Falscher Ehrgeiz

Liebe Leser,

ich habe Mist gebaut. Das passiert, man ist Mensch, aber trotzdem macht es mich traurig. So traurig, dass ich weinen muss und Lucy mich tröstet. Gutes Kind!

Dabei war Lucy bis eben noch richtig sauer auf mich und wollte kein Wort mehr mit mir reden. Ich bin ja so eine doofe Mutter. Und sie hatte damit auch noch Recht. Lucy hat eine Klassenarbeit herausbekommen und eine Zwei. Andere Eltern würden jubeln. In Mathe würde ich Lucy auch übers Haar streichen und sagen: „Schön.“ Aber es ist nicht Mathe und ich weiß zwei Dinge:

1. Lucy kann das eigentlich richtig gut.

2. Die Klassenarbeit ist sowieso gut ausgefallen.

Also schließe ich: Lucy ist unter ihrem Niveau geblieben, sie hätte locker eine Eins schreiben können. Die Fehler sind auch zu doof. Ich meckere nicht, aber ich jubele auch nicht. Ich sage: „Schade“, und noch andere dumme Sachen. Lucy ist über meine Reaktion enttäuscht und bockt. Ich streue weiter Salz in die Wunde, indem ich nach den Einsen Frage. Natürlich wieder die Drei!

In Lucys Klasse gibt es drei Mädchen, die neben den üblichen guten Kindern, herausstechen, weil sie eigentlich überall und fast immer Einsen schreiben. Gegen solche Begabungen kann man einfach nicht anstinken. Und dann sind das auch noch drei! Dabei ist Lucy auch gut. Aber Lucy schusselt gerne mal und es reichen ja kleine Schussler und die Eins ist futsch. Wenn man in einer Klasse mit so vielen guten und sehr guten Schülern ist, dann kann man sich nicht so schnell profilieren. In meiner Sechsten wäre Lucy mit die Klassenbeste, da fehlt diese Leistungsspitze, die in Lucys Klasse vorhanden ist. (Zum Glück ist sie vorhanden, weiß ich als Lehrerin, denn später wird das in der Klasse zum Ansporn werden und überhaupt rettet das das Niveau der Klasse, denn es gibt dort auch eine auffallend große Gruppe schlechter Schüler, was nun wieder bei meinen Sechsern nicht so ausgeprägt ist.) Das ist das Schicksal und jetzt komme ich noch mit meinen blöden Kommentaren. Die Luft ist vergiftet.

Ich reagiere ja schon wie meine Mutter! Bei meinen Eltern war es selbstverständlich, dass ich zur Leistungsspitze der Klasse gehören musste, eine Zwei musste ich rechtfertigen, eine Drei war ein Unding. Aber ich erinnere mich, dass meine Mutter mich einmal in den Arm genommen hat, als ich in Mathe eine Vier mit nach Hause brachte. Da hat sie mich getröstet. Vor Mathe hatte sie selbst als Schülerin große Angst.

Also muss ich etwas tun. Es fällt mir nicht schwer, zu Lucy zu gehen, mich zu entschuldigen und sie in den Arm zu nehmen. Sie sieht meine Tränen und spürt sofort, wie ernst es mir ist und drückt mich ganz fest. Jetzt weint sie auch. Ich erkläre ihr, warum ich so reagiert habe. Dass ich einfach enttäuscht war, weil ich mir für sie gewünscht hatte, dass sie einmal eine Anerkennung für ihre Leistung bekommt auf einem Gebiet, was ihr liegt, eine Anerkennung, einmal die Beste in etwas zu sein.

Die Luft ist wieder reingewaschen.

Kinder machen Fehler, Mütter machen Fehler, und wenn wir ehrlich zueinander sind, ist das gar nicht mehr schlimm.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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5 Kommentare zu „Falscher Ehrgeiz“

  1. Wie süß! Mach dir keine Vorwürfe. Oft lebt man einfach das nach, was man von seinen Eltern vorgelebt bekommen hat. Da ist das Anraunen wegen einer „nur“ guten Note das absolut geringste Übel 😉 Sei froh, dass ihr so ein gutes Verhältnis zueinander habt! In manch anderer Familie schwelen solche Episoden jahrelang unter der Oberfläche und kommen dann irgendwann später auf dem Therapeutensofa als Stichelei zum Vorschein…

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  2. Frau Henner, du hast prima reagiert und nachgebessert. Und mit Lucy hast du echt eine tolle und verständige Tochter erzogen und erwischt. So sollte es in jeder Familie sein.
    Und klar, manchmal reagiert man im ersten Moment anders, als das Gegenüber erwartet hat/hätte. Aber das, was hinterher folgt, das ist entscheidend, und da habt ihr beide alles richtig gemacht.

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  3. Fehler macht man, aber ich halte es für extrem wichtig, sich noch am selben Tag auszusöhnen. Innerhalb einer Familie mit Kummer ins Bett gehen, dass geht gar nicht. Die Welt da draußen ist schon hart genug.

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