Die Bremser

Liebe Leser,

heute habe ich frei, weil die Welt ringsum den ersten wirklich bösen Fastnachtskater ausschlafen muss. Und tatsächlich es ist still und friedlich. So geht es jetzt ein langes närrisches Wochenende lang bis Aschermittwoch. Genügend Zeit, in Ruhe Klausuren zu korrigieren, die nächste Einheit zu planen und ein paar lange Spaziergänge zu unternehmen. Am Donnerstag werde ich dann richtig erholt und gut vorbereitet wieder antreten. Mit tausend Ideen im Kopf.

Keinen Schnellschüssen, nein, das ist nicht so mein Fall. Ich bin eher so der Analytiker. Gibt es Probleme, schaue ich erst einmal hin: wo liegen die Schwierigkeiten? (Außer bei Lucy, da bin ich eher mal ungeduldig.) Aber was den Beruf anbelangt, handele ich meist durchdacht. ABER ich habe ebenso Visionen und Träume. Wenn Ferien sind, durchlüfte ich meinen Kopf im Freien und fange an herumzuspinnen… was wäre wenn… wenn wir einfach mal etwas wagen würden, wenn wir Schule anders denken?

Das heißt nicht, dass ich alles über den Haufen werfen würde – so gut kennt ihr mich inzwischen. Es gibt viel Bewahrenswertes im System! Und dennoch sind da genügend Dinge, die man ändern könnte. Aber ich höre sie schon, die Bremser. Sie bringen immer die gleichen Argumente, egal zu welchem Gedanken, zu welchem Zeitpunkt und wahrscheinlich spielt es auch keine Rolle, wo, es gibt sie überall und sie sagen Sätze wie:

„Was, da soll mein Unterricht ausfallen? Nee, das hole ich nie wieder auf!“ (Als ob jeder Schüler in jeder Stunde alles mitbekommen würde – vor allem in der Mittelstufe, der Lehrer nie wegen Krankheit oder Fortbildungen ausfallen würde, als ob wir Maschinen und keine Menschen vor uns hätten, deren Produktion exakt festgelegt ist.)

„Und wer soll das bitteschön machen? Also ich mache hier schon genug!“ (Dieser Satz wird meist von denen ausgesprochen, die neben dem Unterricht nix oder wenig für die Schüler machen, aber „genug“ ist zugegebenermaßen auch ein dehnbarer Begriff.)

„Was da alles passieren kann! Und dann bin ich wieder dran!“ (Dieser Satz ist ein Totschlagargument im besten Sinne. Denn passieren tut ja immer was.)

„Das wollen die Eltern gar nicht! Das bekommen wir nie durch, das brauchen wir gar nicht zu probieren.“ (Vielleicht sollte man die Eltern erst einmal fragen? Eltern sind oft offener, als wir Lehrer es ihnen zutrauen.)

„Ich geh jetzt schon auf dem Zahnfleisch!“ (Dann geh zum Arzt! Unbedingt.)

„Ich sehe das gar nicht ein, immer sollen wir die Welt retten!“ (Oh Mann, wenn ihr uns das zutraut… ja, dann lasst es uns wenigstens probieren!)

Und da man immer solche Bremser in einem Kollegium hat, sind Gesamtlehrerkonferenzen auch oft so zäh und man findet am Ende einen Kompromiss, der aus mehreren Kompromissen besteht, mit dem dann alle unzufrieden sind, der nix ändert, aber gut, dass wir mal drüber geredet haben!

Ich möchte dem entgegenstellen: Bevor man über die Machbarkeit diskutiert (und das soll man in aller Ausführlichkeit tun), braucht man Visionen, sonst entwickelt man sich als Schule nicht weiter. Und das wird ein Problem, denn die Welt da draußen, die entwickelt sich weiter – ganz ohne unser Zutun. Wenn wir aber Mitwachsen, haben wir vielleicht auch Möglichkeiten!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Advertisements

27 Kommentare zu “Die Bremser”

  1. Visionen braucht erst einmal die Schulleitung, im Verbund mit visionsbegeisterten KollegInnen. Dann ist es vonnöten, dass 2/3 des Kollegiums hinter den Schulentwicklungstendenzen stehen. Bremser sind in diesem Prozess unheimlich wichtig, weil sie vor dem Abheben bewahren.
    Schwierig sind die Blockierer. Zu denen fällt mir nur ein: Andere Schule suchen.

    Gefällt mir

  2. Dazu fällt mir gerade ein Buch ein, welches ich vor ca. einem Jahr gelesen habe. Darin geht es auch um Visionen, Vorstellungen von Schule und es enthält eine Menge Utopien. Ich weiß leider nicht einmal, ob es das Buch überhaupt zu kaufen gibt, da es ein Lehrer unserer Schule mit einer Schülerin geschrieben hat 😀 Ich fand es auf jeden Fall interessant… Denn nicht nur einige Lehrer haben manchmal diese Visionen, auch Schüler können darüber sehr ernsthaft diskutieren – über mehrere Stunden 😉
    Ach ja, der Titel des Buches ist: Gymnasium – Ort der Menschenbildung ? : ein Schüler-Lehrer-Gespräch bei ICQ.

    Gefällt mir

  3. es kann nicht sein, dass wir die defizite des systems schule mit mehrarbeit auffangen. ohne die mehrarbeit der mehrheit der leute wäre das system schon lange kollabiert. das muss man nicht auch noch ausbauen. (bzw. wer das machen will, der kann das gern tun, aber das von anderen zu erwarten ist ziemlich vermessen.) visionen sind fein, aber bitte dann mit mehr stellen, mehr geld, mehr leuten. die schulleitung muss ins boot und stützen und planen und regie führen, sonst geht da gar nichts. „bremser“ – mei, ich würde sagen, eher überhitzungsschutz ;-).

    Gefällt mir

    1. Ich denke, es gibt einen Unterschied zwischen Bremsern und Bremsern. Meine konkrete Erfahrung bezieht sich auf eine kleine Truppe von Kollegen, die bei jedem Fitzelchen, dass über den Unterricht hinaus geht, sofort lamentieren. Im Übrigen bin ich nicht dafür, dass wir alles mit Überengagement am Laufen halten, aber Schule hat sich nun mal verändert und der Unterricht sich auch erweitert. Ich befürworte, dass ich mit meinen Schülern auch mal das Klassenzimmer verlasse, auch wenn ich dafür natürlich den Ausflug organisieren muss. Lehren heißt mehr als Unterrichten.

      Gefällt mir

  4. Wissen Sie, ich halte die „Bremser“ mittlerweile für wichtig – natürlich nervt es ungemein, wenn man grad DIE Idee hatte, und dann ziehen Leute nicht mit, ABER. Was wir machen ist nüchtern betrachtet ein Tausch „Geld gegen Lebenszeit“. In vielen Fällen scheint mir die geheime Kalkulation der Ministerien aber so zu lauten „Geld gegen Lebenszeit + zusätzliche Zeit, die die Lehrer aus pädagogischem Eifer und Pflichtbewußtsein gerne opfern“. Und da muss es aus purem Selbstschutz heißen: NEIN, machen wir nicht. Irgendwann ist Schluss.Wenn ihr mehr gemacht haben wollt, stellt mehr Leute ein. Denn freiwilliges Engagement im Übermaß ist nicht nur nett für die Schüler, sondern gleichzeitig AUCH Gratisarbeit für Dienstgeber, die sehr oft Lehrern Knüppel zwischen die Beine werfen, wo es nur geht.

    Gefällt mir

    1. Du trifft es völlig richtig – Engagement im Übermaß – das soll nicht sein. Aber meine Bremser bremsen schon, wenn es auf das Level von normalem Engagement geht, ohne das Schule kein Lebensort ist.

      Gefällt mir

  5. Achja, lange Lehrerkonferenzen. Tell me about it. Hatten wir erst letzte Woche. Fast 6 Stunden! Wir haben mittlerweile eine ganz seltsame Redekultur in solchen Konferenzen entwickelt: 96% der Anwesenden schalten komplett auf Durchzug, weil nach spätestens 3 Stunden die Luft einfach raus ist. Und wenn einer in der Konferenz einen Missstand anspricht, wird in der Regel von der Gegenseite mit der Erwähnung eines weiteren Missstandes geantwortet. Lösungen werden selten besprochen, dafür läuft es auf den Grundtenor „Wir leiden alle in irgendeiner Weise unter der Situation und basta“ hinaus. So langsam steige ich dahinter, warum ich nach solchen Tagen immer so mies gelaunt nach Hause komme…

    Gefällt mir

    1. Wichtig ist auch, dass mindestens ein Kollege im letzten Punkt – „Sonstiges“ – ein richtig großes kontroverses Fass aufmacht, mindestens 15 min darüber spricht und dann
      a) die Schuleitung die Chance nützt, einen ihr genehmen Antrag bezüglich des Fasses zu stellen, der dann augrund allgemeiner Resignation und Müdigkeit durchgewunken wird oder
      b) weitere Menschen ich berufen fühlen, je weitere 15 min über das Fass oder auch andere liebgewordene Fehden und Probleme zu sprechen, so dass die Konferenz eine Stunde länger dauert.

      Gefällt mir

            1. och, wir haben auch eins, in bayern, und es ist super. schulportale sind überhaupt total super. und selbst die „haben wir noch nie gemacht“-fraktion ist nach wenigen wochen (!) sehr glücklich über den neuerwerb und will die notenkladden nie, nie, nie wieder zurückhaben.

              Gefällt 1 Person

              1. Echt? Bei uns wird immer wegen des Datenschutzes geweint, weil das Notenportal von einer externen Firma gewartet wird, die theoretisch Einblick in alle schulinternen Prozesse gewinnen könnte. Schülerdaten, Noten, Zeugnisse etc…

                Gefällt mir

            2. Ja, wir auch hier in Bayern. Ab und zu bekommt mal wieder jemand higher up die Datenschutzpanik, dann werden ein paar Funktionen gesperrt, aber generell ist es sehr arbeitserleichternd.

              Gefällt mir

              1. Das Thema „externe Firma“ wurde nie als problematisch angesprochen, aber ich weiß natürlich nicht, welche Kämpfe von der Schulleitung mit dem Ministerium ausgefochten wurden…

                Gefällt mir

    2. Sechs Stunden Konferenz? Seid ihr des Wahnsinns!
      Das führt doch zu nichts und es ist dann um so ärgerlicher, weil wirklich Wichtiges dann einfach durchgewunken oder abgeschmettert wird, weil keiner mehr Lust hat, länger in mies belüfteten, total kalten Räumen zu hocken und nicht mal ein Tellerchen Kekse vor sich zu haben…

      Gefällt mir

  6. Oje, ein schwieriges Thema. Aber ich bin deiner Meinung, mehr Visionäre und weniger Bremser würde Schule in Bewegung bringen. Ich lese dich seit Blogbeginn und erkenne unser Kollegium in deinen „Kollegenposts“ häufig wieder. Unzufrieden, Selbstgerecht und zu einem großen Teil Bremser. Die Blockierer dienen als Begründung für das Bremsen und man hat sich im Nichtsverändernwollen bequem eingerichtet. Es nörgelt sich gut aus dieser Perspektive. Wir, die tendenziell eher Visionäre sind, schütteln oft den Kopf, (müssen aber auch aufpassen, nicht in Selbstgerechtigkeit zu verfallen, weil wir ja die besseren sind.) Ach es ist ein Kreuz. Generell beobachte ich einen Realitätsverlust bei vielen Kollegen, die häufig die Belastung und die Bezahlung in der „freien Wirtschaft“ (ein echtes Lehrerunwort) unter- bzw. überschätzen. Meine Visionärskollegin sagt immer: die sollen mal am Ende des Monats auf den Kontoauszug gucken. Und zum Schluss: immer wieder Danke für deine Gedanken und Beobachtungen

    Gefällt mir

    1. Natürlich ist hier die Bewertung ganz klar, allen Lippenbekenntnissen zum Trotz – die „Bremser, das sind die „Blockierer“, „selbstgerecht“, „bequem“, „nöglerisch“, leiden unter „Realitätsverlust“ usw. Auf der anderen Seite gelten die Visionäre gerne als versponnen, realitätsfern, ministeriumshörig, Träumer, was weiß ich.

      Aber so wird das nix.
      Die Kollegien sind i. d. Regel, wie sie sind, und was ich so von „meinen“ Helden der Privatwirtschaft höre, sind auch dort die Teams und Abteilungen relativ gleich aufgebaut, mit einer Handvoll early adapters (so könnte man „Visionäre“ auch mal neutral ausdrücken), ungefähr der gleichen Menge „late adapters“ („Bremser“) und dem Rest dazwischen. Solange die early adapters und die late adapters einander spinnefeind sind und einander für bescheuert halten, verpufft sämtliche Energie, die beide Gruppen aufbringen (die eine für’s Verändern, die andere für’s Bewahren).
      Man müsste (und ich spinne hier einfach rum) schaffen, bewußt die Gaben beider Gruppen wertzuschätzen. Die „Bremser“ müssten über ihren Schatten springen und anerkennen, dass ein paar Ideen der „Visionäre“ vielleicht Potenzial haben könnten, die „Visionäre“ müssten anerkennen, dass ein langsamer Veränderungsprozess eine Tugend sein kann.
      Es müsste einen Kommunikationsprozess geben, in dem nicht nur die „Visionäre“ mit den „Visionären“ und nicht nur die „Bremser“ mit den „Bremsern“ reden, sondern beide Gruppen vorurteilsfrei, offen und sachlich miteinander. Und in jedem Team, dass sich der Vision widmet, müsste ein „Bremser“ instutitionalisiert drinsitzen, um einen anderen Aspekt reinzubringen – und umgekehrt.

      Aber Hauptsache, wir feinden uns gegenseitig an, dann wird das sicher was mit der Schulentwicklung…*Ironie aus.

      Gefällt mir

    2. Die große Resonanz der Kommentare zeigt aber eines: es gibt hier ein Problem. Das habe ich gar nicht ansprechen wollen, denn mir geht es hier nicht um spinnerte Visonäre und überarbeitete, ausgepowerte Kollegen, sondern um die Beobachtung im Kollegium, dass für eine Gruppe, die immer sehr laut schreit, alles zu viel ist, was nicht den eigenen Unterricht tangiert und so funktioniert Schule meiner Meinung nach nicht. Mich ärgert an den Bremsern, dass es meist die sind, die außer ihrem Unterricht sonst nichts in der Schule tun. Aber Lehrersein ist eben nicht nur das Unterrichten. Natürlich müssen wir aufpassen, dass wir nicht irgendwann auch noch die Hausmeistertätigkeiten übernehmen und natürlich freuen wir uns Hilfe in Form von mehr Stellen – die wir nicht bekommen – aber ohne die vielen Lehrer, die ein klein wenig Engagement geben, um unsere Schule zu einem Lebensort zu machen, wäre unser Beruf doch sehr engspurig.
      Aber es kam eine Welle von Kommentaren von Menschen, die sich ausgenutzt fühlen von einem System, das an vielen Stellen eben nur funktioniert, weil einige Menschen bereit sind, sich über die Maßen zu engagieren. In der angesprochenen freien Wirtschaft gäbe es möglicherweise ein Belohnungssystem dafür, das wir nicht haben. So entsteht Unzufriedenheit.

      Gefällt mir

      1. Ja, aber das ist doch der Kern des Problems. Es gibt (zumindest nicht meines Wissens nach) keine klaren Absprachen, wer wann was dazu beizutragen hat, damit Schule ein Lebensort ist. (Und wann das Ziel erreicht ist.) Wenn „Lehrersein“ nicht nur unterrichten, vorbereiten, nachbereiten, korrigieren und bürokratischer Kram ist, dann sollten die Tätigkeitsbereiche mal irgendwo abgeklärt werden.

        Wenn der Dienstgeber das möchte, dann wäre es z. B. sinnvoll, das im Vorfeld zu klären: wir erwarten von jedem Lehrer, dass er zwei Stunden seiner wöchentlichen Tätigkeit für nicht unterrichtsbezogene Tätigkeiten einsetzt…so kontrollieren wir das….das gibt’s dafür im Ausgleich…das möchten wir damit erreichen…diese Tätigkeitsfelder gibt’s, da und da brauchen wir noch jemanden…so bereiten wir euch auf diese Aufgaben vor…“

        Dann okay. Dann würde auch nicht soviel Energie verpuffen (ich habe schon zuviele Projekte gesehen, die am Herzblut der Person hängen, die sich das ausdenkt, und die einfach zusammenfallen, wenn die Person weiterzieht oder nicht mehr kann oder was immer.).
        Aber nicht „Ja, macht alle mal irgendwas, Planung gibts nicht und beutet euch bitte möglichst selbst aus und macht allen anderen Vorwürfe, die nicht mitziehen, und zwar zusätzlich zu alllem, was ihr regulär macht. Herzlichen Dank für Ihre Kooperation.“

        Gefällt mir

        1. Wir sind gerade bei uns am Planen. Die Visionen sind das eine, die Erdung das andere – zugegeben brauchen wir beides. Aber das Planen an sich ist schon verdammt schwierig, weil sich die Bremser schon der Planung verweigern – sogar wenn die während ihrer Dienstzeit stattfindet.

          Gefällt mir

          1. Es gibt bei iversity einen asynchronen Onlinekurs „Schule transformieren“, in dem ich ganz gute Moderationsideen und Planungstools kennengelernt habe – das hilft vielleicht nicht gegen Blockierer, aber vielleicht ist das ja trotzdem was für Sie! 🙂

            Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s