Die Krux der Gruppe

Liebe Leser,

Maximilian steht vor mir. Er hat ein Problem – ein vertrauliches. Felix ist mitgekommen. Er ist sein Zeuge. Aber als erstes muss ich versprechen, nicht mit dem Lehrer zu reden, um den es gleich gehen wird. Gut, wenn es nichts wirklich Schlimmes ist…

Der Naturphänomene-Lehrer hat eine Gruppenarbeit angesetzt – was in diesem Fach keine Seltenheit ist. Klar – Experimente machen sich gut in der Gruppe. Aber diesmal ist es kein Experiment, sondern ein Plakat. Sofort weiß ich, worum es geht, aber ich lasse Maximilian weitererzählen.

Maximilian steht in Naturphänomene wie in vielen Fächern zwischen 1 und 2. Nun wird dieses Plakat benotet. Und Maximilian ist als zuverlässiger Schüler in die Gruppe mit den Chaoten gekommen. Maximilian kann sich innerhalb dieser Gruppe nicht durchsetzen. Er möchte die Buchstaben auf eine Bleistiftlinie schreiben und holt ein langes Lineal, der Oberchaot nimmt in der Zwischenzeit einfach einen dicken Edding und schreibt schräg und überhaupt nicht so schön, wie Maximilian das machen würde. Maximilian kann sich nicht durchsetzen, die anderen Kinder hören auf den Chaoten, er ist der Boss. Maximilian sieht das verhunzte Plakat, weiß ziemlich genau, wie man das besser machen müsste, wird aber nicht erhört und leidet.

Wenn es wenigstens keine Note gäbe…

Felix nickt eifrig. Er will seinem Freund beispringen. Felix profitiert von seiner Gruppe. Er wird eine Note bekommen, die über seinen Fähigkeiten liegt. Maximilian wird nun einen Weg finden müssen, um entweder das Plakat zu verbessern oder dem Lehrer zu signalisieren, dass da etwas nicht richtig läuft. Sie wollen nicht, dass ich mich einmische, sie wollen nur meinen Rat. Ganz klar würde ich so eine Aufgabe nicht bewerten und schon gar nicht in leistungsgemischten Zwangsgruppen. Aber ich darf dem Lehrer nicht in den Rücken fallen.

„Kann man das Plakat noch retten?“

„Das versuche ich die ganze Zeit, aber eine Eins wird das nie mehr!“

„Wenn du nun aber Vorschläge machst, die so gut sind, dass die anderen sehen, wie gut ihr Plakat wird…“

„Denen ist die Note doch völlig egal, die sagen: „Hauptsache wir hams fertig!“

„Warum sprichst du nicht mal mit dem Lehrer – vertraulich, so wie jetzt mit mir?“

„Aber dann erfahren das die anderen trotzdem und dann sind sie auf mich sauer, dann bin ich wieder die Petze.“

„Soll ich mal…“

„NEIN!“

Wir überlegen noch eine Weile und finden keine Lösung. Habt ihr eine?

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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11 Kommentare zu “Die Krux der Gruppe”

  1. Lösung habe ich auch keine. Leider. Wenn es jemand gibt, der eine hat: Her damit 😉
    Aber die Problematik ist mir bekannt. Unser Junior hat seiner Lehrerin mitgeteilt, dass die Gruppenarbeit echt doof für ihn war. Ihm war egal (zumindest nach Außen), was die anderen Gruppenmitglieder davon hielten. Dafür habe ich ihn ein bisschen bewundert. Denn – sind wir mal ehrlich – haben wir nicht genau solche Kinder früher als Streber gehänselt?? Manchmal wünsche ich mir ein Kind, das ganz normale Leistungen erbringt. Das würde ihm manches ersparen.

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  2. Eine Situation wie diese halte ich bei Gruppenarbeit nicht für eine Ausnahme, sondern für die Regel. Die Leistung der Gruppe wird oft nicht durch die Fähigkeit der Leute, sondern eher durch die Hackordnung innerhalb der Gruppe bestimmt. Schade, denn so werden die fähigen, aber zurückhaltenden Schüler doppelt bestraft: Durch eine schlechtere Note UND die Erfahrung, in der Gruppe einfach unterzugehen.
    Wie gut kennst du denn deinen Kollegen? Ich würde vermutlich – gutes Verhältnis vorausgesetzt – trotz allem zum Kollegen gehen und ihn erstmal auf die Gruppenzusammensetzung ansprechen. Vermutlich erstmal ohne Namen zu nennen.

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    1. Radio Eriwan meldet: Im Prinzip ist die Lösung simpel, denn der Lehrer müsste einfach seine Aufgabe erfüllen: Eine überlegte Einheit Gruppenarbeit, also mit durchdachter und dafür geeigneter Aufgabenstellung, bewusster Zusammenstellung der Gruppen und Aufmerksamkeit der Lehrkraft auf das, was da jeweils abläuft, ggf. auch mit Eingreifen, wenn etwas aus dem Ruder läuft. Dieser Rahmen scheint hier nach der Beschreibung der Hausherrin ja in vielfacher Hinsicht gesprengt worden zu sein.

      Was ich allerdings aus der real existierenden Gruppenarbeit zu meiner Schulzeit nur zu gut kenne. Denn das hieß beinahe durchgängig: „Ich teile schnell mal die Klasse in vier Gruppen auf und lasse die mal vor sich hinwurschteln; in der Zeit kann ich dann den Spiegel lesen/eine rauchen/mit der Kollegin ratschen/…“. Also Arbeit im TEAM („Toll Ein Anderer Macht’s!“).

      Da sehnt man sich auch als Schüler wirklich sehr bald nach Frontalunterricht oder gar „Stillarbeit“ zurück… :-Z

      Meine Erfahrung war mit solchen Gruppenexperimenten war dabei jedoch meist die, dass eine(r) oder zwei die Arbeit gemacht haben, während der Rest entweder gar nichts getan, die Party vom letzten Wochenende aufgearbeitet, Karten gespielt oder sonst einen Sch..ß gemacht hat. Immerhin wurden aber die Leute, die die Aufgaben für sie mit erledigt haben, dabei nicht behindert.

      Die Ausnahme von obigem waren die Fälle, in denen die Gruppe zufällig mal so besetzt war, dass dann auch alle bei der Sache waren. Das hing dann weniger an der individuellen Leistungsfähigkeit als daran, dass die richtigen Charaktere beieinander waren. In dem Fall konnte man dann auch eine exaltierte Figur in der Gruppe auffangen.

      Und: Solche Experiment sind nur sehr selten auch eigens bewertet worden und wenn, dann niemals mit unterschiedslosen Kollektivnoten. Deren Sinn kann ich pädagogisch nicht beurteilen – aber bei Versetzungsrelevanz solcher Bewertungen wäre das rechtlich sehr bedenklich.

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  3. Der Lehrer hat bewusst heterogene Gruppen eingeteilt – wahrscheinlich nach dem Motto: die schwächeren Schülern sollen von den guten lernen. Bei Sechsern kann das auch noch funktionieren. Ob der Lehrer sich allerdings mit der sozialen Seite der Schüler so gut auskennt, weiß ich nicht. Auf der anderen Seite: in welche Gruppe soll man sabotierende Schüler stecken, die machen ja jede Gruppe kaputt?! Ich achte den Kollegen und nehme an, er war sich der Situation für Kinder wie Maximilian gar nicht so bewusst. Wir sagen uns vielleicht, ach eine Zwei ist doch eine gute Note, aber wenn einer eine Eins bekommen könnte, ist eine Zwei eben nicht gut. Wir als Erwachsene sehen das Große und Ganze, für die Kinder ist aber jede Note eine neue Herausforderung.

    Ich kenne ja die Seite des Kollegen nicht – vielleicht hat er den Konflikt auch beobachtet und handelt pädagogisch. Das würde ich jetzt erwarten. Deshalb bin ich mit Maximilian erst einmal so verblieben, dass er das Beste beim Plakat herausholt und, wenn der Oberchaot wieder sabotiert, entweder zum Lehrer geht oder noch einmal zu mir kommt. Mal sehen, wie Maximilian sich verhält.

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    1. Ich habe ganz gute Erfahrungen mit leistungshomogenen Gruppen gemacht. Es kann für die leistungsschwachen Saboteure echt eine unangenehme Erfahrung sein, draufzukommen, dass man keine der üblichen Melkkühe zur Arbeit heranziehen kann, sondern dass man sich entweder gemeinsam zur Arbeit aufraffen oder gemeinsam untergehen muss. Ich habe nicht die Erfahrung gemacht, dass in sehr heterogenen Gruppen die „Schlechten“ von den „Guten“ lernen.
      Und, Scharfrichter, klar,. Ich mache Gruppenarbeiten prinzipiell nur, um nebenbei Kaffee trinken und Spiegel lesen zu können. Das geht nämlich gerade in pubertären Klassen total gut. *Irony off

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      1. Ich auch nicht – die Schüler müssen am Ende dieser Woche das Plakat und die Arbeitsergebnisse präsentieren. Damit hält sich der Lehrer möglicherweise offen, unterschiedliche Noten zu vergeben. Aber auch das ist schwierig. Wenn einer die Präsentation schlecht macht, sind die anderen irritiert und in der Sechsten Klasse noch nicht in der Lage, den Patzer auszubügeln, damit es am Ende nicht auf alle zurückfällt.

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  4. Maximilian hat für sich die Lösung gefunden: einfach viel machen und vorbereiten, so dass das Plakat trotz Saboteure wohl recht gut geworden ist – jetzt sind wir alle mal auf die Note gespannt…

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  5. Vielleicht noch nicht für die Sechser, aber für eine reflektiertere ältere Lerngruppe: der Notenpool. Alle bekommen die Punkte, Punkte mal Anzahl der Gruppenmitglieder, Aufteilung der Punkte untereinander in der Gruppe (Kurzfassung).

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