Mehr Gerechtigkeit durch Ziffer- und Worturteil?

Liebe Leser,

draußen regnet es, drinnen sitzen einunddreißig braungebrannte Leiber unruhig vor mir. Wo sie überall gewesen sind! Ganz oben steht Italien. Und Spanien. Hauptsache Meer. Die Pfingstferien avancieren mehr und mehr zu den zweiten Sommerferien. Kann man den Wohlstand einer Gesellschaft an der Anzahl der großen Urlaube abmessen? Kennt hier überhaupt noch einer den Begriff „Jahresurlaub“? Wo man doch zur Fasnacht eine Woche Ski fährt, zu Ostern eine Städtetour macht, zu Pfingsten ans Meer fährt, weil es da im Süden noch preiswerter und weniger touristenvoll ist und dann aber im Sommer immer noch einmal eine Reise ansteht? Und jetzt sollen diese Urlaubskinder wieder Schule machen. Endspurt. Vier, fünf Klassenarbeiten, mündliche Noten, Referate.

„Frau Henner, haben Sie unter die Klassenarbeit auch druntergeschrieben, wie ich momentan stehe?“

„Ja, bis auf zwei Stellen nach dem Komma, wenn du es genau wissen willst.“

„Ah, dann ist es ja gut.“

„Frau Henner, kann ich es mit einer 2,67 noch auf eine Zwei schaffen?“

„Ich würde mich auf alle Fälle anstrengen.“

„Frau Henner, was bedeutet eine 1,82 – ist das eine Zwei?“

„Ja, eine Zwei.“

„Schade.“

„Ach Leutchen, wen interessiert später schon eure Note in Klasse 6! Hauptsache, ihr habt etwas gelernt.“

„Meine Eltern interessiert das!“

„Genau für die sind auch die zwei Kommastellen.“

„Achso.“

Dass die Kinder nun langsam nach den Noten schielen, ist verständlich. Die Lehrer und die Eltern machen das schließlich auch. Noch vor ein paar Jahren hätte ich unser Notensystem bis auf den letzten Tropfen roter Tinte verteidigt, aber mehr und mehr stört es mich. Ich habe kein Problem, Noten zu geben, und ich mühe mich um eine gewisse Gerechtigkeit. Aber immer mehr wird mir bewusst, wie ungerecht Noten an sich sind. Zwischen verschiedenen Lehrern und Schulen gibt es einfach zu große Unterschiede, als dass man von einer objektiven Notenvergabe sprechen könnte. Und selbst in meiner Klasse hadere ich.

Maximilian wird keine Eins schaffen, weil seine Rechtschreibung noch unsicher ist und er dummerweise eine Klassenarbeit versemmelt hat. Dabei ist er einer meiner klügsten Köpfe. Aber er kommt nunmal nicht auf eine Eins. Also eine Zwei. Wen interessiert schon die Note in Klasse 6? Ihn, den Maximilian, der so auf die gleiche Stufe rutscht wie manch anderer Schüler, der sich gerade noch so auf eine Zwei retten konnte. Eine 1,6 ist auf dem Zeugnis das gleiche wie eine 2,4. Aber von der Leistung her liegen Welten dazwischen.

Manchmal fange ich dann an zu tricksen und gebe noch ein paar Zusatznoten für besondere Leistungen, weil ich ein paar Schüler höher einstufen will. Aber das reicht oft nicht. So eine versemmelte Klassenarbeit haut eben ganz schön rein.

Manchmal wäre mir da ein Worturteil lieber. Dann könnte ich Maximilians Reife hervorheben, seine Ausdrucksstärke loben und auf die stetige Arbeit an der Rechtschreibung hinweisen, die nicht nachlassen darf. Und dann könnte ich auch eher die Zwei dort gelten lassen. Ich würde den Text so schreiben, dass klar wird, dass es eine Zwei ist, die eigentlich eine Eins sein könnte und auch irgendwann wird. So kann ich das dem Schüler nur sagen.

Hätte ich gar keine Noten mehr, wäre es recht schwierig, Fabrice‘ und Ronjas Müttern zu erklären, warum ihr Kind nicht mehr am Gymnasium mitkommt. Da spricht eine Vier einfach ein klareres Wort. Daneben würde ich Fabrice‘ Bemühen honorieren, ehe ich seine Defizite aufzählen müsste. Und bei Ronja? Nun ja, immerhin ist sie immer anwesend.

Wie aber sähe so ein Zeugnis aus, auf dem Noten stehen und daneben noch ein, zwei Sätze pro Fach? Die Kollegen würden mich killen, denn das macht dann natürlich noch mehr Arbeit. Und bei den Nebenfächern, kann man denn da überhaupt zu jedem Schüler etwas Individuelles sagen? Schafft man so mehr Transparenz, Motivation oder gar Gerechtigkeit? Würde es dann nicht wieder irgendwelche vorgefertigten Wortbausteine geben, die nivellieren?

Als Lehrer sehe ich die Vorteile und auch die Nachteile, denn ich kenne die Mühlen des Systems und die Grenzen mancher Kollegen – wie auch meine eigenen. Aber wenn ich nun in die Mutterrolle schlüpfe, dann wäre ich begeistert von einem differenzierten Blick auf mein Kind. Und die Notengläubigkeit würde sich vielleicht verlagern auf ein echtes Hingucken auf das Worturteil. Vielleicht.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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9 Kommentare zu „Mehr Gerechtigkeit durch Ziffer- und Worturteil?“

  1. Bei mir (Gesamtschule im Ausland) gab es bis zur siebten Klasse für die Fächer English, Math, Content jeweils eine „Gesamtleistungsnote“ von A-F, dann eine „Effort-Note“ von 1-6, vier Unterpunkte die auch mit 1-6 bewertet wurden (bei Englisch z.B. Rechtschreibung, Stil, …) sowie ca 50 Wörter. In den anderen Fächern (Informatik, Fremdsprache) gab es Leistungsnote, eine Effort-Note sowie 1-2 Sätze.
    Bei mir standen dann so Dinge wie „is diligent and quick to do her work, but tends to make 1-2 careless mistakes in a bunch of 20 sums“ oder „extensive vocabulary, still working on essay writing“.
    Auf der zweiten Seite des Zeugnisses wurde angekreuzt, wie „entwickelt“ diverse Sozialkompetenzen waren (excellent – good – satisfactory – ….), und geschrieben, in welchen AGs man gewesen war (Sport, Kunst, Fremdsprachen, Musik, …).
    Unten drunter schrieb der Schulleiter dann noch einen Kommentar (für. alle. 220. Schülerinnen und Schüler).

    Ab der 8. Klasse gab es auf der Vorderseite eine Leistungsnote, die sich leider nur auf schriftlichen Leistungen bezog (drei Tests pro Trimester + ein-zwei Klausuren jedes halbe Jahr). Da dran „angeheftet“ wurden kleine Zettel vom jedem Fachlehrer, die die Leistung kommentierten. So schrieb mein Französisch-Lehrer ‚mal zu 84% „disappointing result, can do better“ (tja, wenn ich gelernt hätte 😀 :D) und mein Mathe-Lehrer im selben Zug zu 64% im Kurs „additional mathematics“ „Excellent, keep up the good work!“ (wer im normalen Kurz auf einer Eins stand war im add math Kurs stolz wie Bolle, überhaupt zu bestehen).

    Diese Kommentare halfen einfach, die Leistung einzuordnen. Wenn da ein B stand mit Effort 3 war klar, dass man sich einfach ‚mal auf den Hosenboden setzen müsste, umgekehrt konnte man bei einem B mit Effort 1 zu Recht erwarten, dass die Eltern stolz sind.

    Ich bin dankbar für dieses System und finde es auch immer noch befremdlich, wenn meine Geschwister (jetzt auf einem Gymnasium in Deutschland) mit ihren kargen Zeugnissen nach Hause kommen, aus denen so wenig hervorgeht, und hoffe, dass hier demnächst ein Umdenken stattfindet.

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    1. Das klingt sehr interessant. Und es klingt nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Schüler und das motiviert ihn. Natürlich klingt es auch nach viel Arbeit – vor kurzem habe ich erlebt, dass einige meiner Kollegen nicht mal bereit waren, sich die Schnitte der Abiturienten anzuhören, das hat sie nicht die Bohne interessiert, obwohl es doch nur fünf Minuten gedauert hat und man einen guten Eindruck vom Jahrgang bekam. Das macht mich traurig. Unsere „kargen Zeugnisse“ sagen tatsächlich sowenig aus.

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  2. Das Phänomen der „zweiten großen Ferien“ ist mir heute ebenfalls begegnet. USA, Spanien, Italien, Katar… Ein Ziel luxuriöser als das nächste, während ich mich noch gut an Zeiten erinnere, als es nur Balkonien gab. Weiß nicht so recht, was ich davon halten soll…

    Zu den Bewertungen: Sicher, so ein kleiner Satz in Richtung „Knapp an der ‚1‘ vorbei, aber er kann es definitiv“ wäre auch für den Schüler nicht schlecht. Oder wie bei Nadya mit einer kleinen Extraskala für „Verbesserung“ oder Anstrengung, sodass dann bei der 2 in Deutsch daneben die Tendenz „sehr gut“ seht.
    Die Eltern hingegen, naja, die sehen doch das ganze Jahr über die Klassenarbeitshefte und zeichnen die Noten ab, für die kann es dann doch nicht überraschend sein, dass ihr Kind auf dem Gymnasium falsch ist, wenn nur 4er und 5er kommen. Aber, ach, ich vergaß, Eltern wissen es besser. *seufz*

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    1. Heute kam tatsächlich Maximilian und gestand mir, dass er sich ärgert, wenn er eine Zwei bekommt – über sich selbst. Aber dann lächelte er und meinte: „Aber wissen Sie Frau Henner, wenn ich bei Ihnen weiß, dass es doch knapp war, das hilft mir schon, denn eine 1,6 das ist halt was ganz anderes als eine 2,4.“ Ja, er hat es schon kapiert. Und ich glaube, er ärgert sich auch genau darüber, dass man das auf dem Zeugnis eben nicht mehr sehen kann.

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      1. Das sind doch schöne Momente, in denen man sieht, wie die kleinen reifen und erwachsen werden, Zutrauen zur eigenen Leistung finden und so. 🙂
        Und ich denke, für ihn wird die 2 dann auch tatsächlich Ansporn sein, es nächstes Jahr besser zu machen.

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  3. „Eine 1,6 ist auf dem Zeugnis das gleiche wie eine 2,4. Aber von der Leistung her liegen Welten dazwischen.“ Genau das habe ich auch immer gesagt und es hat mich so geärgert. Vor allem, weil ich in der Mittelstufe oft auf der undankbaren 1,5 stand, und es dann hieß: „Das wird dann eine 2 mit einem ganz dicken Plus!“ Ja, davon konnte ich mir auch nichts kaufen.
    Was ich hier aber nicht verstehe: Das Problem mit der Tendenz ließe sich so einfach lösen, indem man einfach von vornerein das Oberstufensystem mit 0-15 Punkten einführen würde. 12 Punkte sehen doch schon mal ganz anders aus als 10, obwohl in der Mittelstufe beides einfach nur die 2 gewesen wäre. Warum hält man an diesem 1-6 System fest, und zeigt Tendenzen erst in der Oberstufe auf?! Ist mir ehrlich unbegreiflich.
    Verbalbeurteilungen fände ich aber auch toll, aber ja, das macht eben dann auch so viel Arbeit… Wo aber liegt das Problem, das Punktesystem statt der Ziffernnoten einzuführen?!

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    1. Das Punktesystem? Du, warum eigentlich nicht? Spontan würde ich sagen, ja, das wäre wenigstens ein Anfang! In meiner Klasse wären dann einige wenige mit 12 Punkten und viele mit 10 Punkten. Und auch bei den Dreiern würde das die Tendenz gut zeigen. Aber wahrscheinlich gibt es irgend einen Haken, den wir nicht bedacht haben.
      Bring doch deine Idee unters Volk – vielleicht hört uns ja jemand im Ministerium!
      Vielleicht ist das Gegenargument dann, dass es eben schon so Tradition ist und andersherum nur eine Scheingerechtigkeit entstände und es demotivierend sei, wenn man statt einer 2 „nur“ 10 Punkte hat? Kindern am Kippbereich zur oberen Note wie Maximilian würde es auf alle Fälle helfen. Ich sehe das selbst bei Lucy. Im Halbjahr hatte sie so viele 1-2 und 2+, das nivelliert sich zum Endjahr alles. 12 Punkte fände ich auch als Eltern motivierender. Auch weil es abgrenzt gegen die 10 Punkte. Aber Leistung ist ja nicht gerade das, worauf sich BaWü gerade stürzt… es sollen ja alle gleich werden!

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      1. „Tradition“, da finde ich immer, dass das das blödeste Argument ist. Und scheingerecht finde ich das auch nicht, schließlich ist es nur fair, eine Tendenz aufzuzeigen…
        Stimme dir aber zu, denke auch, dass das aus fadenscheinigen Gründen abgelehnt würde. Ich persönlich fand das Punkte-System in der Oberstufe jedenfalls deutlich angenehmer (und an der Uni ist es ja auch so ähnlich, eben mit ,3 und ,7 Abstufungen) als das Notensystem.

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