Die Einsamkeit der Jugend

Liebe Leser,

diesmal muss ich bei Lucys Großmutter anfangen. Sie war in den 50ern und 60ern jung und berichtet aus dieser Zeit von Nachmittagen, in denen man nach der Schule und den Hausaufgaben als altersgemischte Kinderhorde durchs Viertel gezogen ist, durch den nahen Wald. Die Großen mussten auf die Kleinen aufpassen, man sah zu, dass man außer Sichtweite der Eltern war, sonst wäre man zu allerlei Aufgaben herangezogen worden. Die Elternhäuser waren streng, die Regeln klar, aber die gesuchte Freiheit am Nachmittag eine Möglichkeit, dem zu entkommen. Die Straße war der Ort sich zu treffen, hier wurde Rollschuh gelaufen und Fußball gespielt, Schlitten gefahren. Die Großmutter machte neben der Schule einen Sport, da wurde zu manchen Zeiten mehrfach die Woche trainiert, aber das Kind hatte alleine zum Training zu laufen. Ein Weg, den heute Eltern ihr Kind bringen würden, obwohl er bewältigbar ist. Auch der Schulweg – durch den Wald! – war lang und aus heutiger Sicht sicher nicht ungefährlich, aber die Umstände der Zeit ließen es nicht zu, dass die Kinder umsorgt wurden, gehätschelt.

Auch ich habe meine Nachmittage auf der Straße verbracht und dabei weite Strecken zurückgelegt. Meine Kindheit und Jugend fiel in die 80er und 90er. Wenn wir unsere Hausaufgaben gemacht hatten, dann sind wir raus und haben uns die Freunde herausgeklingelt. Manchmal hatte man schon in der Schule etwas ausgemacht, aber meist lief das eher unverbindlich ab. Wer als erster fertig war, ging zur Freundin und klingelte und fragte: „Kommt die Susi raus?“ Entweder kam Susi raus oder sie sagte: „Ich muss noch den Abwasch machen, komm rauf, bin gleich fertig.“ Dann half man halt beim Abtrocknen und ging dann gemeinsam zur nächsten Freundin. So vergrößerte sich die Truppe und man suchte sich eine Beschäftigung. Spielte alle möglichen Spiele oder lief einfach nur erzählend um die Häuser. Ich bin in einer Stadt aufgewachsen. Dabei kam es immer zu überraschenden Erlebnissen. Nicht alle waren harmlos oder schön. Hier haben wir wirklich für das Leben gelernt. Im Gegensatz zu meiner Mutter bestand unsere Kinderbande aber ausschließlich aus Kindern meiner Klasse. Kleine Geschwister mussten nicht mitgeschleift werden. Und zu den wenigen Freizeitaktivitäten, die wir regelmäßig wahrnahmen, mussten wir zum Teil schon mit dem Auto gebracht werden oder ein öffentliches Verkehrsmittel nutzen. Meine Kindheit war trotzdem schön, weil sie so frei war.

Und nun Lucy. Eine Kindheit in den 10ern eines neuen Jahrhunderts und ihre Nachmittage unterscheiden sich stark von denen ihrer Großmutter und ihrer Mutter. Lucy ist viel allein.

Manchmal muss Lucy in der Schule auf mich warten nach ihrem Unterricht und sie genießt das. Zwar fahren ihre Freundinnen immer gleich mit dem Bus in ihre Dörfer, aber die Kinder mit Migrationshintergrund bleiben noch in der Schule, um nach der Mittagspause in die Hausaufgabenbetreuung zu gehen. Lucy vertreibt sich also die Zeit mit Veronika, Ebru, Mert und anderen. Sie erzählen, spielen Stadt-Land-Fluss oder erkunden das Schulgelände. Sollen sie, sobald sie zuhause sind, sind sie wieder allein.

Mit Freundin Carlotta etwas ausmachen, ist gar nicht zu einfach. Da ist der Nachmittag, der für den Pferdesport reserviert ist, der Nachmittag, der für den Klavierunterricht vorgesehen ist. Dienstags geht es auch nicht, da muss Carlotta Englisch üben, weil mittwochs der wöchentliche Vokabeltest ansteht. Ach und freitags, da ist ja schon Familienzeit. Bleibt also ein Tag die Woche – und da kann schnell etwas dazwischen kommen.

Lucy ist zum Glück nicht auf Carlotta fixiert. Lucy guckt gern über den Tellerrand, aber viele Kinder haben eine durchorganisierte Freizeit und können nicht selbst über ihre Aktivitäten bestimmen. Wo ich noch selbst sagen konnte: „Heute hab ich Zeit, ich komm bei dir vorbei“, müssen Kinder heute immer erst zuhause fragen, ob sie dürfen. Und das ist ein elendes Hin und Her.

„Am Freitag mach ich was mit Franzi aus!“

„Schön, gehst du zu ihr, oder sollen wir sie gleich nach der Schule mitnehmen?“

„Franzi muss eh erst ihre Eltern fragen.“

Freitags setzt sich der Dialog dann im Auto fort.

„Wolltest du heute nicht was mit Franzi ausmachen?“

„Franzi kann nicht.“

„Wie, ich dachte ihr hättet…“

„Ihre Eltern wollen das nicht.“

„Wieso wollen das ihre Eltern nicht.“

„Was weiß ich, vielleicht haben die was vor.“

Die Sache mit Franzi ist keine Ausnahme. Und ich glaube nicht, dass es hier um Lucy geht, es geht ums Prinzipielle. Eltern fahren ihre Kinder zu allen möglichen Freizeitaktivitäten, aber sie ohne Aufsicht mit Freundinnen zu lassen womöglich sogar ungeschützt im Freien missfällt ihnen. Spontan geht überhaupt nichts mehr, eine Verabredung mindestens eine Woche vorher muss schon sein – und am besten nicht nur die Kinder machen das aus, sondern die Mütter besprechen das auch noch mal am Telefon. Erwachsene regeln heute die Freizeit der Kinder. Erwachsenen bringen Kinder zu festgelegten Zeiten an ihnen genehme Orte zu ausgewählten Kindern zu Aktivitäten, über die Erwachsene wachen. Frei-zeit nenne ich das nicht mehr.

Ich mache mir Sorgen. Ich wünsche mir für Lucy eine freie Kindheit, wie ich sie erlebt habe. Zwar mit klaren Regeln und auch mit Aufgaben, aber mit der dicken Entschädigung von Freundschaften und Selbstverantwortlichkeit. In Lucys Klasse ist ein Mädchen, deren Mutter bei der Einschulungsveranstaltung gesagt hat: „Ach die Lucy kommt mit in die Klasse – wie schön!“ Alexandra heißt das Mädchen und vielleicht ist ihre Mutter etwas offener. Lucy hat schon mal erzählt, dass Alexandra gefragt habe, warum sie in den Pausen immer mit Carlotta und Johanna herumlaufe, nicht mit den anderen. Also ist da auch Interesse vorhanden. Möglicherweise.

Aber Lucy muss das selbst entscheiden. Ich kann ihr zwar den Tipp geben, es vielleicht mal mit Alex zu probieren, aber es ist letzten Endes Lucys Sache.

Und wie sieht Lucy das? Lucy sieht das Problem gar nicht in dem Maße. Sie ist beliebt in der Klasse. Es ist halt so, man sieht sich in der Schule und nachmittags macht jeder Seins. Wenn alle allein sind, fällt die eigene Einsamkeit nicht mehr ins Gewicht.

„Außerdem ist das grad wirklich schwierig, Mama, was sollen wir denn zusammen machen? Spielen geht irgendwie nicht mehr. Ich hab mein Playmobil und Schleich längst weggeräumt.“

Ich weiß, was Lucy meint. Zum Spielen zu alt, zum stundenlangen Quatschen noch zu jung. Wir haben diese seltsame Zwischenzeit mit Spielen gefüllt, die nichts für kleine Kinder waren. Münzen auf Straßenbahnschienen legen und plattfahren lassen, den einsamen Tunnel erkunden, in dem so seltsame Sachen herumlagen, eine Straße immer weiterlaufen, bis man nichts Vertrautes mehr sieht, und dann wieder nach Hause finden, mit Kreide geheime Zeichen auf den Gehweg malen, Pfandflaschen suchen und mit dem Erlös Eisessen gehen, sich in den unterirdischen Gängen der Hochhäuser verstecken. Verbotene Spiele, Spiele, wo man viele Kinder brauchte – und Mut. Spiele, die diese behütete Generation nicht mehr spielen darf. Lucy darf bei mir im Dorf herumstreunen, aber viele Eltern erlauben das nicht. Blicknähe ist das oberste Gebot. Lucy zeigt wenig Interesse für Vereinssport oder andere geregelte Aktivitäten. Lucy ist ein freiheitsliebendes Kind. Das ist ein bisschen anachronistisch.

Die anachronistische Lucy ist bei schlechtem Wetter viel in ihrem Zimmer. Momentan schreibt sie an einer Erzählung. Sie fantasiert sich eine Welt. Bei schönem Wetter streunt sie dann wieder draußen herum. Meist allein. Auch das prägt einen Menschen – eine ganze Generation.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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14 Kommentare zu “Die Einsamkeit der Jugend”

  1. Sehr schön geschriebem, Frau Henner. Ich hatte das Glück, die ersten paar Jahre auf dem Dorf zu erleben, wo mein bester Freund auf der anderen Straßenseite wohnte und man sich eben, wie du schreibst, einfach angeklingelt hat: „Hat Dominik Zeit?“ und sich dann auf der Straße, im Hof oder auf dem Spielplatz traf.
    Und wir haben auch den ein oder anderen Unsinn angestellt. Unvergessen die Abenteuer in den Gruben, die sich eine Zeitlang durch unsere Straße zogen, weil irgendwelche Kabel neu verlegt werden mussten.
    Rückblickend staune ich selbst über diese Erlebnisse, weil ich seit dem Umzug in die Stadt diesen Teil hinter mir gelassen habe, und eher drinnen anzufinden war. Aber missen möchte ich sie trotzdem nicht, denn es sind sehr schöne Erinnerungen.

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    1. Genau darum geht es, durch diese unpädagogisierten Erlebnisse entstehen sehr eindrückliche Erinnerungen. Natürlich erlebt man auch im Sportverein etwas oder zuhause – aber das Ungeplante ist intensiver.

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  2. Komisch, so ein typischer: „Früher war alles besser“-Beitrag.
    Ich wohne auf dem Land, wir sind früher auch einfach beieinander vorbeigegangen, oder haben vorher angerufen, wenn es zu weit zum laufen war (das waren dann aber schon eher so 5 km und nicht 1-2..).

    Aber nach der Grundschule, in der 5., 6. Klasse hat sich das dann gelegt. Und ich habe es nicht als unangenehm empfunden.
    Denn mit 13 haben wir hier schon 3 mal die Woche Nachmittagsunterricht. Man sieht seine Freunde also eh schon 3 mal in der Woche am Nachmittag und dann, was hier einfach üblich war/ist, noch 1-2 mal in der Woche beim Sport.

    Inzwischen habe ich 4 mal die Woche bis um 17 Uhr Schule.
    Da will ich meine Freunde nicht auch noch am letzten freien Nachmittag der Woche sehen.
    Nein, danke. Nicht, weil ich sie nicht mag. Nicht, weil wir uns nicht beschäftigen könnten. Nicht, weil wir keinen Spaß hätten.
    Aber es ist einfach mal schön, Ruhe zu haben.

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    1. Ja komisch, da hast du Recht. Ich hatte nicht drei- bis viermal Nachmittagsunterricht und wir haben uns möglichst jeden Tag gesehen, denn in der Schule sehen und am Nachmittag draußen ohne irgend eine Aufsicht um die Häuser ziehen, das ist dann doch etwas anderes. So ändern sich Generationen – denn ein Ruhebedürfnis am Nachmittag hatte ich erst, als ich anfing zu arbeiten (also noch nicht mal im Studium)!

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  3. Und einmal mehr hast du den Nagel auf den Kopf getroffen. Genau über dieses Thema haben wir uns letzte Woche unterhalten. Es ist schon schade für die Kids. Unser Junior ist auch glücklich, wenn er alleine basteln, werkeln oder lesen kann. Für mich immer noch etwas gewöhnungsbedürftig.
    Aber ich muss mich als Mutter auch immer wieder zurückhalten, damit ich mir nicht zu viel Sorgen machen, wenn der Junior später als ich es dachte nach Hause kommt.

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    1. Seltsam nicht?: man denkt, die Kinder sind so allein, aber sie behaupten, dass sei in Ordnung so… und dass wir uns Sorgen machen, das wird hoffentlich nie aufhören bei Eltern, die Frage ist ja nur, wie wir damit umgehen. Trotzdem raus lassen, das ist meine Antwort und wie es scheint auch deine.

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  4. Ich kenne auch beide Seiten, da ich erst in einer Stadt und dann auf dem Land aufgewachsen bin. Jede der beiden Welten birgt in sich ganz eigene Abenteuer, die erkundet werden wollen. Und das haben wir in der Regel auch gemacht. Die Tendenz, die Freizeit der Kinder durchzuorganisieren, habe ich auch schon mitbekommen. Wir haben teilweise Kinder mit drei Sportarten als Hobby. Da wird Schule irgendwann mal Fußnote…

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  5. Puh, das ist echt schade, aber das habe ich auch schon beobachtet, dass sich das heute zu verschoben hat. Meine Kindheit in den 90ern war noch so, wie du sie von dir selbst beschrieben hast – ich war IMMER draußen mit Freunden, wir hatten einen Wald zu erkunden und einen Bolzplatz zum Spielen (da gründet man schon mal seine eigene Fußballmannschaft und bastelt sich Trikots 😉 ), usw. usf. Ich glaube, drei Jahre lang habe ich meine Schulherbstferien komplett auf dem Spielplatz verbracht, der um die Ecke meines Elternhauses war, und viele „Abenteuer“ erlebt, wenn man „blättersurfend“ den Hang hinuntergerutscht ist und so. Viel allein war ich dann ab dem Übergang aufs Gymnasium auch, weil die Freunde aus der Kindheit auf andere Schulen gegangen sind und es mit den neuen Freunden ein bisschen anders war, aber ich war nach wie vor viel draußen, meist mit dem Hund oder mit meinem Fahrrad, die Welt (oder unser Stadtviertel 😉 ) erkunden. Hach, das war schön. Und viele Kratzer habe ich auch noch aus Kindheitstagen, das gehört ja irgendwie dazu. 😉

    Wichtig fand ich die Zeit vor allen Dingen, weil man kreativ sein musste. Man musste schon überlegen, was man mit seiner Zeit anfängt, wenn kein Sportverein einem genau sagt, was man tun soll und man keine technischen Geräte zur Ablenkung hat. Aber da entstehen so viele schöne Sachen! Schade, dass das heute nicht mehr so zu sein scheint, wirklich schade.

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