das? Die nichtvorhandene Ähnlichkeit hilft mir dabei nicht weiter, aber dann denke ich an die Noten und tatsächlich, da habe ich doch einem Jungen eine 1-2 auf der Halbjahresinformation gegeben, der bei meiner Vorgängerin eine Drei hatte.

Ich erzähle der Mutter jetzt nicht, dass fast alle Jungen bei meiner Vorgängerin eine Drei hatten und die Mädchen ausschließlich Einsen und Zweien, egal wie fähig oder auch unfähig. Zum Glück habe ich diese Mutter getroffen, denn es gibt natürlich auch den umgekehrten Fall, dass ein Mädchen jetzt mit einer Drei dasitzt, die bei der anderen Lehrerin immer eine Eins hatte. Wenn ich mir die Leistungen des Mädchens angucke, kann ich nicht nachvollziehen, wie sie das bei einer halbwegs objektiven Bewertung geschafft haben will. Wahrscheinlich war sie brav, das mag die Kollegin und stellt es über alles.

Wir plaudern noch fünf Minuten und kommen ganz schnell auf das leidige Thema Rechtschreibung.

„Wissen Sie, Frau Henner, ich möchte schon gerne wissen, woran das liegt, dass die Kinder so schlecht in Rechtschreibung sind“, sagt die Mutter, „Kann das was damit zu tun haben, dass die Kinder schreiben durften, wie sie wollen?“

Ihr wisst, dass ich kein Freund davon bin, aber spätestens ab Klasse 3 führen doch die meisten Grundschulen dann auch die Rechtschreibung ein…

„Nein, ich hab mich da so oft mit dem Grundschullehrer drüber unterhalten, der sagte: Die Kinder schreiben später nur noch mit dem Computer. Rechtschreibung braucht man da sowieso nicht mehr. Das macht alles der Computer mit dem Rechtschreibprogramm!“

Na, dann lasse ich mal über diesen Post das Rechtschreibprogramm laufen. Ich habe ein paar Fehler eingebaut. Zwei der Fehler erkennt das Programm überhaupt nicht, weil er einzelne Wörter überprüft, aber nicht den Zusammenhang. Dafür liefert er mir fünf Falschmeldungen, die aber richtig sind. Ich habe schon oft festgestellt, dass das Rechtschreibprogramm keine Ahnung von Groß- und Kleinschreibung und auch Getrennt- und Zusammenschreibung zu haben scheint. Fehler beim das-dass erkennt er auch nicht richtig, sondern sagt nur „wiederholtes Wort“, sieben Wörter kennt er gar nicht. Die Vorschläge haben zum Teil gar nichts mit dem von mir intendierten Wort zu tun. Wenn das Wort vorne nicht halbwegs richtig geschrieben ist, ist der Computer nahezu hilflos, weil er nicht weiß, was ich eigentlich sagen wollte.

Sicher, es gibt bessere Rechtschreibprogramme und manch Tippfehler wird dadurch aufgespürt, aber deshalb eine alte Kulturtechnik aufzugeben, das richtige Schreiben, das ist traurig und als Lehrer macht man sich gegenüber den Kindern schuldig, wenn man ihnen das verwehrt.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Hier folgt der Text noch einmal, so wie ihn das Rechtschreibprogramm gerne hätte. In Klammern gesetzte Wörter erkennt der Computer nicht und kann also auch nicht korrigieren:

Liebe Leser,

beim Einkaufen treffe ich eine Mutter. Sie kommt Freude strahlend auf mich zu und bedankt sich für die (Halbjahresnote) ihres Sohnes. Ich wiegte erst einmal ab, dass sie sich nicht bei mir bedanken müsse, es sei schliesslich die Leistung des Kindes. Im Hintergrund läuft mein Daten-Abgleichprogramm: mit wem spreche ich eigentlich, wessen Mutter ist das? Die nicht vorhandene Ähnlichkeit hilft mir dabei nicht weiter, aber dann denke ich an die Noten und tatsächlich, da habe ich doch einem Jungen eine 1-2 auf der (Halbjahresinformation) gegeben, der bei meiner Vorgängerin eine drei hatte.

Ich erzähle der Mutter jetzt nicht, dass fast alle Jungen bei meiner Vorgängerin eine drei hatten und die Mädchen ausschließlich Einsen und Zweien, egal wie fähig oder auch unfähig. Zum Glück habe ich diese Mutter geschossen, denn es gibt natürlich auch den umgekehrten Fall, dass ein Mädchen jetzt mit einer drei da sitzt, die bei der anderen Lehrerin immer eine Eins hatte. Wenn ich mir die Leistungen des Mädchens angucke kann ich nicht nachvollziehen, wie sie das bei einer halbwegs objektiven Bewertung geschafft haben will. Wahrscheinlich war sie brav, das mag die Kollegin und stellt es über alles.

Wir plaudern noch fünf Minuten und kommen ganz schnell auf das leidige Thema Rechtschreibung.

„Wissen Sie, Frau Henne, ich möchte schon gerne wissen woran das liegt, dass die Kinder so schlecht in Rechtschreibung sind“, sagt die Mutter, „Kann das was damit zu tun haben, dass die Kinder schreiben durften, wie sie wollen?“

Ihr wisst, dass ich kein Freund davon bin, aber spätestens ab Klasse 3 führen doch die meisten Grundschulen dann auch die Rechtschreibung ein…

„Nein, ich hab mich da so oft mit dem Grundschullehrer drüber unterhalten, der sagte: Die Kinder schreiben später nur noch mit dem Computer. Rechtschreibung braucht man da sowieso nicht mehr. Dass macht alles der Computer mit dem (Rechtschreibprogramm)!“

(Na), dann lasse ich mal über diese Post das (Rechtschreibprogramm) laufen. Ich habe ein paar Fehler eingebaut. Zwei der Fehler erkennt das Programm überhaupt nicht, weil er einzelne Wörter überprüft, aber nicht den Zusammenhang. Dafür liefert er mir fünf Falschmeldungen, die aber richtig sind. Ich habe schon oft festgestellt, dass das (Rechtschreibprogramm) keine Ahnung von Groß- und Kleinschreibung und auch Getrennt- und Zusammenschreibung zu haben scheint. Fehler beim das-dass erkennt er auch nicht richtig, sondern sagt nur „wiederholtes Wort“, einige Wörter kennt er gar nicht. Die Vorschläge haben zum Teil gar nichts mit dem von mir intendierten Wort zu tun. Wenn das Wort vorne nicht halbwegs richtig geschrieben ist, ist der Computer nahezu hilflos, weil er nicht weiß, was ich eigentlich sagen wollte.

Sicher, es gibt bessere (Rechtschreibprogramme) und manch Tippfehler wird dadurch aufgespürt, aber deshalb eine alte Kältetechnik aufzugeben, das richtige Schreiben, dass ist eine traurig und als Lehrer macht man sich gegenüber den Kindern schuldig, wenn man ihnen das verwehrt.

Man kann schon verstehen, worum es gehen soll, aber ich habe die Mutter übrigens nie abgeschossen! Nur um das klarzustellen, auch wenn es richtig geschrieben ist.

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13 Kommentare zu “Rechtschreibung braucht man heute sowieso nicht mehr!”

  1. Aber daß die computergestützte Rechtschreibhilfe aus ‚Kulturtechnik‘ angesichts des Themas Orthographie ‚Kältetechnik‘ macht, stimmt doch gleich wieder versöhnlich (wegen der eisigen Schauer…). 😉

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  2. Ich finde die Rechtschreibung, die Grammatik und die falsche Verwendung von Worten in der SZ manchmal ganz gruslig. Sehr oft sind es Praktikanten, die diese Fehler machen, aber nicht immer. Bei einem habe ich den gesamten Text korrigiert bzw. neu geschrieben und er hat sich artig bedankt.

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  3. Puh, ich find das schon ziemlich heikel, wenn durch die Bank weg fast alle Jungs nicht besser als 3 sind. Dauernd ertönt ja das Geschrei von Frauen- und Mädchenbenachteiligung, aber sowas dringt und dringt nicht bis an die Öffentlichkeit durch. Denn auch das ist miese Diskriminierung.

    Rechtschreibung ist doch total überbewertet, Hauptsache, die Kinder schreiben was! 😛

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  4. Kinderverschreiber sind zum Teil niedlich und lustig und, dass das Rechtschreibprogramm das Wort Kulturtechnik nicht mehr kennt, sagt auf der anderen Seite auch schon einiges. So wechselt auch meine Erfahrung zwischen einem Lachen: „Das lernst du schon noch!“ und dem Erschrecken: „Ich kann dich kaum verstehen!“
    Das Schreiben ist sehr wichtig, von meinen Sechsern schreiben fast alle sehr gern, aber sie merken, wie falsch sie schreiben. Nicht sehr motivierend. Sie sind jetzt seit fünfeinhalb Jahren in der Schule und schreiben „ich wahr“ und „er kahm“ und „wir giengen“, aber „sie fur“. Langsam ist mir zum Weinen.

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  5. Kann mir jemand erklären warum unsere Schüler neumodische Dinge wie die Deutsche Rechtschreibung (II. Orthographischen Konferenz von 1901) lernen müssen, andere wichtige Dinge gleichen Alters, z.B. die speziellen Relativitätstheorie (1905 ) aber nicht?
    Ein entäuschter MINTer. 😉

    PS: Jeder der einen meiner Rechtscheibfehler kommentiert bekommt einen Naturwissenschaftlichen Vortrag meiner Wahl. 😉

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    1. Das eine sind Konventionen, die man lediglich lernen muss, zum Verständnis des anderen braucht man enorme Kenntnisse in Physik, Mathematik,.
      Im übrigen beziehen sich die geltenden Rechtschreibregeln nicht auf das Jahr 1901, sondern auf das Jahr 2006 (Neuregelung der deutschen Rechtschreibung mit Vorschlägen vom Rat für deutsche Rechtschreibung).

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