Träume

Liebe Leser,

nun ist er Geschichte, unser diesjähriger Abiturjahrgang. Und auch ihr Abschluss ist so, wie sie als Jahrgang waren: kindisch und schlecht organisiert. Einzelne engagierte und soziale Wesen haben sich redlich Mühe gegeben, aber gegen eine große Welle des niederen Niveaus ist schwer anzukommen. Kein Vergleich mit dem letzten Jahr.

Und nun stehen sie auf der Bühne, manche werden gestützt, und singen ihren Abi-Song. Zu einem bekannten Lied aus den Charts wurde ein neuer Text gedichtet und sie brüllen bierseelig vor sich hin. Der Text ist dementsprechend kaum zu verstehen. Aber ein paar Wortbrocken kann ich der zeitweiligen Kakophonie doch entnehmen. Es geht um einen Anfang, ums Rauskommen, um Freiheit und um Träume. Jetzt kommen wir! Jetzt weht ein frischer Wind! Jetzt fängt das Leben an!

Einige der Abiturienten sind sichtlich ergriffen. Es ist ihr Song. Es sind ihre Träume und ein bisschen Wehmut ist bei manchen auch schon dabei.

Es gab Abi-Songs, da war ich selbst ergriffen. Ein bisschen Gefühlskitsch vorgetragen mit Emphase und ich muss mir die Tränchen verdrücken. Das erspart mir dieser Jahrgang und ich fühle mich seltsam abgeklärt. Vielleicht liegt es daran, dass dort ein Jahrgang steht, der zwar von Träumen singt, aber ziemlich planlos ist? So viele schieben ein Selbstfindungsjahr ein, weil sie kein Ziel haben, keinen FSJ-Platz und merkwürdigerweise auch keine Träume. Bisschen reisen, mal gucken, vielleicht doch beim Onkel oder Papi anfangen. Die große Freiheit im Lied schrumpft in der Wirklichkeit in sich zusammen. Dem „endlich raus!“ folgt erst einmal… nichts.

Das ist ein bloßer Beschreibungsversuch meines irritierten Gefühls, kein Vorwurf, keine Anklage. Und das ist es ja, obwohl ich einige Schüler richtig gern habe und von einigen vielleicht sogar mal in der Zeitung lesen werde, ist mir der Jahrgang ziemlich egal. Und ich erkenne in ihrem Abi-Song eine Illusion. Viele haben nur das Allernötigste getan und gehen jetzt davon aus, dass ihnen die Welt zu Füßen liegt. Dass Freiheit auch Arbeit und Fleiß und Ausdauer bedeutet, das werden sie nun bald erfahren.

Ja, jetzt kommt ihr. Es liegt tatsächlich an euch, ob ein frischer Wind weht. Über den Satz mit dem Leben reden wir in ein paar Jahren, dann klingt der meist genau andersherum. Aber diese Illusion will ich euch noch nicht nehmen. Genießt die Tage, Wochen, Monate, bis die erste große Verantwortung kommt, für die ihr euch allein entschieden habt. Ich wünsche euch dafür alles Gute. Mit dem selbstverantwortlichen Leben wird bei den meisten noch eine Nachreife einsetzen. Da bin ich mir ganz sicher. Passt auf euch auf, will ich euch noch sagen. Bald sind nämlich eure Klassenkumpels nicht mehr da, um euch zu stützen, wenn ihr schwankt.

Klingt alles sehr pädagogisch? Tja, die Emotionen bleiben diesmal aus. Jeder Jahrgang ist anders. Und man weiß als Lehrer vorher nie genau, wie er sein wird.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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15 Kommentare zu “Träume”

  1. Du könntest in diesem Beitrag zu 100% meinen Jahrgang meinen 😉
    Das mit den fehlenden Träumen könnte man bei uns auch meinen, aber ich glaube es sind nicht die Träume, die fehlen, sondern das fehlende Selbstvertrauen, dass diese Träume verwirklicht werden können. Wir sind/waren auch so ein Jahrgang, in dem viele nur mit hängen und würgen durchs Abi gekommen sind und immer nur das Minimale an Zeit für die Schule investiert haben und dementsprechend oft wurde uns eben auch gesagt, dass wir es so nicht weit schaffen. Und das nennt sich irgendwann unterbewusst ein

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    1. Ja, ich kenne auch Kollegen, die den Schülern ihre Faulheit vorhalten und ihnen sagen, dass jetzt alles nichts mehr bringt. Meinem Ärger mal Luft machen ja, aber dann auch wieder motivieren, viele kapieren erst, was zählt, wenn sie in der Welt da draußen sind. „Hätte ich mal lieber…“

      Woran liegt es aber, dass ihr so wenig Visionen habt, dass ihr auch so wenig Wut im Bauch habt, auf so vieles, was es zu ändern gilt, dass das eine Motivation sein könnte? (Ich meine euch als Jahrgang.)

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      1. Weil alles so „gut“ läuft, dass sich erst gar keine Wut entwickeln kann. Viele Sachen sind nicht perfekt, aber eben auch nicht so gravierend schlecht, dass sich ein Aufstand lohnt bzw. dass man genügend Leute mit ins Boot holen könnte. Und wenn etwas nicht wirklich schlimm ist oder einen nicht selbst beeinflusst, überlegt man es sich eben zweimal, ob es sich wirklich lohnt, dafür irgendwelche anderen Nachteile in Kauf zu nehmen. Denn Schulleitung, Lehrer, Arbeitgeber,… sitzen eben doch noch am längeren Hebel

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        1. Das ist insofern interessant, als wenn ich Nachrichten gucke oder Zeitung lese, erschrecke über unsere Welt. Gut, wenn ich das nicht tue, kann man sich in Deutschland momentan noch sehr gut einigeln. Das merke ich ja an mir selbst.

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  2. Sehr schöner Artikel – zumindest was deine Sicht der Dinge angeht. Dieses Gefühl, das du bei solchen Jahren beschreibst, kenne ich. Wir hatten in den letzten Jahren immer wieder mal solche Jahrgänge. Die Chaoten, die nie was gemacht haben, drängen sich und ihr Ego bei der Koordination der Feierlichkeiten nach vorne und bestimmen autokratisch alles – mit dem Ergebnis, dass gar nichts funktioniert und die Katastrophe spätestens bei der Abifeier folgt, wo solche Leute dann auch noch die Abirede halten. Ausgerechnet die, die seit Jahren auf einer 4-5 dahin krebsen, die mal durchgefallen sind oder nur das Nötigste gemacht haben. Solche Leute, die viele Jahrgangsstufen oft nur aufgrund diverser Gnadenakte überhaupt überlebt haben, stehen jetzt vorne voller Arroganz, um uns zu erklären, wie dieses System, unsere Schule, unser Job funktioniert. Dabei haben sie keine Ahnung davon. Wie immer…
    Dieses Jahr war das ganz anders. Beim Koordinationsteam waren ausschließlich ehemalige Schülersprecher, Jahrgangsstufensprecher, Abiturbeste dabei – die Leute sind es einfach seit Jahren gewohnt sich oder Events zu organisieren. Alles hatte Stil. Die Feier, die Ansprachen, die Abirede. Auch der Abiball: Top! Tolle Location, super Essen, geschmackvolle Dekoration – und auf jedem Tisch alte Polaroid-Kameras für Analog-Selfies, die hinterher auf eine Abitur-Homepage kommen. ATEMBERAUBEND!
    Zum Vergleich: Letztes Jahr ging allein für die Location-Miete so viel Geld drauf, dass für die Gäste zum Essen am Ende nur Nudeln mit Tomatensauce übrigblieb. Ganz schön peinlich :-/

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    1. Ohjeeh… es liegt in der Hand einzelner, da hast du Recht. Schade dann, wenn sich die Falschen vordrängen oder sich einige wahnsinnig engagieren und andere es ihnen in wenigen Momenten wieder kaputt machen können. Aber selbst die Engagierten in diesem Jahrgang haben keine Träume. Ein bisschen reisen, vielleicht ein FSJ und dann Studium, aber keine Ahnung was, keine Ahnung, was einen interessiert, keinen Antrieb, das zu ändern.
      Unser nächster Jahrgang ist auch wieder anders. Die fanden vieles dieses Jahr so peinlich, dass sie es nächstes Jahr unbedingt besser machen wollen. Insofern war diese Pleite dann auch wieder nützlich 😉
      Das mit den Polaroids ist übrigens eine lustige Idee!

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  3. Ein Glück ist mein Jahrgang (aus meiner Sicht) sehr engagiert und organisiert… Wir sind fast doppelt so viele, wie der Jahrgang über uns und unter uns, aber ich find das super. Klar gibt es auch die Chaoten, aber besonders meine Klasse ist immer an allen Veranstaltungen irgendwie beteiligt und auch in allen möglichen AGs verteilt zu finden. Ich bin mal gespannt, wie das nächstes Jahr als Jahrgang in der Oberstufe wird und wie wir so unser Abschluss aussehen wird:D

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    1. Viel Spaß beim Organisieren. Wir Lehrer haben ja jedes Jahr die neue Chance und es kommen immer wieder interessante Jahrgänge und Abschlüsse – aber für euch gibt es nur diesen einen Abschluss, es lohnt sich, ihn unvergesslich zu gestalten.

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  4. Wir hatten damals auch eine tolle Organisation, die sich auch heute noch um die Jahrgangstreffen kümmert, also kann ich mich da nicht wiederfinden. Außer im Umstand, dass mein eigenes Leben nicht wirklich so lief, wie es hätte laufen können – oder sollen?
    Andererseits hat es vielleicht auch damit zu tun, dass man heutzutage grundlegende Bedürfnisse viel leichter befriedigen kann, sodass gar kein Druck oder Drang besteht, groß etwas zu ändern?

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    1. Möglicherweise ist das der Punkt – viele unserer Schüler (egal mit welchem Abschluss) erwartet eine heile Welt aus Papas oder Onkels Firma. Warum sollte ich Ehrgeiz entwickeln, wenn er gar nicht nötig zu sein scheint? Dass diese Welt vielleicht gar nicht so heil ist, das wird sich erst noch zeigen.

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      1. Jepp, das macht das Leben dann auch viel einfacher, wenn man einfach bei Papa anfangen kann.
        Ich weiß auch nicht, welchen Weg das alles nehmen soll, frage mich manchmal aber, ich ich die nächsten 60 Jahre erleben möchte, so, wie es momentan aussieht. Also im Sinne von: Eigentlich möchte ich das nicht sehen.

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  5. Ich empfinde die Jahrgänge als sehr biedermeierlich – viele recht leistungsorientiert, aber möglichst nicht wegziehen, möglichst bei den Eltern wohnen bleiben und gleich hier auf die Uni gehen, Leben im Ausland – uninteressant, und nützlich soll das Studienfach sein! Das sind Leute, die mit dem „Offenen“ gelebt haben, mit allen Chancen und Möglichkeiten, mit Urlauben von Bali bis Hawaii, mit mehreren Schüleraustauschen, mit der Welt gleich bei den Fingerspitzen (smartphone)…die haben nicht den Eindruck, irgendwie „raus“ zu müssen, weil sie das „raus“ einfach oft haben konnten, und zwar bequem, weil Mama & Papa das schon gezahlt haben…bei soviel „Offenem“ hat der Rückzug ins kleine, traute Heim offensichtlich etwas Attraktives…

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    1. Mag sein, dass das ein Ansatz ist. Wenn die Schüler nicht zur Studienfahrt nach Paris wollen, weil „schon so viele dort waren“, dann ist das definitiv eine andere Situation, als ich sie selbst als Schüler erlebt habe. Einige Schüler kommen fast jede Ferien braungebrannt aus Sonstwoher. Und dann haben wir aber auch die, für die eine Schullandheimfahrt an den Bodensee die größe Reise ihres bisherigen Lebens ist (abgesehen vielleicht von der Türkei und co). Die ersten sind nicht mehr neugierig und die letzten trauen sich nicht heraus.
      Aber zum Glück gibt es noch genügend Menschen in der Mitte.

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