Zu Gast bei Annerose Dorn

Liebe Leser,

wenn das eigene Kind Schwächen hat und man dazu auch stehen kann, dann darf man sich auch über die Stärken des eigenen Kindes freuen. Ansonsten wirkt es nämlich so aufgesetzt, wenn Eltern ihre eigenen Zöglinge so rundum bewundern.

Lucy hat eine Fähigkeit, die in letzter Zeit immer mehr zum Tragen kommt und die ich hoch schätze: Lucy kann für ihr Alter schon sehr differenziert andere Menschen einschätzen. Wenn sie zum Beispiel zuhause von meinen Kollegen erzählt, bin ich ganz baff, wie sie die Fassade der Lehrer durchschaut. Lucy beginnt, die Menschen zu analysieren. Das ist eine Eigenschaft, die ihr im Leben viel nützen wird. Uns beschert sie erst einmal interessante Gespräche und gelegentlich auch viel Spaß, weil Lucy sogar diese kleinen Gesten der Kollegen nachmachen kann, den Tonfall adaptieren und das ganze nun auch mit wirklich treffenden Kommentaren begleitet. Dass ich so nebenbei eine Menge über meine Kollegen erfahre, ist ja klar.

Seit Wochen beschwert sich Lucy nun über Frau Dorn. Sie sei so schüchtern und rede kaum mit ihnen. Und wenn sie rede, dann so leise, dass es kaum einer verstehe, weil ja jeder etwas anderes mache. „Also Mama, wenn man so ein zurückhaltender Mensch ist wie die Frau Dorn, dann kann man doch nicht Lehrer werden! So einen Menschen nehmen wir Schüler doch nicht ernst – nicht als Lehrer“, beendet sie ihre Ausführungen.

Ich kenne die Deputatszwänge und weiß, dass Lucy Frau Dorn noch mindestens im nächsten Schuljahr haben wird, und ja ich ahne, dass Frau Dorn nicht gerade der Entertainer-Lehrer ist. Frau Dorn sitzt fast immer, läuft ganz langsam, schläft auch mal in der Lehrerkonferenz.

Aber diese Woche bin ich Gast bei Frau Dorn und kann mal Mäuschen spielen.

Am Fachraum ist ein Nebengelass, wo wir Karten, Bücher, Plakate und solche Sachen aufbewahren. Ich habe mit Frau Dorn gesprochen, weil ich einiges Material zusammenstellen muss, ob ich in ihrer Doppelstunde dort eine Zeit verbringen kann. Frau Dorn hat nichts dagegen, sie mache sowieso gerade Stillarbeit, die Schüler würden frei arbeiten, ich störe also den Unterricht nicht. Schön.

Ich gehe in der Pause der Doppelstunde hin und es herrscht höllischer Lärm. Gut, ist ja Pause. Kurzes Schwätzchen mit Frau Dorn. Ein paar Kinder gucken mich neugierig an. Als es zur Stunde klingelt, gehe ich in den Nebenraum, dessen Türe aber auf bleibt, damit die Kinder, falls es nötig ist, sich auch dort am Materialschrank bedienen können. Frau Dorn fordert die Kinder auf, an ihren Aufgaben weiterzuarbeiten.

Es wird nicht leiser. Frau Dorn macht nichts. Sie steht vorn am Lehrerpult und guckt zur Seite.

In der ersten Reihe versuchen zwei Mädchen zu arbeiten, aber eine andere Schülerin steht vor ihrer Bank und stößt immer wieder mit der Hüfte dagegen, die zwei Mädchen kreischen in Endlosschleife: „Lass das! Hör auf! Wir wollen arbeiten!“ Die Schülerin stößt weiter gegen die Bank. Frau Dorn macht nichts. Sie steht übrigens direkt daneben.

In der Mittelreihe malen sich Schüler gegenseitig Witzfiguren ins Heft. Ich kann das gut sehen, weil sie ihre Hefte immer hoch halten, es allen zeigen und lautstark kommentieren. Frau Dorn macht nichts. Oder doch? Hat sie gerade „Ruhe“ gesagt? War nicht richtig zu verstehen.

In der letzten Bank malen sich die Jungs mit Finelinern gegenseitig Schnurrbärte an. Mami wird sich freuen. Frau Dorn?

Macht nichts.

Inzwischen widmet sich die ganze letzte Bankreihe dem eifrigen Entwerfen von Tattoos auf den Unterarmen und Schultern. Jetzt meldet sich eine Schülerin. Aber zwei andere stehen auf und gehen vor. Frau Dorn erklärt den Mädchen vorne etwas. Das Mädchen, das sich gemeldet hatte, pfeffert sein Heft erst einmal zwei Bänke weiter und will etwas auf die Bank kritzeln, aber da komme ich.

Die Plakate unter dem Arm gehe ich an der Bank vorbei und schicke dem Mädchen einen bösen Blick. Sie guckt mich erschrocken an und legt den Stift weg. Vorn in der ersten Reihe zische ich dem frechen Gör zu, dass es jetzt mal gefälligst an seine Arbeit gehen und die anderen ihren Kram machen lassen soll. Als ich die Bücher hole, raune ich einem Jungen zu, dass Arschloch kein akzeptables Vokabular in diesem Raum ist. Er setzt sich erst einmal gerade hin. Frau Dorn erklärt noch immer den Mädchen irgend etwas.

Ich bedanke mich noch kurz bei Frau Dorn, wünsche den Schülern noch viele gute Ideen und raus bin ich. Das muss Lucy nun jede Woche ertragen. Denn das eben war auch nur eine sonst harmlose fünfte Klasse.

Lucy hat Recht. Frau Dorn ist zu schüchtern und überfordert. Sie erzieht nicht, weil sie sich vor den Reaktionen der Schüler fürchtet. Aber genau damit fordert sie die Schüler heraus, sich gerade arschlochmäßig zu verhalten. Und ich fühlte mich in der undankbaren Position, eingreifen zu wollen, aber nicht in meinem Revier zu sein. Davon bekomme ich nur Alpträume…

viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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3 Kommentare zu „Zu Gast bei Annerose Dorn“

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