Von Elterntränen

Liebe Leser,

es war eine anstrengende Woche. Die Halbjahresgespräche standen an. Die muss man zwar in unserer Schule nur mit den Eltern führen, wo es irgendeinen Engpass geben könnte, was die Leistungen des Kindes anbelangt, aber davon gab es genug bei unseren Sechsern. Wolf und ich hatten kaum Zeit, uns vorher genau abzusprechen, aber wir merken schnell, dass das gut klappt mit uns beiden.

Wen einer schweigt, übernimmt der andere, ergänzt, verstärkt, schlägt in die gleiche Kerbe, je nachdem wie es von Nöten ist. Es hat sich schon einiges getan an unserer Schule. Die letzten Gespräche dieser Art musste ich noch alleine führen, zu zweit geht das aber eindeutig besser. Damals hatte ich Achtklässlereltern vor mir, da drehte sich das Gespräch vor allem um mangelnde Anstrengungsbereitschaft und deren Konsequenzen, jetzt ist das kein Thema, es geht vielmehr um kognitive Grenzen. Die früheren Eltern waren sauer auf ihre Kinder, nun weinen manche.

Mir scheint, dass die Erkenntnis, dass es das eigene Kind nicht auf dem Gymnasium schaffen könnte, für einige eine persönliche Niederlage ist, die nicht nur schwer zu akzeptieren ist, sondern auch so am eigenen Selbstwertgefühl rührt, dass ganze Weltbilder zusammenbrechen. Natürlich kann ich das zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Ich selbst habe studiert und kann mir kaum etwas anderes für meine Tochter vorstellen. Wir Menschen streben nach Aufstieg oder zumindest Wahrung des Vorhandenen. Aber vor uns sitzen keine Akademiker, die ihre Kinder auf das eigene Niveau ziehen möchten. Zum Glück, denn sonst käme es vielleicht zu Grabenkämpfen mit aus der Luft gegriffenen Beschuldigungen. Vor uns sitzen einfache Leute, deren Kinder die ersten waren, die es aufs Gymnasium „geschafft“ haben. Gänsefüßchen, weil manche auch einfach von ihren Eltern dorthin geschickt wurden wie beispielsweise unsere Ronja, die komplexere Zusammenhänge einfach nicht versteht. Dass ihre Mutter nun weint, zeigt natürlich die persönliche Enttäuschung über das Platzen eines Traumes, vielleicht verbunden mit Angst, aber – und das ist das Fatale – es zeigt zudem, welchen Stellenwert die Realschule in den Köpfen selbst der einfachen Leute auf dem Lande inzwischen hat.

Ich will Ronjas Mutter gar nicht trösten, nein, ich sage ihr, dass die Realschule eine solide Schulform ist, die ihrer Tochter den Weg in die Zukunft nicht verbaut und ihr vielmehr Chancen bietet, ihre Stärken auszubauen, ohne ständige Frustrationserlebnisse. So hätte ich das gerne. Ich ignoriere dabei den Realschullehrer, der selbst frustriert all das nicht so sieht und auf keinen Fall unterschreiben würde. Seitdem die Hauptschulen flächendeckend geschlossen wurden, hat sich die Realschule vielleicht am meisten wandeln müssen. Mir ist völlig klar, dass sich an den Klassenräumen nun eine andere Wirklichkeit findet als noch vor fünfzehn, zwanzig Jahren. Aber wie diese Wirklichkeit genau aussieht, davon habe ich keine Ahnung.

Wie soll ich denn dann eigentlich die Eltern beraten? Ich habe keine Ahnung, welches Niveau dort verlangt wird, welche Unterrichtsformen praktiziert werden, wie hoch die Arbeitsbelastung ist, wie die Lehrer mit der „neuen Heterogenität“ umgehen und wie sich unsere Abgänger bei ihnen machen.

Das sind nun aber keine Einzelfälle mehr, wir müssen da etwas tun…

noch eine Baustelle. Ich bin ziemlich müde. Es sind so viele Baustellen… vom Ministerium wurden uns Weiterbildungen versprochen und Hilfe, die nie kam. Die Weiterbildungen waren fachlich so schlecht, dass wir es als Hohn empfunden haben… Ronjas Mutter trocknet ihre Tränen. Fabrice hat schon einen Termin zum Schnuppern. Johannes‘ Mama will weiterkämpfen und und und…

zum Glück ist für mich Wochenende!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Advertisements

7 Kommentare zu „Von Elterntränen“

    1. Viele Kollegen werden tatsächlich Zyniker, aber ich bin ein… hm… recht ausgeglichener Mensch, ich trage in mir wenig Veranlagung zum Zynismus. Zynismus ist eine Form der Resignation und das, nein das, passt nicht zu mir. Die Welt ist – trotz all dem Schrecklichen auf ihr – auch so schön, es lohnt sich, weiterzumachen.

      Gefällt mir

  1. Erholen Sie sich, Frau Henner.
    Können Sie nicht mal ein paar Tage an einer Werkrealschule hospitieren? Bei meiner alten Schule würde das den KollegInnen ermöglicht.
    Schade, dass die Hauptschule einfach abgeschafft wurde. Sie ist prima, natürlich für die SchülerInnen, die da hin gehören. Und das ist immer noch eine ganze Menge.
    PS. Haben Sie Ihr Layout verkleinert? Ich kann Sie nur noch mit Brille lesen.

    Gefällt mir

  2. Danke, ich habe heute richtig lange ausgeschlafen – das tat sehr gut! Und ja, ich werde mal an der Realschule hospitieren, denn mir passt es gar nicht, von Gerüchten gespeist zu werden. Aber das geht wahrscheinlich erst gegen Ende des Schuljahres, denn jetzt stehen erst einmal die Hospitationen in Grundschulen an und das Abitur mit vielen Korrekturen. Da bleibt keine Zeit – und das ist nicht mal eine Ausrede.
    Und ja, die Hauptschule war hier auf dem Land lange eine solide Schule für eine bestimmte Schülerschaft, aber sie hat sich in den letzten Jahren in der Wahrnehmung der Gesellschaft zur „Resteschule“ entwickelt. Dass man genau das Abschaffen wollte, kann ich sogar nochvollziehen, aber es gelingt nicht, es kommt nur zu einer Verschiebung des gesellschaftlichen Problems, dass wir um Pfründe kämpfen und ein Teil der Bevölkerung dabei abgehängt wird. Diese Entwicklung sehe ich mit skeptischen Augen, denn es soll doch nicht so sein, dass jetzt die Realschule zur Resteschule gemacht wird – um real oder nur in der Wahrnehmung ist dabei egal, denn das eine zieht schnell das andere nach sich, fürchte ich.

    Das Layout ist übrigens gleich – ich habe keine Einstellungen verändert und bei mir sieht alles gleich groß aus, aber ich traue dem Computer und seinen Programmen auch ein Eigenleben zu… solange es noch mit Brille geht…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s