Ein böser Alptraum

Liebe Leser,

wo bin ich? Das Bett ist nass. Alles liegt in tiefem Schwarz. Stille. Es ist 1.45 Uhr.

Dann dämmert es. Noch lang nicht draußen vor dem Fenster, aber in meinem verwirrten Hirn. Da war doch eben ein bizarrer Traum… und dann ist er wieder da. Glasklar und sehr verwirrend. So erschreckend, dass ich lange nicht wieder einschlafen werde. Normalerweise träume ich nie von Schule. Was hat mich da nur umgetrieben?

Es ist ein sonniger, klarer Frühlingstag und ich schlendere über den Schulhof. Dort sitzt ein Kollege in der Sonne, hinter ihm öffnet sich ein Klassenraum, die ganze Wand fehlt. Er hat Aufsicht über die dreißig Fünftklässler, die sich langweilen und aus dieser Langeweile heraus gleich ausflippen. Eine Kinder liegen lethargisch auf den Bänken, die Gliedmaßen fallen schlaff wie Leichenteile herab. Die Gesichter sind gerötet und voller winziger Schweißtröpfchen, einige stöhnen leise vor sich hin. Die meisten aber winden sich auf dem Boden, reiben sich an den Tischen, stoßen einander an, bewerfen sich mit Gegenständen, provozieren. Einige sind kurz vor der Hysterie. Die ganze Klasse droht zu kippen.

„Sollten die nicht mal beschäftigt werden?“, frage ich den Kollegen, der der Klasse ja den Rücken zudreht.

„Ich hab hier nur Aufsicht!“, meint er ärgerlich.

Drei der Kinder werden gleich etwas ganz Unerwartetes tun, was die Sache zum Eskalieren bringen wird, das sehe ich genau. Der Kollege sonnt sich weiter. Also betrete ich den offenen Klassenraum und ermahne die Kinder, aber sie hören mich gar nicht. Langsam gehe ich auf eines der Kinder zu, das gleich ausflippen wird. Es ist ein Mädchen, dass sich auf dem Boden herumwälzt.

Als ich direkt vor ihr stehe, holt sie einen kleinen Penis heraus und bepullert mich von oben bis unten. Dann bricht ihr hysterisches Gekreische aus. Ich bin entsetzt. Ich packe das Mädchen am Arm und ziehe es vom Boden hoch. Das Mädchen schweigt plötzlich, guckt mich irritiert an und sagt dann: „Das war doch nur ein Scherz.“

„Das nennst du einen Scherz? Für so etwas kann man von der Schule fliegen!“, antworte ich laut und sehr streng.

Jetzt ist auch das Mädchen entsetzt, die Klasse ist still, der Kollege sonnt sich weiter. Ich nehme das Mädchen und gehe mit ihm zum Direktor. Er hat Zeit und zeigt sich ungewöhnlich einfühlsam (An dieser Stelle wundere ich mich im Traum, Umgang mit Menschen ist nicht seine Stärke). Er bittet uns in sein Zimmer und das Mädchen ist wieder einfach nur ein kleines, liebes, blondes Mädchen.

„Es tut mir schrecklich leid, entschuldigen Sie bitte!“, fleht es mich jetzt an und will gehen.

Aber ich drücke das Mädchen sanft in einen der Stühle und sage: „Was du getan hast, war so schlimm, dass eine einfache Entschuldigung einfach nicht ausreicht.“

Das Mädchen verstummt. Aber der Direktor holt ein Bilderbuch hervor, in dem Gefühlszustände wie Angst und Alleinsein in ganz einfachen Bildern dargestellt sind, und wir schauen gemeinsam das Buch an und signalisieren dem Mädchen, dass wir ahnen, wie es sich fühlt, und dennoch mit ihm reden möchten. Schließlich weint das Kind und entschuldigt sich. Ich kann dem Kind sagen, dass ich den Vorfall gar nicht persönlich nehme, aber entsetzt bin über die Tat, weil das jenseits aller Grenzen ist, und dass ich darauf bestehe, dass das Mädchen einen Eintrag erhält, weil so auch die Eltern davon erfahren und es zwei Sozialstunden abzuleisten gibt. Unter dem kann man Anpullern nicht abhandeln. Jetzt versteht das Mädchen. Es wird ein ruhiges, freundliches Gespräch.

Dann ist es 1.45 Uhr.

Ich grüble eine Weile – wer würde nicht über einen solchen Traum grübeln. Eine einfache Erklärung kann es nicht geben, denn mit Disziplinproblemen kämpfe ich in der Regel nicht, momentan schon gar nicht. Was kann es sein? Ein Film? Aber dann fällt mir die Ursache meines Traumes ein – aber davon berichte ich euch erst beim nächsten Mal. Nur soviel – diesmal hat es ganz real mit meiner Schule zu tun.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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6 Kommentare zu „Ein böser Alptraum“

        1. Oh ja! Ich dachte, du meinst, ich hätte ein Belastungsproblem 😉
          Interessant ist das Wort depressiv – seltsam, bei Annerose habe ich noch nie darüber nachgedacht, ob sie depressiv sein könnte… sie ist passiv und zurückhaltend, ich weiß nicht, ob sie je anders war… muss noch mehr darüber nachdenken…

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