Schlechte Schwingungen

Liebe Leser,

meine Noten sind gemacht, die Sechser sowieso im Schullandheimfieber (noch anderthalb Wochen!) und ich verbringe meine Hohlstunden mit Vorbereitungen für das neue Schuljahr (ich bin hochmotiviert – echt!) und vor allem damit, meine Kollegen zu beobachten. Was mir auffällt: die Stimmung kippt gerade. Mag sein, dass es der Schuljahresendstress ist. Nicht jeder hat seine Noten schon fertig. Aber einigen von denen, die sie fertig haben, zeigen sich die Notenlisten gegenseitig, um über die Schüler herzufallen.

Da gibt es Klassen, in denen die Hälfte einen Vierer und schlechter kassiert. Zum Teil liegt das an der Pubertät, zum Teil an einfacher Faulheit. Aber es gibt auch Lehrer, die wollen die Schüler jetzt endlich weghaben.

„Da müssen wir jetzt mal zusammenhalten!“

„Knick jetzt ja nicht ein!“

„Dieses Schuljahr hat er endlich vier Fünfer!“

„Dem müssen wir es jetzt endlich mal zeigen!“

„Der hätte viel früher weggemusst!“

Sicher, es gibt Schüler, die mit unserem Tempo und den Anforderungen nicht zurechtkommen. Dann ist es für alle besser, wenn sie auf die Realschule gehen. Wolf und ich sind froh, dass Fabrice und Ronja abgehen, dabei hätten wir nächstes Jahr sowieso nichts mit ihnen zu tun. Aber es geht ja um das Kindswohl. Und so sind bei den Schülern, über die momentan im Lehrerzimmer hergezogen wird, auch welche dabei, die überfordert sind. Diese Situation durch eine Änderung der Schullaufbahn zu beheben, halte ich für sinnvoll.

Was mich dann stört?

Es ist der Ton. Er ist aggressiv und fast schon gehässig. Und damit verschieben sich die Ebenen. Es geht nicht mehr nur um die Leistung, es wird persönlich. Man will diese Schüler einfach weghaben.

Ich veruteile die Kollegen nicht, die im Notenstress den falschen Ton treffen. Einige haben eine wahre Eltern-Odysee hinter sich: Gespräch um Gespräch, teils vorwurfsbelastet, teils genauso aggressiv. Für einige Kollegen ist das jetzt nur die Retourkutsche, der Befreiungsschlag.

Aber trotzdem bleiben schlechte Schwingungen im Lehrerzimmer zurück. Es ist traurig zu beobachten, wie wir Lehrer manchmal die Kinder nicht mehr als Menschen wahrnehmen, sondern sie nur nach ihrer Notenliste beurteilen.

Auf der anderen Seite gibt es eben auch die Flegelschüler, die selbst alles dafür tun, dass man Schwierigkeiten hat, sie zu mögen. Und für uns Lehrer gibt es kaum Gelegenheiten, uns mit diesen Persönlichkeiten kontrovers und konstruktiv auseinander zu setzen. Viele von denen unterrichten wir nur einmal die Woche. Wie soll man da eine Beziehung aufbauen, die über die pubertären Untiefen hinwegträgt?

Missversteht mich nicht. Eine Fünf kann gerechtfertigt sein. Es geht gar nicht um die Note. Es geht darum, was die Vergabe von Noten mit einigen Menschen macht. Ich bedauere die Kollegen, die sich jetzt so fertig machen, wenn sie zusammen im Lehrerzimmer stehen und mit Fünfern hausieren. Das kann nicht gut für die Seele sein. Das verhärtet.

Weil ich das sehe, nehme ich mir vor, Fabrice und Ronja eine kleine Freude zu machen, wenn sie gehen. Zwar weiß ich noch nicht wie, aber es sind ja noch ein paar Wochen bis dahin. Beide sind hier heillos überfordert, aber was können die Kinder dafür? Welchem Kind kann ich denn vorwerfen, dass es gern aufs Gymnasium wollte? Und von welchem Zehnjährigen erwarte ich, dass er zuhause mit seinen Eltern über seine Überforderung spricht? Und so wie das System ist, ist es doch natürlich, dass die Eltern erst einmal abwarten, ob der Knoten vielleicht doch noch platzt. Für uns Lehrer sind das alltägliche Vorgänge, für Eltern brechen Welten zusammen. Das sollten wir uns bewusst machen.

Ich muss mich aber auch an die eigene Nase fassen. Johannes aus der Sechsten bleibt, obwohl wir der Mutter geraten haben, ihn vom Gymnasium zu nehmen. Johannes lernt jeden Tag und ist doch nur sehr mäßig, aber die Mutter überhöht ihren Prinzen und der Prinz verliert durch den Druck zuhause ein gutes Stück seiner Kindheit. Er kann im Grunde nichts dafür. Aber mein Ärger über die Ignoranz der Mutter ist trotzdem gerade dabei zu kippen. Fast wünsche ich mir, dass Johannes nächstes Schuljahr grandios scheitert, nur um mit meinen Ratschlägen Recht zu behalten. Und das ist falsch. Ich sollte ihm alles Gute wünschen, dass der berühmte Knoten platzt und dass er sich von seiner Mutter emanzipieren kann. Ich sollte ihm wünschen, dass wir Lehrer Unrecht hatten. Ich muss aufpassen, dass sich die Leistungseinschätzung nicht über das Verhältnis zu dem Jungen legt. Und jetzt, da ich das hier im Blog aufschreibe, bin ich mir plötzlich sicher, dass ich das kann.

So wie ich Fabrice und Ronja alles Gute an der neuen Schule wünsche, drücke ich Johannes die Daumen für das nächste Schuljahr. Neues Jahr, neue Lehrer, neue Chance.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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5 Kommentare zu “Schlechte Schwingungen”

  1. Wirklich eine schwere Situation. Ich hab es bei einer Freundin erlebt, die jetzt zum zweiten Mal einen Schüler hat, der seine GFS nicht fristgerecht einreicht und hält, der bei Klausuren mit Lungenentzündung entschuldigt fehlt, nur um am nächsten Tag wieder an der Schule zu sein, und der trotz etlicher Noten zwischen 4 und 5 immer genügend Gnadenvierer bekommt, dass es doch reicht. Und zudem noch persönlich alles andere als nett ist. Da bahnt sich irgendwann der von dir angesprochene Frust eine Bahn… Ganz zu schweigen davon, dass der auch nur wegen seiner Mutter auf ein Gymnasium geht, obwohl mehrfach angesprochen wurde, dass eine Realschule vielleicht besser sei.
    Und so geht dann eben der Wunsch unter, dass der Junge doch bitte einen gescheiten Abschluss machen möge.

    Eine richtige Lösung gibt es dafür wohl nicht, da man es euch Lehrern ja auch nicht gerade leichter macht, von wegen Übertrittsquoten und so. Ich finde da deine Idee sehr schön und ein tolles und wichtiges Zeichen für solche Schüler. Auch wenn es nicht bei allen einfach fallen dürfte.

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    1. Das Problem ist ja der schmale Grat, auf dem ein schlechter Schüler wandelt. Und der Lehrer! Wir sollen ständig bewerten, ohne dann auch den Menschen zu bewerten. Das ist, wenn man es denn schafft, wirklich eine Leistung.
      Die Schüler, die du ansprichst, die unangenehmen, denen gibt man dann ja richtig gerne eine schlechte Note, weil man ihr Fehlverhalten als persönlichen Angriff sieht. Dabei entsteht solches Verhalten oftmals aus reiner Verzweiflung. Aber über Jahre kann das auch Charakterzüge prägen. Leider.

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      1. Weshalb Lehrer auch meinen ganzen Respekt genießen.
        Ja, wobei es doch noch genügend Lehrer gibt, die eine zweite, dritte oder vierte Chance zu geben bereit sind. Und dann irgendwann nicht mehr können, weil dann auch bei ihnen Verzweiflung wächst. Eigentlich bröuchte man gerade für diese schweren Fälle Sozialpädagogen und -arbeiter an jeder Schule. Und die Eltern im Boot, was auch nicht immer leicht ist.

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  2. Danke für den ehrlichen Einblick. Es ist schon komisch: auch wenn die Situationen, die Sie beschreiben, alles andere als einfach sind, macht es mir irgendwie Mut.

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