Selbstblindheit

Liebe Leser,

ob man besonders groß ist oder besonders klein, besonders dick oder besonders dünn, besonders rothaarig oder besonders kraus – mit all diesen äußerlichen Merkmalen sticht man aus einer Masse heraus und fällt auf – ob man will oder nicht. Wenn ich alte Schulfotos betrachte, geht es mir so und ich weiß, dass das in einer bestimmten Zeit, die man Pubertät nennt, kein schönes Gefühl ist. Man fällt auf, obwohl man nicht auffallen will. Da ist es schwierig, ein normales Körpergefühl zu entwickeln. Die Kleinen fühlen sich nicht beachtet und erdrückt, die Großen wollen sich kleinmachen und mal nicht die Vernünftigen sein usw. Und als Mädchen fühlt man sich obendrein besonders hässlich.

Die anderen waren immer hübscher. Nun ja, nicht alle, aber die meisten. Und das konnte auch noch jeder sehen, weil man ja sowieso auffiel. Hässlich wie die Nacht.

Heute weiß ich, dass die Nacht nicht hässlich ist. Und wenn ich jetzt die Schulfotos anschaue, frage ich mich, wieso ich überhaupt geglaubt habe, dass ich hässlich sei. Ich war es nicht. Leidet man als Teenager an zeitweiliger Selbstblindheit? Wahrscheinlich. Anders kann ich es mir nicht erklären.

Gestern nun zeige ich endlich den Film, den die Sechser dieses Jahr mit mir zusammen gedreht haben. Ich sitze ganz hinten und beobachte die Kinder, die inzwischen keine Kinder mehr sein wollen. Wie sie sich hinter ihren Händen verkriechen, wenn sie sich selbst auf der Leinwand erblicken! Wie die anderen kichern, lachen, wie gebannt sie alle sind, auch wenn der Laienfilm zugegebenermaßen seine Längen hat und das Talent in den einzelnen Szenen recht unterschiedlich verteilt ist. Wie erleichtert der einzelne ist, wenn seine Szene vorübergegangen ist. Dann kann man wieder zwischen den Fingern hervorblinzeln.

Jeder ist mindestens einmal im Bild, jeder sagt etwas. Es soll eine Erinnerung für alle werden. Jetzt schämen sie sich und sind gleichzeitig stolz. Später werden sie diesen Film angucken und sich wundern, wie niedlich sie alle einmal gewesen sind. Kurz bevor sie gefühlt hässliche Teenager wurden. Bevor die Selbstblindheit einsetzte. Bei einigen Frühreifen ist es schon soweit. Sie stöhnen am lautesten, wenn die Leinwand ihr Gesicht zeigt. Vielleicht erzähle ich ihnen mal im Schullandheim, wie es mir geht, wenn ich Fotos von früher anschaue…

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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10 Kommentare zu „Selbstblindheit“

  1. Besonders schwierig wird es sein, von diesem übertrieben selbstkritischen Blick wieder wegzukommen. Sowas braucht Zeit, manchmal Jahre…

    Aber in deine Sechser kann ich mich gut versetzen, auch wenn es bei mir in Klasse 10 war, als wir alle aufgenommen wurden, um das Thema Körpersprache zu behandeln. Oder in 9, als wir in Englisch auf MC unser Vorlesen aufnahmen – das erste Mal die eigene Stimme hören, so, wie sie andere hören. Erschreckend! 😮

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    1. Ja, die eigene Stimme ist auch sehr seltsam! Das soll ich sein? Kann gar nicht sein, ich klinge doch ganz anders. Zum eigenen Selbstbild gehört nun mal die Stimme, wie man sie selbst hört. Wirklich befremdlich, wenn das Selbstbild da gebrochen wird.

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  2. Oh ja… Mit meiner Stimme kann ich mich auch noch nicht so wirklich anfreunden:) Aber seit ich in der 10. Klasse jetzt DS (Darstellendes Spiel) als Unterrichtsfach haben wird es immer leichter, sich selbst auf der Leinwand zu sehen. Bei uns haben sich auch das gekicher und die ausweichenden Blicke auf den Fußboden recht schnell gelegt. Unsere DS-Lehrerin nimmt zur Benotung nämlich immer alle Ausarbeitungen von uns auf, sodass es ca. alle 2 Monate dazu kommt, dass wir uns, nachdem wir die Arbeit schon einmal auf der Bühne vor allen anderen vorgetragen haben, auch noch auf der Leinwand sehen, damit wir uns selbst einschätzen und eventuelle Fehler das nächste Mal vermeiden zu können. Auch wenn wir alle das am Anfang echt schrecklich fanden, muss ich sagen, dass es doch ungemein hilft 🙂

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  3. Die ollen Klassenfotos kenne ich auch noch. Zum Glück hatten wir damals noch keine Selfie-Kultur, sonst hätte ich heute Tausende von Beweisstücken, die beweisen, wie ich damals aussah. Was ich von den Fotos aus heutiger Sicht beurteilen kann: Ich war runder. Und hatte ein nicht-vorhandenen Modegeschmack. Das kann aber auch an den 90ern selbst gelegen haben. Zum Glück hat sich das alles ein bisschen geändert 😉

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    1. Ja, die Neunziger waren modetechnisch nicht… ähem… der Brüller. Aber einen Schritt weiter als die Achziger (Glanzleggins zu langen T-shirts!) waren sie allemal. Aber egal, was man tut, ein Jahrzehnt später sieht irgendwie alles aus wie aus der Mottenkiste, es sei denn, man hat wirklich zeitlosen Stil. Aber welcher Teenager hat das schon?

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  4. 😀 Ich sah auf den Schulfotos immer lehrermäßiger aus als die Lehrer. Auf den Kursfotos der Oberstufe sieht’s aus als wärs mein Kurs.
    Ratet dreimal, für welchen Beruf ich mich entschieden habe 😀

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