Der Mittelweg

Liebe Leser,

Lucy war drei Tage mit einer Jugendgruppe weg. So etwas finde ich ja große Klasse: alle Kinder in einen Bus und ab in eine Jugendherberge, tagsüber Projekte und abends lustiges Beisammensein auf den Zimmern, ein bisschen Abenteuer und neue Erfahrungen und nebenbei noch was Sinnvolles gemacht. Wie es sich herausstellte, waren zwei Mädels aus Lucys Klasse dabei und man war sich schnell einig, dass man auf ein Zimmer geht. Zufälligerweise haben auch ein paar meiner Sechser an dem Ausflug teilgenommen. Es versprach also, lustig zu werden. So weit – so gut.

Lucy kam etwas enttäuscht nach Hause. Die Projekte waren anstrengend, aber sie haben Spaß gemacht. Das war es also nicht. Doch ihre beiden Zimmergenossinnen, zwei brave Mädchen, entpuppten sich als die absoluten Spaßbremsen. Natürlich kauft man sich im Kiosk neben der Jugendherberge Chips und Gummibärchen (davon leben solche Kioske) und natürlich reizt man die Nachtruhe bis aufs letzte aus – das nennt man Jugend! Und Lucy ist da mittendrin. Aber ihre Zimmergenossinnen waren so brav, dass sie die Feier im Zimmer nebenan doof fanden und lieber zeitig ins Bett gehen wollten. Sollen sie doch, dachte sich Lucy und feierte im Nachbarzimmer mit, freundete sich mit ein paar meiner Sechser lose an, die Mädchen lackierten sich die Nägel, man erzählte sich Schulgeschichten und lästerte über Lehrer, Mädchen gickerten, Jungs verdrückten Colavorräte – alles harmlos. Lucy kostete diese Harmlosigkeit einen Abend lang aus. Aber Johanna und Annika ließen es Lucy spüren, dass das alles nichts ist: „Kommst du auch schon!“ „Na, wie war die doofe Party da drüben?“ „Mann, dein Nagellack sieht bescheuert aus!“

Die Jugendleiterin erzählt mir, als wir die Kinder vom Bus abholen: „Also das Zimmer von Lucy, die waren ja brav! Ich mache meine Nachtrunde halb elf und überall ist noch Licht und lustiges Leben und dann komme ich in ein dunkles Zimmer und denke erst, da ist ja gar niemand, geh ich wieder raus, dann denke ich, nee das ist doch das Zimmer von Annika, die hauen doch nicht ab, geh ich wieder rein, und tatsächlich, die schlafen schon! Alles still.“ Jetzt könnt ihr euch sicher vorstellen, dass Lucy das nicht so toll fand. Lucy wäre lieber ermahnt worden, ins Bett zu gehen. Lucy hätte vielleicht auch mit Johanna und Annika ein bisschen Party gemacht…

Ich setze mich an diesem Abend ein bisschen in Lucys Zimmer und lasse mir das alles erzählen. Johanna und Annika sind Musterschülerinnen. Christina aus der Sechsten, die Lucy die Nägel lackiert hat, und Lana, die Lucy total nett fand, kämpfen beide in der Schule ums Durchkommen. Und Lucy stand zwischen den Stühlen.

Liebe Lucy, es gibt einen Mittelweg. Man kann im Grunde vernünftig sein und sich um seine Leistungen kümmern und trotzdem Spaß am Leben haben und auch mal alle Fünfe grade sein lassen. Man muss sich nicht für eine Seite entscheiden. Ich weiß, dass das nicht immer einfach ist. Es dauert, bis man Menschen findet, die ähnliche Interessen haben, die ähnlich ticken, mit denen man Pferde stehlen und für die nächste Englischarbeit lernen kann.

Lucy meint, sie würde nächstes Jahr einfach nicht mit Johanna und Annika in ein Zimmer gehen. Schön, dass Lucy also trotzdem wieder hin will. Ich habe nichts dagegen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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10 Kommentare zu „Der Mittelweg“

  1. Schade, dass dieser Mittelweg (auch wenn sich der Begriff nicht danach anhört) manchmal so schwierig sein kann… Als Schülerin mit guten Leistungen wird man einfach zu schnell „abgestempelt“ und es ist manchmal doch recht anstrengend zu beweisen, dass auch Spaß am Leben hat und nicht, entgegen der vorherrschenden Meinung den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt;)

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  2. Schwierige Situation. Was macht man als Schüler, der schlicht kein Interesse an Party hat? Ich will hier die blöden Kommentare der Mädels nicht verteidigen, aber wenn sie eben nicht wollten?
    Wobei man hier sicher auch einfach das gesellige Beisammensein genießen kann, und irgendwann dann halt früher als der Rest ins Bett geht. Nur will dieser Mittelweg auch für die beiden erst einmal gefunden werden, sodass sie mit ihrer Einstellung glücklich sein können. Und das benötigt sicher auch viel Selbstbewusstsein, das man nicht immer so einfach hat.

    Wichtig ist trotzdem, dass Lucy die Erfahrung wiederholen mag.

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  3. So was kann noch weit länger als in die sechste Klasse gehen. In meiner Zehnten schreibt ein eigentlich immer ganz cleverer Schüler derzeit absichtlich (!) Fünfer. Der Vater meinte, er verkehre im Moment in Kreisen, in denen gute Leistung oder gar Abitur verpönt sei. Was soll man denn zu so einem Knallkopf noch sagen???

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      1. Ich bin in der 10. und kann nur sagen: Ich habe so ein Glück mit meiner Klasse! Wir haben nur (noch) 5 Jungs und 20 Mädels, die zum Glück wirklich schon größtenteils aus dieser Phase raus sind. Im Gegensatz zur Parallelklasse. Über die Doppelstunde, die wir heute gemeinsam hatten, könnte ich einen 2-seitigen Aufsatz schreiben:D

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