Vom Verlust der Sprache

Liebe Leser,

in BaWü werden die korrigierten Abituraufgaben in sehr geheimer Mission mit anderen Schulen getauscht, aber nicht so, dass sie einfach ausgetauscht werden, keiner weiß, wer wann welche Schule hat. Ich stelle mir das fast ein bisschen BNDmäßig vor: da fahren der große und der kleine Chef mit den ganzen Aufgaben zu einem geheimen Autobahnparkplatz, wo schon anderen Schulleiter warten, alle mit dicken Sonnenbrillen getarnt, und dann hat irgendeiner einen Nummerncode, nach dem ein lustiges Ringelreihtauschen veranstaltet wird. Ich hab hier 630, wer hat 562? Biete 622 gegen 550. Und wer nimmt die 438?

Ob das nun so geht oder anders, vor mir liegen jetzt jedenfalls die Arbeiten von Schülern eines anderen Gymnasiums. Und ich habe Korrekturtag und korrigiere sie. Und stoße auf das gleiche Phänomen, was ich bei meinen eigenen Schülern schon beobachtet habe, nur, dass ich es hier noch viel extremer vorfinde. Mein Gott, haben die Schüler gepaukt! Ich kann die Arbeitsblätter zum Thema rekonstruieren, nachdem ich mehrere Arbeiten gelesen habe. Es finden sich ganz ähnliche Formulierungen und Begriffe. Der Lehrer hat seinen Schülern ein inhaltlich reichhaltiges Angebot gemacht, da kann ich nicht meckern. Wahrscheinlich auch sehr strukturiert, denn ich finde die Ansätze in nahezu allen Arbeiten wieder. Der Schwerpunkt liegt ein bisschen anders, als ich ihn gesetzt habe, aber das ist völlig in Ordnung.

Trotzdem liegen vor mir wenig Leistungen im oberen Bereich und viel Mittelmaß und (ganz traurig) auch einige Arbeiten, die nicht mehr den Erwartungen entsprechen. (Obwohl gelehrt bekommen und gelernt!) Wo ist also das Problem? Mal wieder in der Sprache! Ich kann nicht fassen, was für Kauderwelsch da vor mir liegt. Ich kann nicht fassen, dass diese Schüler überhaupt in der Kursstufe eines deutschen Gymnasiums sitzen. Es geht weniger um Rechtschreibung, die degradiert zur Nebensache, sondern um die Sinnhaftigkeit von Sätzen. Manchmal kann ich nicht einmal mehr ahnen, was mir der Schüler sagen will. So leid es mir tut. Und ich höre schon Sätze wie: „Der Zweitkorrektor war mal wieder streng!“

Nein, nicht der Zweitkorrektor ist das Problem. Auch meine Schüler werden strenger bewertet zurückkommen. Das ist halt so. Das Vermitteln, Lernen, Gebrauchen unserer Muttersprache wird momentan zu einem Problem. Ich kann es nicht oft genug sagen. Wir haben hier ein echtes Problem!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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19 Kommentare zu “Vom Verlust der Sprache”

  1. Du sprichst mir aus der Seele!
    Zwar bin ich noch nicht wirklich mit den Leistungen der Schüler konfrontiert, aber ich muss ziemlich oft den Kopf schütteln, wenn ich die Arbeiten meiner Geschwister (10. Klasse und 8. Klasse Gymnasium) zum Korrekturlesen vorgelegt bekomme.
    Da schmerzt einfach das Herz der Deutschstudentin.

    Liebe Grüße!

    Jess

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    1. Nun würde mich interessieren, woher kommt das bei deinen Geschwistern? Immerhin studierst du ja Germanistik! Haben Sie einfach keinen Bock oder können sie es einfach nicht, aber warum dann?
      (Einige Sprachdefizite meiner Schüler lassen sich eindeutig auf fehlende Deutschschriftsprachkenntnisse zurückführen, aber nicht alle meiner Schüler haben türkische oder russische Eltern…)

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      1. Ich denke mal, dass der größte Unterschied zwischen uns ist, dass ich ein absoluter Bücherwurm bin, meine Geschwister sich aber nur schwer für ein Buch begeistern können. Ich habe in der zweiten Klasse sämtliche Harry Potter Bücher verschlungen, während sie in der zweiten Klasse halt die Filme dazu anschauen konnten und auf „Lest doch mal die Bücher dazu“ nur noch ein „Nein, das ist ja langweilig, ich kenne doch die Filme“ kommt.
        Und während ich in meiner Schulzeit sämtliche sinnvolle Tipps von meinen Lehrern aufgenommen und abgespeichert habe (wie z.b. Sätze zu verbinden und nicht einfach einen Hauptsatz an den nächsten zu reihen), ist es bei den beiden eher ein „Hier rein, da raus“. Leider.
        Zudem merke ich vor allem bei meinem Bruder, der sehr viele Freunde mit Migrationshintergrund und wirklich mangelhaften Sprachkenntnissen im Elternhaus hat, dass es vor allem durch die Unterhaltung mit seinen Freunden kommt, dass er ab und zu totalen Blödsinn zusammenquatscht, weil es abfärbt. Unterhaltungen ohne Artikel oder Präpositionen. Er weiß zwar, wie es richtig geht, aber naja.. *schulterzuck*

        Ach und – ich hab auch russische Eltern und studiere trotzdem Germanistik. Das muss nicht immer bedeuten, dass die Kinder absolut nicht mit dieser Sprache umgehen können. Da bin ich immer ganz stolz, ein tolles Gegenbeispiel sein zu können, weil ich so manchen „Deutschen“ im Deutschunterricht im Regen habe stehen lassen. *grins*

        Liebe Grüße,

        Jess

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        1. Sehr interessant, danke!
          Mir fällt auf, dass meine „türkischen“ Schüler vor allem Probleme mit der Grammatik haben (Präpositionen, Artikel) und die „russischen“ das beherrschen, sich aber schwer mit der richtigen Vokalbel tun. Das fast richtige Wort bei schwierigen Vokalbeln, aber eben nur fast. Natürlich lässt sich das nicht verallgemeinern. Aber da ist es natürlich gut, viel zu lesen, um so den eigenen Wortschatz und Satzbau zu erweitern. Geht sogar mit Filmen, wenn man O-Ton anguckt und den Untertitel in der Zielsprache mitlaufen lässt.

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          1. Es gibt ja unendlich viele Möglichkeiten, sich im Umgang mit der deutschen Sprache zu bilden. Daran mangelt es glaube ich überhaupt nicht. Ich sehe das Problem eher darin, dass viel weniger Wert darauf gelegt wird – sei es durch Eltern oder die Schüler selbst.

            Meine Schulzeit ist zwar noch nicht so lange her und meine Geschwister befinden sich auch nicht in einer anderen Generation als ich, aber man merkt schon, dass gerade durch den täglichen Umgang mit Smartphones und der damit verbundenen Nichtbeachtung der deutschen Rechtschreibung vieles schief geht. So zumindest der Eindruck, der entsteht, wenn sie so erzählen, was ihre Mitschüler an Schriftstücken produzieren.

            Ich habe seit einiger Zeit die Regel eingeführt, dass alle für jeden groben Sprachfehler 10 Cent in ein kleines Kässchen einzahlen müssen. Seither achten meine Geschwister wieder mehr darauf, was sie von sich geben, und das ist einfach nur herrlich. Sie können es nämlich doch, wenn sie nur wollen. Und sollten sie unsicher sein, fragen sie halt nach. Das freut mich ziemlich, denn so haben sich ihre Arbeiten verbessert. Ich denke, das liegt auch daran, dass der „Ernst des Lebens“ in Form des Abiturs bei meinem Bruder nun immer näher rückt und die Tipps von der großen Schwester auf einmal doch nicht mehr so blöd sind, wie sie anfangs erschienen.

            Liebe Grüße,

            Jess

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  2. Das ist eine Sache, die auch mir als Schülerin vor allem jetzt in diesem Schuljahr sehr aufgefallen ist. Ich weiß nicht, ob das auch beim Bloggen so ist, aber in Klausuren, Vorträgen,… achte ich schon sehr auf meine Wortwahl, meine Satzstruktur, meine Sprache im Allgemeinen, wofür ich auch von einigen Lehrern schon sehr gelobt wurde. Wenn ich aber z.B. Deutschklausuren von Klassenkameraden und von mir vergleiche, kann ich manchmal nur den Kopf schütteln über das, was da fabriziert wurde, das Inhaltliche mal komplett außer Acht gelassen. Da werden selbst geläufige Wörter vollkommen falsch verwendet, der Unterschied zwischen Schriftsprache und Umgangssprache einfach ignoriert und es scheint, als hätte die Person alles, was sie gerade im Kopf hatte, ohne jegliche Struktur einfach aufs Blatt geklatscht.
    War das früher besser?

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    1. Weiß ich – ehrlich gesagt – nicht, aber die älteren Kollegen sagen, das Niveau war allgemein etwas höher. Es gab immer Sprachchoaten, aber eben nicht so viele und so massiv wie jetzt.
      Das Problem ist, dass in Aufsätzen der Inhalt so eng mit der Sprache verwoben ist, dass ich das gar nicht kann, nur den Inhalt angucken, denn manche Schüler meinen zwar etwas Richtiges, schreiben aber absoluten Blödsinn hin. Ich muss aber das Dastehende bewerten und nicht das Irgendwie-Gemeinte. Das ist ja auch eine Frage der Gerechtigkeit. Du gibst dir beim Verfassen von Texten auch Mühe und das wird honoriert. Jetzt stell dir mal vor, dass es igrendwann heißen könnte: „Ach der xy schreibt zwar so, dass das keine Sau lesen kann und verstehen, aber inhaltlich ist da schon was drin, wenn man ganz wohlwollend die entsprechnden Satzteile rausklaubt. Der kriegt die gleiche Note wie du.“

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  3. Du schreibst mir mal wieder aus der Seele. Ich hab zwar keine Oberstüfler wegen Deutsch bei mir, aber hin und wieder fragen mich ein paar Realschüler nach meiner Meinung zu ihren Aufsätzen. Puuh, da stehen teilweise die Sätze 1:1 so, wie sie gesprochen würden. Aber klar, im TV gibt es immer weniger richtige Vorbilder, wenn es um Sprache geht, gelesen wird sowieso wenig bis gar nicht, und untereinander gibt es nichts anderes als Umgangssprache. Wo soll es denn herkommen?

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    1. Ich lese mit meinen Schülern konsequent gute und schülernahe Texte. Neben den „Lehrbuchtexten“, die sein müssen, aber viele sprachlich überfordern, biete ich ihnen immer Texte an, die andere Schüler geschrieben haben – sozusagen als Sprachmuster. Manchmal analysiere ich die auch (Markieren Sie bitte die Überleitungen zwischen den Sätzen. usw.), aber einige Schüler sehen in dieser „Spracherziehung“ keine Notwendigkeit. Sie merken nämlich nicht, wenn sie nicht verstanden werden. Dann ist das Gegenüber doof.

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      1. Ich hoffe, du hast meinen Kommentar nicht als Angriff verstanden, so war der nämlich definitiv nicht gemeint! Ich bin mir durchaus bewusst, dass es sehr viele gute Deutschlehrer gibt, die versuchen, ihren Unterricht abwechslungsreich und ansprechend zu gestalten, und dabei eben auch „mehr“ lesen als die üblichen Klassiker, und sich eben bemühen, Jugendbücher zu finden bzw. die Schüler hier einzubeziehen. Und zu solchen Lehrern zähle ich dich, liebe Lilo.
        Und ja, leider sehen einige (viele? Zu viele?) Schüler keinen Wert oder keine Notwendigkeit darin, sich mit Sprache und Literatur auseinanderzusetzen. Es gehört zum Bereich „Schule“, und der ist per se „doof, unnütz, uncool“.

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        1. Nö, hab ich überhaupt nicht als Angriff verstanden, dann sind so die Tücken beim Bloggen 😉 , du hast schon Recht.
          Ich gebe mir da Mühe und versuche auch schülernahe Texte zu finden. Aber lesen und durcharbeiten müssen sie die Schüler schon selbst, und genau da liegt der wunde Punkt. Mehmet liest weder die Lektüren in Deutsch, die auf unterschiedlichem Sprachniveau liegen und auch durch meine extra angefertigten Schülertexte quält er sich. Selbst die sind ihm zu schwierig, wo soll es auch herkommen, wenn er sich jahrelang erfolgreich vorm Lesen gedrückt hat? Lesen ist halt nicht cool, das ist, ganz richtig, der entscheidende Punkt. Leider.

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  4. Schön, dass es noch Ehrlichkeit gibt. Ich bin zwar kein Lehrer, aber auch ich beobachte hier in Sachsen- Anhalt das gleiche Problem. Es zu thematisieren ist zumindest ein Anfang. Grüße nach BaWü.

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    1. Leider muss ich es mir fast täglich zum Thema machen, weil ich um die Qualifikation dieser jungen Leute fürchte – wer stellt denn jemanden ein, der keinen sinnvollen Satz zusammenkriegt, auch in Zeiten von E-mail und Twitter? Auch da fällt mangelnde Kompetenz auf.
      Grüße zurück in den schönen Osten!

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  5. Es hilft nicht viel, wenn Deutsch korrekt in der Schule gelehrt wird, aber wenn das Sprachbad, in dem sie täglich planschen, von niveaulosem Deutsch geprägt ist. Schon die Peer group ist schlimm genug („F*k dich Alter, wo ist mein Buch?“), dazu noch der ganze Schrott, den sie über die (sozialen und klassischen) Medien aufsaugen. Bücher lesen die Wenigsten, Zeitungen/Zeitschriften etwas mehr, aber das reicht eben nicht.

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  6. Unsere Mädels lesen sehr gerne und haben bislang auch immer sehr gute Deutschlehrer gehabt.
    Aber das Internet ist nicht nur eine Quelle des Wissens, sondern auch eine Quelle von Fehlern, auch bzw. vor allem bei Rechtschreibfehlern.
    Selbst hochangesehene Firmen achten nicht auf die Orthographie, Newsletter über SEO bergen gruselige Zeichensetzung usw.
    Der Duden liegt mittlerweile neben dem Laptop, bzw. die Duden-Seite ist parallel geöffnet, weil sie sich nicht sicher sind, ob das so stimmt.
    Allerdings tragen auch Bücher, die vor der Rechtschreibreform veröffentlicht wurden, auch zur Verunsicherung bei :-(.
    Wer im Netz sich darstellen will, etwas verkaufen will oder repräsentieren: Denkt doch bitte, bitte an die Rechtschreibung!!!
    Und erst recht, wenn man selber noch Rechschreibung nach den alten Regeln gelernt hat 😉

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