15 Punkte – why not!

Liebe Leser,

eigentlich wollte ich vom seltsamen Mutterstolz erzählen, wenn ich die Abiturergebnisse anschaue, als wäre es meine Leistung, aber es war die der Schüler, und trotzdem schwebe ich ein bisschen über den Gang. Es war hart, es war gerecht und nichts geschenkt und es hat sich gelohnt. Aber dann kam heute der schlaue Maximilian aus der Sechsten zu mir und gestand, dass er sich schon über die Zwei ärgern würde, die bei ihm wahrscheinlich auf dem Zeugnis stehen wird, weil sie ja doch so knapp ist. Maximilian weiß zwar, dass es sozusagen ein Zwei mit dickem Plus ist, aber wie Tinalise in ihrem Kommentar zum letzten Post so schön sagte: „Da kann man sich nix für kaufen.“ Eine 1,6 ist halt etwas anderes als eine 2,4 und niemand sieht es!

Und da hat Tinalise eine ganz einfache Idee. Die möchte ich hier gerne zur Debatte stellen.

Die meisten von uns sind mit einem sehr undifferenzierten Zeugnis großgeworden. Die Eins war super, die Zwei war in Ordnung, die Drei hieß, man war entweder bisschen langsam, eventuell auch im Denken, oder faul, die Vier hieß ACHTUNG!, die Fünf Versagen. Von einer Sechs brauchen wir hoffentlich nicht zu sprechen, ich habe noch nie eine auf einem Schulzeugnis gesehen. Nun stelle ich als Lehrerin und auch als Mutter immer mehr fest, dass das nicht motivierend ist, weil ein Großteil der Klasse halt auf einer Zwei oder einer Drei (je nach Fach und Lehrer) landet und kaum mehr Unterschiede ersichtlich sind. 1,6 oder 2,4 – eh egal, das ist alles eine Zwei.

Anders in der Oberstufe. Das differenziertere System von 0 bis 15 Punkten erlaubt einen Blick auf die Tendenz einer Leistung. 12 Punkte (1,6) unterscheiden sich von 10 (2,4) Punkten deutlich, ohne ein Stigma zu sein. 10 ist doch in Ordnung! 12 signalisiert, hier ist einer auf dem Weg zu sehr guten Leistungen!

Das wäre keine große Mühe für uns Lehrer. Ob ich Noten verteile oder Punkte gebe, macht nicht mehr Arbeit und damit erwarte ich von der Lehrerseite nicht so große Widerstände wie bei meinem Vorschlag einer kombinierten Ziffer- und Wortbeurteilung. Für uns Eltern wird dadurch die Tendenz einer Leistung und auch die Veränderung von Halbjahr zu Halbjahr viel deutlicher, wenn wir schon kein individuelles Worturteil bekommen, dann doch wenigstens das!

Und für Schüler wie Maximilian wäre es ein Traum. Mit 12 Punkten wäre er wieder stolz auf sich. Und ein Schüler wie Tom, der auf einem normalen Zeugnis genauso eine Zwei stehen hat, bekäme 10 Punkte. Das macht ihm Zuhause noch lange keinen Ärger, ist ja zweistellig, aber es wäre deutlich, dass Tom nicht nachlassen sollte, wenn er an der Spitze mitschwimmen will.

Kleine, einfache, machbare Idee – mit Wirkung!

Mir ist klar, dass das nicht der Stein der Weisen ist und es damit nicht gerechter zugeht. So wie einige Lehrer Noten herschenken und andere nicht, so wird es auch bei den Punkten sein, aber ein differenzierteres System ist eben ein Stück weit transparenter. Es ist auf der anderen Seite aber auch nicht zu kompliziert, dass es eine Scheinobjektivität vorgaukelt, die eine Bewertung nie leisten kann. Nun hätte ich gerne eure Meinung dazu.

In Baden-Württemberg herrscht momentan eine eher leistungsfeindliche Atmosphäre. Am liebsten wären alle Menschen gleich und auf einer Schule und dann wäre alles gerecht und alle glücklich. Deshalb nehme ich an, dass das Ministerium nicht sehr beglückt von diesem Vorschlag wäre, der ja gegen eine Nivellierung von Leistungen arbeitet. Viele meiner schlechteren Sechser schaffen es ja am Schuljahresende durch das Mündliche noch auf eine Drei, dann könnte man sehen, dass es „nur“ 7 Punkte sind und die sind eben schon nahe an der 5-Punkte-Grenze. Das will  man aber gar nicht sehen, fürchte ich. Denn eine Drei ist gut, ihr wisst ja, die Zwei des kleinen Mannes.

Nun: 15-Punkte oder doch nicht?

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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24 Kommentare zu “15 Punkte – why not!”

  1. Ich gebe der Idee 12 Punkte ;). Noch lieber wäre mir eine zusätzliche Sozial/ Engagementnote, weil leider allzu oft die Faulsten gute Noten haben (oder sind es die guten Noten, die faul machen …?). Dennoch glaube ich, dass sich ihr Vorschlag noch am einfachsten durchsetzen lässt.

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  2. Liebe Frau Henner, ich glaube, da liegt ein Denkfehler vor: Wenn man in der Unter- und Mittelstufe die Punkteregelung der Oberstufe einführt, dann weiß in wenigen Jahren natürlich niemand mehr, was eine 2+ gewesen sein soll. Wäre es dann nicht sinnvoll zu fordern, dass + und – Bewertungen bei Noten nicht nur in Klassenarbeiten sondern auch im Zeugnis erlaubt sein sollen?

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    1. Na, aber, wenn man 1-6 einfach abschaffen und durch 15-0 ersetzen würde, das System eben „revolutionieren“ würde, dann wäre es in einigen Jahren ja auch egal, was eine 2+ überhaupt war. 😉
      +/- kann man natürlich hinzufügen im Zeugnis, ist für mich aber letztlich dann auch das gleiche wie 15-0, sieht eben nur anders aus.

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  3. Finde ich super. Hab ich ohnehin ehrlich gesagt nie verstanden, weshalb man in der Oberstufe plötzlich Punkte nutzt und ansonsten „Noten“… Könnte mir das einer erklären? 😀

    @rwadel Wäre es denn schlimm, wenn man nicht mehr wüsste, was eine 2+ bedeutet?
    Alternativ könnte man natürlich auch die +/- ins Zeugnis schreiben, aber da in der Oberstufe (zumindest am Gymnasium) ohnehin das Punktesystem genutzt wird…

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  4. Eine gute Idee, die die Tinalise da hatte- die ist aber auch ganz schön schlau, also keine Überraschung. 😀
    Ja, damit würde man den Fokus wieder mehr auf Leistung setzen und tatsächlich differenzieren zwischen denen, die geleistet haben, und denen, die halt sonst durch glückliche Rundung durchrutschen. Aber da gerade das Durchrutschen in BaWü ein gutes Stück weit gewollt ist, wird die Idee leider keine Chance haben… Eine Schande, da doch gerade das Gymnasium die Speerspitze von Bildung, aber auch von Leistung sein sollte. Und es gibt nun einmal gute und weniger gute Schüler, was noch rein gar nichts über ihre Qualitäten als Mensch aussagt – oder über ihre Fähigkeiten, produktiver Teil der Gesellschaft zu sein. Wenn das doch endlich mal zu den ganzen Hohlköpfen im RP durchdringen würde…

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  5. Abwarten, dann regelt sich das von alleine, die Schnitte werden immer besser.

    http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/campus/abitur-einser-inflation-und-noten-ungerechtigkeit-13640220.html
    Außerdem zeigt sich auch in den neueren Pisastudien eine Korrelation von Färbung der Landesregierung und Wissen der Schüler, damit wird sich das Problem mit irgendwelchen Ansprüchen an die Schüler auch in BW erledigen.

    http://www.spiegel.de/schulspiegel/abi-noten-foederalismus-sorgt-fuer-chaos-und-ungerechtigkeit-a-1037373.html

    http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/laendervergleich-ostdeutsche-schueler-in-mathe-besser-als-westdeutsche-a-927216.html
    http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/leistungsvergleich-der-bundeslaender-kritik-von-bildungsexperten-a-859642.html

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      1. Jetzt ist es schon so weit, dass ich einigen Abiturienten rate, nicht zu studieren, sondern lieber eine solide Ausbildung zu machen und sich dann motiviert hochzuarbeiten – qualifizierte Facharbeiter braucht das Land, nicht einen Riesenandrang an mäßigen Studenten. Aber wer traut sich das denn noch: wenn bald der Hauptanteil eines Jahrgangs Abitur macht, will doch jeder dann auch einen Hochschulabschluss. Ihr Unis könnt euch freuen… und die Wirtschaft… also unser Land.

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  6. Ich liebe das Punktesystem in der Oberstufe. Oder werde es ab morgen geliebt haben :’D. Ich fand es gerecht, weil es mich immer wieder sehr genervt hat, wenn ich irgendwie 2,6 hatte und die 3 bekommen habe. Ob das jetzt eine 3,4 oder 2,6 ist konnte niemand sehen. Und in der Oberstufe habe ich dafür eben 9 Punkte bekommen. Und 9 Punkte sind so viel besser als 7 Punkte.
    Ich fand es gerecht und vergleichbarer.. Auch wenn man zB in den Klausuren bzw. Schulaufgaben in der Unter/Mittelstufe um einen Punkt vorbei an der besseren Note ist, war das so ärgerlich, weil jemand, der noch 8 Bewertungseinheiten weniger hatte, hat die gleiche Note wie du.
    Es ist ja nicht so, als würde man es den anderen nicht gönnen, und jeder stand mal auf der einen und auf der anderen Seite. Ich habe auch oft profitiert davon, wenn ich den halben Punkt halt hatte und dann auch die 2 hatte zB.
    Aber in der Oberstufe muss man sich über den eine BE nicht mehr ärgern, weil es immer knapp ist, nach oben und nach unten. Dafür hat man dann halt auch 12 Punkte und nicht 10.
    Und es macht einfach so einen Unterschied, ob du überall im Zeugnis 12 stehen hast oder 10. Oder noch schlimmer 9 und 7.

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  7. Wie jetzt, Frau Henner, meine Idee soll nicht der Stein der Weisen gewesen sein? 😥

    😉 Haha, natürlich nicht. Aber joa, da die Idee von mir stammt, brauche ich ja nicht groß dazu zu sagen, was ich davon halte. :mrgreen: Ich klopfe mir nur mal kurz unauffällig selbst auf die Schulter, weil Frau Henner aus meiner Idee einen Beitrag gemacht hat. 🙂

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  8. Als jemand, der seine Kindheit in Belgien verbracht hat, kann ich nur sagen, dass das dort längst üblich ist: „19 von 20“ ist halt weitaus differenzierter.
    Aber wo liegt der Unterschied zwischen 18 und 19 von 20? Ach.. Noten.

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    1. Es geht auch nicht darum, die Noten insgesamt objektiver zu machen – das ist schlichtweg nicht möglich. Aber die Grobeinteilung in vier Kategorien zeigt nicht einmal eine Tendenz an, das demotiviert gerade die Schüler, die auf dem Weg zur besseren Note sind – aber man sieht es eben nicht. 18 von 20 ist aber deutlich sichtbar besser als 16 von 20.

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  9. Der einzige Nachteil, den ich sehen kann, ist, dass sich die Notenfeilscherei vervielfacht. „Büüütteeeee…ich hab nuuur eeeeelllllf….ich will doch nach dem Abi Mediziiiiiin….“

    In der Oberstufe hat mir übrigens kürzlich ein Schüler vorgeschlagen, auf den Test einen anderen Notenschlüssel zu verwenden, „Denn dann können noch die Noten einiger Schüler angehoben werden.“
    Als ich ihm sagte, es wäre nicht meine primäre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Noten aller Schüler angehoben werden, war er ernsthaft erstaunt. 🙂

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    1. Privatschule?
      Nein, kleiner Scherz. Ich weiß, dass es auch an Privatschulen gerechte Lehrer gibt und auch gute Schüler. Ja, das Notengefeilsche wird solange nicht aufhören, wie es Noten gibt. Daran können auch 15 Punkte nichts ändern. Allerdings ist das in der Oberstufe deutlich weniger als in den unteren Klassen. Vielleicht weil sich ja eben die Tendenz noch zeigt und die Schüler das Gefühl haben, gerechter benotet zu werden? Das ist aber ein sehr subjektiver Eindruck.

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      1. Neee, staatlich.
        Mein subjektiver Eindruck in der Oberstufe: bis auf eine Handvoll Schüler haben die Oberstufler keinen Bock, sich a) ihr Geschreibsel und b) die Korrekturanmerkungen überhaupt durchzulesen. Und damit ist die Feilschgrundlage weg.
        Je schwächer der Schüler, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass er am Ende der „Austeilstunde“ die Klausur wieder zurückgibt – oder zurückgeben möchte, bis man mit der „Bist du des Wahnsinns knusprige Beute, ich hab da 90 Minuten dran korrigiert, LIES VERDAMMT NOCH MAL WENIGSTENS MEINE KORREKTURANMERKUNGEN, DAMIT DU WEISST, WAS FALSCH WAR!!!“-Routine auffährt.

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    1. Es geht bei dieser Überlegung auch nicht um Notengerechtigkeit zwischen verschiedenen Lehrern, Schulen oder gar Bundesländern, sondern vielmehr um mehr Transparenz einer einzelnen von diesem lehrer vergebenen Note und damit um Motivationsmöglichkeiten bei Schülern, die sich anstrengen.

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