Die große Schwäche

Liebe Leser,

Frau Henner korrigiert Abitur. Und natürlich darf ich nichts über die Ergebnisse sagen. Mach‘ ich auch nicht. Hat eh keinen Wert, bis der Zweitkorrektor nicht drübergegangen ist. Die Überraschung kommt erst in ein paar Wochen.

Aber doch fällt mir etwas auf. Meine Schüler haben gelernt, sie haben Kenntnisse und auch schwächere Schüler schaffen es, mit intensiver Vorbereitung sich so weit zu präparieren, dass zum Teil gute Gedanken herauskommen. Wenn sie sie jetzt auch noch formulieren könnten!

Das Fachwissen, das Erkennen von wesentlichen Aspekten – das ist alles kein unüberwindbares Problem. Das Darlegen der Gedanken, das klare Formulieren, das Auf-den-Punkt-bringen – das ist das Problem. Ich muss in Zukunft viel mehr noch, als ich es jetzt schon tue, an der Sprache arbeiten. Und das nicht im Fach Deutsch, sondern im Nebenfach, wo dafür eigentlich kaum Unterrichtszeit vorgesehen ist.

Ich hätte nicht gedacht, dass sich dieses Problem so manifestieren würde, aber dieses Abitur hält mir den Spiegel vor. Die Sprache ist unsere größte Baustelle. Wenn ich sie nicht beherrsche, kann ich nicht zeigen, was ich eigentlich kann. Und umgekehrt, wenn ich sie beherrsche, kann ich über manches Nichtkönnen hinwegtäuschen. Sprache ist Macht – das sollten wir nicht vergessen, dafür müssen wir sensibilisieren.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Advertisements

15 Kommentare zu „Die große Schwäche“

  1. Dazu fällt mir ein Kommentar von mir ein, den ich vor einigen Tagen hier geschrieben habe:

    http://emrich.in/?p=348#comment-914

    Wohlgemerkt, ich schreibe aus der Sicht der Grundschule! Und, wie war das? Frau Henner schrieb vom Abitur? 😉 Ja, es sieht wirklich so aus, als ob wir in der Schule die falschen Schwerpunkt zu setzen scheinen, nachdem in Deutschland das Privatfernsehen eingeführt wurde – damals mit der Begründung, dass die „kulturelle Vielfalt verbreitet“ würde! Seitdem setzte doch der geistige Tiefflug zum Sturzflug an.

    Gefällt mir

  2. Kann ich so unterschreiben – mit Erfahrung aus GW-Fächern Kl. 11 und 12. Woran es hier noch zusätzlich fehlt, ist die Fähigkeit zu abstrahieren und zu eigenen Schlüssen zu kommen.

    Gefällt mir

    1. Jupp, ohne Sprache läuft gar nichts. Sie ist das Grundwerkzeug, mit dem unsere Gesellschaft und unser Leben funktioniert.
      Weshalb eigentlich Sprachkurse und frühkindliche Sprachförderung zwingend und verpflichtend notwendig wären bei all jenen, die Schwierigkeiten mit Deutsch haben.

      Gefällt mir

    1. Leider habe ich bis heute den dritten Teil zu Benezet nicht übersetzt. Darin werden die Ergebnisse beschrieben. Der Link zum englischen Original ist aber eingefügt, so dass jeder bei Interesse dort nachlesen könnte.

      Gefällt mir

  3. Ein Großteil derer, die in meinem Kurs massive Schwierigkeiten haben, sich richtig auszudrücken, sind tatsächlich Schüler mit dem sogenannten Migrationshintergrund, aber sie sind allesamt in Deutschland aufgewachsen. Und es gibt auch genügend „deutsche“ Schüler, die Probleme haben. Dafür stammen die sprachlich besten Aufsätze auch von Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

    So, was machen wir jetzt mit dieser Erkenntnis?

    Gefällt mir

    1. Nichts, so lange keine konkreten Zahlen bekannt sind, ist sowieso keine Aussage möglich. Dann darf man Korrelation nicht mit Kausalität verwechseln. Dann wäre noch zu berücksichtigen, dass Migrationshintergrund sehr unscharf ist. Ich kenne Fälle, in denen die Masse der „Migrationshintergründe“ aus dem benachbarten ebenfalls deutschsprachigen Ausland ist. Dann ist die Aufenthaltsdauer im deutschsprachigen Raum von Interesse.
      Ich kenne ein Iranerin, die mit 13 nach Deutschland gekommen ist, der einzige, schwache Akzent ist der der Stadt in der sie zur Schule gegangen ist. Aber ich kenne auch hier geborene, die nicht ordentlich Deutsch können.

      Gefällt mir

  4. Bei uns ist das bunt gemischt. Tatsache ist, dass Schulen mit hoher Übertrittsquote (München Speckgürtel) das Problem eher haben in der gymnasialen Oberstufe als Landschulen (z.B. Oberpfalz) mit niedrigen Übertrittsquoten (wir reden von 70-90% eines Jahrgangs im Vergleich mit 30% eines Jahrgangs). Migrationshintergrund spielt meiner Erfahrung nach weniger eine Rolle.

    Gefällt mir

    1. Wir gehören zu den 30% Übertrittsquote – kann mir den anderen Fall gar nicht vorstellen, wenn ich bedenke, welche Schüler wir wieder an die Realschule zurück schicken (Schnitt 3,0) … schon seltsam, oder?

      Gefällt mir

      1. Frau Henner, das liegt selbstvernafreilich daran, dass die Kinder im Münchner Speckgürtel so unsagbar schlau sind und ihre Eltern das auch sehr genau wissen.
        Viel, viel, viel schlauer als die Schüler auf dem platten Land!

        …Wie könnte es auch anders sein…

        *Ironie off

        Gefällt mir

        1. Ich bewundere zwei Lehrertypen – die, die sich in „schwierigen“ Stadtteilen um unglaublich heterogene Schüler kümmern müssen, und die, die sich in besseren Stadtteilen oder Teilgebieten mit den ach so wichtigen Eltern herumschlagen müssen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das lange durchhalten würde.

          Gefällt mir

          1. Die meisten Eltern bekommen ja, was sie wollen, und sind deshalb eher unstressig – dadurch, dass die Übertrittquoten so hoch sind, tummeln sich ja viele nicht den „klassischen“ gymnasialen Standards entsprechende Schüler/innen dort, wodurch das Niveau für alle (und aller) sinkt, und damit sind alle wieder zufrieden – zeigen sich doch dadurch weder Emma, noch Adalbert, noch Sophia-Theres überfordert. Die Noten müssen halt passen – was die Kiddies dann tatsächlich lernen, ist vielen der Eltern eher nicht so wichtig – aber die NOTEN! Und der ABISCHNITT!!! Davon hängt Wohl & Wehe& Familienfriede ab!!!
            Dramen spielen sich dort ab, wo elterlicher Ehrgeiz auf kindliche Arbeitsverweigerung treffen, oder bei der Handvoll Eltern, die aus Prinzip ein Problem mit Schule als Hort der Unterdrückung und Lehrern als infernalische Werkzeuge haben („Ich bin selbst schon in der 10. Klasse aus dieser Schule geworfen worden, aber mein Sohn wird das schaffen, egal was Sie Lehrer gegen ihn haben!“ – hat mir mal ein Vater gesagt. Okay…)

            Gefällt mir

      2. Hier gehören die Gym-Empfehlungsquoten traditionell zu den höchsten im Ländle. Nur: Ist die Gym-Empfehlung, die mein Kind bekommen hat nun ihr Papier nicht wert, weil 2/3 der Schülerschaft ebenfalls eine hat? Soll / darf ich es deswegen nicht an einem Gymnasium anmelden? Was wäre Ihr Rat an die betroffenen Eltern?

        Gefällt mir

        1. Wer die Empfehlung hat, soll sein Kind anmelden, warum denn nicht?

          Dafür ist doch die Orientierungsstufe an den weiterführenden Schulen da. Keiner kann es 100% vorhersagen, wie ein Kind sich mit den neuen Anforderungen machen wird.

          An unserer Schule nehmen wir die Orientierungsstufe ernst (zumindest ein Großteil der in den unteren Klassen unterrichtenden Lehrer). Wir lassen den Kindern zum Teil Zeit anzukommen (z.B. bei mündlichen Noten), aber zeigen ihnen auch im zweiten Halbjahr schon, welches Niveau von ihnen erwartet wird(dann hagelt es auch schon mal Vierer und Fünfer). Wichtig ist dann das Beraten. Ist es nur ein Fach, sind es mehrere? Ist es Faulheit oder Unvermögen? Können wir Fördermöglichkeiten anbieten oder nicht?
          Hier gibt es eher ein Problem. Unsere Maxime ist nicht der Notenschnitt, sondern wir gucken danach, ob sich das Kind wohl fühlt oder ob es überfordert und unter Druck scheint. Wer nur nach den Noten schaut, wird – meiner Meinung nach – der Kinderseele nicht gerecht. Es gibt Kinder mit 2,9, die wir auf die Realschule empfehlen, und Kinder mit 3,0, bei denen wir das nicht tun. Einige Eltern schauen aber nur auf die Noten und sehen: so schlimm ist das ja noch gar nicht! Und sie wollen ihr Kind dann unbedingt halten, üben Druck auf ihr Kind und auf die Lehrer aus. Aber die zweite Fremdsprache und später dann Chemie und co – das sind häufig die Knackpunkte. Das bahnt sich aber schon bei den Leistungen in der ersten Fremdsprache und Mathe/Naturphänomene an. Es gibt Eltern, die sich wirklich auf ein sachliches Gespräch einlassen, und Eltern, die immer nur sagen: „WIR schaffen das schon!“ Das ist dann schwierig.
          Der gesellschaftliche Druck ist nicht zu unterschätzen. Und ich bewundere Eltern, die sagen: „Mein Kind braucht mehr Zeit, ich gebe es wieder auf die Realschule. Es war einen Versuch wert, jetzt konzentrieren wir und wieder auf anderes.“

          Aber die meisten Kinder mit Gymnasialempfehlung schaffen das Gymnasium auch, die Eltern gewöhnen sich recht schnell daran, dass auch mal ein Dreier dabei ist, schimpfen ein bisschen auf die Lehrer und sind trotzdem mordsstolz auf die Schule. Ein altes Spiel. Die Gymnasien in Gegenden mit hohen Übertrittsraten haben längst ihr Niveau gesenkt. Es schaffen mehr Kinder das Abitur als früher.

          Lange Rede, kurzer Sinn: wenn die Grundschullehrer grünes Licht geben, JA! Wenn man dann merkt, dass es dem eigenen Kind doch nicht gut tut, unbedingt mit den Lehrern in Kontakt treten und über Alternativen nachdenken.

          Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s