Eine Neuentdeckung – das Portfolio

Liebe Leser,

das Wort Portfolio ruft bei einigen Menschen Würgereize hervor, was allerdings daran liegt, dass dieser Begriff einfach inflationär für alles gebraucht wird, was früher so als Sammelmappe durchkam, nur dass es heute den Anstrich von Wichtigkeit und Wissenschaftlichkeit verströmen will, was die alte Sammelmappe einfach nicht mehr hergibt. Selbst Lucy hat im zarten Alten von drei Jahren schon ein Portfolio angelegt! Im Kindergarten hatte jedes Kind seinen Leitz-Ordner, gefüllt mit Klarsichthüllen, in die jedes selbstgemalte Bild abgeheftet wurde, kombiniert mit den Kommentaren der Erzieherinnen. Dieses Portfolio hat im Kindergartenleben eine zentrale Rolle gespielt. Und ein Wort wie „Portfolio“ ging den Kindern über die Lippen wie Erdbeereis. Portfolios finden sich überall. Und nur weil etwas Portfolio heißt, muss es noch lange nicht gut sein – aber es kann!

Und das wird mir gerade bei den Sechsern bewusst. Ich habe sie eine ganze Unterrichtseinheit immer wieder auf Blätter schreiben lassen. Manche Übung kam ins Heft, viele Notizen auch, aber die Hausaufgaben und ausgewählte Aufschriebe und Aufsätze sollten auf einzelne Blätter erledigt werden. Mit der Kunstlehrerin habe ich vereinbart, dass sie zeitgleich zum Thema kleinere Arbeiten im A4-Format zum Thema anfertigen lässt, die nun das ganze noch schön gestalten. Und weil es so eine Mühe war, binde ich die einzelnen Blätter zu einem Ringbuch zusammen. 31 Stück! Auf einmal bekommt die Arbeit des Schülers eine ganz andere Anmutung. Erstaunlich, welchen Einfluss die Form hat.

Nun gilt es 31 Ringbücher zu korrigieren und ich glaube am Anfang an dieser Aufgabe zu zerbrechen. Soll ich tatsächlich alle 31 Bücher lesen? Durchblättern? Nur die, wo der Schüler auf Kippe steht? Was für eine Arbeit habe ich mir da aufgehalst… doch nach drei Portfolios komme ich dahinter, dass sich die Arbeit in Grenzen hält und ich hier wirklich ein Leistungsspektrum des Schülers vor mir habe wie sonst kaum. Schnell habe ich heraus, welche Seiten ich genau lesen muss, wo ich überfliegen kann, wo ich mir von welcher Fähigkeit ein Bild verschaffen kann.

Viele haben sich große Mühe gegeben, sauber geschrieben, kleine Bildchen gemalt, aber nur eine Handvoll Schüler zeigt zudem noch so eine inhaltliche Tiefe, dass es eine Eins ist, aber den Fleiß honoriere ich dann doch mit einer Zwei, wenn die Aufgaben im Grunde richtig sind. Aber selbst bei so einer Portfolioarbeit, wo es keinen Zeitdruck gab, ganz verschiedene Aufgabenstellungen und immer wieder eine Kontrolle durch mich („Gehen wir noch einmal gemeinsam durch, was reinmuss!“), schaffen es einige Schüler, unvollständige Mappen abzugeben und Aufgaben nicht zu verbessern, obwohl wir sie im Unterricht besprochen haben – kurz: es zeigt sich auch bei einer solchen Aufgabe ein großes Leistungsspektrum in verschiedenen Bereichen.

Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass ich die kognitiven Möglichkeiten der Schüler besser durch dieses Portfolio einschätzen kann, als durch die vorangegangenen Klassenarbeiten. Vorausgesetzt man lässt sich nicht durch die Form blenden und macht sich die Mühe, die Ringbücher wirklich zu lesen. 31 Stück.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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7 Kommentare zu “Eine Neuentdeckung – das Portfolio”

  1. Vor mir liegen nur 20! Aber das von Zweitklässlern zum letzten SU Thema. Ich kann dir nur zustimmen, Am Anfang denkt man sich, was habe ich mir da nur angetan. Aber dann kommt oft der AHA Effekt – und außerdem geben sich viele richtig Mühe.
    Liebe Grüße bergziege

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    1. Diese Portfolios gehören dann auch zu den wenigen Dingen, die am Schuljahresende nicht weggeschmissen werden, sondern als Erinnerung aufgehoben, was von Anfang an für mich ein großer Beweggrund war.

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  2. Würgereize stimmt, aber nicht wegen des inflationären Wortgebrauchs, sondern weil ich mein gesamtes Studium über in der Pädagogik stapelweise ewig lange Portfolios erstellen durfte, die gerade mal ein Drittel der Seminarnote ausgemacht haben.
    Viele Lehrende bedenken einfach nicht die Arbeit, die einem Portfolio steckt, im Gegensatz zB zu Essays oder Hausarbeiten. .

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    1. Für mich ist das Portfolio insofern etwas Neues, weil es das in meinem Studium nicht gab. Im Referendariat sollten wir eines anlegen, was aber niemand sehen wollte, was von vornherein jeder wusste. Also hat man keines angelegt, wozu die viele Arbeit, wenn sie keiner honoriert! Ein guter Essay macht allerdings auch viel Arbeit…

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        1. Naja, die Sache wäre normal wie immer zu beurteilen: Ist das Portfolio DAS Mittel, mit dem der vorliegende Stoff am besten zu vermitteln und zu sichern ist?
          Das Problem, was ich zunehmend wahrnehme: Kaum einer macht sich mehr Gedanken, ob die Methode wirklich ideal zum Inhalt passt, sondern es wird einfach wüst auf Teufel komm raus etwas vermeintlich „Innovatives“ benutzt, vergleichbar mit den sinnlosen Methodenfeuerwerken, die Referendaren in den „Showstunden“ abverlangt werden.
          Es gibt Unterrichtsreihen, in denen ich Portfolios für ideal halte, aber genauso gibt es UEs, wo das zum Lernziel ganz und gar nicht passt.
          Ich mein, am Ende des Tages zählt doch, dass beim Schüler ankommt, was ankommen soll.

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