Ein Jahr in Guatemala

Liebe Leser,

meine Ärztin hat keine Termine mehr frei, aber mein Fieber verwandelt mich in eine Sauna und so finde ich mich heute kurzerhand bei einem anderen Arzt wieder, der ganz begeistert ist, dass da eine Lehrerin vor ihm sitzt. Er tippt auf Biologie. Nur weil ich Viren von Bakterien unterscheiden kann! Wir klären das Missverständnis. Nun möchte er sich viel lieber über Pädagogik unterhalten als mich wieder ins Bett zu schicken.

„Wissen Sie, man hat ja hier nicht so viel intellektuelle Anregung.“

Der gute Mann hat Gründe, er ist selbst Vater zweier pubertierender Jungen und interessiert sich also quasi von Haus aus für das Klarkommen mit Chaoten. Eigentlich ist es nett, einen Menschen zu treffen, der die Leistung unserer Berufskaste hoch schätzt und sich wirklich Gedanken macht. Aber das Fieber und die Gliederschmerzen machen mich nicht gerade zum perfekten Gesprächspartner. Macht nix, der Arzt strahlt mich an. Er hat sogar schon diverse Literatur gelesen. Er liest die Bücher, von denen ich nur die Rezensionen kenne. Und er hat so seine Theorien.

„Wissen Sie, also in der achten, da kann man sich den Unterricht schenken“, meint er und denkt wahrscheinlich an seine Jungs, „würde doch viel mehr bringen, wenn man die auf eine Segeljolle verfrachtet und mit denen nach Guatemala fährt und dort vor Ort vom Leben lernt.“

Ja, solche Ideen gibt es. Ja, es gibt solche Projekte. Leider sind das sehr elitäre Projekte, denn wer kann das schon finanzieren: ein Lehrer, fünf Schüler, einmal rund um die Welt? Es gibt Schulen, die mit ihren Schülern über die Alpen wandern. Wäre ich dabei, sofort, wo sind die Wanderschuhe?… wenn das Fieber wieder weg ist. Sogar unser kleines Landgymnasium hat schon über solche Projekte nachgedacht.

Aber wir scheiterten schon in der ersten Ideenrunde. Die Mehrarbeit! Die fehlende Absicherung der Lehrer, falls etwas passiert! Und vor allem die Eltern! Für uns hat die Medaille nämlich eine andere Seite. Wenn es mir besser gehen würde, würde ich dem begeisterten Vater und Arzt vielleicht erzählen, dass wir es nicht einmal schaffen, dass alle Kinder mit ins Schullandheim fahren. Und hier geht es nur am Rande um Kosten. Wer es sich nicht leisten kann, bekommt Zuschüsse von der Stadt. Nein, hier geht es um fehlenden Vertrauen in uns und das Kind.

Vier Kinder fahren aktuell nicht mit, weil die Eltern nicht wollen, dass ihr Kind eine ganze Woche lang ohne ihre Aufsicht, ihren Beistand, ohne die beste Freundin und das kontrollierte Mittagessen in die böse Fremde fährt mit ignoranten Pädagogen Menschen, die sich nicht annähernd so gut um ihren Goldschatz ihr Kind kümmern können wie sie selbst. Und da träumt der Vaterarzt von einem JAHR in Guatemala. Mir reicht schon eine Woche in Oberunterdingen – aber mit allen Kindern!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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25 Kommentare zu „Ein Jahr in Guatemala“

  1. Gute Besserung!

    Und klar, das kleine Prestigeprojekt, pardon, den kleinen Justin-Khaleesi (ich war ganz erstaunt, als im französischen TV berichtet wurde, dass es tatsächlich Eltern gibt, die ihre Tochter so taufen! 😯 ), den kann man doch nicht aus den Augen lassen.
    Und in 30 Jahren dann behält man die Kinder ausm Altenheim im Auge, damit die ja nix Falsches im Schlafzimmer machen, denn keiner liebt die Kinder wie die Eltern, oder wie? Einfach nur grässlich.

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        1. Ja, ist es, genau so wie Danaerys, Arya, und wie sie sonst noch alle heißen, die liebenswerten blutrünstigen (und schwer zu buchstabierenden) Chaoten aus dem Game-of-Thrones-Universum. Es wird mir ewig ein Rätsel sein, warum Menschen ihre Töchter nach einer angehenden Auftragsmörderin nennen, aber bitte. Besser als „Zö“ ist es allemal.

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  2. Ich hab bei vielen auch das Gefühl, dass die in der Neunten oder Zehnten nur deswegen drin sitzen, weil sie noch keinen Bock aufs Arbeitsleben haben. Ein paar setzen da wirklich Schimmel an und schieben diese 4-Minus-Haltung, die sie spätestens in der Oberstufe bitter bereuen werden…
    Übrigens kratzt es gerade auch bei mir Hals 😦

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  3. Es müsste doch gar nicht die Segeltour nach Guatemala sein… ich glaube, bei vielen von denen, die in dem Alter absolut keinen Bock auf Schule haben, würde es schon reichen, ihnen etwas zu tun zu geben. Also, etwas Richtiges und Sinnvolles, wo sie am Ende des Projekts (wenn es denn ein Ende gibt – muss ja nicht unbedingt sein) dann dastehen und stolz die Brust recken und sagen können: „Das haben wir gemacht. Und es ist gut geworden. Und es wird gebraucht. Und den Streit, die Schwierigkeiten, die vielen Stunden harter Arbeit und die anderen Probleme, all das war es echt wert, und wir können stolz darauf sein.“

    In der Schule wissen zwar die meisten, dass sie „das alles“ eh irgendwann irgendwie noch irgendwo brauchen werden, und sei es nur, damit sie nen halbwegs vernünftigen Abschluss und damit die Chance auf Job/Ausbildungsplatz/Studium bekommen, aber sich zu motivieren ist schwierig, wenn die Perspektive so schwammig ist. Mit einem konkreten Ziel vor Augen fällt das den meisten wesentlich leichter, besonders, wenn sie wissen, dass ihre Arbeit gesehen, wertgeschätzt und honoriert wird.

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    1. Sehe ich auch so, ist aber schwierig zu bewerkstelligen. Die Schulleitung möchte ich sehen, die sagt: „Klar, nehmt die 9. Kl. und zwei Kollegen für vier Wochen und renoviert gemeinsam mit den Insassen die Flüchtingsunterkunft!“ (oder was immer)
      Die natürliche Reaktion von Schulleitungen ist doch „Argh argh Stundenentfall! Lehrplan kann nicht durchgebracht werden! Wer soll die Lehrer vertreten! Die Eltern!!! DIE ELTERN!!!!!“

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      1. Das ist nicht nur in der Theorie so. Wir haben einmal einen Projektunterricht ausprobiert (Nebenfächer verstärkt unterrichtet über einen Zeitraum von sechs Wochen, die sich dann abwechselten) und evaluiert. Und die Eltern haben mit großer Mehrheit gesagt: Solche Experimente wollen wir nicht, wir haben Angst, dass die Hauptfächer zukurz kommen, bitte schön regelmäßig Mathe und Englisch und Nebenfächer ja nicht zu stark in den Vordergrund rücken, unsere Kinder sollen wissen, wo der Hammer hängt, der Rest ist uns dann wurscht!

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        1. Ja – leider ist es schwierig. Das bedeutet nicht, dass man nicht versuchen kann, es zu verbessern, für die Kinder, die auf den ersten Blick „Keinen Bock auf gar nichts“ haben, der sich dann allerdings manchmal als „Kein Bock auf Schule“ herausstellt, wenn man weiter nachbohrt, weil im Kindergarten und im Tierheim mit vollem Einsatz und vielen Stunden in der Woche mitgearbeitet wird.

          Ein anderes Problem neben gerne mal unwilligen Eltern ist auch, dass keine gewachsenen Strukturen zwischen Schulen und anderen Organisationen existieren (wie denn auch?), um die Vertrauensbasis für solche Projekte zu bilden. Wenn das irgendwie möglich gemacht werden kann, dann nur, weil jemand jemanden kennt, und der kennt wieder jemanden, und irgendwie kommt dann vielleicht eine Möglichkeit zur Zusammenarbeit heraus (ich kenne zum Beispiel einige Futterstellen für streunende Katzen, die dringend neue, sichere Futterhütten und Schutzboxen brauchen würden – das wäre doch mal was für eine motivierte 8. oder 9. Klasse, und tatsächlich in 1-3 Tagen erledigt).

          Und weil ja nach konkreten Beispielen gefragt wurde… aus meiner eigenen Schulzeit (Matura 2008, also noch nicht so lange her) sind mir sehr gut in Erinnerung geblieben:

          – eine Woche Kinderheim renovieren und Anbau bauen in Rumänien
          – vier Meter hohen Bühnenhintergrund bauen und bemalen, der schon oft Hintergrund für Kulturveranstaltungen war, die nichts mit der Schule zu tun hatten
          – zwei Jahre Buffetorganisation und -betreuung bei Konzerten (Einnahmen gingen an das Kinderheim in Rumänien)
          – Schul-Faschings-Party-Organisation
          – Maturaball (von der Themenauswahl bis putzen, putzen, putzen)

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          1. Ha, den Maturaball kenn ich auch als Eigenbauveranstaltung…wird hier ougesourct, da putzt kein Abiturient irgendwas oder schenkt auch nur ein Glas ein.

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            1. Bei uns laufen all diese oben genannten Projekte, die jüngeren Schüler kellnern traditionell beim Abiball für die älteren und der nächste Jahrgang macht das wieder – so eine Art Generationenvertrag. Wir sammeln Geld für Indien, schicken Päckchen nach Albanien, renovieren bei Projekttagen im Kindergarten und sammeln den Müll in den Wäldern ein. Momentan bauen wir ein Bühnenbild. Das gehört alles zum normalen Schulalltag und wird nicht als etwas Besonderes wahrgenommen – das ist (zumindest kenne ich das von meiner Schule) heutzutage auch Schule.
              Aber das reicht für Schulmüde nicht. Ganz ehrlich, die Schuldrückeberger versuchen sich häufig auch bei sozialen Projekten zu drücken. „Ich hatte son Halsweh!“ Natürlich gibt es Ausnahmen! Es gibt die Engagierten, die für die Schule keinen Nerv mehr haben, aber das ist definitiv ein verschwindend geringer Teil (zumindest hier).
              Das heißt natürlich nicht, dass wir nichts versuchen und dass wir keine Ideen haben, aber es ist einfach eine Illusion zu sagen: „Schickt die Jungs nach Guatemala und alles wird gut!“

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              1. Ich glaub, ganz oft sind die „Problemfälle“ so schulfrustriert, dass sie auch die Goodies nur unter „weiteres bescheuertes Schulzeugs“ einordnen können. Da spielt dann Waisenhausbau in Rumänien in der selben Liga wie „Chemieschulaufgabe, 6. 5., 1. – 2- Stunde“. Noch ein Termin, noch was, was ihnen von Außen auf’s Aug gedrückt wird.
                Wüßte aber auch nicht, was man dagegen tun kann.

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                1. Da gibt es sicher auch keine Pauschalantwort, denn jeder Fall ist sehr individuell.
                  Und nicht nur schwierige Schüler sollten Möglichkeiten haben, anders zu lernen, sonst wird das ja zu einem negativen Privileg.

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