Moviestar oder vom Problem der Überprofessionalisierung

Liebe Leser,

hach das waren schöne Ferien: lange Schneespaziergänge, Klausuren in Ruhe korrigiert, einen Fastnachtsumzug besucht, Kuchen gebacken und viel Gutes gegessen… ach ja und einen Film gedreht! Nachdem ich in den letzten Jahren mit meiner Klasse immer ein Hörspiel produziert habe, wage ich mich jetzt an einen Film. Und das will ausprobiert sein.

Hörspiele selbst zu produzieren, ist recht einfach, seit es audacity gibt, ein kostenloses Programm, mit dem man recht einfach Tondokumente zusammenschneiden kann. Ich hatte mir zusätzlich noch eine pod farm zugelegt, so eine Art digitalen Verstärker, der das Eingangssignal schon wunderbar bearbeiten kann, so dass ich weit mehr Möglichkeiten hatte als nur mit audacity. Dazu noch ein Mikro und einen Mikroständer. Mit diesem unter Hundert-Euro-Equipment erreicht man schon ein sehr hohes Maß an Professionalisierung im Bereich Hörspiel – wenn die Sprecher gut sind und wenn man bereit ist, für die Bearbeitung etwas Lebenszeit dranzugeben. Das Schneiden ist die Hauptarbeit und da sitzt man dann und perfektioniert und perfektioniert… Und das habe ich getan, denn es hat mir Spaß gemacht. So habe ich zusammen mit den Schülern einige sehr anhörliche Stücke produziert. Natürlich geht es dabei als Lehrziel um die kreative Geschichte und das Schreiben von Szenen, aber mir ging es vor allem um das Erlebnis, was dahinter steckt. So eine Produktion ist ein Erlebnis, das Schüler nicht vergessen. Und die fertige CD ist ein Dokument für das ganze Leben. Jeder sollte mindestens einmal vorkommen, damit die Stimme von jedem Klassenkameraden im Gedächtnis bleiben kann.

Aber dann vor zwei Jahren hatte ich plötzlich seltsame Artefakte auf den Aufnahmen. Bis ich mitbekommen hatte, dass die pod farm so schlau ist und merkt, dass sie nicht das neueste Update hat und deshalb zickt, vergingen Wochen und meine Nerven. Und dann ist mit dem neuen Update alles anders, dabei hatte ich mich doch an das alte System gewöhnt… da fing es an, keinen Spaß mehr zu machen.

Eine Freundin brachte mir dann ein viel besseres Programm und schenkte mir ein Mischpult und ein zweites Mikro und allerlei Zubehör, dass sie aus ihrem Tonstudio aussortiert hatte. Nun kann ich noch professioneller produzieren. Theoretisch. Aber nun muss ich erst einmal eine halbe Stunde Kabel anstecken und welcher kommt zuerst ran, damit es keine Übersteuerung gibt? Und das neue Programm ist natürlich viel komfortabler, aber auch komplizierter und ich kriege meinen A*sch nicht hoch, mich wieder dahineinzuarbeiten. Meine schöne Lebenszeit! Fazit: seitdem ich richtig professionell sein könnte, mache ich es nicht mehr. Traurig, aber wahr. Der Fortschritt hat mich längst überrollt.

Jetzt also der Film. Mit meiner Fotokamera kann ich Filme aufnehmen, kleine Szenen – in full HD. Lucy und Oma sind die Schauspieler, unser Haus die Kulisse, Außenaufnahmen bereichern die Geschichte. Alles zur Übung. Wir sind alle Laien. Oma lacht an der falschen Stelle, Lucy spricht recht natürlich, aber ihre Bewegungen sind etwas ungelenk, meine Kameraführung noch sehr wackelig, im Hintergrund redet der Opa über Hörgeräte, was die Kamera natürlich mit aufnimmt. Aber egal, wir drehen nicht Hollywood, wir sind eher Andreas Dresen. Die Geschichte dieses Films ist zweitrangig, wichtig ist das Ausprobieren und die bleibende Erinnerung.

Und dann schneidet Frau Henner innerhalb einer Stunde über zwanzig Minuten Filmmaterial auf einen fünfzehnminütigen Film zusammen, setzt Übergänge und setzt Titel und Abspann dazu. Viel mehr kann der movie maker von windows auch nicht. Und gerade das ist das Geniale. Mehr will ich nämlich nicht.

Ich will nur ein paar kleine Szenen zu einem Film zusammenschneiden. Ich bin nicht auf der Suche nach dem goldenen Bären. Und ich will eigentlich nicht viel Lebenszeit dransetzen. Man darf sehen, dass es eine Familien-Produktion ist. Perfekt ist was anderes. Aber im Gegensatz zum Hörspiel werden wir auch nie perfekt werden.

Für diese einfachen Bedürfnisse ist der movie maker genau das richtige. Hätte er mehr Optionen, säße ich wieder dran, um den Film da noch zu verbessern und vielleicht geht das noch und überhaupt…

So sitzen wir nach einer Stunde vorm Fernseher und amüsieren uns. Manchmal ist das Einfache die richtige Option.

So meine lieben Sechser, Frau Henner ist bereit für euren großen Auftritt… und wehe jemand schenkt mir bis dahin ein besseres Filmschneide-Programm oder eine aussortierte Filmkamera oder eine Beleuchtungsanlage…

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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8 Kommentare zu „Moviestar oder vom Problem der Überprofessionalisierung“

  1. Frau Henner, ich finde es so genial, dass du mit deinen Schülern ein Hörspiel, mittlerweile einen Film, produzierst! Kreative Ader ausleben, Gruppenarbeit inklusive Kompromissfindung, und am Ende hält jeder die Früchte der Arbeit in Händen, klasse!
    Und oft ist es auch für Schüler ein Aha-Erlebnis, mal zu hören, wie sie so klingen und sich bewegen. Wir hatten uns einmal in Deutsch bei einem Minivortrag gefilmt, um über Körpersprache/-haltung zu diskutieren, und einmal in Englisch beim Vorlesen mitgeschnitten, und beide Momente sind mir dauerhaft in Erinnerung geblieben.
    Sowas vergisst man nicht, und es sind schöne Erlebnisse. Bitte nie ändern – und bloß keine Programme schenken lassen! 🙂

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  2. Argl… Ich wollte dir gerade ein neues Schnittprogramm empfehlen, weil ich irgendwann vom Movie Maker die Nase voll hatte 🙂 Dann behalt ich es halt für mich. Ätsch! Ich kenn das Problem nur zu gut. Ich hab im Referendariat einige Hörspiele mit meinen Klassen gemacht. Höhepunkt waren ein paar Adaptionen von antiken Gruselgeschichten. Mit Mischpult, mit Wavelab, mit externen Effektgeräten, sogar eigene Musik haben wir untergemischt. Die Arbeit hat sich hörbar gelohnt, aber es hat wirklich ewig gedauert. Heute mit 24 Stunden Volldeputat wüsste ich im Moment gar nicht, wann ich das Rohmaterial schneiden sollte, weil die Nachmittage und Abende für das Reguläre weg gehen. Reizen würd’s mich schon. Noch dazu, wo ich hier noch ein paar Synthesizer rumstehen habe, die seit dem Hauptstudium leider exakt 0-mal an waren…

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    1. Und da wären wir mitten drin in der schönsten Bildungsdebatte: ja, es gibt sie, die Lehrer, die Ideen haben und im Grunde auch bereit wären, etwas dranzugeben – und das sind nicht wenige! ABER es ist menschlich kaum zu leisten. Natürlich hätte ich auch mal wieder Lust auf so ein umfassendes Hörspiel, in meiner letzten Truppe war ein Schüler, der hat kurzerhand den Soundtrack komponiert… das sind Erlebnisse, da bekommt jeder Lehrer und jeder Bildungsforscher ein Kribbeln am ganzen Körper – und ganz ehrlich, deine Synthesizer würden sich auch mal wieder freuen… aber du sagst es, mit vollem Deputat und dem Ehrgeiz, die meisten Stunden davon wirklich gut zu unterrichten, fehlt uns oft die Zeit für diese besonderen Projekte – und das bedauere ich…
      das würde ich gerne ändern…
      das gehört nämlich auch zur Schule…
      aber ich bin kein Übermensch…
      obwohl ich engagiert bin…
      scheitere ich…
      und mache trotzdem weiter!
      Also Herr Mess, wie können wir das ändern – können wir das überhaupt?

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      1. Wenn überhaupt, sollte sowas wohl eher in einer Gemeinschaftsproduktion entstehen. Nur ist halt die Frage, ob sich so etwas in einem Lehrerteam bewerkstelligen lässt, weil jeder in der Regel eine eigene Vision des Projektes hat, die er ungern aufgibt. Eventuell auf Schüler delegieren? Dann hängt das Ergebnis allerdings sehr vom Leistungswillen der Lerngruppe ab…

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        1. Verantwortung abgeben kann ja auch sehr entspannend sein, wenn alles läuft, aber ich bin in manchen Sachen so ein kleiner Perfektionist, der dann am Ende noch mal drübergehen will, wenn was nicht nach seinen Wünschen… aber das ist ja mein Problem.
          Mit der Teambildung sind wir an unserer Schule noch in der Steinzeit! Und mit den technischen Möglichkeiten auch – denn zum Delegieren von Aufgaben gehört ja auch die Machbarkeit. Klinge ich irgendwie negativ?

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