Das Problem mit den Fortbildungen

Liebe Leser,

immer mal wieder hört man, dass die deutschen Lehrer sich nicht oft genug fortbilden würden. Nun ja, viel wird in unserem Regierungsbezirk auch nicht angeboten. Aber jetzt gibt es da diese Veranstaltung zu Rechtschreibproblemen. Da muss ich hin! Denn ich bemühe mich zwar mit immer differenzierteren Methoden, aber ein immer größerer Anteil meiner Schüler hat Probleme mit der deutschen Sprache.

Auf dem Land wohnend ist man es irgendwann leid, benachteiligt zu werden. Fortbildungen finden prinzipiell am anderen Ende der Welt statt. Aber Frau Henner will was lernen! Also fahre ich heute zwei Stunden lang zum Fortbildungsort. Die anderen Fortbildungsteilnehmer machen das auch, nur die Referenten haben es nicht weit. Ökologisch und effektiv ist etwas anderes.

Für die Veranstaltung hat man ein altehrwürdiges Gymnasium in einer altehrwürdigen Innenstadt ausgwählt – ohne Parkplatz. Die Referenten wissen das und kommen mit dem Fahrrad. Wir Kursteilnehmer wurden nicht informiert. Ich gondele eine halbe Stunde durch die Gegend, erst auf der Suche nach der Schule, dann nach einem Parkplatz. Dabei muss ich mich von radikalen Fahrradfahrern dumm anmachen lassen. Ja, ich wohne auf dem Land und besitze ein Auto, weil ich ohne dieses Fahrzeug, weder auf Arbeit noch zu etwas zum Essen käme. Ja, ich würde auch gerne morgens mit dem Rad fahren, aber es ist schlichtweg nicht möglich. Nicht jeder Mensch kann ein hippes Stadtleben führen und im Biomarkt einkaufen. Ich kaufe bloß beim Bauern, wenn es bio sein soll. Lyncht mich, teert und federt mich… ich habe schon richtig gute Laune, als ich endlich einen Parkplatz entdecke. Die Stimmung steigt noch einmal gewaltig, als ich feststelle, dass ich jetzt 1,50 Euro die Stunde zahlen darf. In Münzen. Mein Kleingeld reicht gerade bis zur Mittagspause.

Als Letzte hetze ich in den Fortbildungsraum in der Hoffnung, so wenigstens das obligatorische Begrüßungsspiel verpasst zu haben. Denkste. Man hat extra auf mich gewartet. Und so darf ich mitspielen. Ich freue mich riesig. Als Belohnung erhalten wir alle ein Gummibärchen. Wenn dieses Spiel jetzt wenigstens eingebunden würde, aber es wird den ganzen Tag einfach ein Begrüßungsspiel bleiben.

Nun folgt ein Powerpoint-Vortrag. Die Referentin liest exakt das ab, was auf den Folien draufsteht. Anstatt ihre Thesen mit schönen Schülerverschreibbeispielen aufzulockern, leiert sie jedes Wort der Folie noch einmal herunter. Ich kaue zerknirscht auf meinem Gummibärchen herum und will wenigstens mitschreiben, um nicht wütend zu werden. Die Frau dort vorne ist im wahren Leben Lehrerin. Ohjee! Ich kritzele vor mich hin.

„Aber nein, die Mühe brauchen Sie sich nicht zu machen, Sie bekommen die Folien dann als Ausdruck.“

Wozu bin ich eigentlich hier? Hat die Frau schon mal gehört, dass man Sachverhalte schreibend besser erschließen kann?

Die Referentin macht eher den Eindruck, als würde sie die Folien heute auch zum ersten Mal sehen. Als die ersten Fragen aufkommen, wiederholt sie einfach stoisch, was sie eben gesagt hat. Professionell ist was anderes. In den ersten Stunden dieser Weiterbildung lerne ich fast nichts.

Zum Mittagsessen kann ich leider nicht mitkommen, denn ich muss zum Auto zurück und meine Parkuhr füttern. Also sitze ich in der nahen Bäckerei und genieße einen Kaffee.

Der Nachmittag wird besser, weil die Referentin wechselt. Nun wird uns eine Methode zur Behebung von Rechtschreibproblemen vorgestellt. Die Methode ist nicht dumm und die Beispiele sind wirklich nett, nur: Unterrichte ich nicht schon lange nach dieser Methode? Nagut, ich nenne die Methode nicht so, aber im Grunde bringe ich den Kinderleins die gleichen Strategien bei, die ich an diesem Nachmittag auch ausprobieren soll. Geht es nur mir so?

Nein, eine andere Fortbildungsteilnehmer meldet sich: „Entschuldigen Sie, so habe ich schon das Rechtschreiben gelernt.“ Danke, ich hielt das auch für selbstverständlich. Wie will man das sonst machen? Gut, es gibt zum Beispiel Freinet, aber schwingen wir nicht alle und verlängern und leiten ab? Oder doch nicht? Ich bin leicht irritiert.

Zwei Stunden zurück. Mein kleines, rotes Auto surrt an den grünen Wäldern vorbei. Am Straßenrand beben die von der Sonne weizengelb gebleichten Gräser. Als ich endlich meinen Berg hinauffahre, überkommen mich Heimatgefühle. Lehrer sind Fortbildungsmuffel. Pah, kann mir das jemand verdenken?

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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16 Kommentare zu “Das Problem mit den Fortbildungen”

  1. Puhh, ich kann dir das schon mal nicht verdenken, ich habe von meiner Schwester auch schon oft Ähnliches gehört. Am Ende hat sie es fast immer bereut, hinzugehen, sie meinte: „Da hätte ich meine Zeit in der Schule wirklich sinnvoller verbracht, da hätten die Schüler dann auch was davon gehabt. Auch wenn die das anders sehen, weil Vertretungsstunden mit Stadt-Land-Fluss sind ja auch ganz nett.“

    Ganz erschreckend finde ich ja aber, was du da von Referentin 1 berichtest. Wenn man sich vorstellt, dass das Publikum normalerweise Schüler sind… Ohje, die Armen. Wenn das schon Kollegen aus den eigenen Reihen sind, sollte man doch meinen, das seien dann Vortragsprofis…

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  2. Deckt sich mit den Events zu pädagogischen Tagen und so mancher Seminarveranstaltung, die ich in meiner kurzen Zeit erleben durfte, und mit dem, was Freunde berichten. Leider. Und oft sind Menschen wie Referentin 1 dann auch noch am Seminar und/oder ganz besonders nett zu ihren Referendaren, von den Schülern eben mal ganz zu schweigen…
    Nene, man spricht ja immer von Evaluationen und so, aber vielleicht könnte man ja auch einfach mal damit anfangen, diese Fortbildungen sinnvoll zu gestalten.

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  3. Arme Frau Henner, Povera!
    Wir haben das vor Jahren so gelöst, dass niemand mehr auf eine Fortbildung geht, sondern nur noch im eigenen Schulhaus fortgebildet wird und die ReferentInnen handverlesen werden.
    Selbst diese Vorgehensweise schützt vor Reinfällen nicht, minimiert sie aber.
    Für eine Haupt-, nein Mittelschule läßt sich das aber leichter organisieren als für ein Gymnasium.

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  4. Und wehe bei uns hält jemand ein Referat, bei dem nicht mehr erklärt und gesagt wird, als auf der Folie steht… Eine der ersten Dinge, die uns beigebracht wurden, als wir unsere ersten Präsentationen und Referate mit PowerPoint halten durften. Warum hat das die liebe Referentin 1 denn noch nicht mitbekommen?

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  5. Liebe Frau Henner,
    ich war letzte Woche auch in Ba-Wü auf einer Fobi. Thema: Personalisiertes Lernen im Deutschunterricht (am Gymnasium). War im RP FR, aber auf dem Land, sodass ich mit Straba, Zug und Bus 1.5h gefahren bin. Die beiden Fortbildner haben auch ein Einstiegsspiel mit uns gemacht. Bis auf eine halbe Stunde Gruppenarbeit ausschließlich PowerPoint-Vortrag. Inhaltlich war für mich nichts Neues dabei, außer dem Vorschlag, wir sollten besonders begabte Schüler von einer Stunde Deutschunterricht die Woche befreien und sie stattdessen an einem selbst gewählten Projekt arbeiten lassen. Meine Nachfrage, wie das mit der Aufsichtspflicht sei, wenn diese Schüler irgendwo im Schulhaus seien, wurde abgetan mit den Worten: „Das dürfen Sie nicht so eng sehen. Trauen Sie Ihren Schülern mehr zu.“ Meine Erfahrung hat mich anderes gelehrt. Und wie die Endnote zustande käme bei so einem Vorgehen, wurde auch nicht erklärt (Was, wenn die Klassenarbeiten nicht so gut sind, dass der Schüler eine eins bekommt? Oder sie gar versiebt?) Sehr schade, dass Fobis nicht motivierend sind.

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  6. OOOOhhhhhh ja,ja Fortbildungen mit der Symbolik am Anfang…da- will-ich-nu-rnoch-fort. Und das möglichst weit.
    Geht das auch andernLeuten so, das die nichts anfangen können,mit dem zwanghaften: Da-muss-man-was-rein-interpretieren?

    Gefällt 1 Person

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