Verschenktes Talent

Liebe Leser,

auf dem Land haben Kinder definitiv weniger Fördermöglichkeiten als in Städten. Es gibt diverse Sport- und Musikvereine, deren Niveau passabel ist, aber wer mehr will, muss dann doch weiter fahren oder einen guten Musikschullehrer ergattern, der teuer zu bezahlen ist, und sich durch „Jugend musiziert“ hocharbeiten. Die Kinderuni ist weit weg, Forschungslabore für Jugendliche sowieso und Nischeninteressen kann man sich eigentlich nicht leisten.

In letzter Zeit bekomme ich aber das Gefühl, dass die Leutchen auch nicht mehr wollen. Ist dass das typische Understatement, was man dieser Gegend nachsagt? Oder ist das die fleißige Umtriebigkeit, die verhindert, dass das Kind am Wochenende mal etwas anderes macht, als für Dorf und Gemeinde dazusein?

Auch auf dem Land gibt es talentierte Kinder. Meist fallen sie in der Schule auf, weil sie durchgängig gute bis sehr gute Leistungen haben und sich viel engagieren: im Sportverein, im Musikverein, auf dem Pferdehof und beim Altenheimprojekt. Damit sind sie glücklich. Und jetzt kommt Frau Henner, die an die vielen Kinder in den Städten denkt, deren ehrgeizige Eltern dafür sorgen, dass sie gefördert werden, was die Welt hergibt, und fragt, ob sie an einem Begabtenprojekt teilnehmen wollen.

Die eine Schülerin fragt gleich entsetzt: „Muss man da auch am Wochenende hin?“

Da klappt mir schon die Kinnlade herunter. Müssen? Das Mädchen darf dahin! Dass so etwas eine Auszeichnung ist, verstehen die Leutchen nicht. Ans Wochenende geht nichts ran. Nebenbei – nein, auch die Begabten haben Wochenende!

Die andere Schülerin würde bei „Sprachen mitmachen“. Leider ist Sprachen grade nicht im Angebot. Dabei hat das Mädchen in fast allen Fächern eine Eins. Aber an etwas anderes will sie nicht ran – auf keinen Fall! Also dackelt Frau Henner zu den Sprachenlehrern.

„Habt ihr da was?“

„Für die Schülerin? Ich hab ihr schon mehrfach unseren Sprachaustausch vorgeschlagen – aber sie hat keine Lust, eine Woche von zuhause wegzufahren! Ich würde ihr auch was über meine Freundin in Frankreich vermitteln, aber die zuckt nur mit den Achseln. Also ich kümmere mich da nicht mehr. Wenn Madame nicht will…“

Den dritten Schüler kann ich motivieren, sich zu bewerben. Es sind mehrere Wochen Zeit. Er macht alles bunt durcheinander, spielt Fußball und Klavier, töpfert und dreht am Wochenende Filme mit Freunden. Und die Bewerbung? Die bekomme ich am Abgabetag. „Können Sie mal drübergucken?“ Schlecht geschrieben, am Anfang noch motiviert, dann lieblos zusammengestückelt. Das kann er vergessen. Chance vertan. Ich bin enttäuscht.

Das werden alles ordentliche Erwachsene, sie finden ihren Weg im Leben schon, es sind nette Charakter, fleißig und gleichzeitig bodenständig. Solche Leute braucht Baden-Württemberg. Aber den Nobelpreis kriegen andere.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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6 Kommentare zu „Verschenktes Talent“

  1. Mit diesem Problem habe ich auch immer gekämpft. Das gibt es das Sommercamp, eine wunderbare Einrichtung in den großen Ferien, in denen SchülerInnen auf den Mittelschulabschlusss vorbereitet werden. Darüber hinaus werden sie ein Jahr lang nachbetreut und bekommen zu Ostern eine intensive Trainingswoche.
    http://www.leuphana.de/sommerakademie.html
    Bezahlt wird das Ganze von der IHK und der Arbeitsagentur.
    Und die Argumente der Kids. die nicht wollen (aber sollten) …
    Die kennen Sie, Frau Henner.

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    1. Eigentlich hat ja jeder auch das Recht, Hilfe abzulehnen. Da ich aber weiß, wie manch anderes Kind gepuscht wird, tut es mir einfach leid um die schlechteren Startbedingungen, die unsere Landeier zum Teil später haben, weil sie in vielem so unerfahren sind. Das ist schade!

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  2. Ach, die Kinder, die wirklich wollen, machen das schon, da bin ich ganz guter Dinge. Natürlich ist das dann als Schule oder als Lehrer frustrierend, wenn die Kinder nicht auf die konkreten Angebote zurückkommen – Aber diejenigen, die Lust drauf haben, auch mal über das Dorfgedümpelniveau hinaus zu kommen, die schaffen das schon.
    Eine Freundin ist im Sportleistungskader, ein anderer geht aufs Konversatorium, wieder eine andere will an die Kunstakademie..
    Es ist also möglich, und die haben keine schulische Förderung bekommen..
    Also, wer nicht will, der hat schon. Und vielleicht ist es ihnen auch garnicht so wichtig. Sondern sie sind einfach mit dem zufrieden, was sie machen.

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  3. 😀 also über „Solche Leute braucht Baden-Württemberg. Aber den Nobelpreis kriegen andere.“ musste ich ja herzlich lachen!

    Stimmt schon, aber von welcher Altersklasse sprechen wir denn da? Vielleicht sind die gerade alle in der pubertären Kein-Bock-Phase?

    Bei uns gab es so ein Begabtenprojekt damals von der Schule aus, da hat man einmal im Jahr eine Woche lang was gemacht, ist ins Landschulheim um sich um „besondere“ Themen (halt was anderes, als im Lehrplan vorgesehen ist, generell oder auch nur für diese Klassenstufe nicht) zu kümmern, oder hat an einem Projekt in der Schule gearbeitet (einmal war das irgendein Wirtschaftsplanspiel, daran erinnere ich mich vage. War mir zu BWL-lastig. 😉 ). In der 10. Klasse haben wir dann bei ‚Jugend denkt Zukunft‘ teilgenommen. Das hat alles Spaß gemacht, wir – meine Freunde und ich – fanden das super. Wir hatten da aber auch so Knallköpfe bei von wegen „Aber wehe dafür geht das Wochenende drauf! Und dann müssen wir ja den ganzen Schulstoff von diesen 3-5 Tagen auch noch nachholen! Darauf hab‘ ich ja mal gar keinen Bock!“ – ist wohl normal.
    Allerdings möchte ich bezweifeln, dass aus uns allen ordentliche Erwachsene geworden sind – aber was nicht ist, kann ja noch werden. 😉

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    1. Hier gehts eher um jüngere Schüler, die dann systematisch gefördert werden können – genau das, was wir auf dem Land sonst fehlt. Null Bock ist das nicht, bei denen ist es eher Unbedarftheit – Landeiertum – diesmal im negativen Sinne.

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