Besser als jedes Familiendrama auf arte

Liebe Leser,

stellt euch so ein nettes Familiendrama auf arte vor. Da treffen gerade die Verwandten aus Paris in der französischen Provinz ein, die daheimgebliebenen Geschwister sind schon da und decken im Garten eine große Tafel, der Uropa sabbelt unterm blühenden Birnbaum vor sich hin und eine Schar Kinder rennt sich ärgernd durch die Pampa. Langsam steigert sich die Anspannung zwischen den einzelnen Paaren, den Kindern und der versierte arte-Gucker weiß schon, dass die Idylle bald platzen wird.

Wir kriegen das schneller hin. Wegen des schlechten Wetters verlegen wir die Szenerie in einen Innenraum und wir lassen den dementen Uropa weg, diese Generation ist bei uns leider schon verstorben. Dafür beginnen wir gleich mit den harten Fakten. Sandro, das dreizehnjährige Großstadtkind hipper, liebevoller Eltern, reist schon gereizt an und noch vor dem ersten Kuchenanschnitt flippt er aus. Für alle unverständlich springt er plötzlich auf, schreit: „Mir reichts!“ und verlässt türeknallend die Kaffeerunde, so dass wir anderen noch dem Gläserklirren nachlauschen. Eine sehr heftige Reaktion, aber er ist dreizehn und wir Erwachsenen wollen die Situation nicht eskalieren lassen und versuchen ein paar Scherze untereinander. Er ist halt in der Pubertät.

Aber Sandro im Nebenzimmer kocht noch immer. Jetzt schreit er: „Ihr seid so scheiße!“ und „Ihr Idioten!“ Das kann man nicht mehr beiseite schieben. Der Vater geht zu seinem Sohn, während die anderen schockiert und verlegen ihren Kaffee schlürfen. Der Vater redet leise auf seinen Sohn ein, der ihm entgegenbrüllt: „Ich hasse dich!“ Immer wieder greift der Junge in die unterste Verbalschublade. Er tobt dort drüben. Das lässt sich nicht mehr mit Pubertät entschuldigen.

Als Regisseur eines Filmes könnte man jetzt verschiedene Erziehungskonzepte anhand kleiner Szenen zusammenschneiden. Das könnte ein interessanter Film werden. Ich stelle euch jetzt hier nur die erlebte Lösung des Konflikts vor und zur Debatte.

Der Vater kehrt zurück und entschuldigt das Verhalten seines Sohnes. Er könne ihn ja verstehen. Wir hätten etwas über die Pubertät gesagt und das sei nicht in Ordnung. Sandro sei so sensibel und wir Erwachsenen müssten uns da ein wenig mehr zusammenreißen und fair zu dem Jungen sein. Er habe schon Recht, der Sandro. Man müsse den Sandro einfach in Ruhe lassen.

Sandro kehrt nach einer Weile an den Kaffeetisch zurück und tut so, als sei nichts gewesen. Ist fröhlich, aufgedreht und ein wenig vorlaut. Seine Eltern umschmeicheln ihn, fassen ihn mit Samthandschuhen an. Wir anderen Erwachsenen versuchen das alles zu ignorieren. Es ist definitiv nicht meine Aufgabe, mich da jetzt einzumischen, aber ich rede mit dem Jungen an diesem Tag nicht mehr. Ich muss mich nicht einschmeicheln. Ich finde sein Verhalten absolut unakzeptabel. Zwar verstehe ich, dass die Eltern keine weitere Eskalation wollen, aber so lernt der Junge nur, dass sein Verhalten zum Erfolg führt. Was wird aus so einem Jugendlichen?

Sandro bockt an diesem Tag noch mehrfach, alles ist scheiße und immer sind die anderen schuld. Sein Vater versucht dabei, geduldig und auf gleicher Augenhöhe in einen sachlichen Diskurs einzusteigen. Sein Sohn lässt ihn kalt abblitzen. Der Vater flüchtet. „Wenn du meinst…“

Solche Szenen sind wir nicht gewöhnt und der Tag leidet natürlich unter dem Geschehenen. Die Großeltern sind nachhaltig entsetzt, manch anderes Kind an der Kaffeetafel irritiert. Dass Sandro zuhause schon öfters so ausgeflippt ist, wird an der Reaktion der Eltern klar, die teilweise schon resigniert haben und ihn doch ständig in Schutz nehmen. „Er ist doch ein lieber Kerl, unser Sandro.“

Manchmal ja – noch!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Advertisements

9 Kommentare zu “Besser als jedes Familiendrama auf arte”

  1. Ist schon sehr konsequent: Die Eltern dürfen nichts über Pubertät sagen, der Pubertierende darf aber mehrmals von „Idioten“ und „scheiße“ sprechen. Klingt, als sei das wirklich auf Augenhöhe :-/ Ob man es die Eltern mal durch die Blume wissen lässt, dass die Verwandten verstört waren? Solange keiner was sagt, sehen sich die Eltern natürlich ebenso mit ihrer Linie bestätigt, wie der renitente Sohnemann…
    Dir trotz allem schöne, (jetzt vermutlich) ruhige Feiertage!

    Gefällt 1 Person

    1. Ich war auch verstört, schließlich kenne ich Sandro seit seiner Geburt und seine Eltern schon viel länger. Es sind verständnisvolle Eltern, die ihren Sohn nicht unter Druck setzen wollen. Sie erziehen nach dem naiven Erziehungsstil „Was braucht ein Kind mehr als Liebe?“.
      Und hier sehe ich das Problem. Ein Kind braucht zuallererst Liebe und dann aber auch Regeln und Konsequenz. Mir tun die Eltern ein wenig leid, denn sie wollen ja nur das Beste für ihr Kind. Aber du hast Recht, an der Kaffeetafel haben wir alle entsetzt geschwiegen (vielleicht hatten wir sogar Angst vor diesem tobenden Jugendlichen), aber ein anderes Mal, wenn ich mit seiner Mutter alleine bin, kann ich die Situation vielleicht ansprechen. Du merkst, wie viele Einschränkungen im letzten Satz enthalten waren?
      Ich verspüre nämlich momentan keine Bedürfnis nach Nähe zu Sandro und seiner Familie. Und das alles nur aus Liebe…

      Gefällt 1 Person

  2. Ich hätte dem lieben Sandro wohl erst den Kopf gewaschen und ihm dann verboten, wieder zu der Kaffeetafel dazuzustoßen, um ihm so seine „Bühne“ zu nehmen.
    Man kann sich doch nicht so von einem Kind erpressen lassen.

    Btw das ist vermutlich die nächste Stufe, die dein spezieller Freund Johannes wahrscheinlich auch bald erklimmen wird.
    Ich seh schon vor mir, wie seine Mama vor seiner Zimmertür bettelt, mit ihm Vokabeln zu lernen, bevor die dann völlig ratlos bei dir aufschlägt, um dir zu verkünden, dass deine Kollegen und du ihn in Watte packen sollt.

    Sandro fordert mit seinem exzesshaften Garstigsein eine Grenze ein, die ihm seine Eltern dringend geben müssen, sonst packt er ständig noch einen drauf, um eine Reaktion zu provozieren . Denn das, was seine Eltern offenbar für „Ins-Leere-Laufen-Lassen“ halten, lässt sie ihm gegenüber wie Hampelmänner erscheinen.
    Ich habe erst kürzlich in einem Pädagogik-Seminar geschockt zur Kenntnis genommen, dass es jetzt en vogue ist, mit unter 6-Jährigen über den Zeitpunkt der Einnahme von gemeinsamen Mahlzeiten zu verhandeln, weil Autorität den Kindern schade und sie ein Mitbestimmungsrecht hätten.
    Prost-Mahlzeit, wenn wir die im Unterricht haben.
    Und selbst wenn der Giftbolzen ausrastet, sich über ihn lustig zu machen, ist wahrscheinlich noch die konsequenteste Form ihm deutlich zu machen, dass kein Erwachsener ihn SO ernst nimmt, auch wenn er dann ein paar Stunden die Leberwurst gibt. Soll er doch.

    Gefällt 1 Person

    1. Wie hätten denn die Eltern „richtig“ reagieren müssen?
      Was ist denn „richtig“ in so eine Situation? Wenn man Gast ist? Eine weitere Eskalation, vor all den Menschen/Freunden, die sowieso schon komisch geguckt haben?
      Vielleicht ist es nicht so richtig, das Verhalten des Kindes gutzuheißen, aber wie weit kann Erziehung in der Pubertät überhaupt greifen?
      Was immer alle Erwachsenen später so benennen in der Pubertät, dieses „Grenzen austesten“, „Eltern herausfordern“, „Provozieren des Provozierens willen. weil es eben Spaß macht“..
      Pubertierende nehmen das doch garnicht so wahr. Die sagen sich nicht: „Oh, komm, und in 3, 2, 1.. Probiere ich aus, wie lange es dauert, bis mein Vater schreit..“ oder „Bis ich dies und jenes darf..“
      Vielleicht hat es auch ganz andere Gründe?
      Sich abkoppeln zB.. Von den Eltern, die einen manchmal mit Liebe erdrücken. Sich abkoppeln, ja, auch zu provozieren, aber nur, um eine Distanz zu schaffen.
      Zu zeigen, dass man selber denkender Mensch ist, einer, der sagen kann, was er will, tun kann, was er will. Dass man keine Vorsprecher mehr braucht.
      Ob das immer gut ist? – Nein. Das Verhalten ist zweifellos nicht akzeptabel. Aber begründbar.
      Besser, ein 13 Jähriger beschimpft mich als „scheiße“, als wenn ein 10 jähriger auf dem Pausenhof zu mir aus dem Nichts schreit:
      „F*****, Schl****, H***, geh doch auf den Strich!“: denn dann ist wesentlich mehr in der Erziehung schiefgelaufen.

      Gefällt mir

    2. Herr Henner und ich, wir haben natürlich hinterher überlegt, wie wir reagiert hätten. Denn klar, man will den Familienfrieden nicht stören – aber ist das denn noch ein Familienfrieden, wenn alle die Klappe halten? Herr Henner hat klar Position bezogen: „Ich hätte mir Lucy geschnappt, sie ins Auto gesetzt und wäre mit ihr nach Hause gefahren. So schlimm das in dem Moment ist, aber sie muss lernen, das ich ihr Verhalten nicht akzeptiere.“ Ich selbst wäre vielleicht nicht ganz so radikal. Ich hätte sie vorher vor die Wahl gestellt. „Entweder du beruhigst dich jetzt und gehst da raus und entschuldigst dich für dein Herumgeschreie und dann können wir den Nachmittag noch einmal von vorn beginnen. Was du gesagt hast, was hart, aber die Menschen da draußen mögen dich und verzeihen dir. Oder wir fahren nach Hause, denn so will keiner etwas mit dir zu tun haben.“

      Im Übrigen sind Sandros Eltern genau solche Eltern, die mit ihm schon „auf Augenhöhe“ verhandelt haben, als er ganz klein war.

      Gefällt mir

    1. Das ist jetzt wirklich interessant! Die Großeltern haben Sandros Eltern vor Jahren mal ein Winterhoff-Buch geschenkt in der Hoffnung, ihnen ein paar Denkanstöße geben zu können. Da war Sandro noch klein. Das hat zu ziemlichen Konflikten geführt, weil Sandros Eltern sich bevormundet gefühlt haben. Irgendwann haben die Großeltern dann resigniert und sprechen das Thema nicht mehr an – aus Angst, das es zum richtig großen Familienkrach kommt.

      Gefällt mir

  3. Ich bin selbst mit einem (aus unterschiedlichen Gründen) sehr schwierigen Teenager gesegnet, und mir vergeht deshalb immer mehr die Lust, Ferndiagnosen bei anderen zu stellen. Klar hätte Sandro wahrscheinlich dieses oder jenes gebraucht, und das schon vor 10 Jahren, und das hilft den Eltern jetzt genau wie? Und wir wissen aus der Distanz selbstverständlich sofort, was zu tun wäre, Grenze setzen und es hat sich.
    Aber: das sieht vielleicht für den Außenstehenden logisch aus, aber den Eltern gelingt das jetzt (und wahrscheinlich auch sonst) nicht. Die sind möglicherweise schon ziemlich verzweifelt und drehen am Rad – aber den großen Eskalationskurs beim Familientreffen fahren ist ja vielleicht auch nicht so ihr Ding. Was nützt es, hier altklug fern zu diagnostizieren (natürlich nehme ich Sie aus, Frau Henner, Sie waren ja nahe genug dran!).
    Ich würde den Eltern bei Gelegenheit vielleicht sagen, dass man sieht, wie wichtig ihnen ihr Kind ist und dass sie ihr Bestes tun (und das stimmt wahrscheinlich auch), und dass es manchmal sehr erleichternd und hilfreich sein kann, sich Rat außerhalb der Familie zu holen. In den meisten Städten gibt es kostenlose und anonyme Erziehungsberatungen, das könnte man ihnen vorschlagen. Oder glaubt irgendjemand im Ernst, die Eltern können in irgendeiner Weise positiv reagieren, wenn ihnen eine wohlmeinende Oma ein Winterhoffbuch schenkt? Kindererziehung ist so ein sensibles Gebiet, gerade die Mütter werden an ihrem Erfolg darin gemessen, dass sich die Eltern möglicherweise nicht für den guten Rat der Angehörigen öffnen können.
    Ich würde vielleicht den Sohn zur Seite nehmen – auf keinen Fall vor Zeugen, und in möglichst entspannter Situation – und eine klare Ansage machen. Nicht, weil es viel bringen wird, aber in der Hoffnung, dass er nach und nach genügend negatives Feedback bekommt, um mal seine Großhirnrinde zu betätigen.

    Gefällt mir

    1. Ja, Ferndiagnosen sind oft heikel. Aus der erlebten Situation heraus kann ich sagen, dass den Eltern der Ausbruch des Sohnes zwar unangenehm war, aber sie sind definitiv nicht verzweifelt, weil Sandro im Grunde ja keine Schuld trifft – und weil Sandro in der Schule super gut „funktioniert“. Dort ist der Junge mit einer Eins in Betragen gesegnet, er akzeptiert also durchaus die Grenzen, die andere ihm setzen. Sein Ventil ist dann die Familie, die genau das nicht tut.
      Interessant, aber für mich nicht zu beantworten, ist die Frage, warum er überhaupt ein solches Ventil – bzw. in dieser Heftigkeit braucht? Und natürlich, wie kann man den Eltern helfen? Sie lehnen Meinungen, die nicht in ihre Richtung gehen, vehement ab. Möglicherweise akzeptieren sie Ratschläge nur von außerhalb der Familie und erst, wenn der Leidensdruck größer wird. Bis jetzt bleibt ja alles in der Familie.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s