Frau Henner fällt vom Glauben ab

Liebe Leser,

fast eine Woche lang habe ich nicht gebloggt, sondern Abiture drittkorrigiert – und dabei meinen Glauben verloren, meinen Glauben daran, dass die Sache mit dem Abitur in Deutschland doch irgendwie eine gerechte Sache ist. Es war noch nie so auffällig wie dieses Jahr, aber es zählt nicht die Leistung des einzelnen Schülers, sondern der Bewertungsmaßstab des Lehrers und der kann sehr, sehr unterschiedlich sein.

Ich kann das so bestimmt sagen, weil ich drei Sätze zu korrigieren hatte. Leistungen, die in dem einen Kurs als mittelmäßig galten, wurden in einem anderen Kurs als sehr gut bewertet. Und je nachdem, welchen Zweitkorrektor man hat, hat man Pech oder Glück. Man kann mit einer mäßigen Leistung bis zum Sehr Gut durchrutschen und es in einem anderen Kurs eben nur bis zum gerechtfertigten Befriedigend schaffen.

Nun könnte man sagen, dafür gibt es ja die Drittkorrektur, aber ganz so stimmt das nicht. Die Drittkorrektur greift nur, wenn die eklatanten Mängel in der Korrektur und in den Bewertungen offensichtlich sind. Und das ist eben nicht immer der Fall. Mit ein bisschen Glück, Schicksal, Fehler im System? bleiben problematische Arbeiten von einer Drittkorrektur verschont.

Ach ja – habe ich schon erwähnt, dass man sein Kind auf eine Privatschule schicken sollte, wenn man gute Noten will? Man darf nicht erwarten, dass hinter den Noten auch die entsprechende Leistung steckt, aber das ist einigen Eltern ja auch egal. Hauptsache die Noten stimmen. Schade, dass das dann auch die sehr guten Noten einiger Privatschüler in meiner Wahrnehmung schmälert. Wenn mir ein Schüler jetzt erzählt, er habe das Abi mit 1,3 gemacht, da kann ich nur müde lächeln. 1,3 bei dem und dem Lehrer – das kommt der Sache dann schon näher und relativiert so manches.

Interessant ist auch, wie mir einmal mehr bewusst wurde, dass ja die Abiturnote, die noch durch wenigstens zwei Instanzen geht, nur einen Teil der Endnote ausmacht. Wenn die Vornoten stimmen (was nicht heißt, dass sie mit dem Abiturergebnis übereinstimmen müssen!), dann fällt der Abischnitt gleich viel besser aus. Und es gibt sie, die Lehrer, die die Noten herschenken. Und ich brauche hier nicht mehr erwähnen, an welchen Schulen das wieder auffällig der Fall ist?! Die Welt ist nicht gerecht – und Schule schon gar nicht!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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13 Kommentare zu “Frau Henner fällt vom Glauben ab”

  1. Du hast so recht, leider, muss man ja schon sagen. Das Problem hab ich in letzter Zeit auch zu hören bekommen, eine Freundin hatte Erst- und Zweitkorrektur Deutsch, und hat ebenfalls die deutlich unterschiedliche Bewertung angesprochen.
    Privatschulen, naja, da kauft man sich eben seine Note. Und da man dann mit den gekauften Noten und dem Ruf der Schule bereits Türen öffnet, landet man bei tollen Jobs, und Ruf und Ansehen der Schule steigen. Ein Teufelskreis, bei dem es zwei Verlierer gibt: Normalsterbliche, die sich das nicht leisten können, und die Bildung…

    Und, wie Tina schreibt, setzt sich dies dann an den Unis fort, und, machen wir uns nichts vor, auch im Berufsleben. Es ist doch ein Elend.

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  2. Meine Englischlehrerin hat auch erzählt, dass sie Zweitkorrekturen von einem Kurs hat, dessen Lehrer durchgehend grobe sprachliche Fehler (z.B. their/there/they’re) und inhaltliche Mängel ignoriert hat. Sie hat das Gefühl, dass der Lehrer selbst entweder absolut inkompetent ist oder auf einen nachlässigen Zweitkorrektor hofft um seinem Kurs bewusst viel bessere Noten zu bescheren als verdient.

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    1. Und im Normalfall sollte das nach hinten losgehen. Wenn ich als Zweitkorrektor merke, dass da einer schlampig korrigiert hat, bekomme ich mit der Zeit richtig Wut und bin vielleicht sogar ein wenig zu streng. Und der Drittkorrektor darf es dann ausbaden – und da kommt es darauf an, wie der so drauf ist.
      Das geflissentliche Übersehen von groben Fehlern hatte ich übrigens auch, mal kann das passieren, aber dort war es entweder Riesendummheit oder Methode. Beides ist möglich. Erschreckend.

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    1. Wenn einer Schule schon so ein Ruf vorauseilt, ist das zwar sehr unschön, aber immerhin merken es die Leute – und dichten. Was mich wütend macht, ist, dass es einige Schulen zu einem hohen Prestige schaffen und nur wenn man tatsächlich mal hinter die Kulissen schaut, merkt man, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Gerade an solchen Schulen arbeiten aber die gelernt eloquenten Schüler und Anwaltseltern gerade dafür, dass die Schule für besonders gut gehalten wird – ganz schlimm, wenn dann auch noch die Medien aufspringen.
      Es gibt sicher viele engagierte Schulen, egal ob privat oder staatlich, aber ich musste lernen, dass selbst ein Schulpreis nicht davor schützt, dass auch nur mit Wasser gekocht wird, selbst wenn man bisschen rosa Farbe reingeschüttet hat.

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  3. Mir schwirrt folgendes im Kopf herum:
    1.)
    Als Problem sehe ich es an, dass der Fokus der Schüler (und auch der Politik) auf den Noten liegt. Verständlich, da ja alle folgenden Instanzen (Ausbildungstelle, Uni, Arbeitgeber…) als Zugangsberechtigung diese Noten heranziehen.
    2.)
    Wenn die folgenden Instanzen sich nicht mehr an den Noten orientieren (und die Schüler das auch wissen), sondern an dem tatsächlich vorhandenen Wissen und dem Vermögen dieses auch auf neue Fragestellungen anzuwenden, was passiert dann?
    3.)
    Stellt sich die Frage: Wie soll denn das gehen? Ich vermute durch Eingangstests der Instanzen. Ich kann mir vorstellen, dass wir uns darauf zu bewegen, das der Zugang zu Uni oder Lehrstelle nicht mehr über die Schulnoten erfolgt (weil diesen nicht mehr vertraut wird), sondern nur noch über Eingangstests. Unter Umständen sehr umfangreiche Eingangstests.
    4.)
    Wenn das so wäre: Würden dann die Schüler (mir ist klar das das ein längerer Prozess ist) nicht die Ausbildungsstätte wählen, die am besten auf diese Eingangangstests vorbereitet und nicht mehr die, in der sie eine gute (aber eben wertlose) Note bekommen?
    5.)
    Als Ergebnis hätte man Schüler, die daran interessiert sind Wissen (im richtigen Umfang, nämlich des oder der Eingangstests) vermittelt zu bekommen und nicht Schüler die an guten Noten interessiert sind. Denn was nützt mir als Schüler die gute Note, wenn ich damit keinen Eingangstest bestehen kann?
    6.)
    Nach und nach würden sich die Niveaus der Schulen den Eingangstests angleichen, da diejenigen Schulen (oder andere Bildungsanbieter?), die nicht erfolgreich auf die Eingangstests vorbereiten, immer weniger besucht werden, da die Zeit hier zu verbringen ja offensichtlich unsinnig ist.
    7.)
    Damit dies optimal funktioniert geben die Instanzen vorher (mehrere Jahre vor dem Test: z.B. 13 Jahre vorher…) genau bekannt welches Wissen sie in den Eingangstests abfragen, so das eine optimale Vorbereitung möglich ist.
    Die Eingangstests werden aus einem immer gleichen Themenpool gebildet werden, der allerdings sehr breit gefächert sein wird.
    Wer dann wann diesen Test macht ist unabhängig vom Alter oder der Verweildauer auf einer Schule.
    8.)
    Reichen u.U. folgende Rahmenbedingungen:
    a) den Inhalt der Eingangstests lange Zeit im Voraus fest zu legen?
    b) die Verifizierung des in der Schule vermittelten Wissens aus der Schule in eine unabhängige Instanz zu verlagern?
    (Würde dies nicht insbesondere das Verhältnis Lehrer Schüler grundlegend verändern? Der Lehrer ist der Unterstützer der Schüler, der sie in ihrem Bestreben den nächsten Eingangstest zu bestehen unterstützt.)
    c) die Verifizierung jedes Schuljahr mit jeder Schulklasse in jedem Fachgebiet durchzuführen?
    d) die Ergebnisse anonymisiert und für jedes Bildungsinstitut öffentlich (alle Bürger) sofort einsehbar machen?

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    1. Hier denkt jemand sehr weit – und das ist gut, lassen wir uns auf dieses Gedankenexperiment ein! So weit hergeholt ist das gar nicht. Zwar zählt noch immer der Schnitt in vielen Studiengängen, aber gerade heute sagte mir ein Verantwortlicher, dass sie bei Einstellungen doch sehr auf das einzureichende Portfolio achten würden, das Arbeitsproben enthalten sollte.
      Was ich von diesen Portfolios halten soll, weiß ich nicht so recht, denn es bevorteilt Schüler mit Eltern mit dicken Portmonees und Schüler von engagierten Eltern, die ihre Kinder pushen, und fördert auch die Trickbetrüger und Hinbieger.
      Die spezifischen Tests hingegen finde ich relativ interessant, aber sie sollten kein Wissen abfragen, auf das hingearbeitet wird, sondern je nach angestrebter Ausbildung Denkvorgänge abbilden können. Auf bestimmte Testformate wird blind gepaukt, bis man besteht, aber das Verfassen eines Aufsatzes zu einem bestimmten Thema zum Beispiel, verrät mir viel mehr, ob einer gelernte Aspekte in Zusammenhänge setzen kann.

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