Die Wahrheit – schwarz auf weiß

Liebe Leser,

mein Vater hat mir beigebracht, dass unser Gedächtnis selektiv ist. In meiner Kindheit waren natürlich alle Sommer wolkenlos und der faule Straßenstaub wurde nur ab und zu von einem erfrischenden, immer warmen Sommerregen abgelöst – natürlich. Und falls es doch einmal gewitterte, war dieses Gewitter an Eindrücklichkeit nicht zu überbieten. Alles war schön. Aber schon damals stellte ich fest, dass sich mein Gedächtnis doch gegen Selektion sträubt. Ich erinnere mich heute auch an die weniger schönen Momente. Überhaupt – mein Gedächtnis ist in der Erinnerung von Erlebtem ziemlich phänomenal. Aber fragt mich ja nicht nach Namen oder Zahlen…

Da spielt mir mein Gedächtnis schon einmal einen Streich. Ich erinnere zwar noch ganze Schulstunden aus der Grundschule, aber weiß nicht mehr, wie manche Lehrerin hieß. Dafür gibt es ja aber Dokumente. In diesem Falle Zeugnisse.

Pfingstmontag. Wir sitzen am Frühstückstisch und kommen auf unsere Schulleistungen zu sprechen. Auslöser ist, dass es Herrn Henner wurmt, dass Lucy sowenig Ehrgeiz entwickelt. Irgendwann driften wir in unseren Erinnerungen in ein „glaube ich“ ab. Herr Henner steht auf und holt sein Zeugnisheft. Mit „glauben“ wollen wir uns nicht zufrieden geben.

„Bring mir meins mit, Schlafzimmer, untere Schublade!“, rufe ich ihm noch hinterher.

Und dann sitzen wir da und vergleichen unsere Noten. Es ist schon erstaunlich, wie ähnlich die waren! Aber Frau Henner siegt immer mit mindestens einer Eins Vorsprung – ha! Und – ups! – ich hatte tatsächlich eine Drei in Mathe in der Zehnten! Das hätte ich geleugnet, wenn mich einer gefragt hätte, und zwar aus Unwissenheit bzw. Verdrängung. Da ist mein Gedächtnis sehr selektiv. Die Drei in Sport, die wusste ich, aber Mathe? Und jetzt kommt es; Herr Henner hatte im selben Schuljahr auch zwei Dreien: in Sport und Mathe! Ich glaub es nicht!

Diese Lektüre ist ungemein spannend und aufschlussreich. In den Naturwissenschaften war ich sehr gut, auch wenn sie mir keinen Spaß gemacht haben. Aber dann habe ich die Schule gewechselt, und dann stehen da nur noch Zweier oder auch Dreier. Und ich erinnere mich noch sehr genau. An dieser Schule waren die Schüler, die nicht den naturwissenschaftlichen Zweig gewählt hatten, von Grund auf dumm – in den Augen ebendieser Lehrer. Und wir als musischer Zweig standen in dieser Hierarchie ganz unten. Der Chemielehrer kam morgens herein und sagte: „Ich koche erst mal Kaffee, es bringt ja eh nichts, euch was beizubringen.“ Der Mathelehrer sagte: „Hat je sowieso keinen Zweck, ihr kapiert nichts.“ Sie brachten uns dann auch nichts bei und ließen uns in den Arbeiten ins offene Messer laufen, damit ihre Theorie bewiesen war. Nach der zehnten wechselte ich dann wieder die Schule und siehe da, auf einmal kapierte ich Mathe und arbeitete mich ohne große Mühe wieder in den Einserbereich hoch. Steht alles drin im Zeugnis – schwarz auf weiß.

Noch interessanter sind allerdings die Worturteile. Herr Henner liest seines aus einer bestimmten Klassenstufe vor, dann bin ich dran. Auffällig ist, wie individuell und treffend diese Worturteile sind – nix Wortbausteine, wie wir sie an der Schule haben, wo der Text der meisten einfach auswechselbar ist. Bei uns beiden fallen diese Worturteile sehr positiv aus. Die Lehrer loben Lilos „rasche Auffassungsgabe und den Blick für das Wesentliche“ und Klein-Hennis „gutes und stets einsatzbereites Allgemeinwissen“. Zwischen den Zeilen schimmert auch Kritik durch, wenn es Klein-Henni nicht schnell genug im Unterricht ging. Das hört sich dann so an: „Dabei geschieht es aber, daß er die Leistungen des einzelnen nicht richtig einschätzt und es manchmal zu Unstimmigkeiten kommt. Da Henni aber die Bedeutung von Kritiken erkannt hat, sind diese Unstimmigkeiten stets schnell wieder beseitigt.“ Ich kann mir gut vorstellen, was die Lehrerin damit sagen wollte. Lucy guckt ziemlich neugierig. Es ist gut, wenn da in unseren Zeugnissen nicht nur Positives steht. Also lies mal weiter Herr Henner!

Herr Henner liest: „Obwohl Henni sehr gute Leistungen aufzuweisen hat, ist sein Leistungsvermögen nicht erschöpft. Gelingt ihm das Lösen eines Problems nicht sofort, wird er nervös und oberflächlich. An einigen Stellen fehlt ihm die notwendige Ruhe und Ausdauer, um in allen Situationen sorgfältig arbeiten zu können.“ Und das steht auf einem Zeugnis, auf dem nur Einser und ein paar Zweier drauf sind! Aber der Text lässt sich nicht leugnen und ich finde: der Punkt geht an Lucy. Sie grinst.

Herr Henner hat nun kein Argument mehr, wenn er behauptet: „Also von mir hat Lucy das nicht!“

So einen Moment hatte ich übrigens auch mit meinem Vater. Nie vergessen der Tag, an dem er seine alten Schulzeugnisse herauskramte und uns das Worturteil preisgab, was soviel sagte wie: Wolfgang kann sich gewandt ausdrücken, wenn er aber mehr zu den anderen als zu sich selbst sprechen würde, könnte man ihn auch verstehen. Mein Vater, der selbstbewusste, Autorität ausstrahlende, große Mann soll schüchtern gewesen sein… Wir haben herzlich gelacht! Gemeinsam über Schwächen lachen, tut gut – und man lernt nebenbei: Menschen entwickeln sich immer weiter. Danke für diesen Beweis!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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9 Kommentare zu „Die Wahrheit – schwarz auf weiß“

  1. Ha, das haben wir auch schon gemacht. Und zwar im Halbjahr, als der Sohnemann mit seinem sehr guten Zeugnis unzufrieden war. Da haben wir mal flugs die alten Zeugnisse ausgekramt und geschaut, Ich wusste ja, dass ich in der Fünf ne faule Socke war und da ein echt schlechtes Zeugnis hatte. Und schwupps, war der Sohnemann auch wieder zufrieden.
    Liebe Grüße
    bergziege

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    1. Dein Sohnemann scheint ja großen Ehrgeiz zu haben (was Lucy abgeht) und nun muss er lernen, sich selbst mit seinen Ansprüchen nicht im Weg zu stehen und glücklich zu sein. Schön, wenn ihr ihm dabei helfen könnt!

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  2. Eine sehr gute Idee! Muntert Lucy auf und zeigt gleichzeitig, dass auch die Eltern „nur“ Menschen waren, bei denen es in der Schule mal besser, mal schlechter lief, und wie viel man sich entwickeln kann.
    Ich hab jetzt richtig Lust, mal in meinen alten Zeugnissen zu stöbern. 😀

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  3. Ach, so alte Zeugnisse… Darüber hatte ich ja auch mal an einem „Throwback Thursday“ gepostet. Einfach sehr interessant und aufschlussreich. 🙂 Bei mir waren das ja Grundschulzeugnisse, aber insgesamt wird das sicherlich desto interessanter, je mehr Abstand man dazu hat.

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    1. Besonders interessant fand ich, dass die Worturteile bei uns beiden früher einfach viel individueller und damit auch treffender waren – die Lehrer haben Verhaltensweisen schon damals gut erkannt, die ich heute immer noch an den Tag lege – manche zumindest. Und in mir wäüchst dann doch die Lust, auch wenn es Arbeit macht, mehr und mehr von diesen unsäglichen Wortbausteinen wegzukommen. Aber ob das die Kollegen freut? Ich fürchte, nein.

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      1. Ja, ich weiß, was du meinst, das war bei mir dasselbe. Die Grundschulzeugnisse bestanden ja in den ersten zwei Jahren – zumindest in RLP – nur aus Texten, und das hat mich so überrascht: Ich habe mich komplett wiedererkannt, meine Persönlichkeit muss sich also damals schon so abgezeichnet haben. 😉

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