Naiv im Netz

Liebe Leser,

Frau Henner rüstet auf. Nicht Hardware, nein Wissen, sozusagen Software. Ich weiß jetzt mehr, was Smartphones und diverse Apps anbelangt, kenne YuoNow und andere erschreckende Spielereien. Frau Henner war Weiterbildung! Dabei ging es nicht um die Anwendungsmöglichkeiten, sondern um die Sicherheit. Was macht eigentlich WhatsApp mit den Daten, wo wird was gespeichert, was passiert auf dem Endgerät, wenn ich mir eine App herunterlade, was kann ein anderer nun damit anfangen…? Mir schwirrt jetzt noch der Kopf und ich bin fasziniert von den vielen gruseligen Möglichkeiten.

Ich könnte jetzt an jeden beliebigen Punkt der Welt ziemlich viel über die Menschen um mich herum erfahren, mich mit diesem Wissen bei ihnen einschleichen, diese Menschen vielleicht auch manipulieren. Dauert fünf Sekunden. Und meine Kollegin, die auch mit Weiterbildung war, und ich, wir probieren das gleich mal in unserer gemeinsamen Mittagspause aus.

„Lass mal gucken, was grad so für Bilder in unserer Stadt rumschwirren“, sagt sie und wir rufen Instamap auf.

Ein Klick und schon sehen wir jede Straße unserer Kleinstadt mit den dort ins Netz in Instagram gestellten Bildern und wählen einfach eines der Bilder aus.

„Hey, den kenne ich doch!“, sage ich, als das Bildchen größer wird, und „lass mal gucken, was der in seinem Profil so alles für Bilder hat.“

Die Kollegin scrollt schon die Selfies mit den besten Freunden ab, den Lieblingswauwau, den Geburtstagstisch vom 18. natürlich mit Datum, das Traumauto, die Flirtfrau aus der Disko, Orte und Daten des letzten Kurztripps, Wohnhaus und Stadt sind natürlich auch zu sehen. Als die Menschen weniger Bekleidung anhaben, beenden wir das Ganze. 10 Sekunden hat diese Recherche gedauert und ich weiß über Robert aus der Kursstufe mehr, als ich wissen will.

„Sowas stellt der ein?“

„Kein Privatmodus!?“

„Völlig naiv!“

Nach der Mittagspause läuft mir Robert über den Weg.

„Sie sollten mal Ihre Einstellungen auf Instagram ändern, da hat ja jeder Zugriff“, beginne ich.

Aber Robert ist weder überrascht, dass seine Lehrerin seine Bilder gucken konnte, noch scheint er irgend etwas dabei zu finden, dass das jeder machen kann.

Sein Blick sagt: „“Na und? Ist doch cool!“

„Mann, das sind doch private Bilder. Denken Sie doch auch mal an die, die mit Ihnen drauf sind. Nicht nur Arbeitgeber checken das Netz, bevor sie überhaupt zum Vorstellungsgespräch einladen.“

„Och, das ist bei mir noch lange nicht so weit…“

Der Junge macht übrigens nächste Woche Abitur.

„Aber dann können Sie nicht mehr alles löschen“, versuche ich es ein letztes Mal.

„Naja, wenn Sie meinen…“, beschwichtigt mich Robert mit nun leicht aggressivem Unterton.

Ja, meine ich, aber er wird zu faul sein, sich intensiv mit den Dingen zu beschäftigen, die er sich aufs Smartphone lädt. Er hatte aber auch Pech, wir haben wahllos eines der Bilder ausgewählt, es hätte auch jemand anderes treffen können. Robert ist nicht der einzige, der völlig naiv durchs Netz stolpert.

In dem Moment bin ich froh, dass ich Lehrerin bin und schon mit dieser Problemwelt konfrontiert werde, ehe es meine eigene Familie betrifft. Ich fühle mich jetzt viel kompetenter im Umgang mit Lucy und den neuen Medien, die ich ihr nicht verbieten möchte, aber nun gezielter auswählen und steuern kann. YuoNow kommt uns nicht ins Kinderzimmer! Auch rechtlich weiß ich jetzt, wo ich stehe. Meine Argumente sind stichhaltiger geworden. Zwar ist mir klar, wie schnell sich die Medienwelt ändert, aber ich kenne dank der Weiterbildung Anlaufstellen und Alternativen und werde zudem über meine Schüler zwangsweise auf dem Laufenden gehalten und kann so hoffentlich Schritt halten mit Lucy. Wenn ich nur bereit bin, an diesem Thema dranzubleiben.

Schade nur, dass diese Weiterbildungen so überlaufen sind… der Bedarf ist riesig.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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4 Kommentare zu „Naiv im Netz“

  1. Es ist schon krass, was manche für alle sichtbar ins Netz stellen. Ich habe alle meine Profil privat und nur Personen, die ich in echt kenne, als Kontakt. Bei Facebook hatte ich mich vor dem letzten Update abgemeldet, weil Facebook dann noch mehr perönliche Daten speichern wollte.
    LG Stella

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  2. Sowas wäre durchaus auch für Eltern interessant. In vielen meiner Unterstufen merke ich, dass von Elternseite da riesige Unsicherheit ist. An den Klassenelternabend, an dem ich den Eltern eröffnet habe, dass Whatsapp eigentlich für Jugendliche ab 16 erlaubt ist, werde ich nie wieder vergessen. Da sind ein paar Leute echt bleich geworden…

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    1. Leider sind die Profis von der Weiterbildung so ausgebucht, dass man kaum noch Termine bekommt, sonst hätten wir sie gleich verhaftet – für jedes Jahr in der Unterstufe und dann noch jeweils ein Elternabend, damit auch die Erwachsenen mental aufrüsten. Vielleicht könnten wir so unsere Schüler nachhaltiger groß werden lassen. Aber wie gesagt, die Termine sind ausgebucht…

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