Kaum wiederzuerkennen

Liebe Leser,

nach einem anstrengendem, aber schönen Wandertag im Hochgebirge, den meine Chaoten sichtlich genossen haben, weil wir die Parallelklasse recht schnell verloren hatten und unser eigenes, viel langsameres Tempo anschlugen, was es zuließ, dass wir Fotopausen einlegen konnten und auch einfach mal nur so dasitzen und Berge angucken, nach diesem Tag, von dem Wolf und ich erwartete hatten, dass unsere Sechser erschöpft in die Betten fallen, drehen die Kinder völlig durch.

In der Paraklasse haben mehrere Kinder Bauchweh und Kopfweh, Nasenbluten und was weiß ich nicht alles, was eigentlich nur heißt: Ich bin überfordert. In unserer Klasse fahren die Kinder eher die Psychoschiene. All die kleinen Streitereien, die wir über das Schuljahr in den Griff bekommen hatten, brechen sich jetzt wieder Bahn. Es wird gezickt („Ich dachte, du bist meine beste Freundin!“) und gestritten („Du hast mich voll angelogen!“), kleine Gemeinheiten (Fanta im Turnschuh) vollenden die aufkommende Hysterie, bis fast die ganze Klasse kurz vor der Bettruhe um zehn heulend auf den Zimmern hockt. Eigentlich heißt das auch nichts anderes als „Ich bin überfordert – körperlich und seelisch!“, aber die Kinder durchschauen die gruppendynamischen Prozesse ja noch nicht. Wolf schon. Er ist auch überfordert. Leichtes Bauchweh.

Eltern kennen ihre Kinder sehr gut, schließlich erleben sie sie jeden Tag. Aber sie kennen sie nicht wirklich. Sie verhalten sich, wenn die Eltern nicht dabei sind, nämlich ganz anders, als sie denken. Vor allem unter Stress. Und es ist Stress, mit über sechzig Kindern, von denen fast jedes um Aufmerksamkeit buhlt, in einer übervollen Jugendherberge und nervigen Viel-Bett-Zimmern zu übernachten und tagsüber ungewohnte Strecken in einer ungewohnten Höhenlage zu meistern, Höhenangst inklusive.

Nette Mädchen steigern sich in Gerüchte und verbreiten diese nach dem Stille-Post-Prinzip, bis ein kapitales Drama daraus wird. Niedliche Jungs brüllen andere an. Und wer hat eigentlich den Fotoapparat von Paul geklaut verlegt und Fabians Gummibärchen aufgegessen?

Mitten in der Brandung gehen die stillen und die unkomplizierten Kinder unter, die noch stiller scheinen und ganz, ganz wenig Aufmerksamkeit bekommen. Und da ist natürlich noch unser Maximilian, der mit seiner vernünftigen Art gegen die höher schlagenden Wellen ankämpft. So wie wir, jeder hat die Hände voll zu tun. Entweder verarzten wir schwächelnde Kinder oder versuchen den Sturm kleinzuhalten. Welcher Kollege hat uns noch mal „Schönen Urlaub!“ bei der Abfahrt gewünscht und „Erholt euch gut!“?

Du mich auch!

Viele Grüße aus dem Schullandheim von eurer Frau Henner

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Ein Kommentar zu “Kaum wiederzuerkennen”

  1. Aber… aber… aber du bist doch Lehrerin und hast doch eh das halbe Jahr über frei! Und dann auch noch während der anderen Hälfte Urlaub mit den Schülern machen, was beschwerst du dich denn da? 😉

    Im Namen aller Schüler sage ich einfach einmal Danke dafür, dass du diese Mühe auf dich nimmst und damit dafür sorgst, dass solche Veranstaltungen stattfinden können.

    Gefällt 1 Person

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