Über die Straße und zurück

Liebe Leser,

eine kleine Beobachtung aus Absurdistan. Lucy ist bei Beckie zum Spielen. Beckie kommt selten zu uns, da müsste sie ja das Mutterhaus und den heimischen Garten verlassen! Die zwei Mädchen spielen also im Beckieschen Garten – immerhin sind sie draußen, ein Glück, dass wir so ein strahlendes Wetter haben. Irgendwann rollt der Ball über die Straße. Lucy will ihn holen.

„Halt“, schreit Beckie, „nicht auf die Straße, das ist zu gefährlich!“

An dieser Stelle sollte ich noch einmal erklären, wie wir wohnen. Es ist ein kleines Dorf mitten auf dem Land. Wenn man die Augen schließt, hört man Bienensummen und einen Hahn krähen. Auf der Hauptstraße sammelt sich der Staub. Da fahren Busse und auch LKWs – manchmal – wir leben schließlich in Deutschland, aber in der Regel ist die Straße leer. Wir müssen hier den Kindern beibringen, dass man nach links und rechts schaut, weil es tatsächlich sein könnte, dass mal ein Auto kommt. Und am Straßenrand parkende Autos muss man auch suchen, um seinen Kindern zu zeigen, wie gefährlich es sein könnte, dazwischen hervorzuspringen, wenn einen die Autofahren nicht sehen. Verkehrserziehung ist hier eine Sache des Konjunktivs.

Beckie wohnt nicht an der Hauptstraße, sondern in einem Wohngebiet. Zone 30. Hier fahren also keine Busse, keine LKWs. Hier fahren die Anwohner vorbei. Ich will die Gefahr nicht kleinreden. Ein verkehrstotes Kind ist ein totes Kind und die Trauer unendlich groß. Aber ich möchte die Kirche im Dorf lassen. Beckie und Lucy sind zehn Jahre alt. Der Einfachheit halber lasse ich beide in den Sommerferien elf werden. Vor Beckies Haus muss man lange warten, wenn man Autofarbenraten spielen will. Wahrscheinlich kennt hier kein Kind dieses Spiel, weil es keinen Spaß machen würde.

„Aber der Ball liegt doch nur auf der anderen Seite!“, meint Lucy.

„Ich darf nicht allein über die Straße“, sagt Beckie und holt ihre Mama.

Die Mama kommt, holt den Ball und alle sind glücklich. Alle?

Lucy kriegt sich zuhause gar nicht mehr ein. Sie regt sich auf wie eine Erwachsene… über Erziehung, über Selbständigkeit, über Verantwortungsbewusstsein, über gefühlte und reale Gefahren. Lucy redet immer wieder darüber. Dieser scheinbar harmlose Vorfall hat sie ganz schön geschockt.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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12 Kommentare zu „Über die Straße und zurück“

  1. Schade, dass Beckie dazu erzogen wird, sich för der Welt außerhalb der heimischen vier Wände dermaßen zu fürchten. Diese Überbehütung ist erschreckend.
    Dass Lucy mit der Situation erwachsen umgeht, geht da leider ein wenig unter.

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  2. Dass das auch am Land so extrem sein könnte, verwundert mich jetzt schon. Wir haben hier auch Eltern, die ihr Kind täglich die 300 Meter von Haustür zur Schule mit dem Auto hinfahren (!) Teilweise ist auf den Straßen bei uns aber der Teufel los…

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    1. Neulich erzählte mir ein Kollege, er habe im Auslandsjournal einen Bericht gesehen, dass in den USA schon Eltern andere Eltern verklagt haben, weil diese ihre Kinder zu Fuß in die Schule geschickt haben – von wegen Verwahrlosung!

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      1. Wenn das nur schon der Gipfel gewesen wäre! Einer meiner Lieblingsautoren hat einen Link zu einem Zeitungsartikel gezwitschert, in dem es darum ging, dass zwei Kinder (10 und 5/6, wenn ich mich richtig erinnere), auf dem Heimweg waren, ohne Eltern, weshalb ein besorgter Nachbar gleich mal die Polizei gerufen hatte. Die Kinder wurden daraufhin von zwei Streifenwagen abgeholt und fünf Stunden auf der Polizeiwache behalten, BEVOR die Eltern überhaupt einmal benachrichtigt wurden!
        Ich hoffe wie du, dass sich sowas hier nicht einbürgert.

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  3. mhhhh.
    meine Tochter ist auch 10.

    Sie fährt allein mit dem Rad zur weiterführenden Schule, ca. 4 km. In der Stadt. Die Strecke ist recht unproblematisch, aber trotzdem sind Straßen zu queren, natürlich mit Ampel, aber trotzdem ist da morgens der Berufsverkehr unterwegs.
    Oder sie fährt mit dem ÖPNV, 1-2 mal umsteigen einmal davon am Hbf, je nachdem, welchen Bus sie nimmt.

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    1. Ich finde es super, wenn Kinder morgens mit dem Rad kommen. Wenn die Strecke an sich unproblematisch ist. Zwar weiß ich um die Gefahr im Straßenverkehr, aber an gefährlichen Stellen mache ich mit Lucy aus, dass sie absteigt und schiebt. Dann vertraue ich ihr. Natürlich schaltet das nicht jede Gefahr aus – aber 100% können wir uns sowieso nicht absichern. Beckie zum Beispiel könnte ungünstig die Treppe im elterlichen Haus herunter fallen und für immer gelähmt sein.

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  4. Meine Nachbarin hatte ihre Kinder die gesamte Grundschulzeit über an der Hand bis in die Klasse gebracht.Wir wohnen sehr dörflich und die Grundschule ist ungefähr 200 Meter von Zuhause entfernt.

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