Egozentrismus

Liebe Leser,

stellt euch einen Sonntagabend in der Provinz vor, die Straßen sind wie leergefegt, der Wind bläst mächtig durch die Gassen, dafür ist die kleine Pizzeria bis zum Bersten voll. Aber der Elternstammtisch hat zum Glück vorbestellt. Unglücklicherweise treffe ich jedoch Johannes‘ Mama am Eingang. Ich bin doch heute nur als Mutter hier! Hilft nichts. Johannes Mama möchte unbedingt über ihren Prinzen Sohn sprechen. Da ich die gute Frau kenne, ahne ich, dass ich so schnell nicht los komme. In der Pizzeria hilft mir kein Stundenklingeln aus der Patsche. Aber das man so unsensibel sein kann… Es ist nach acht und ich bin mit fröhlichen Menschen hereingekommen. Da kann man sich doch kurz fassen, oder?

Nein, Johannes‘ Mama kann das nicht. Will sie auch gar nicht, denn es geht um ihren Goldschatz Sohn, was kann es Wichtigeres geben? Am Sonntagabend in der Pizzeria sehe ich das ein bisschen anders. Aber Perspektivenwechsel fällt der Mama wirklich schwer.

Das Problem ist seit anderthalb Jahren das gleiche: Johannes ist überfordert. Seine Mama lernt mit ihm täglich und der Junge schafft es auf Dreier und Vierer – im Schnitt. In Arbeiten heißt das natürlich auch ab und zu eine Fünf oder eine Sechs. Dann wird noch mehr rangeklotzt. Als ob man mit Üben alles richten könnte… Wolf und ich haben schon viele Gespräche geführt. Denn wir ahnen, dass der Druck zuhause nicht gerade förderlich fürs Lernen ist. Ich sehe, wie angespannt Johannes vor einer Klassenarbeit sitzt. Er darf nicht versagen, schließlich hat Mama mit ihm gelernt, er darf nicht versagen! Und er versagt!

Und was macht Mama? Mama macht einen Vertrag mit ihm. Ganz moderne Pädagogik. Aber in dem Vertrag steht nun, dass eine Sechs nicht mehr vorkommen darf. Wie soll ein überfordertes Kind so einen Vertrag einhalten? Was soll er denn machen, falls das doch wieder vorkommt? Was bezweckt die Übermama damit? Wir haben sie schon mehrfach gebeten, den Druck zuhause rauszunehmen.

„Aber dann schafft er es nicht, er braucht meine Unterstützung!“

„Unterstützung und Druck sind verschiedene Dinge…“

„Wir lernen täglich miteinander. Wir haben jetzt eine neue Technik, Vokabeln zu lernen. Jetzt schaffen wir das!“

Überhaupt spricht die Mutter nur noch in der Wir-Form. Psychologisch besehen befindet sie sich schon im Stadium der Symbiose mit ihrem Sohn. Ganz gefährlich. Ob ich mir schon mal eine Cola bestelle?

„Frau Henner, wir müssen jetzt alle meinen Johannes unterstützen. Bitte sagen Sie das auch noch einmal ihren Kollegen! Wir müssen alle ein Auge auf ihn haben, bitte sprechen Sie sich da mehr mit ihren Kollegen ab! Ich weiß ja nicht, wie das bei Ihnen läuft…“

Wir machen für alle einunddreißig Kinder tägliche Kurzkonferenzen und informieren dann die Eltern mit kleinen Mails über den heutigen Leistungsfortschritt und bei Wunsch wird auch noch eine emotionale Tageskurve mitgeschickt. Aber vielleicht nutzen sie auch bald unseren neuen Live-ticker? Vielleicht könnten wir ihren Sohn auch in das Skype-Programm aufnehmen, dann können sie sich ein umfassendes Bild über ihren Sohn machen, der uns natürlich das allerwichtigste Kind aus dieser Klasse ist. Wir haben selten ein so besonderes Kind erlebt und werden alles daran setzen, dass Johannes möglichst leicht ein sehr gutes Abitur erhält. Soll ich mal schauen, was für Fördermöglichkeiten es sonst noch gibt?

„Könnten Sie mich bitte sofort informieren, wenn etwas mit meinem Johannes ist? Sie können mich jederzeit anrufen…“

Sie können mich auch. Pizza verdura hatte ich lange nicht.

„Ich möchte das noch einmal betonen, also mein Johannes ist gerade in einer… sensiblen Phase… wir müssen da jetzt alle auf ihn Acht geben. Mir ist das ganz wichtig, dass wir da alle zusammen arbeiten. Ich werde auch noch einmal mit Herrn Schäfer sprechen, damit er auch über alles informiert ist.“

„Ja, Herr Schäfer wird sich freuen“, sage ich tatsächlich. Entschuldige Wolf, ich hatte Hunger, da rutscht mir das so raus!

„Letzte Woche, vor der Sechs, also da war unter den Jungs etwas los…“, vorwurfsvoll blickt mich die Mutter an.

Was weiß ich? Unter den Jungs aus der Sechsten ist immer etwas los. Es sind vorpubertierende Jungs – wäre seltsam, wenn da nichts los wäre! Im Unterricht sind sie gerade wie Lämmchen, was sie zuhause aushecken, mein Gott, wozu gibt es Eltern?! Will mir Johannes‘ Mama auch noch die Freizeiterziehung aufs Auge drücken? Oder die Sechs in die Schuhe schieben? Das war Mathe!

„Entschuldigen Sie, ich muss jetzt zu meinen Bekannten…“, sage ich und gehe.

„Und rufen Sie mich an, wenn etwas mit meinem Johannes ist!“, ruft mir die Mama eindringlich hinterher.

Die Cola ist eiskalt, die Pizza äußerst lecker, die Mamas und Papas um mich herum sind erfrischend normal. Sie kümmern sich, ohne es zu übertreiben. Und einige Eltern am Tisch haben ihre Kinder auf die Realschule geschickt und sind wirklich zufrieden, weil ihre Kinder gute Leistungen nach Hause bringen, weil es ein entspanntes Familienleben ist, weil die Freunde nette Kinder sind, weil das Leben auch einfach gut sein kann, wenn man es nur zulässt.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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20 Kommentare zu “Egozentrismus”

  1. Hut ab, dass du das doch so lange hast über dich ergehen lassen. Erfordert eine riesige Menge an Selbstbeherrschung, ich glaube, ich hätte dem inneren Drang nachgegeben und die Mutter mit „Entschuldigung, es ist Sonntag, da arbeitet nicht mal der Herr, ich habe heute frei“ oder so stehen lassen.
    Und ihr kleiner Prinz wird gepusht bis zum Gehtnichtmehr, und steht am Ende doch nur vor den Trümmern seiner Schullaufbahn, frustriert und entmutigt…

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      1. Was die Sache nicht besser macht. Und irgendwann, wenn es trotz ausgiebiger Hilfe und Anbiederung an die Lehrer nicht mehr für die 4 reicht, was dann? Drohungen und/oder Bestechungsversuche? Manche Eltern…

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  2. Wir wissen alle, wo das hingeht…die Mama kommt noch in die Sprechstunde, wenn der Sohn in der 10. Klasse ist, und sagt:“ Auf die Schulaufgabe haben wir ja immerhin eine 4 geschafft…wir haben uns auch besonders intensiv vorbereitet!“
    Oh Mann…

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      1. Haha, das hatten wir auch mal bei einem Praktikumsbericht – die Mutter beschwerte sich beim Direktor über die Drei, denn schließlich habe SIE die ganz ausführlich korrigiert*, und sie sei schließlich Unidozentin und auf Du mit korrektem Deutsch, und sie WISSE, dass das mindestens eine Zwei sein müsste.

        *vulgo selbst geschrieben oder das Kind so lange getreten, bis es schrieb 🙂

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  3. Oh, so einen Fall habe ich auch, aber da ist es der stets helfende Papa. Jetzt in der 11 muss der Sohn Strichlisten führen, wenn er drangenommen wurde und zu Beginn des Schuljahres wurde die Klassenlehrerin (ich bin es Gottseidank nicht) Sonntagabend angerufen, weil der Sportunterricht in der 1und 2 Stunde lag und das, bitte zügig, geändert werden sollte. Wegen der Konzentration… Der Stundenplan wird weitestgehend von einem Programm geplant und leider ist der Sportunterricht seit Februar jetzt in den letzten Stunden.

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  4. Man sollte den Eltern mal verklickern, dass nicht Übung in erster Linie ist, was die Schüler zu guten i.S.v. aufmerksamen und interessierten macht, sondern die Motivation, nicht zu verwechseln mit Muttivation.

    Ich glaube, ich hätte die gute Frau nach spätestens 30 Sekunden mit dem Hinweis darauf, dass ich außerhalb der Dienstzeit bin, abgesägt. Kleine Stadt und gutes Klima hin oder her. Als Lehrer ist man kein 24h-Dienstleister und das müssen solche Leute akzeptieren.
    Schön sind solche Leute auch dann, wenn sie deine Kollegen sind. Dann kneten sie dir stundenlang die Ohren von ihrem Konzept voll und dass das doch eigentlich hätte funktionieren müssen, weil sie ja soviel Arbeit reingesteckt haben.
    Manchmal ist man versucht, denen nen Euro zu geben, dass sie’s der Parkuhr erzählen.
    Ich bin aber auch nicht bereit, mir von solchen nicht zielführenden Gesprächen die Lebenszeit klauen zu lassen.

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  5. Mir kommt gerade der Gedanke, diesen Artikel für das Seminar im kommenden Semester beim Thema „herausfordernde Eltern“ einzusetzen. Wenn ich es tun sollte, melde ich mich aber vorher bei Ihnen!

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  6. Ich arbeite nebenan auch noch an der Uni, gebe Seminare für angehende Studenten. Im Kurs „Heterogenität“ geht es dann auch um Schuleltern.

    Montessori sagte mal: „Kinder müssen da abgeholt werden, wo sie stehen.“

    Und ich sage: „Auch Eltern wollen da abgeholt werden, wo sie stehen.“ Die sind genauso wenig alle gleich. 😉

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  7. A propos dem Schlagwort „Menschentypen“, dem dieser Artikel zugeordnet wurde. Haben Sie schon von der Forderung nach „artgerechter Haltung des Menschen“ gehört? 🙂

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