Über Unterrichtsstörungen und schwarze Pädagogik

Liebe Leser,

am Anfang dieser Woche konnte ich mal wieder nicht ins Netz und damit auch nicht bloggen, also hat Frau Henner eine Publikation über Unterrichtsstörungen… ähem… quergelesen. Nicht aus persönlicher Betroffenheit, sondern aus reinem pädagogischem Interesse. Natürlich quatschen meine geliebten Chaoten in der Sechsten gerne mal rein, das ist aber eher ein Zeichen kindlicher Impulsivität und wird von mir selten geahndet – es sei denn, es nervt, dann sende ich meinen berühmten tödlichen Blick und Justus hält die Klappe. Das hält für fünf Minuten, dann platzt er wieder heraus, für Justus und einige andere ist Schule eben so richtig spannend. Manchmal störe ich meine Schüler auch selbst, wenn mir grad was Wichtiges einfällt und ich das loswerden muss, obwohl sie gerade in die Aufgabe vertieft sind. Und in der Oberstufe sitzt im Grundkurs ein Großkotz, der stört allein schon durch seine Anwesenheit. Der sagt nichts, lümmelt nur zurückgelehnt auf seinem Stuhl und verschwendet das Talent, was er besitzt, aber nicht einsieht, dass man trotzdem etwas tun muss, damit es sich dann auch als Erfolg niederschlägt. Um sich herum zieht er mit seiner Negativaura noch drei weitere Schüler runter. Das gehört alles zum Leben und wird von mir nicht als Unterrichtsstörung bewertet.
Dann schon eher Yannick, der mich vor Jahren beinahe jeden Tag zur Verzweiflung brachte, weil ich als seine Klassenlehrerin nicht nur sein anormales Verhalten in meinem Unterricht ertragen musste, sondern von den Kollegen täglich mit Beschwerden zugeballert wurde. Seine moralische Reife war auf den unteren Niveaustufen stehen geblieben. Schuldbewusstsein war ihm völlig unbekannt. Psychologisch gesehen hatte der Junge etwas Psychopathisches, denn er konnte keine Perspektive wechseln und Emotionen anderer antizipieren, überhaupt stimmte mit seinen Emotionen etwas nicht. Sie waren nur rudimentär vorhanden. Allerdings waren auch seine Leistungen so schlecht, dass sich das Problem von alleine löste. Wenige Wochen nach dem Wechsel auf die Realschule erhielt ich einen Anruf von seinem neuen Klassenlehrer an der Realschule mit der Frage, was für ein gestörtes Kind denn da gekommen sei. Zerrüttete Familie, überforderte, alleinerziehende Mutter waren Ansätze bei der Ursachenforschung. Eine Lösung indes habe ich nicht gefunden. Der Realschullehrer übrigens auch nicht.
Bei der „normalen“ Unterrichtsstörung handelt es sich aber nicht um ein psychisch gestörtes Kind, das eigentlich die Hilfe eines Mediziners bedarf, sondern um soziales Fehlverhalten, wie es im gesunden menschlichen Verhalten vorkommt. Wo jeder die Grenzen des Störendes setzt, ist wieder etwas anderes. Und dann ist es natürlich auch immer ein Wechselspiel zwischen verschiedenen Akteuren. Es gibt bei uns eine Lehrerin, da sitzt jede Stunde ein Junge vor der Tür. Ich glaube, für die Mittelstufe ist es inzwischen ein Sport, wer als erstes hinausgeworfen wird. Laut ist es trotzdem, denn zwei vor die Tür stellen, geht nicht, dass wissen auch die Jungs drinnen.
Einige Faktoren sollen eher davor bewahren, mit Unterrichtsstörungen kämpfen zu müssen. Eine gute Vorbereitung, die wenig Leerlauf lässt und den Schülern Respekt abnötigt, wird immer wieder genannt. Präventive Maßnahmen wie Klassenrat und all die anderen Spielchen, die im Classroom-Management zusammengefasst werden können, sollen davor schützen, überhaupt in eine zu ahndende Situation zu kommen. Konsequenz bei der Durchsetzung von Maßnahmen, die keine Strafen sein dürfen, ist dann für den Notfall das Wichtige. So weit, so gut.
Das Interessante an vielen der Artikel ist allerdings, dass ich als Leser den Eindruck gewinne, dass allein der Lehrer für Unterrichtsstörungen verantwortlich ist. Das geht schon los mit der Sitzordnung, die – ist sie frontal – den Widerwillen der Schüler heraufbeschwören muss. Die Lehrer sprächen sich zuwenig untereinander ab und vor allem könnten sie sich einfach nicht in die Perspektive der Schüler hineinversetzen. Würden die Lehrer die Schüler ernst nehmen, sie in die Regelfindung einbeziehen und sie nach ihrer Sicht auf den Unterricht fragen, dann gäbe es die Störungen gar nicht.
Ich behaupte nicht, dass man Schüler nicht ernst nehmen sollte. Und natürlich hängen in jedem Klassenraum von der Klasse selbst erarbeitete Benimm-Regeln und mich interessiert die Meinung der Schüler, aber ich bin diejenige, die hier die Strukturen vorgibt, die den Schülern zeigt, wie es überhaupt funktionieren kann, weil ich meinen Stoff, die Ziele, die ganze Sequenz von Stunden überblicke. Ein junger Mensch muss erst einmal verschiedene Möglichkeiten kennen gelernt haben, ehe er mit der entsprechenden Reife eigene Entscheidungen treffen kann. In der Oberstufe kann ich den Schülern beispielsweise recht häufig verschiedene Unterrichtsarrangements anbieten und sie wählen lassen. Sie wissen dann, was ihnen hilft. Justus wäre heillos überfordert. Was Justus braucht in seiner kindlichen Impulsivität, ist eine klare Struktur und Führung dahindurch.
Aber bei der Lektüre wächst das Gefühl, dass es in der Pädagogik modern ist, zuallererst über dem Lehrer einen Aschekübel auszuschütten. Wenn ein Schüler sich falsch verhält, hat der Lehrer etwas nicht richtig arrangiert. Und wenn er dann die Einhaltung von Regeln fordert, wird das schnell zur pädagogischen Bankrotterklärung. Das nennt man nämlich beschämende Pädagogik. Das fasst alles, was einen Schüler in seiner Persönlichkeit heruntermacht: Ermahnungen vor der Klasse, Ironie, Zynismus, Witze, die beschämen und… jetzt kommt’s… der strafende Blick! Frau Henner wendet beschämende Pädagogik an! Pfui, Frau Henner!
Wir machen Freiarbeit und ich bitte die Klasse, sich das Material zu holen und dann still am Platz zu arbeiten, um Justus, der eine Arbeit nachschreiben muss, fairerweise nicht durch Unruhe zu stören. Eine halbe Stunde, dann dürfen sie herumgehen und auch flüstern. Aber eben nicht JETZT. Bernhard hat nicht zugehört und watschelt nach fünf stillen Minuten los – quer durch den Raum. Was macht Frau Henner? Intensiv gucken, das spürt Bernhard körperlich und blickt zu Frau Henner. In dem Moment, wo der Blickkontakt hergestellt ist, schießt Frau Henner einen strafenden Blick los, Bernhard guckt irritiert, erwacht aus seinem Tran und erkennt, dass alle anderen sitzen, nur er nicht. Bernhard wandert an seinen Platz zurück. Justus hat wieder Ruhe. Frau Henner verschießt diese Pfeile auch bei wiederholt nicht gemachten Hausaufgaben, störendem Getuschel in der Mädchenecke und anderen Lappalien. Ich kombiniere sie gerne mit einem gewinnenden Lächeln, wenn der Schüler erkennt, was falsch war. Laut muss ich gar nicht werden. Der strafende Blick ist also bis auf Ausnahmen das höchste meiner pädagogischen Ordnungsmaßnahmen. Und jetzt lese ich, dass er ganz pfui ist, weil er die Kinder kränkt. Was soll ich stattdessen tun? Ich hätte Bernhard fragen sollen, was er glaubt, wie ich ihm helfen könne, dass er das störende Verhalten nicht mehr an den Tag legt.
„Bernhard, ich beobachte schon länger, dass du nicht immer zuhörst. Hast du eine Idee, wie wir den Unterricht so gestalten können, dass es dir leichter fällt, konzentriert bei der Sache zu sein?“

Frau Henner transportiert in dieser Woche die gewonnenen Erkenntnisse in ihren Unterricht. Patrick aus der Oberstufe hat Mist gebaut und mitten im Klassenraum ein Riesensauerei veranstaltet und sich dann weggeschlichen. Patrick ist jedoch normalerweise ein netter, freundlicher und hilfsbereiter Mensch. Vielleicht sollte man zu seiner Entschuldigung anführen, dass es in der zehnten Stunde passiert ist.
„Wer hat denn diesen Schweinestall zu verantworten?“, frage ich ehrlich entsetzt.
Die Klassenkameraden grinsen: „Der Patrick! Der Patrick!“
„Patrick? Also das war doch wirklich saudumm!“
„Ich dachte, das geht schon irgendwie…“
„Mal das Gehirnkästel einschalten, würd‘ ich sagen! Und dann auch noch davonstehlen. Saudumm.“
Nun wende ich mich an die Klasse und kommentiere: „Wissen Sie, das war jetzt beschämende Pädagogik, denn ich habe Patrick vor der Klasse bloßgestellt, das könnte eine Kränkung hervorrufen. Ich hätte ihn fragen sollen, wie er überhaupt auf die Idee gekommen ist und wie wir jetzt gemeinsam das Problem lösen könnten. Natürlich ganz individuell, so dass niemand von Ihnen etwas mitbekommt. Patrick soll ja nicht in seiner Persönlichkeitsentwicklung gestört werden. Aber ich habe mich doch für die alte Variante entschieden. Das hier ist doch wirklich saudumm, oder?!“
Muss ich noch erwähnen, dass Patrick die ganze Zeit grinst und ich auch. Der junge Mann holt dann einen Lappen und wischt auf. Wir arbeiten weiter. Mit schwarzer Pädagogik. Aber wenigstens reflektiert.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer bösen Frau Henner

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4 Kommentare zu “Über Unterrichtsstörungen und schwarze Pädagogik”

  1. Ach ja, das kenn ich 🙂 Ich hab auch mehrere Male aus echtem Interesse und Weiterbildungswillen das eine oder andere Buch gelesen – und jedes Mal das Gefühl gehabt, diese Bücher seien von Theoretikern geschrieben. Muss alles totdiskutiert werden? Wenn der kleine Beni dem Maxi mit dem Zirkel in den Oberschenkel sticht, muss das diskutiert werden? Wenn eine gelangweilte Mittelstufenbande ein Holzkreuz von der Wand haut und mutwillig den Jesus darauf zertritt, was gibt’s da drüber zu reden? Das ist asoziales Verhalten. Das ist mutwillige Zerstörung. Punkt. Da gibt’s nen Verweis, an manchen Schulen einen Disziplinarausschuss, und dann Schluss. Bei solchen Geschichten wissen Kinder und Jugendliche ganz genau, was sie tun dürfen und was nicht. Wir reden hier nicht von Zweitklässlern… Solche Diskussionen verkommen nach solchen eindeutigen Situationen ganz schnell zur Farce. Bei sowas finde ich ein Donnerwetter authentischer und sinnvoller. Also gut gemacht, Frau Henner. Weiterschimpfen! 🙂

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  2. Der strafende Blick soll wirklich so schlimm sein? Wenn ich an meine eigene Zeit zurückdenke, waren mir die Lehrer am liebsten, die mich einmal böse angeschaut haben, wenn ich Blödsinn gemacht habe. Irgendwie hat das in mir als Schüler ein leichtes schlechtes Gewissen ausgelöst und umso stärker war ich darum bemüht, dem Unterricht wieder etwas Positives beizutragen. Mit diesen Lehrern kam ich auch am besten klar und meistens sind es auch die, die bei Schülern am beliebtesten sind.
    Und um mal die Sicht des Schülers zu verlassen: Auch während meiner Praktikumszeit kam ich in die ein oder andere Situation, diesen „bösen Blick“ anwenden zu dürfen. Als ich dann am Ende eine Evaluation bei meinen 6. Klässlern durchführte, stand auf der positiven Seite sogar dieses „streng sein“ – es brachte mich zum Schmunzeln, zeigt doch aber auch, dass der böse Blick gar nicht so verkehrt sein kann.
    Und manchmal brauchen Schüler das einfach auch! (Sie sagen es sogar selbst :D)

    Liebe Grüße,

    Jess

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  3. Wundert mich nicht – ich kann mich an einen Uniprofessor erinnern, der sicherlich das letzte Mal vor 40 Jahren einen Schüler gesehen hat, und trotzdem alle Jahre wieder seine Vorlesung hielt, in der er die SChule zu einem Hort von Gewalt erklärt hat, die selbstverständlich vom Lehrer ausgeht, der den Schüler nicht am Interesse packen kann, aus Inkompetenz und Desinteresse natürlich.

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  4. Ich stimme euch voll und ganz zu.
    Die Artikel dieses Sammelbandes gingen jedoch fast alle in die gleiche Richtung: immer ist der Lehrer Schuld. Natürlich trägt ein Lehrer Schuld, wenn etwas nicht funktioniert – aber auch ein Schüler muss sich für sein handeln verantworten. Diese Perspektive kommt mir in dieser Neue-schöne-Welt-Diskussion etwas kurz.

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