Nieder mit der Arroganz!

Liebe Leser,

neben dem Endspurt mit meinen Sechsern und dem arbeitsaufwendigen Abitur habe ich mich auch den Grundschulen gewidmet und finde an diesem kühlen Samstag Gelegenheit, darüber nachzudenken.

Ich bin gerne in Grundschulen, weil die Atmosphäre viel ruhiger und damit angenehmer ist, die Räume so liebevoll gestaltet und Abbild einer individuellen Klasse sind und ich merke, wie sich die Grundschullehrerinnen mit riesigen Problemen herumschlagen, als wäre es selbstverständlich. Dieses Jahr erlebe ich auch offenere Lehrerinnen, an einer Schule fühlt man sich nicht geprüft von mir, sondern zeigt mir die Probleme und ganz nebenbei entsteht ein gegenseitiges Verständnis. Vielleicht liegt es daran, dass ich diesmal unter anderem an einer sogenannten Brennpunktschule hospitiere?

Wenn die Hälfte einer Klasse kein richtiges Deutsch spricht, ist es offensichtlich, was die Lehrer leisten müsen. Wenn in der anderen Hälfte der Klasse einige Kinder mit bildungsbürgerlichem Hintergrund sitzen, ist es offensichtlich, welchen Spagat die Lehrerinnen zu leisten haben. Hier geht nichts ohne Zieldifferenzierung.

Zweite Stunde, dritte Klasse, Deutsch, Wortarten. Malusha kommt mit ihrem Heft zu mir und lässt sich helfen – so gut es geht, denn Malusha spricht gebrochenes Deutsch in Dreiwort-Sätzen. Malusha ist in Deutschland aufgewachsen. Ich frage mich, wie es sein kann, dass ein Kind dennoch so rudimentär deutsch spricht. War sie jemals in einem deutschen Kindergarten? Ich fürchte nicht. Und jetzt stehe ich da, beuge mich zu dem Mädchen herunter und spreche in einfachen Sätzen und merke doch, dass das Kind mich nicht versteht. Merkmale von Wortarten? Das kann ich hier vergessen. Wie soll das Mädchen die Adjektive herausfinden, wenn es selbst noch gar keine Worte steigert. Also hilft nur die Wie-Frage. Wie ist das Auto? Und auch das ist Malushe schwer zu vermitteln. Ich muss ganz einfach sprechen. Das Mädchen rät dennoch mehr, als das es verstanden hat.

Und dann denke ich an unsere gymnasiale Arroganz, mit der wir durchaus manchmal auf Grundschullehrerinnen herabschauen, weil sie die Dinge so vereinfachen, dass sie manchmal auch falsch werden – in unseren Augen. Aber Malusha und anderen Kindern lässt sich nur so überhaupt etwas vermitteln. Dem schlauen Jacob und der behüteten Ann-Katrin wird es bei uns nicht schwer fallen, umzulernen, neue Inhalte dazuzunehmen, eigenständiger zu denken. Die beiden sind bei der Übung sowieso nicht dabei, die üben draußen im Flur für ein Theaterstück – mit fünf anderen Kindern ganz allein, ohne das chaotischer Lärm die schwächeren Schüler beim Lernen stört. DAS bekommt an unserer Schule kaum ein Lehrer hin.

Gut, wir müssen uns nicht mit Asche überschütten. Wir haben ganz andere Bedingungen: 32 und nicht neunzehn Kinder aus unterschiedlichen Grundschulen und dementsprechend verschiedenen, eingeübten Ritualen, die sich zum Teil widersprechen, die aufkommende Pubertät, die nun zugänglichen neuen Medien, die neues Konfliktpotential bringen und vor allem kaum eine Möglichkeit zur Zieldifferenzierung, am Ende einer Unterrichtseinheit sollten alle annähernd den gleichen Stand haben, am Ende eines Schuljahres ist das im Grunde Voraussetzung, um weitergehen zu können.

Malusha hingegen lernt gerade das Schreiben von einfachen, aber korrekten Sätzen, während Jacob schon ganze Erzählungen verfassen kann. Malusha werden wir an unserer Schule im übernächsten Jahr nicht sehen, dafür Jacob und Ann-Katrin. Wir müssen am Gymnasium also nicht von unseren Standards herunter, aber sollten unsere Arroganz einfach mal wegstecken. Was dabei hilft, ist ein Vormittag an einer beliebigen deutschen Grundschule – am besten aber eine in einer Stadt in einem Viertel mit hohem Migrationsanteil. Die kann so schwer nicht zu finden sein, gibt es sie schon zuhauf in der Provinz.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

P.S. Malusha wird nicht zu uns kommen, ihre Defizite sind zu offensichtlich, aber auch in diesem Jahr werden wieder viele Kinder zu uns kommen, die keine Empfehlung für das Gymnasium haben. Die Grundschullehrer haben es sich nicht leicht gemacht, die Eltern beraten und mehrfach darauf hingewiesen, dass es am Gymnasium ein Klassenziel gibt. Allein die Elternangst wird immer größer, dass nur das Abitur noch eine Zukunftsperspektive bietet.

Es kommen also Kinder zu uns, die bei unserem angestrebtem Lerntempo kaum mithalten können. Es nützt gar nichts, auf die Grundschullehrerinnen zu schimpfen. Es nützt auch erst einmal nichts, auf das System zu schimpfen. Ganz aktuell müssen wir uns überlegen, wie wir damit umgehen – was bieten wir diesen Kindern? – denn die Kinder, die können nichts dafür. Sie sind nur Spielball in einer sich wandelnden Gesellschaft.

Die Grundschullehrerinnen haben mich gewarnt – es wird auf mich zukommen. Mehrer Kinder mit Hauptschulempfehlung werden nächstes Jahr aufs Gymnasium gehen. Ich habe nun die Sommerferien lang Zeit, mir Gedanken zu machen, was ich persönlich tun kann, um weiterhin ein gymnasiales Niveau zu fahren und diese Kinder nicht komplett abzuhängen – auf Unterstützung vom Kultusministerium kann ich kaum zählen. Es liegt an mir – und ich will nicht aufgeben!

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13 Kommentare zu “Nieder mit der Arroganz!”

  1. Du hast so recht! Schuld sind nur in Ausnahmefällen Grundschulen und -lehrer, da es überall schwarze Schafe gibt. Aber anstatt Kindergartenbesuche verpflichtend zu machen und in frühkindliche Sprachförderung zu investieren, damit in Klasse 1 wenigstens alle Deutsch sprechen können, haben wir die Herdprämie…

    Was man tun kann? Sicher, differenzieren, das muss man unbedingt, wenn man hoffen will, möglichst vielen Schülern möglichst gerecht zu werden. Es ist nur auf lange Sicht frustrierend, erschöpfend und teilweise auch demotivierend, mit solchen Problemen weitestgehend alleine gelassen zu werden, während man andererseits für politische Prestigeprojekte Geld und Lehrer bereitstellt.

    Ich wünsche dir dafür viel Kraft und viele gute Ideen, und lass dich nicht beirren: Du machst deine Sache gut!

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    1. Die angeführte Schülerin geht in die dritte Klasse, das kann nicht nur an der Herdprämie liegen. Ich gehe jetzt mal davon aus, dass sie keine Klasse übersprungen hat, das sind jetzt knapp drei Jahre Grundschule, also ca. die Kindergartenzeit.

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      1. Sicher, aber ihr Sprachniveau ist ja weit von der dritten Klasse entfernt. Warum wird das wohl so sein? Kindergarten nicht besucht? Zu wenig Deutsch zu Hause?

        Man müsste eben dafür sorgen, dass die Sprache vor Klasse 1 vernünftig sitzt.

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      2. Wenn überhaupt den Kindergarten besucht, dann nur minimale Zeiten. Und jetzt in der Grundschule geht das weiter: schüchternes Kind, spricht zu wenig, zuhause dann kein Deutsch, keine Hilfe bei den Hausaufgaben, kein deutsches Fernsehen, keine Freizeitaktivitäten mit „deutschen“ Kindern, Sommerferien komplett woanders. In Deutschland kann man auch so aufwachsen. Malusha war nicht das einzige Kind mit extremen Sprachdefiziten.

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    2. Was mich am meisten erschreckt hat, Malusha ist nun schon in der dritten Klasse – allein der Schulbesuch reicht also nicht aus, um eine Sprache annähernd zu beherrschen. Um teilhaben zu können an unserer Gesellschaft, muss sie auch in ihrer Freizeit daran teilhaben. Das ist die Krux.

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      1. Nein, das ist es ja, die Schule kann solche Defizite kaum aufholen. Leider für die betroffenen Schüler, die sicherlich geistig durchaus in der Lage wären, dem Unterricht zu folgen, verstünden sie ihn eben.
        Ich beneide dich nicht um solche Herausforderungen, habe aber wahnsinnige Respekt dafür, dass du nicht aufgibst.

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  2. Liebe Frau Henner,
    das zu lesen, tat mir als „Grundschultante“ sehr gut. Gegenseitiger Respekt und Hospitationen sind wichtig. Den Spagat schaffe ich nicht immer. Das gebe ich offen zu. Wir versuchen jetzt mit unseren Gymnasien noch genauer zu besprechen, was sie an Grundlagen gerne hätten und was wir leisten können. Das hilft ein bisschen. Aber eure Aufgabe wird in den nächsten Jahren nicht leichter. Ich bin der Meinung, dass das Niveau am Gymnasium schon weit genung gesunken ist. Dennoch tun mir die Kinder sehr leid, die auf das Gymnasium geschickt werden und dort von Anfang an mit Nachhilfe und schlechten Noten geplagt sind. Ich wünsche mehr Eltern den Mut, ihre Kinder auf eine IGS oder Realschule+ zu schicken.
    Für dein nächstes Schuljahr wünsche ich dir gutes Gelingen und Kollegen, die dich in deiner Arbeit unterstützen.

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    1. Danke, ich nehme auch gerne Tipps und Tricks an – ein paar Anregungen habe ich aus dieser Grundschule mitnehmen können, denn – du weißt es ja selbst – auch dort ist ein zu großes Auseinanderdriften der Leistungen schwierig, denn die Klasse wir als Ganzes ja auch vorankommen.
      Ich glaube, ich werde die Sommerfreien nutzen, um mir ein Förderkonzept (für die guten und die schwächeren Schüler) zu überlegen, aber wie überzeuge ich die Kollegen davon, dass es ohne das einfach nicht mehr geht?

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  3. Nun ja, der Staat müsste sich vielleicht allmählich Gedanken machen, wie man Schulen, die zum Haupt- und Realschulabschluss führen, aufwerten kann. Denn seit Jahren lässt man es zu, dass uns von diesen Schulformen nahezu nur Negativpresse erreicht.
    Mit „Erfolg“, nicht mehr nur, dass die Eltern ihre Kinder nicht mehr gern dort hingeben, selbst die Kinder, die diese Schule besuchen, fühlen sich an den Rand gestellt.
    Ich mein, wie bescheuert ist das denn? Wir sind eine fortschrittliche Industrienation, die sich unter anderem damit definiert, dass alle Kinder nicht nur zur Schule gehen müssen, sondern auch DÜRFEN! Aber statt den Kindern dies zu vermitteln, zeigt man ihnen nur auf, dass sie es lediglich auf die „Loserschule“ geschafft haben.

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    1. Das grämt mich auch sehr. Wie oft habe ich schon weinende Eltern vor mir gehabt, als ich ihnen die Realschule empfohlen habe – das ist absurd! Aber inzwischen sagen selbst einige der Realschullehrer: „Also hier würde ich mein Kind auch nicht herschicken, wir werden zu Restschule!“

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  4. Arroganz habe ich mir Grundschullehrer(innen) nie angemaßt. Ich ziehe meinen Hut vor der Art, wie sie die Belange der Kinder, die für uns Erwachsene oftmals völlig banal sind, ernst nehmen und darauf eingehen. Meine jetzige Sechste war letztes Jahr zu Beginn der fünften Klasse noch sehr kindlich. Da wurde geweint, wenn man zum Unterstreichen nicht die Farbe hatte, die der Lehrer gefordert hat, da wurde geweint, wenn die Hausaufgabenstellung von der Tafel gewischt war, bevor man sie aufgeschrieben hatte. Als Gymnasiallehrer geht man über solche Bagatellen gerne hinweg und tut sie mit einem entsprechenden Kommentar ab. Leider

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    1. Ja, einmal mehr ist mir aufgefallen, wieviel Zeit die Lehrerinnen in der Grundschule für scheinbar Nebensächlichkeiten brauchen: Warten aufs Leisesein, Warten aufs geordnete Anstehen, ausgeklügelte Klassenumräumrituale, Verspern während der Stunde, Vorlesezeit, Klassenrat am Tagesende und vieles mehr. Hier gibt es die 45-Minuten-und-du-musst-alles-geschafft-haben-Einstellung nicht. Das trägt zur angenehmen Atmosphäre bei. Als Gymnasiallehrer denkt man: „Boah, muss das so lang sein, das geht doch zackiger!“ Aber nein, solche Kleinigkeiten sind genauso Lernstoff wie das kleine Einmaleins und die Wortarten. In der Grundschule lernen viele Kinder überhaupt erst Teil einer Gemeinschaft zu sein. Das muss man tatsächlich lernen.

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