Ostern ist das neue Weihnachten

Liebe Leser,

gerade ist die erste Deutschstunde bei den Sechsern vorbei. Sie haben mich mit ihrem motiviertem Lärm fast an die Kopfschmerzgrenze gebracht – wieso sind die nicht entspannter, die hatten doch Ferien? – aber ich fand es auch schön, sie wieder zu sehen, denn sie sind im Grunde pfiffig (bis auf Ausnahmen) und freundlich (alle – sogar Nico!) und so bei der Sache, dass ich den Lärm nicht persönlich nehmen muss. Jetzt stürmen sie in die Pause.

Maximilian fragt noch: „Dürfen wir daran in der nächsten Stunde weiterarbeiten?“

„Ja, dürft ihr – die ganze Stunde.“

„Echt? Super!“

Und wieder einmal denke ich, wie gut es mir hier geht. Mir ist völlig klar, dass ich hier unter fast luxuriösen Bedingungen arbeite. Als ich anfing, diesen Blog zu schreiben, war das ja auch ein Beweggrund: zu zeigen, dass es solche Schulen auch (noch) gibt. Schulen, wo morgens die meisten Kinder richtig gerne hingehen. Schulen, die klare Regeln fahren und damit recht gut durchs Leben kommen. Schulen, an denen auch nicht alles glatt läuft, wo Lehrer auch unter Druck stehen, aber die meisten Kollegen gerne in den Unterricht gehen. Schulen, an denen viele Phänomene einer modernen Gesellschaft wenn überhaupt, dann verspätet und abgeschwächt auftauchen. Insofern lässt sich dieser Blog nicht als Seismograph verstehen, denn vieles, was ich hier berichte, ist anderswo schon längst Normalität oder schon wieder out. Und so kommt auch die wie folgt beschriebene Entwicklung sicher verspätet bei mir an:

Als ich ins Lehrerzimmer gehe, höre ich der Unterhaltung zwischen Bernhard und Justus zu.

Bernhard: „Was hast du zu Ostern bekommen?“

Justus: „Nen ganz coolen Rucksack und du?“

Bernhard: „Ich hab ne Jeans und ne Jacke von * bekommen.“

Jetzt mische ich mich ein: „Was nur ne Jacke und ne Jeans?“

Bernhard versteht den ironischen Unterton nicht und erklärt mir, wie teuer die Klamotten von dieser Marke sind. Die zwei Jungs sind nicht die einzigen Kinder, die dieses Ostern beschenkt wurden, als wäre Weihnachten, denn wie es sich herausstellt, gab es ja noch jede Menge Süßigkeiten und Kleinigkeiten wie Bücher und CDs und ein neues Portmonee und und und.

Alle meinen es nur gut.

Und jetzt bin ich wieder die Misstrauische, die sich fragt, ob das so gut ist?

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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10 Kommentare zu “Ostern ist das neue Weihnachten”

  1. Ich hab in den Nachrichten gesehen, dass Ostern nach Weihnachten das am zweiteinträglichste Geschäft im Handel ist. Dieses Jahr sind die Zahlen aber sehr zurückgegangen. Man knausert wieder etwas mehr. Aber was sich bei uns hier sehr durchsetzt, sind größere Urlaubsfahrten während der Osterferien. So viele gebräunte Gesichter hab ich schon lange nicht mehr gesehen. Oder ich bin sie in Deutschland einfach nicht mehr gewöhnt 😉

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    1. Jetzt, wo du es sagst… könnte was dran sein.

      Und dann gibt es ja noch Pfingsten (kann man sicher auch eine neue Schenkerei erfinden – vielleicht Zuckerzungen?) und Halloween und bei uns Fastnacht (das sind noch größere Zuckerberge!) und Valentinstag (Was du hast deinem Kind keine Valentinskarte mit Schokoriegel in die Schultasche geschmuggelT?“) und ja noch Geburtstag und Kindertag und Namenstag und….

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    1. Selbst bei „einfach nur Süßigkeiten“ war das Maß bei uns diesmal so voll, dass ich keine Freude mehr an dem Berg Naschwaren hatte. Alle meinen es gut und schenken Lucy was Süßes, aber eben nicht nur einwas, sondern gleich einen Goldhasen und noch eine Tüte Gummibärchen, einen Goldhasen und ein Riesenüberraschungsei, einen Goldhasen und… wir haben jetzt fünf Goldhasen und und und – und Lucy, die sich noch gar nicht übergessen hat, hat einen dicken Hautausschlag bekommen vor lauter Zucker.
      Die gute Lucy hat dann einfach viel Süßkram in die Schule mitgenommen und eine Woche lang auf Süßes verzichtet. Jetzt ist die Haut wieder in Ordnung und der Süßigkeitenteller überschaubar. Nur die fünf Goldhasen machen mir noch Sorgen – wer soll die denn essen?

      Wer liebt, schenkt. Aber viel schenken, heißt nicht viel Liebe, sondern Hautausschlag!

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      1. Goldhasenverwertungstipps:
        raspeln und mit Quark und Kirschen vermischt als Nachtisch servieren
        Fake Mousse au Chocolat draus machen
        Sachertorte backen

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        1. Die Goldhasen kleinstampfen und als Schokostückchen in hellem Rührteig verbacken. Der Kuchen wird dann bei der nächster Gelegenheit (Konferenz, Flohmarkt, …) gespendet.

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      2. Auweh, ja, da kommt dann natürlich eine ganze Menge zusammen. Früher waren es zwei, drei Osterhasen und ein paar Schokoeier, und gut ist. Die Zeiten ändern sich.

        Zu den Goldhasen gab es ja schon viele gute Ideen, ich füge eine weitere, ziemlich selbstlose, hinzu: Mir schicken! 😀

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        1. Da Lucy ja nun das Kuchenbacken angefangen hat, finde ich die Kleinraspelidee sehr gut. Rührkuchen kann sie jetzt schon prima und ich glaube gegen Schokoraspel hat niemand was einzuwenden und so hat sie nicht das gefühl, dass wir ihr ihre Goldhasen vorenthalten.

          Danke!

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