Betriebsblindheit

Liebe Leser,

Montagmorgen, ein Schüler, drei Lehrer. Der Schüler schiebt eine Powerpoint-Präsentation durch, auf der genau das steht – wortwörtlich – was er zur gleichen Zeit sagt. Gääääääääääähn!

Er hält gerade seine Präsentationsprüfung – so etwas gibt es in Baden-Württemberg. Der Abiturient muss vier Themen einreichen und bekommt eine Woche vor der Prüfung mitgeteilt, welches Thema der Prüfungsvorsitzende (in dem Falle ich) ausgewählt hat, wenn er nicht von seinem Fachlehrer vorher unerlaubterweise einen Hinweis bekommen hat. Das ist natürlich illegal, aber es soll es geben. Hier glaube ich allerdings kaum, dass das passiert ist, auf mich wirkt der Prüfling eher so, als habe er erst vor drei Tagen mit den Vorbereitungen angefangen. Zur Vorbereitung hat er sich die Wikipedia-Artikel durchgelesen, das merke ich, weil ich genauso schlau war. Allerdings habe ich aus dieser Lektüre mehr mitgenommen. Ich will nicht meckern, der Schüler präsentiert immerhin nichts Falsches, aber wirklich gut ist es auch nicht – es ist oberflächliches Wissen, kratzt man ein bisschen an der Oberfläche, ist darunter nicht mehr viel zu finden.

Diese Leistung sollen wir beurteilen. Es ist das Abitur – die Abschlussprüfung für ein Reifezeugnis. Ein Schüler in der Mittelstufe hätte das auch so hingekriegt. Ich habe meine Bewertung im Kopf, ein paar Notizen zur Hand und lehne mich zurück, denn der Prüfer, in dem Falle die Fachlehrerin des Schülers, muss sein Urteil sprechen.

„Also der Schüler hat sich vorbereitet. Er konnte auf alles antworten. Bei der Präsentation, naja, er hätte schon mal eine Karte zeigen können, das wäre anschaulicher gewesen, aber im Grund war das doch gut. Also ich würde ihm schon eine Eins dafür geben.“

„?“

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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23 Kommentare zu “Betriebsblindheit”

    1. Wir mussten uns in der Mitte einigen – dabei kam der Schüler viel zu gut weg, weil ich ja nicht so fies bin, dann extra mit meiner Bewertung noch weiter runter zu gehen, damit es wieder realistisch wird – man ist auch befangen, schließlich kann es sein, dass die gleiche Lehrerin nächstes Jahr bei mir prüft – das ist die Krux.

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  1. Ich empfinde es sowieso als sehr fraglich, für eine ABITURpräsentation für ein SELBSTgewähltes Thema EINE Woche Zeit zu bekommen. Das ist ja schon in der Unterstufe so. Suchst dir ein Thema aus und liest den Wikipediaartikel durch, und damit es nicht ganz so trivial wirkt, gibst du noch ein Buch und zwei andere Internetseiten als Quellen an.
    In Bayern müssen die Abiturienten ein relativ allgemeines Schwerpunktthema (zB. „Verbraucherschutz“ oder „Ireland“ oder „Scienes and Technology“) wählen und kriegt dann eine halbe Stunde vor der Prüfung das genaue Thema (was natürlich der Lehrer festlegt) und muss dann komplett ohne Hilfsmittel (außer Wörterbücher ) eine 10 Minute Präsentation darüber halten. Anschließend noch andere (spontane) Fragen zum Schwerpunkthalbjahr sowieso zu zwei weiteren Halbjahren der 11. und 12. Klasse.
    Das prüft wenigstens noch das Wissen des Schülers ab und nicht das des Internets.
    Thema ist aber da eher wieder die Vergleichbarkeit.
    Mich würde hier interessieren: Was hat der Prüfling in diesem Fall bekommen?

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    1. Er ist zu gut raus gekommen, aber bei mir häufen sich diese Erfahrungen, so dass ich doch gut finde, dass die Präsentationsprüfung wieder abgeschafft werden soll, obwohl es wirklich fantastische Präsentationen gibt. Es gibt aber auch viel Augenwischei und das will ich eigentlich nicht im Abitur. Die Variante aus Bayern klingt ganz interessant.

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      1. Aber da müssen die Schüler doch etwas WISSEN! Ich meine, vorher! Wichtig ist doch heutzutage nur mehr die Präsentationskompetenz…
        * Ironie aus

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    2. Offensichtlich gibt es völlig unterschiedliche Ansätze für eine Präsentationsprüfung.
      In Hessen ist das so: Die Präsentationsprüfung ist 5.Prüfungsfach und kann an Stelle einer mündlichen Prüfung oder einer Jahresarbeit abgelegt werden. Es gelten folgende Vorgaben (in Kurzform, ohne Gewähr):
      Das Thema wird vom Fachlehrer gestellt; es muss jahrgangsübergreifend und kann fachübergreifend sein. Der Prüfling hat ca. 4-6 Wochen Vorbereitungszeit und muss vor der Prüfung einen Entwurf abgeben. Es darf keine Beratung des Schülers stattfinden. Die Prüfung besteht aus der Präsentation und einem anschließendem Kolloquium.
      Alles Weitere findet man hier:
      http://www.schuldorf-bergstrasse.de/source/service/download/abi-formblatt6.pdf oder hier:
      http://www.fg-kassel.de/wp-content/uploads/2012/04/pra-cc-88sentationen-und-bll-handreichung.pdf
      In Mathematik war bei mir z.B. ein Prüfungsthema: Stochastische Matrizen und ihre Anwendungen in den Sozialwissenschaften.
      Ansonsten gelten für eine Präsentationsprüfung die gleichen Regeln wie für eine mündliche Prüfung, also Prüfungszeit max. 30 Minuten einschließlich Prüfungsgespräch.

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      1. Mann baut auch hier gerade die Prüfungsmodalitäten um, aber in welche Richtung das geht, weiß noch keiner genau – es wird probiert und probiert, hat man den Eindruck, ohne mal zu gucken, was die Nachbarländer eigentlich so machen und was sie für Erfahrungen gemacht haben.

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  2. „Und was geschah dann“, würde mich auch interessieren.

    An meiner Schule (Hessen) musste auch bei Präsentationen ein schriftlicher Erwartungshorizont formuliert werden, d.h. ein Lösungsvorschlag mit Gewichtung der einzelnen Teilaufgaben. Eine Note sozusagen aus dem hohlen Bauch heraus war da praktisch nicht möglich. Der Protokollant musste den Ablauf der Prüfung – unter Bezug auf den Erwartungshorizont („gelöst, nicht gelöst, Mängel …) – rekapitulieren und der Prüfer machte dann den Notenvorschlag, dem der Protokollant zustimmen musste. Im Dissens entschied der Prüfungsvorsitzende (Mitglied der Schulleitung):
    Wie ist der Ablauf bei euch?

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    1. Es gibt keinen Erwartungshorizont.
      Und es gibt eben auch Kollegeinnen, die „er hat sich doch mit dem Thema beschäftigt“ schon als Leistung betrachten, was ich eigentlich als Grundvorraussetzung für eine Abschlusspüfung halte. Der Schulleiter wird nur hinzugezogen, wenn man sich gar nicht einigen kann, aber da er ja bei der Prüfung nicht dabei war, vermeidet man das und einigt sich dann eben, auch wenn man sich über den Tisch gezogen fühlt.

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  3. Ja, die Präsentationsprüfung, das weckt Erinnerungen. 😀
    Und wird vielleicht bald eine, wenn „Gymnasium 2020“ umgesetzt wird…

    Zu der Situation: Ich schließe mich an und wüsste gerne, wie es weiterging. Aber für das Wiedergeben eines Wikipedia-Artikels eine Eins geben, das ist ein Armutszeugnis. Und vor allem: Wieso schaut die Fachlehrerin nicht auch vor der Prüfung bei Wiki rein?

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  4. Und da beschwert sich einer über die Ungerechtigkeit bei unserem Bildungssystem zwischen den Bundesländern! Ist ja schlimm, wenn das schon im Kleinen passiert – nämlich unter Kollegen…

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      1. Danke für den Link!
        Es ist nur leider ernüchternd, dass wir lesen können, das man eigentlich weiß, wo die Probleme liegen (zumindest zum Teil), aber nix oder sogar das Gegenteil geschieht!

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  5. Wie ist denn die Erwartungshaltung des Kumi formuliert? Generell würde ich mir da für eine 1 eine superintelligente, dem Thema angepasste Präsentationsweise erwarten, ein arg gelungenes Layout (mit sehr wenig Text), eine Einleitung/Schluss, die sich deutlich von dem üblichen „Ich erzähle jetzt etwas“-Blabla unterscheidet und sowas von Interesse weckt, und ich würde mir erwarten, dass ein schwungvoller, freier Vortrag das Thema intelligent abdeckt und auch bei Nachfragen noch durchaus tiefgründig geantwortet werden kann. Die Bibliographie sollte auch aus mehr bestehen aus als „Wikipedia“ oder „Google“.

    Aber vielleicht sind die Vorstellungen des Kumi ja viel großzügiger auslegbar?

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    1. Es ist ja niemand weiter in den Prüfungen drin, das ist auch ein Problem. Es gibt zum Beispiel reihenweise gute Noten in den Reli-Prüfungen, obwohl da eher die schlechten Schüler reingehen. Aber es erfährt ja niemand, was dort drinnen tatsächlich vor sich geht. Es gibt nur Gerüchte…

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  6. Da wir nach Vorstellungen gewisser Parteien unter einem Akademikermangel leiden, soll die Akademikerquote erhöht werden, dies setzt voraus, dass die Abiturientenquote steigt. Damit soll langfristig jeder, der unter Anleitung eine Banane unfallfrei schälen kann das Abitur erhalten.

    Wenn man das jetzt mit er Realität abgleicht, dann stellt man fest, dass insbesondere Fachhochschulabschlüsse im Büro die Lehre ersetzen. Was vor 20 Jahren der Bürokaufmann gemacht hat, macht jetzt ein FH’ler. Erstaunlicherweise kann man jetzt sogar an privaten Hochschulen mit einer Lehre direkt in einen Masterstudiengang einsteigen. Das sind dann zwei Jahre einigermaßen regelmäßige Wochenendveranstaltungen, die zusätzliche Lektüre ist zwar anstrengend, läßt sich aber mit einem normalen Job vereinbaren. Wenn ich daran denke, dass ich im Ingenieursstudium meistens mehr als 30 Wochenstunden Uni Veranstaltungen hatte und das auch noch erhebliche Nacharbeiten erforderte oder jetzt bei den Kindern sehe, dass die im MINT Studium auch ca. 50 Stunden pro Woche aufwenden müssen, ist das schon ein Witz.

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