Die Welle kommt…

… und plötzlich ist sie da!

Liebe Leser,

beim Essen diskutieren Lucy und ich über Handys. Es ist kein Streit – nicht mal annähernd. Lucy hat kein Interesse an Handys, sagt sie. Interessanterweise haben aber plötzlich recht viele in ihrem Umfeld ein internetfähiges Handy – gab es die bei Aldi im Angebot? Hab ich da was verpasst? Es ist doch noch gar nicht Ostern?

Beckie aus der Grundschule, mit der Lucy ab und zu eine Nachmittagsnotgemeinschaft gründet, hat plötzlich so ein Ding, dabei hat sie gar keine Freundin, mit der sie kommunizieren könnte. Also simst und whatsappt das Mädchen eben mit Mama, die im gleichen Haus ein Stockwerk tiefer die Wäsche bügelt. Beckie ist jetzt also auch cool. Vielleicht erhofft sie sich so Anschluss. Sie hat ihr Handy auch mit, als sie Lucy besucht. Ob sich die Mama jetzt besser fühlt? Oder Beckie? Außer ein paar dämlichen Videos hat Beckie momentan noch nicht viel zu bieten. „Und Mama, der Display ist sooooo klein, also das kann man sich doch besser am Computer angucken“, urteilt Lucy.

Lucys halbe Klasse ist inzwischen auf Whatsapp. Als Lucy so die Namen aufzählt, komme ich nicht umhin, festzustellen, dass es bis auf ganz wenige Ausnahmen genau die Kinder sind, die Leistungsprobleme haben. Ist das Zufall oder sollte sich da doch eine gewisse Korrelation ergeben? Psychologen und Biologen weisen mantrahaft daraufhin, was für fatale Folgen ist für die Entwicklung des Gehirns und der Psyche hat, wenn die eigentliche Beschäftigung von Kindern immer wieder unterbrochen wird, weil sie Angst haben, sonst etwas auf ihrem Handy zu verpassen. Angst und Druck ist nicht gut für die Entwicklung komplexer Strukturen, auch nicht, wenn beides sich geschickt tarnt.

Jedenfalls erzähle ich Lucy, warum sie kein Handy besitzt und schon gar nicht bei Whatsapp angemeldet ist, was laut Nutzungsbestimmungen erst ab 16 Jahren erlaubt ist und überhaupt ein amerikanisches Unternehmen mit genau solchen Datenschutzbestimmungen – nämlich gar keinen… wir reden über die Unterschiede eines realen und virtuellen Lebens, über Zwänge und Gruppendruck.

Zum Glück haben ihre Freundinnen noch kein Handy oder Whatsapp. Und da ich die eine Mutter kenne und die Einstellung der anderen Mutter erahne, kann ich davon ausgehen, dass das auch noch ein bisschen dauern wird. So wird Lucy nicht zum Außenseiter. Wir Eltern haben es doch in der Hand, wenn wir zusammenhalten, können wir dem Druck vielleicht noch eine Weile die Stirn bieten, yeah!

Beckies Mutter findet es bestimmt völlig harmlos, wenn sie sich mit ihrer Tochter über Pferdebilder per Handy unterhält, obwohl sie keine zwanzig Meter voneinander entfernt sind. Ganz ehrlich? Ich finde es krank. Und jetzt mag das Thema noch harmlos sein und Beckies Daten noch nicht wirklich interessant. Aber wartet mal zwei Jahre…

Dann sieht es ganz anders aus.

Wir sitzen mit Freunden am Frühstückstisch. Wir Erwachsenen freuen uns auf Eier mit Speck und Kaffee mit Milchschaum, die halbwüchsige Tochter sitzt am Tischende und dattelt auf ihrem Handy. Was ich als unverschämt empfinde, wird von den Eltern gar nicht mehr wahrgenommen. Das Mädchen spricht kein Wort mit Lucy, motzt seine Eltern an, wenn die eine Bitte an sie richten und schaufelt völlig autistisch das Frühstück in sich hinein. Hier haben die Erwachsenen vollkommen kapituliert. Auch dieses Mädchen hat kaum Freunde, aber Whatsapp lässt sie in der Illusion einer heilen Welt. Nur die Eltern stören. Das Mädchen ist dreizehn und die Eltern lassen das Mädchen bis in die Nacht auf dem Handy kommunizieren. Kommunizieren? Smileys verschicken und Verarsche-Videos angucken. Im schlimmeren Fall zweideutige Bilder rumschicken oder auf YouNow sich selbst prostituieren. Und alles nur für ein paar Likes.

Leute, das Argument „Das machen doch alle“ zieht nicht – es ist unsere Pflicht als Eltern da einzugreifen! Mir ist völlig klar, dass das schwierig ist, aber ich habe Angst vor solchen Jugendlichen. Das ist mal die Generation, die sich um uns kümmern sollte, wenn wir alt sind. Aber wenn das alles solche Sozialautisten werden, sehe ich schwarz.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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7 Kommentare zu „Die Welle kommt…“

  1. Ich finde sowohl deine als auch Lucys Einstellung super! Und wünschte mir mehr Eltern, die das auch entsprechend durchsetzen. Was da manchmal in der Nachhilfe zu Tage tritt, da haben Viertklässler teurere Handys als wir Erwachsenen. Und können dann kaum zwei Minuten ruhig dasitzen und ihren Aufgabentext lesen. Geschweige denn verstehen.
    Und die Korrelation zwischen Handy und Leistung(sproblemen), die fällt uns auch sehr stark auf.

    Einen positiven Aspekt hat die Sache dennoch, auch wenn ich ihn weniger auf Handys und mehr auf Blogs und Foren ausdehnen würden: Der Austausch mit Menschen, die man sonst nie kennengelernt hätte. Ob das jetzt aber schon kleine Kinder brauchen, bezweifle ich.

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    1. Lucy ist fünfte Klasse, nach den Sommerferien wird sie zur Minderheit in der Klasse gehören. Richtige Einstellung hin oder her. Ich fürchte, dass sie spätenstens in der siebenten auch ein Handy „braucht“. Aber bis dahin ist mir jeder Tag ohne wichtig und sie wird mit jedem Tag reflektierter. Lucy ist ein sehr vernünftiger Mensch. Vielleicht gehört sie dann zu denjenigen, die wissen, wann man abschaltet und sich nicht dem Kommunikationsdiktat unterwirft. Wenn uns das als Eltern gelingt, dann erziehen wir moderne Menschen, die eine starke Psyche entwickeln konnten. Dann haben wir sehr viel erreicht.

      Du hast übrigens Recht mit deinem Gedanken, Kinder in Lucys Alter brauchen zu allererst stabile direkte Bindungen. Die virtuelle Welt kann auf so etwas aufbauen, wenn sie älter werden, aber sie sollte zum seelischen Wohl unserer Kinder nicht die erste Bezugsquelle sein!

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  2. Es bezeichnet die Zeit in der wir leben.
    Meine Kinder haben auch Smartphones. Wir haben aber strenge Benutzungsregeln. Bei Tisch sind Handys jeder Art absolut tabu, was auch für Gäste der Kinder gilt.
    Whatsapp finde ich ganz praktisch. Vor allem dann, wenn ich kurz meinem in Neuseeland weilenden Sohn einige Zeilen auf die Schnelle schreiben möchte

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    1. Wir empfehlen unseren Schülern statt Whatsapp SIMSme, da gehen die Daten wenigstens nicht in die USA, sondern unterliegen dem deutschen Datenschutz. Und die Daten sind verschlüsselt und nicht abgreifbar. Funktioniert wie Whatsapp und diese Dienste sind auch kostenlos – wer mehr will, kriegt auch mehr, muss dann aber zahlen. Bei uns steigen immer mehr Schüler auf SIMSme um, denn wir verkaufen das unter dem Motto: Die Coolen haben SIMSme!

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  3. …mh, ich finde das alles gar nicht schlimm. vielleicht, weil ich selbst ein mensch bin, der sich gern im netz bewegt. das handy ist nichts weiter als ein leichterer zugang. teenager haben sich schon immer kommunikativ gegen erwachsene abgeschottet. das ist schlicht eine entwicklungspsychologische phase. im sturm und drang las man den werther, immer schon benutzte man jugendidiome, in den 90ern sperrte man sich mit dem familientelefon im klo ein. heute betrachtet man eben einen smartphonebildschirm…
    auch schön zur technologiekritik generell: der gleichnamige band dazu von katrin passig. nur zu empfehlen! (auch gut für sachtextanalyse in der oberstufe.) lucy und ihre eltern klingen nicht wie eine familie, um die man sich sorgen machen muss, handy hin oder her.

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    1. Dass Jugendliche ein starkes Kommunikationsbedürfnis haben, ist klar – dagegen hat auch keiner was. Aber ich habe was gegen Sozialautisten, die sich in Gesellschaft einfach nicht benehmen können, und ich habe was gegen einen Druck, der Kinder noch nach neun Uhr am Abend an die Geräte zerrt.
      Ich empfinde es als sehr unhöflich, wenn mein Gegenüber sich nicht auf das gespräch mit mir einlässt, sondern ständig auf sein Handy guckt, noch schlimmer, es gleich neben dem Teller parkt. Dass ich damit einer möglicherweise aussterbenden Generation angehöre, ist mir bewusst. Aber ich kämpfe weiter für die guten Sitten und das echte Miteinander.

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    2. So easy finde ich es nicht – es macht doch wohl qalitativ einen Unterschied, ob man Werther liest und mit seinen Freunden live darüber diskutiert, oder ob man sich gegenseitig Pornos schickt und über mehr oder weniger kürzelreiche Whatsup-Textchen darüber schreibt („diskutiert“ will ich nicht schreiben – ist aufgrund des Mediums wohl kaum möglich). Außerdem entsteht ein massiver Druck auf alle, die kein superteures Handy haben und nicht ständig dranhängen. Die Handykonsum/Leistungsschwäche-Verschwisterung kann ich übrigens bestätigen.

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