Was nicht in Schulnoten abbildbar ist

Liebe Leser,

Lucy verblüfft mich schon manchmal. In der Schule kommt sie gut mit, manchmal bleibt sie aber auch unter ihrem Leistungsvermögen. Das ist schon ein wenig frustrierend. Da kommen Einser und Zweier und dann fehlt ihr der letzte Biss, der Ehrgeiz, die Genauigkeit und Konzentration, daraus auch eine Eins zu machen. Dann schlampert sie und schreibt auch mal eine Drei. In kaum einem Fach reicht es für eine Eins. In einigen Fächern steht sie auf 1,7 oder noch schlimmer auf 1,6. Das ist der undankbare vierte Platz. Ich weiß, davon träumen viele Eltern, aber wenn man dann eben doch die Zwei bekommt, obwohl man so nah dran war, das fängt langsam auch Lucy an zu ärgern. Kurzzeitig zumindest, Lucy ist kein Kind von Traurigkeit.

Lucy interessiert sich für vieles, das noch gar nicht Unterrichtsstoff ist und sie demzufolge auch nicht anbringen kann. Ihr geht es eher um große Zusammenhänge. Wieviel Plastik verträgt die Welt noch? Was macht Fastfood mit dem Körper? Warum sind die Amerikaner so anders als wir, obwohl sie uns doch so ähnlich sind? Was ist typisch deutsch? Wie würde man das jetzt in der englischen Upperclass ausdrücken? Um ein Kind, was solche Fragen stellt, brauche ich mir – glaube ich – keine Sorgen machen, auch wenn es in der Schule gerne schlampert und sich leider noch immer nicht traut, im Mündlichen das zu sagen, was es denkt, weil die Antwort ja falsch sein könnte.

Und um ein junges Mädchen, was folgendermaßen handelt, sowieso nicht:

Frühstück am Wochenende, Mama Henner teilt gebratenes Ei aus und kleckert dabei auf Papa Henners Platzdeckchen. Flecken! Butter, Öl und Ei! Schei*e! Papa Henner hat es noch nicht gesehen. Lucy steht neben mir und sagt: „Mama, das ist nicht schlimm, das machen wir folgendermaßen: Ich sag‘ einfach, dass ich Wasser verschüttet hab und leg ein Tuch drüber.“ Lucy flitzt in die Küche und holt einen feuchten Lappen, wischt ein bisschen damit auf dem Platzdeckchen herum und legt ein Küchenkrepp drüber. Papa Henner kommt stirnrunzelnd herein: „Na, haste wieder was verschüttet?“ Lucy lächelt charmant: „Nur ein bisschen Wasser, hab dir schon was drübergelegt.“ Ich steh ein bisschen blöd daneben, aber innerlich lache ich.

Nach dem Frühstück, als Papa Henner schon aufgestanden ist, nimmt Lucy Papas Platzdeckchen und sagt: „So Mama, das drehen wir jetzt einfach rum, das merkt der Papa sowieso nicht!“

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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3 Kommentare zu “Was nicht in Schulnoten abbildbar ist”

    1. Das hoffe ich auch – dass sie dann der Ehrgeiz doch noch packt, wenn es drauf ankommt, also in der Oberstufe. Bis dahin wird sie sich durchschlurfen, deswegen mit Herrn Henner ab und zu aneinander geraten, uns stehen also noch turbulente Jahre ins Haus!

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