spickmich – die große Enttäuschung

Liebe Leser,

seit es das Internet gibt, ist eine Recherche zu einem aktuellen Thema ja so leicht – möchte man meinen.

Neulich kam mir in der Bibliothek, während ich darauf wartete, dass Lucy ihre fünfundzwanzig Bücher in die eigens dafür reservierte Stofftasche bugsiert, ein kleines Büchlein in die Hände von den Machern der spickmich-Seite. Von dieser Schüler-bewerten-ihre-Lehrer-mit-Schulnoten-Seite hat wahrscheinlich jeder schon einmal etwas gehört – allein es hat mich bis jetzt nicht die Bohne interessiert. Ich war also noch nie auf dieser Seite oder der mit ihr verwandten Seite Schulradar. Aber nun war ich neugierig geworden. Ich habe keine Angst, mich den Bewertungen meiner Schüler zu stellen und ich bin neugierig. Wo bekomme ich eine Eins? Hey Leute, eine Eins werdet ihr doch für mich übrig haben? Und wo die Zweier? Und wo die Dreier – da sollte ich vielleicht mal drüber nachdenken. Und wehe, ihr habt mir was Schlechteres verpasst… dann… dann… werde ich den schönen Film, den wir zusammen gedreht haben und den ich in diesen Ferien geschnitten habe, nicht zeigen – bäh! Strafe muss sein. Aber ganz ehrlich? Ich rechne gar nicht damit, dass überhaupt ein Schüler eine Bewertung abgegeben hat. Warum, kann ich gar nicht genau sagen: weil meine Schüler verschnarchte Landeier sind? Die haben doch auch Internet. Weil sie so lieb sind? Ist das ein Argument? Apropos: Kann man da auch Kollegen gucken?

Jetzt hat Frau Henner richtig Lust auf spickmich.

Und wird enttäuscht.

Die Seite ist seit einem Jahr angeblich im Umbau.

Der betreuende Jugendschutzbeauftragte und Anwalt Thorsten Feldmann erwähnt dies auf seinem privaten Blog mit keinem Wort, auch wenn dort die ersten gerichtlichen Erfolge der Seite groß gefeiert wurden. Von dem angeblichen Umbau schweigt man lieber. Aber nun bin ich neugierig geworden. Und wo lande ich? Auf Gute-Frage-net!

Dort tauschen sich tatsächlich Schüler aus, wie traurig sie ohne spickmich sind, und rätseln, wann ihre Lieblingsseite wieder ans Netz gehen könnte. Und sie werden enttäuscht, weil ihnen jemand sagt, dass es definitiv kein Umbau sei, sondern die Seite nicht mehr betrieben werde. Dies wäre so schnell gegangen, dass man nicht einmal mehr die Moderatoren der Seite hätte informieren können. Aber einige Schüler machen jetzt eine Online-Petition. Hach – ich wusste gar nicht, was es da für einen spickmich-Kosmos gibt – ähäm – gab! Und mehr erfahre ich auch nicht. Das große Internet ist auch ein großes Schweigen.

Nun bin ich weder traurig über eine schlechte Benotung noch glücklich über eine gute – aber verspüre doch ein wenig enttäuschte Neugierde. Die ich aber ganz schnell wieder vergessen werde. Im Gegensatz zu den Schülern spielt spickmich einfach keine Rolle für einen Lehrer wie mich.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

P.S. Bei dieser kleinen Recherche stoße ich mal wieder auf das bekannte Medien-Phänomen: Wir Deutschen reden unser eigenes Schulsystem schlecht. Die Berichterstattung ist sehr einseitig – einseitig schlecht für die Lehrer. Die vielen Beiträge, die den Start der Seite spickmich kommentieren, beginnen fast alle mit dem Motto: Lehrer bewerten jeden Tag ihre Schüler mit Noten, also ist es doch nur gerecht, wenn sie jetzt auch einmal von ihren Schülern bewertet werden. Ein konstruktives Feedback? Bemerkt eigentlich einer der studierten Medienleute, dass es einen fundamentalen Unterschied gibt zwischen

1. ein dazu auch ausgebildeter Lehrer gibt dem Schüler für eine erbrachte Leistung innerhalb eines Klassenspektrums eine Note, die dieser wissentlich von diesem Lehrer erhält und niemandem außer vielleicht seinen Eltern zeigen muss

und

2. Schüler vergeben ihren Lehrern Noten, die jeder Mensch dieser Welt dann im Internet einsehen kann? Veröffentlichen die Schüler etwas ihre Klassenarbeitsnoten mit den darunterstehenden Kommentaren oder scannen ihre Zeugnisse ein?

Erst dann könnte man annähernd von einem ausgleichenden Verhältnis sprechen, Gerechtigkeit ist sowieso eine ganz andere Kategorie (klingt jedoch im Fernsehen immer so gut!) – aber ganz ehrlich, das wäre doch großer Mist.

Und nun der allerletzte Satz: gegen ein Feedback Schüler – Lehrer ohne das dazwischengeschaltete Internet habe ich gar nichts, man wird ja so gerne missverstanden…

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5 Kommentare zu „spickmich – die große Enttäuschung“

  1. Liebe Frau Henner,
    in meiner Schulzeit gab es Spick-Mich noch und ich war auch immer sehr neugierig. Allerdings musste man sich für die Einsicht in die Bewertungen damals extra einen Account erstellen. Ich habe das dann sogar gemacht und musste dann zu meiner Enttäuschung feststellen, dass kein einziger Schüler meiner Schule einen Lehrer bewertet hatte und selbst hätte ich mir das auch nie getraut, weil ich genau weiß, dass meine Lehrer mindestgens genauso neugierig sind wie ich ;).

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    1. Genau, ich hätte mir auch einen gefakten Schüleraccount zugelegt. Nicht um Kollegen zu bewerten oder um meine Bewertung aufzumöbeln, sondern um überall schnüffeln zu können. Lehrer sind – wenn es gute Lehrer sind – ja von Natur aus neugierige Menschen. Die Spickmichmacher haben aber auch aus Fehlern gelernt. Anfangs reichten fünf Bewertungen, um ein Lehrerprofil zu veröffentlichen, später mussten es dann schon zehn sein, damit der Lehrer überhaupt erscheint. Das soll Rachakte verhindert. Was, wenn einer tatsächlich Wut hat, aber auch nicht viel nützt.

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  2. Ach komm, Schüler besitzen die einzige Qualifikaiton, die notwendig ist, um Lehrer zu ver-, Pardon, beurteilen: Sie gehen nämlich zur Schule. 😉
    Und das Internet ist doch privat, es heißt ja auch „meine“ Facebookseite und so. *seufz*

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    1. Ich hätte es mir ja auch gerne angeguckt – und ganz ehrlich, ich hätte auch, wenn ich schon mal dabei bin, meine alten Lehrer gesucht und vor allem die Kollegen. Ich bin auch nur ein Mensch und ihr kennt ja alle den Spruch von der Schadenfreude!

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      1. Ja, so aus Neugierde hätte ich auch mal gerne reingeschaut, wie denn andere „meine“ Lehrer so sehen. Aber ich bin da wohl eh die Ausnahme, bis auf den Sportlehrer konnte ich die meisten halbwegs leiden, und mein letzter Sportlehrer hat mich dann später nach dem Abi echt überrascht, weil er supernett zu mir war.

        Dass die Kollegen interessant sind, das glaub ich gerne. Vor allem, weil das ja so ne ganz andere Sicht auf die wäre. Eigentlich ja fast schon schade…

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