Zickenterror

Liebe Leser,

Mareike weint. Zehn Mädchen stehen drumherum. Herrjeh! Und das eine Woche vor dem Schullandheim. Nächste Woche geht das Abenteuer nämlich wieder los. Nachdem alle Noten gemacht sind, fahren Wolf und meine Wenigkeit zusammen mit Pistorius und seinerKlasse eine Woche lang in Urlaub ins Schullandheim. Das ist total stressig entspannend. Besonders, wenn die Hormone bei den Mädchen schon mal austicken.

Unterricht ist bei diesen Sechsern kaum mehr möglich. Also gebe ich eine Aufgabe auf und schnappe mir Mareike. Im Flur beruhigt sie sich wieder. Die Sarah hat… und bei Whatsapp hat sie geschrieben… und jetzt streitet sie alles ab… huhuhu! Nagut, sie beruhigt sich nur ein bisschen. Es geht um Freundschaftsstreitigkeiten, wohl auch um Jungs – was sonst in der sechsten Klasse! – und natürlich ist alles fein säuberlich für alle lesbar im Internet dokumentiert. Super, das wird eine tolle Schullandheimfahrt!

Ich schnappe mir Sarah und lasse sie ihre Sichtweise erklären. Die klingt naturgemäß völlig anders. Jetzt ist Sarah diejenige, die heult, weil alle anderen auf einmal… und dann sind alle gegen mich… ich mach doch nur noch alles falsch. Auf einmal blickt sie auf und meint: „Ach Frau Henner, ich fühle mich in letzter Zeit eh schon so schlecht und ich muss ständig heulen.“ Jottchen, jottchen, die Hormone!

„Würde es was helfen, wenn ihr zwei, du und Mareike, jetzt einfach mal allein miteinander redet, ohne die anderen? Weißt du, wir fahren doch nächste Woche zusammen weg, soviel ich weiß, seid ihr zusammen in einem Zimmer. Also mir liegt schon viel daran, dass ihr das bis dahin geklärt habt, wir wollen doch Spaß zusammen haben.“

Sarah sagt mit abgeklärtem Ton: „Da mache ich Ihnen nicht viel Hoffnung. Das klärt sich nicht bis nächste Woche.“

Trotzdem hole ich Mareike raus. Sollen die Zwei das mal unter sich ausmachen. Die anderen Mädchen muss ich abhalten, ebenfalls aus dem Zimmer zu stürmen. Sie wollen doch nur helfen! Ja, zehn gegen eine.

Fatima hat eine tolle Idee: „Ich hole einen Zettel und da schreiben wir alle drauf, was uns an Sarah stört.“

„Danke, Fatima, und du glaubst, Vorwürfe helfen jetzt weiter?“

Fatima blickt mich verlegen an.

„Leute, ich will mit euch ins Schullandheim. Überlegt lieber, wie ihr den Konflikt lösen könnt, nicht, wer woran Schuld hat.“

Fatima wedelt mit dem Zettel in der Luft: „Dann sammeln wir eben Vorschläge.“

Naja, ob die Mädels das schon trennen können? Aber es ist ja noch eine Woche Zeit – in der Zeitrechnung pubertierender Mädchen ist das eine Ewigkeit. Trotzdem gehe ich in der Pause nach dieser chaotischen Stunde zu Pistorius und warne ihn schon mal vor, schließlich ist es seine Klasse. Der winkt ab, er kann es nicht mehr hören. Während unsere Sechser sich schon wahnsinnig auf dieses Schullandheim freuen und wie verrückt planen, scheint in Pistorius‘ Klasse einen emotionale Schieflage ausgebrochen zu sein. Nicht nur bei den Kindern. Die Eltern mosern auch, sie erteilen die einfachsten Erlaubnisse nicht, was uns das Leben nicht einfacher macht – und ihren Kindern auch nicht. „Nein Torsten, du darfst nicht mit in Kleingruppen durchs Städchen bummeln, du musst bei uns Lehrern bleiben, deine Eltern wollen das so.“ „Nein Dana du darfst nicht mit schwimmen, während alle ins Wasser gehen, sitzt du bitte auf deiner Decke und wartest in der Sonne. Deine Eltern machen sich doch nur Sorgen um dich.“ „Ja, Frau Meier, ich habe registriert, dass Samantha regelmäßig ihre Globuli nehmen muss.“ „Ja, Herr Renold, Loriander darf seine Anti-Bienen Salbe mitnehmen.“ „Schön, Frau Seibold, dass sie mit Lenna schon das Schullandheim angeschaut haben, immer schön, wenn es keine großen Überraschungen gibt!“ Und dann sitzen die Mädels der Sechsten den ganzen Tag heulend auf den Fluren. Immer weint mal eine andere. Das ist echt ansteckend.

Armer Pistorius!

Beschwingt gehe ich in meine sechste Klasse, bei meinen Chaoten heult wenigstens keiner.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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6 Kommentare zu „Zickenterror“

  1. Ach herrje, das hört sich ja nac richtig entspanntem Urlaub an! 😮
    Aber joa, durch Internet und co. sind die Möglichkeiten des Ärgerns bis hin zum Mobben deutlich vielfältiger geworden. Aber gewesen sein will es naürlich wieder keiner.

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  2. Ohjeeee, da kommen Erinnerungen hoch, meine Klasse war auch so eine ganz ganz schlimme, als es in die Pubertät ging. Schullandheim, ohja, da wurde so viel geflennt – „Die hat mich beleidigt!“ – „Aber die hat was mit meinem Ex angefangen!“ – „Hallo, der hat ja schon vor zwei Wochen mit dir Schluss gemacht!“ etc.
    Nicht schön, gar nicht schön. Und heutzutage, wo sich das ganze durch Smartphones noch weiter verschärft hat, weil getippt ja doch noch mal alles noch schneller eskalieren kann, will ich mir das gar nicht vorstellen. Viel Kraft wünsche ich dafür!

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    1. weil sie prüde sind und angst haben, dass der badeanzug zuviel haut zeigt. weil sie meinen (oder wissen), dass ihr kind kein sicherer schwimmer ist. weil sie helikoptereltern sind. weil ihr kind eine ohreninfektion hat(te). weil…

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