Anständig leben

Liebe Leser,

Einstieg 1:

Lucy sitzt über ihrem Teller mit Fisch und stochert etwas lustlos in den Resten herum. Ich, die aus einem Landstrich weit ab vom Meer kommt und einer Zeit, wo Schilddrüsenfehlfunktionen noch sichtbar durch Kröpfe waren, höre mich die hohle Phrase sagen: „Komm, den Rest schaffst du auch noch, Fisch ist gesund!“ Lucy grinst mich an und meint: „Oh ja, wahnsinnig gesund, lecker Plastik! Mjam mjam!“ (Vor ein paar Wochen haben wir zusammen den Film „Plastic Planet“ angeschaut, wo sie Recht hat, hat sie Recht.

Einstieg 2:

Wenn alle Menschen auf der Welt so leben wollten, wie ich es tue, bräuchten wir zweieinhalb Erden. Das habe ich mir eben ausgerechnet mit einem der im Netz verfügbaren footprint-Rechner. Damit liege ich zwar sogar unter dem Durchschnitt, aber das ist kein Trost angesichts der Tatsache, dass wir keine zweieinhalb Erden haben!

Einstieg 3:

Wer meinen Blog über einen längeren Zeitraum verfolgt, weiß, dass ich in den letzten Jahren immer wieder hadere. Obwohl ein optimistischer, lebensfroher Mensch, beschleicht mich immer häufiger dieses dumpfe Gefühl, das etwas falsch ist am rechten Leben. Ob ich am Supermarkt tonnenschwere Taschen in mein Auto hieve, um zuhause einen Berg Plastik anzuhäufen, noch ehe ich das erste Lebensmittel gegessen habe, oder ob ich Zeitung lese. Irgendetwas stimmt nicht mehr. Politisch, ökologisch, moralisch. Dazu bin ich einfach zu gut informiert.

Hauptteil:

Das ungute Gefühl, dass etwas nicht stimmt mit unserem Leben, treibt mich zur Lektüre von neuen Büchern. Und auch der Band „Anständig leben“ von Sarah Schill fällt mir in die Hände. Dort beschreibt eine junge Frau mit Familie genau dieses Unwohlsein und ihre Projekte dagegen, sprich einen Monat vegan leben, einen Monat ohne Plastik leben. Sie ist keine Dogmatikerin, kein ideologisierender Asket, sondern ein Mensch wie ich – vielleicht mit dem Unterschied, dass sie in der Großstadt lebt und als Journalistin viel umherreist. Und während ich lese, wird mir immer klarer, dass ich keine Ausreden mehr habe. Wenn ich die Welt verändern will, muss ich bei mir anfangen.

Vegan? Oh je, das traue ich mir nicht zu. Aber vegetarisch, das bekomme ich hin. Herr Henner macht anfänglich noch ein paar Scherze, Lucy ist entsetzt, dabei habe ich gar nicht vor, sie in mein persönliches Experiment zu zwingen. Ein paar Tage später sagt Herr Henner: „Ich mache mit, aber wenn, dann richtig!“ Er hat inzwischen „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer gelesen. Wir diskutieren. Ich schleppe neue Bücher aus der Bibliothek an.

Ich kaufe sowieso gerne Bioprodukte, kaufe bewusst Dinge aus der Region und saisonal, aber im Grunde bin ich sehr inkonsequent und bequem. Die Ernährung auf ein lustvolles Essen umzustellen, wegen dem möglichst keine Tiere in Massenproduktionen gequält werden, ist demnach anstrengend. Man muss häufiger einkaufen, Märkte ausfindig machen, kleine Läden aufsuchen, sich erkundigen, ausprobieren. Und man muss seine Einkäufe und Gerichte viel besser planen. Spontan ein paar tiefgefrorene, schwedische Fleischbällchen auftauen is nich mehr. Zum Glück wohnen wir in der Nähe mancher Erzeuger. Ich kann zwar nicht in vegane Cafés gehen, weil es keine gibt, mir aber den Salat von Biobauern im Nachbardorf holen. Das ist mir auch lieber. Denn ich möchte meine Entscheidung nicht wie einen Orden vor mich hertragen. Ich möchte nicht so eine humorlose Radikale sein, die sich für einen besseren Menschen hält, weil sie Tofu-Würstchen ist. Ich möchte überhaupt keine Tofu-Würtchen essen. Ich möchte nur einen kleineren Fußaufdruck auf dieser Welt hinterlassen.

Kaum Fleisch und weniger Plastikmüll wäre ein Anfang.

Schluss:

Wir teilen unsere Entscheidung Lucy mit. Es ist das erste Wochenendfrühstück ohne Frühstücksspeck. Aber für Lucy haben wir Wurst gekauft. Vom Metzger, so fällt wenigstens kein Plastik an. Der Orangensaft kommt aus der Glasflasche und nicht mehr aus Plastik oder Tetrapack, ebenso der Joghurt. Die Marmelade ist selbst gekocht. Die Brötchen sind von dem Bäcker unseres Vertrauens, von dem wir wissen, dass er keine Fertigteiglinge verbackt, sondern sogar sein Mehl selbst mahlt. Die Eier sind noch aus dem Supermarkt, aber irgendwo im Dorf kann man welche kaufen, das muss ich aber erst herausfinden. Wird wohl nicht so schwierig sein, die Hühner laufen ja sichtbar im Freien herum. Ich muss noch sehr viel tun.

Für Lucy, denn auch für sie gibt es nur diese eine Welt.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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8 Kommentare zu “Anständig leben”

  1. Tja, vegetarisch oder vegan und Biogemüse, das wird langfristig schwierig. Ohne Kunstdünger (Bio) aber auch kein biologischer Dünger (Gülle und Mist) wird der Ertrag massiv zurückgehen. Das kann man hier mit Geld ausgleichen, bedeutet aber im globalen Maßstab auf das Essen für 1 – 2 Milliarden Leute zu verzichten. Das trifft dann leider nicht die Proponenten dieser Lebensweise, sondern erstmal die ärmeren Weltteile.

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    1. Einfach ist kein Problem zu lösen. Erst vor einer Woche kam morgens im Radio die Nachricht, dass man eine Untersuchung von Muttermilch gerade stillender Mütter quer durch Deutschland ausgewertet habe mit dem Ergebnis, dass JEDE Muttermilch mit Pestiziden belastet war. Vielleicht haben die Mütter auch besonders viel Obst und Gemüse gegessen, weil sie dachten, damit tut man dem Baby was Gutes. Das ist verrückt. Aber das löst das Hungerproblem nicht, da hast du Recht. Das ist eine ganz andere Frage.
      Wenn wir durch unseren Lebensstil mehr Fläche „verbrauchen“, als jedem Menschen „zusteht“ ist das aber auch ein Problem. Und da ist der massive Fleischkonsum in den westlichen Ländern schon ein Problem – für die Armen der Erde, aber irgendwann auch für Lucy oder deren Kinder.

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  2. Durch diverse Biologen und Botaniker in meinem Umfeld bin ich über die Jahre auch immer zaghafter bei Fleisch geworden. Vegetarier bin ich noch lange nicht, aber ich suche mir das Fleisch mittlerweile sehr genau aus. Ebenso wie das Gemüse und Obst. Bei diesen Dingen schmeckt man den Unterschied auch tatsächlich.

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    1. Man schmeckt den Unterschied zwischen Sorten und Reifegrad, aber ob der Stickstoff aus Gülle oder Horndünger oder nach dem Haber-Bosch-Verfahren zur Pflanze gebracht wird, wird man kaum schmecken. Mag sein, dass die Gülle noch ein paar Aromastoffe hinzufügt. 😉
      Insbesondere wird für den Transport gerne zu früh geerntet, da dann die Ausfallquote geringer ist.
      Ohne diesen „Kunstdünger“ gäbe es schlichtweg zu wenig zu essen. Zusammen mit den modernen Sorten liegt der Flächenertrag bei mindestens dem 5fachen der vorindustriellen Landwirtschaft. D.h. zurück zu dieser Landwirtschaft => Hungertod für Milliarden.
      Bei Fleisch sieht das schon wieder anders aus, man gewinnt nur ca. 10% der eingesetzten Kalorien an Futtermitteln in Form von tierischen Produkten, damit ließe sich einiges gewinnen. Außerdem sind die Produktionsmethoden dort nicht wirklich anregend.

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