Und alles ist wieder gut

Liebe Leser,

Nadja steht vor mir und bettelt: „Bitte Frau Henner, geben Sie mir eine Strafarbeit!“

Mit Ronja, die daneben steht, habe ich gerade einen Nachsitztermin ausgemacht. Ronja ist völlig hausaufgabenresistent. Entweder hat sie ihr Heft vergessen oder nur die Hälfte gemacht oder nicht verstanden und dann gleich seingelassen. Ronja entwickelt mittlerweile richtiggehend Kreativität, was ihre Ausreden anbelangt. Nadja versucht, ihr das nachzumachen. Zwei Jahre habe ich ermahnt, beraten, Strichlisten geführt, allein es nützt bei beiden nichts. Jetzt hat Ronja einen Eintrag bekommen und darf nachsitzen. Diese Ordungsmaßnahme muss nämlich von den Eltern zur Kenntnis genommen werden und unterschrieben. Gespräche habe ich schon oft genug geführt, nun müssen einmal Taten folgen. Auch wenn ich noch überlege, was ich von Ronja Sinnvolles beim Nachsitzen verlangen könnte.

Nadja steht erst auf der Stufe Ermahnung. Das kommt vor dem Eintrag und hat keine Konsequenzen, soll das Mädchen aber zum Nachdenken anregen. Weiterhin keine Hausaufgaben und auch du kommst am Nachmittag, wenn die anderen im Freibad sind! Das müsste bei Sechstklässlern doch ziehen… Nachdenken soll sie, nicht mehr – und dann die Hausaufgaben machen. Das wäre schön.

„Ich mache aber gerne eine Strafarbeit!“, fleht sie weiter.

„Nadja, ich will dich nicht strafen, ich möchte, dass du deine Hausaufgaben erledigst.“

„Das macht mir wirklich nichts aus, geben Sie mir eine Strafarbeit!“

Natürlich gebe ich keine Strafarbeit und erst hinterher wird mir klar, dass das möglicherweise eine noch größere Strafe ist. Nadja will Buße tun. Sie glaubt vielleicht, wenn sie eine Strafarbeit macht, dann kann sie ihre Schuld abtragen, vergessen machen, quasi zehnmal das Vaterunser beten und dann ist alles wieder gut. Und die Frau Henner sagt nur so Sachen wie: „Mach in Zukunft deine Aufgaben, dann bist du für den Unterricht auch vorbereitet, das bringt dir etwas.“

Vielleicht wäre für Nadjas Seelenheil einmal Nachsitzen besser gewesen.

Naja, sie kann ja auch absichtlich die Hausaufgaben weiterhin nicht machen, dann darf sie endlich nachsitzen. Sie wird sich freuen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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8 Kommentare zu „Und alles ist wieder gut“

  1. Oder die Strafarbeit ist eine Art Statussymbol für die „bösen“ Kids.
    So war es an meiner Schule, und ich hab mich über jede Strafarbeit gefreut, die wurde nämlich zusammen mit den Freundinnen erledigt.
    500 Mal schreiben: “ Ich mache jetzt meine Hausaufgaben“, phaa, wir waren 10 Mädels, das war ein Klacks. Aber wir wollten nicht wirklich zu den bösen Kids gehören. Wenn unsere Leistung gefregt war kam sie auch und wurde mit guten Noten belohnt.

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  2. In meiner Sechsten gibt es zum Glück die coolen „bösen“ Kinder nicht, hier ist es eher der naive, vielleicht auch religiös angehauchte Gedanke, dass die Strafe zum Verzeihen führt (Nadja kommt aus einem sehr religiös geprägtem Dorf, wir haben hier viele Freikirchen, aber ich weiß nicht, inwieweit sie dabei involviert ist).

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  3. Wie lange dauert denn das Nachsitzen? Wenn es zu kurz ist, bringt es doch nichts. Die Arbeit beim Nachsitzen sollte auch nicht schön sein, damit das Nachsitzen unangenehm ist. Gibt es bei Ihnen noch das „Sätze Schreiben“?

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    1. Für die Unterstufe ist schon eine Stunde nachsitzen doof, denn dann muss man ja die Mittagspause dableiben und dann die siebente Stunde nachsitzen und noch die achte abwarten, bis die Schulbusse fahren – bei schönstem Freibadwetter fängt man sich als Kind da schon an zu ärgern.
      Und nein, es gibt kein Sätze-Schreiben, es gibt einen „Besinnungsaufsatz“ oder ein paar Kopien aus dem Arbeitsheft, macht beides nicht viel Freude, aber es ist ja eher eine Erziehungsmaßnahme und soll nicht viel Freude machen.

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      1. Ist die Zeit bei Ihnen abhängig von der Stufe? Unterstufe eine Stunde, Mittelstufe und Oberstufe mehr? Für ältere Schüler ist 45 Min nicht viel. Aber mehrere Stunden wären sicherlich unangenehm. Und wenn man auch noch abschreiben muss, dann erst recht.

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          1. Die längste Zeit, von der ich gehört habe, waren drei Stunden. Aber ich weiss nicht, ob es stimmt. Drei Stunden Texte abschreiben wären für jeden wirklich doof.

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